Der Jahrestag: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Jahrestag: Roman' von Stephanie Bishop
3.55
3.6 von 5 (9 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Jahrestag: Roman"

Die Schriftstellerin J.B. Blackwood ist angekommen im literarischen Olymp – ihr neuester Roman wird noch vor Veröffentlichung mit einem großen internationalen Preis ausgezeichnet. Aber ausgerechnet mit ihrem Mann Patrick kann sie ihr Glück über den Erfolg nicht teilen. Patrick nämlich, Kultregisseur und Professor, sieht seinen Stern am kulturellen Himmel sinken, ist desillusioniert und ausgebrannt. Deshalb überredet J.B. ihn, anlässlich des gemeinsamen Hochzeitstags eine Kreuzfahrt nach Japan anzutreten. Und tatsächlich, der Ausbruch aus dem Alltag scheint genau das richtige Rezept zu sein: Auf hoher See lebt die Beziehung wieder auf, ist intensiv und leidenschaftlich wie damals, als J.B. noch Patricks naive junge Studentin war, die jeweiligen Rollen so klar verteilt. Doch dann kommt eines Abends ein Sturm auf und Patrick geht über Bord, verschwindet in den Wellen. Was danach beginnt, ist eine schmerzliche Suche nach Wahrheit oder dem, was wir Wahrheit nennen. Wie verlässlich sind Erinnerungen? Wie berechtigt ist die Verwandlung von Autobiografie in Literatur? Und wie sehr durchdringt patriarchale Macht nach wie vor jeden Lebensbereich? Mit psychologischem Feingefühl und sprachlicher Finesse erzählt Stephanie Bishop in ihrem genre-übergreifenden Roman ›Der Jahrestag‹ die Geschichte einer Frau, die sich schwierigen Fragen stellen muss – und ihre Worte mit größtem Bedacht wählt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
EAN:9783423283465

Rezensionen zu "Der Jahrestag: Roman"

  1. 4
    05. Jan 2024 

    Faszination und Ungereimtheit

    Welch ein Horrorszenario! Ein langjährig verheiratetes Ehepaar begibt sich auf Kreuzfahrt, um seinen Hochzeittag auf ganz besondere Weise zu feiern. Doch am Ende kommt nur sie von der Reise zurück. In Stephanie Bishops Roman „Der Jahrestag" ist der Protagonistin Lucie genau dies widerfahren.
    Zu Beginn des Romans ist die Welt von Lucie noch in Ordnung. Sie ist eine Bestseller-Autorin, glücklich verheiratet mit dem weltbekannten Filmregisseur Patrick Blackwood. Das Künstler-Ehepaar findet Inspiration und Unterstützung im jeweils anderen. Beide sind von Erfolg verwöhnt. Das Leben der Beiden hätte also perfekt sein können, doch scheinbar steht das Schicksal dieser Vollkommenheit im weg: Patrick verunglückt auf einer gemeinsamen Kreuzfahrt.
    Der Roman begleitet Lucie während der folgenden Wochen nach dem Unglück. Dabei zeichnet sich sehr schnell ab, dass die Protagonistin Schwierigkeiten hat, dieses traumatische Erlebnis zu verarbeiten.
    Der Leser hingegen wird Schwierigkeiten haben, die Gedankenwelt der Protagonistin fraglos hinzunehmen. Denn was sich anfangs als kleine Stolpersteine bei der Lektüre darstellt, entwickelt sich im Handlungsverlauf zu unübersehbaren Hinweisen darauf, dass Lucie eine sehr unzuverlässige Erzählerin ist. Denn es gibt immer wieder Sachverhalte, und sind sie auch noch so unbedeutend, die unlogisch sind.
    Immer mehr manifestiert sich der Eindruck, dass sich die Witwe eine eigene Realität schafft, die sich nicht nur in ihren Bestsellern wiederfindet, sondern auch auf der Erzählebene der Ich-Erzählerin in dem vorliegenden Roman. Das ist verwirrend, aber auch raffiniert gemacht, weil Stephanie Bishop in diesem Roman „Der Jahrestag“ die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge kaum erkennen lässt. Ganz langsam zeichnet sich ein Bild von der Protagonistin, unter Berücksichtigung ihrer Kindheit und Familiengeschichte sowie ihrer Ehe mit Patrick.
    Die Lektüre von „Der Jahrestag“ ist keine leichte und eine Herausforderung. Ein Spannungsaufbau ist kaum zu erkennen, der Spannungsanstieg ist verschwindend gering. Auch fehlt der „rote Faden“, den man beherzt ergreifen könnte und der einen durch das Buch führen würde. Stattdessen ist man auf eine unzuverlässige Ich-Erzählerin angewiesen, deren Psyche wie in Watte gepackt erscheint und die kaum Ansatzpunkte liefert, damit man sie in irgendeiner Form verstehen könnte. Stephanie Bishop hat also viel dafür getan, dass ich diesem Roman gegenüber skeptisch bin. Und dennoch ist es die Summe der Ungereimtheiten, die der merkwürdigen Ich-Erzählerin zu verdanken sind und die eine eigene Faszination auf mich ausgeübt haben, so dass mein Interesse an diesem Roman niemals versiegte. So merkwürdig es klingt, aber Kompliziertheit, Undurchschaubarkeit und Unzuverlässigkeit scheinen irgendwie doch ein Erfolgskonzept zu sein. Denn im Rückblick hat mir dieser herausfordernde Roman gefallen.

    ©Renie

  1. Eine unzuverlässige Erzählerin in höchster Vollendung

    Vorausgeschickt sei, dass es sich bei dem vorliegenden Roman fast ausschließlich um die Perspektive der Ich-Erzählerin J.B. Blackwood handelt. Es erleichtert das Verständnis, wenn man sich diesen Umstand von Beginn an deutlich vor Augen führt.

    J.B. und Patrick Blackwood sind seit fast 20 Jahren ein Paar. J.B. hat Patrick an der Universität als ihren Professor kennengelernt. Aus dieser Konstellation entwickelte sich zunächst eine sehr ungleiche Beziehung, in der der Ältere die Kontrolle behalten wollte. Später haben sich beide offenbar beruflich gegenseitig immens unterstützt und gefördert. Ihm als Filmregisseur, ihr als Schriftstellerin gingen Kunst und Karriere über alles: „Unsere Zusammenarbeit war, so dachte ich manchmal, noch besser als unser Sex.“ (S. 281)

    Jüngst hat J.B. den großen Durchbruch mit ihrem neuen Roman erzielt, sie soll einen bedeutenden internationalen Literaturpreis erhalten. Genau in dieser Phase gerät Patrick in eine Krise. Er lässt sich hängen, kommt beruflich nicht voran, zudem hat er Probleme mit seinem Sohn aus erster Ehe. Vor diesem Hintergrund gerät auch die Beziehung zwischen J.B. und Patrick in eine Schieflage. J.B. plant deshalb eine gemeinsame Kreuzreise anlässlich des 14. Hochzeitstages, die Route führt in 18 Tagen von Alaska nach Japan. Leider verläuft dieser Trip nicht nach Plan: Im Sturm geht Patrick über Bord und kann nur noch tot geborgen werden.

    Nach und nach schildert J.B. Episoden aus dem gemeinsamen Leben. Wir erfahren, wie die Beziehung begann, wie sich die Karrieren entwickelten. Als Schriftstellerin schreibt J.B. autofiktionale Texte. Dabei verschmilzt sie dermaßen mit ihrem Werk, dass sich nach ihrer eigenen Aussage Erinnerungen, Tatsachen, Träume und Fiktion immer wieder miteinander vermischen. Bereits in der Kindheit hat sie einen schweren Verlust erleiden müssen, als ihre Mutter sang- und klanglos verschwand und den Vater mit zwei Töchtern zurückließ. Dieses unverarbeitete Trauma holt J.B. mit Patricks Tod ein.

    J.B. berichtet von kuriosen Vernehmungen in Japan, von ihrer Kindheit. Sie seziert ihre Ehe. Dabei ist auffallend, dass sie sich gerne in Nebenhandlungen verliert, über die sie äußerst kleinteilig berichtet. Anfangs hat mich das geärgert, bis mir aufging, dass dies durchaus gewollt ist. Die Erzählerin ist maximal unzuverlässig, sie enthüllt gezielt, sie verschweigt bewusst, sie verliert sich in Andeutungen, arbeitet mit Auslassungen und sät auf diese Weise Zweifel an ihren eigenen Aussagen. Dabei ergeben sich zwangsläufig Widersprüche, an denen sich der Leser reiben kann. J.B. stilisiert sich geschickt als willfährige Person, die insbesondere nach dem tödlichen Unfall ihres Mannes nicht mehr Herrin ihrer Selbst ist. War sie auch in der Ehe eher das Opfer? Hat der Literaturbetrieb sie dauerhaft benachteiligt, ihr Genie lange nicht erkannt? Welche Rolle hat Patrick für ihren Erfolg gespielt, welche sie für seinen? Ist Patricks Tod tatsächlich ein Unfall gewesen? Immer mehr kriminalistische Elemente mischen sich in den Plot und machen ihn auf mehreren Ebenen ungemein faszinierend.

    Beeindruckend ist die Tatsache, dass J.B. ihre eigenen Emotionen weitgehend außen vor lässt. So ist ihr Verhalten unmittelbar nach Patricks Tod extrem schwer nachzuvollziehen. Offenbar hat sie auch keine echten Freunde, die ihr in dieser schweren Situation beistehen. Im Gegenteil gewinnt man den Eindruck, dass sich in ihrem Umfeld lauter Hyänen befinden, die der jungen Witwe schaden wollen. J.B. ist dabei keine Sympathieträgerin, sondern erscheint in ihren Handlungen dermaßen widersprüchlich, dass man sie nur schwer greifen kann. Sie schildert sachlich, wie sie sich offensichtlich manipulieren lässt, klagt aber niemanden an. Diese Erzählinstanz ist ebenso spannend wie verwirrend. Das Spiel mit der Wahrheit auf mehreren Ebenen legt immer weitere Bausteine frei, die es zu sortieren gilt. Ich hatte stets den Eindruck, dass J.B. genau weiß, was sie preisgibt, auch wenn sie selbst Erinnerungslücken, Schwächeanfälle oder selektive Wahrnehmung ins Feld führt. Am Ende bleiben Fragen offen. Man kann trefflich über diesen Roman streiten und diskutieren. Für mich ist dies eine Schlüsselaussage: „Man sollte das Gefühl haben, alles, was man lese, sei wahr: eine gut erzählte Lüge sollte wie die Wahrheit klingen.“ (S. 293)

    Sprachlich hat mich der Text sehr angesprochen. Inhaltlich werden im Rahmen der Handlung auch Fragen nach männlich dominierten Machtgefügen aufgeworfen, die nicht nur Zweierbeziehungen betreffen, sondern auch die Benachteiligung von Frauen im Beruf im Allgemeinen und im Literaturbetrieb im Besonderen verdeutlichen. Ebenso werden typisch weibliche bzw. männliche Rollenmuster gespiegelt und hinterfragt. Selbstverständlich haben auch diese Themen Relevanz für die Haupthandlung und liefern Denkstoff.

    „Der Jahrestag“ ist ein Buch, das man konzentriert lesen muss, um alle Puzzlesteine zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Lässt man sich konsequent auf die unzuverlässige Erzählstimme ein, kann einen dieser Roman nur betören und in seinen Bann ziehen.

    Große Leseempfehlung!

  1. Alles könnte so schön sein...

    "Der Jahrestag" ist der erste Roman, den ich von der australischen Autorin und Literaturwissenschaftlerin Stephanie Bishop las. In Ihrem Heimatland wurde sie immer wieder für Preise nominiert. Allein dies wirft die Frage nach der Relation von Wahrheit und FIktion auf. Erzählt Bishop hier autobiografisch und wenn ja, wie autobiografisch ist der Roman letztendlich? Ich muss gestehen, dass das immer eine Frage ist, die mich weniger beschäftigt. Dennoch mag ich es, wenn im Roman mit der Grenzziehung von Wahrheit und Fiktion gespielt wird.

    Die Geschichte beginnt mit einem Blick in die Ehe zwischen J.B. und Patrick. J.B. ist inzwischen eine erfolgreiche Schriftstellerin, die kurz vor einer Preisverleihung für eines ihrer literarischen Werke steht. Doch sie kann nicht mit Patrick darüber reden. Die Ehe ist nicht mehr das, was sie einmal war. Es kriselt. Ihr zwanzig Jahre ällterer Ehemann, Professor und Kultfigur, befindet sich auf dem absteigenden Ast. Ein Jahrestag wird umfunktionalisiert, um die Ehe zu kitten. Kurz scheint es als würde der Plan aufgehen. Kurz prickelt es zwischen den Eheleuten, doch dann kommt es zu einer Auseinandersetzung. Das Ende vom Lied ist, dass Patrick über Bord geht und ertrinkt. Es beginnen Verhöre, Leichenschau und viele andere unbequeme Notwendigkeiten, die mich zunächst haben mit J.B. mitfühlen lassen.

    Als wir Zeuge der Preisverleihung werden, sorgt Ada, ihre Agentin, im Vorfeld dafür, dass sich J.B. über die Maßen betrinkt. Als J.B. ihre Rede eröffnen will, hält sie plötzlich einen komischen Zettel in der Hand. Hier und insgesamt entsteht der Eindruck, dass J.B. übel mitgespielt wird. Auch als sie von der Preisverleihung heimkommt, und übergriffig ihr Haus betreten wurde, um ihr sämtliche Erinnungen an Patrick und die Zeit mit ihm zu nehmen. Eine zeitlang wirkt J.B., die eigentlich Lucie heißt, als Opfer. Doch dann kommen Zweifel, wozu sicher die Erzählperspektive beiträgt. Wir erfahren nämlich alles aus J.B.'s Sicht allein. Und auch die Auslassungen liegen bei ihr. Treibt sie ein Spiel mit und LeserInnen oder weiß sie tatsächlich nicht zwischen Wahrheit und FIktion zu unterscheiden?

    Immer mehr entwickelt sich der Plot in Richtung Beziehungsthriller. Auf mich entfaltete der Roman eine gwwisse Sogwirkung. Viele Rätsel gab es zu lösen, Fragen schwirrten durch den Kopf. Ich wollte stets wissen, wie es weiter geht. Am Ende blieben auch nach der Gerichtsverhandlung einige Fragen offen; einige Zusammenhänge hätte ich gerne genauer verstanden. Dies allein schmälert jedoch nicht den Gesamtleseeindruck. Insgesamt gesehen gefiel mir Bishops Buch sehr, weswegen ich es auch gerne weiter empfehle.

  1. Was ist Wahrheit? Was Erinnerung?

    Der Erzählerin von „Der Jahrestag“ sollte man von Beginn an mit einer gehörigen Portion Skepsis entgegentreten, dann fallen einem auch sehr schnell die vielen Erinnerungslücken, Ungereimtheiten, Auslassungen und Widersprüche aus, die die Sichtweise der Protagonistin prägen.

    JB Blackwood verlor ihren Mann unter mehr als nebulösen Umständen auf einer Kreuzfahrt anlässlich ihres Hochzeitstages. Von diesem Ereignis und ihrem persönlichen Erleben der anschließenden Ermittlungen erzählt JB nun sehr detailliert, fast ausufernd. Ihre Beschreibung der jüngsten Vorkommnisse wird dabei immer wieder von Rückblenden unterbrochen, in denen sie in die Vergangenheit abtaucht und sich sowohl auf Geschehnisse aus ihrer Kindheit als auch aus ihrer Ehe besinnt. Die Gegenwart wird so immer wieder zum Auslöser für Vergangenheitsreflexionen, die Ebenen spiegeln und ergänzen einander, allerdings ohne unbedingt für mehr Klarheit zu sorgen. Neben der Vernetzung von Vergangenheit und Gegenwart und der angedeuteten Auswirkungen, die (falsches) Erinnern auf das Heute haben kann, befasst sich JB auch sehr ausgiebig mit den patriarchalen Strukturen im Literaturbetrieb und dem Hierarchiegefälle in Ehen. Gerade dieser feministische Blickwinkel ist über weite Strecken des Romans gut gelungen, da er sehr elegant in die Handlung eingebettet wird und auch, allerdings nur bei ganz genauem Hinsehen, für einen effektvollen Schlussakkord sorgt, wenn dieser auch für meinen Geschmack zu altbacken geraten ist.

    Der Clou an dem Roman ist die zutiefst unzuverlässige Erzählperspektive, die dem Leser sehr viel abverlangt, da sie recht subtil eingesetzt wird und hauptsächlich mit Auslassungen und Erinnerungslücken arbeitet. Während der Lektüre weiß man nie genau, woran man bei der Erzählerin ist. Die Lektüre erinnert an den Aufenthalt auf einem schwankenden Schiff, hin- und hergeworfen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, politisch-feministischen Kommentaren zum Autorinnenleben und Einblicken in die schwierige Beziehung der Protagonistin zu ihrem Mann, weiß man schon nach kurzer Zeit nicht mehr, woran man sich wirklich festhalten kann.

    Auch wenn die Handlung mit ihrer beständigen Einbettung von gedanklichen Exkursen durchaus komplex und ansprechend gestaltet ist, hat man es hier letztlich doch mit einer sich stetig verlangsamenden und abfallenden Spannungskurve zu tun. Zwar spiegeln die Langsamkeit und Länge des geschilderten Besuchs bei der Schwester in Australien typisches weibliches Alltagsleben wider, richtig in Atem halten kann dieser Teil aber nicht. Das trifft letztlich auf einige weitere Passagen zu. So bleibt immerhin allein schon durch den Einsatz erzählerischer Unzuverlässigkeit eine Grundspannung stets erhalten, aber was in der Erzählperspektive so virtuos und überzeugend angelegt wurde, wird auf der Handlungsebene nicht vollständig eingelöst. Ich hätte mir da auf jeden Fall ein paar mehr Twists gewünscht.

    Insgesamt ist „Der Jahrestag“ ein sehr gut geschriebener Roman mit einer besonderen Erzählerin, der leider hinsichtlich der angelegten Spannung nicht die gehegten Erwartungen erfüllt, dennoch aber ein Tipp für Leser bleibt, die das raffinierte Spiel mit der Unzuverlässigkeit mögen.

  1. Tragödie auf hoher See

    "Nicht jede Wahrheit kann fiktional erfasst werden, aber ich weiß, dass ich mir selbst gegenüber ehrlicher bin, wenn ich einen fiktionalen Text schreibe, als wenn ich vorgebe, die Wahrheit zu sagen." (S. 423)

    Eine Kreuzfahrt zum 14. Hochzeitstag soll die Ehe der erfolgreichen Schriftstellerin Lucie, Künstlername J.B. Blackwood, und dem bekannten Filmregisseur Patrick Heller retten. Was an einer australischen Universität als Beziehung zwischen einer 24-jährigen Studentin und ihrem allseits verehrten, charismatischen britischen Dozenten begann und jahrelang ihrer beider Arbeit bestens befruchtete, endet nahe der russischen Halbinsel Kamtschatka mit einer Tragödie. Was geschah während des Sturms an Deck der „Adventure of the Seas“ wirklich und wie konnte es dazu kommen?

    "Jegliche Einschätzung dessen, was zeitgleich geschieht, wird durch das, was davor geschah, kontextualisiert." (S. 326)

    Wahrheit und Fiktion
    Zur Beantwortung dieser Fragen sind die Leserinnen und Leser ausschließlich auf Lucies Bericht angewiesen, in deren Kopf wir uns über die gesamten 461 Seiten des Romans befinden. Er erweist sich schnell als ebenso fragwürdig wie absichtsvoll. Die australische Autorin und Literaturwissenschaftlerin Stephanie Bishop, die im britischen Norwich lebt und dort kreatives Schreiben unterrichtet, liefert uns einer durch und durch unzuverlässigen Erzählerin aus, bei der Wahrheit und Fiktion ein undurchdringliches Dickicht bilden. Immer wieder erzählt Lucie Episoden auf unterschiedliche Art und Weise, flüchtet sich mit ihrer diffusen Erzählstimme in kleinteilige Details, um vom Wesentlichen abzulenken, und streut selbst Zweifel an ihrem Erinnerungsvermögen und an ihrer Glaubwürdigkeit, wie hier bei der Vernehmung durch die japanische Polizei:

    "Ich konnte ihnen nicht sagen, dass ich nur allzu oft meine eigene Version des Erlebten in Zweifel ziehe." (S. 47)

    Ungleiche Machtdynamik
    "Der Jahrestag" kein Krimi, wie man vielleicht vermuten könnte. Eher handelt es sich um einen Ehe- und Künstlerroman, der das Machtgefälle in einer Beziehung thematisiert, in der der männliche Teil wesentlich älter und bereits erfolgreich ist, während die weibliche Karriere erst beginnt. Die scharfsinnigen, bisweilen von subtilem Humor grundierten Überlegungen zu patriarchalen Strukturen in Ehe und Literaturbetrieb und zur Frage, wieviel autobiografisches Schreiben und weiblichen Erfolg eine Ehe verträgt, sowie zu den Unterschieden zwischen Literatur und Film sind das Plus des Romans.

    Opfer oder nicht?
    Allerdings hat mich weder der Plot noch die Protagonistin überzeugt, die für mich als Figur nicht schlüssig ist. Nie hatte ich ein Bild von ihr vor Augen, genauso wenig wie von ihrem Roman, der eine entscheidende Rolle im Buch spielt, selten gelang es mir, äußere Geschehnisse und Erzählinhalt zusammenzubringen. Weder die Opferrolle noch die ständig betonte Schwäche oder die Klagen über Fremdbestimmung habe ich ihr geglaubt. Im Gegenteil hat mich das Fehlen jeglicher Selbstkritik, die permanenten Anklagen und die Ungereimtheiten, wenngleich beabsichtigt, zunehmend ermüdet. Bei einigen Details habe ich mich gefragt, was unzuverlässige Erzählstimme und was mangelnde Recherche der Autorin ist.

    Interessant sind dagegen die vielen Schauplätze auf verschiedenen Kontinenten von Großbritannien über Japan, die USA und Australien, die gut zu Lucies Atemlosigkeit passen. Erst auf den letzten Seiten ändert sich der Erzählton, passend zu ihrer neuen Situation, was für mich allerdings die Frage nach der Erzählzeit des Hauptteils aufwirft.

    "Der Jahrestag" ist die perfekte Lektüre für alle, die beim Lesen gerne rätseln. Mir waren es einige Rätsel und Ungereimtheiten zuviel.

  1. 4
    04. Dez 2023 

    großes Rätselraten, dennoch lesenswert

    Die Protagonistin dieses in der Ich-Form erzählten Romans ist eine erfolgreiche Schriftstellerin, Anfang vierzig, und steht vor der Verleihung eines renommierten Literaturpreise für einen ihrer Romane. Sie ist seit 14 Jahren mit einem berühmten Filmemacher verheiratet, den sie als Studentin kennenlernte. Er war ihr Dozent und ist wesentlich älter als sie. Zum 14. Hochzeitstag gehen die beiden auf eine Kreuzfahrt, die sie über Alaska nach Japan zur Kirschblüte führen soll. Der Gatte geht jedoch in einer stürmischen Nacht über Bord und wird tot vor der japanischen Küste angeschwemmt.

    Über diesen Roman habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht, ja geradezu gerätselt, was die Charaktere, die Handlung, das Genre und das Anliegen der Autorin betrifft. Angefangen mit der Einordnung in ein Genre: anspruchsvolle Literatur, Krimi oder Unterhaltungsroman. Es ist wohl ein Genremix. Mit vielen Krimielementen, weil bis zum Schluß offen bleibt, wie es wirklich zum Tod des Gatten kam. Das war spannend.

    Anspruchsvolle Literatur durchaus, weil die Autorin großartig beschreiben kann. Hiermit meine ich die kleinteilige Wiedergabe von alltäglichen Begebenheiten, sei es der Besuch eines Shoppingcenters, sei es das bloße Trinken eines Glas Wassers oder die Beschreibung von Efeu, der sich um eine Londoner Hausfassade rankt. Passagen, in denen es um Natur und Gefühl oder das Einfangen einer ganz bestimmten Atmosphäre eines Augenblicks geht. Selbst fehlende Absätze, denn die Beschreibungen gehen über Seiten, habe ich weder als störend noch deren Lektüre als langweilig empfunden.

    Der Roman besticht durch die vielen Schauplätze, in denen er spielt. Australien, wo die Schwester mit Familie wohnt, die Heimat der Protagonistin und wo sie nach dem Unglück zunächst unterkommt. Heißes Klima zur Weihnachtszeit, exotische Flora und Fauna. England und insbesondere London, ganz anderes Klima, Kälte und Regen, aber heimelige Atmosphäre im efeuumrankten Haus. Japan, eine Zugfahrt durch die Inselwelt, die Besonderheiten japanischer Reisegasthäuser. New York, Ort der Preisverleihung, pulsierende Großstadtmetropole.

    Seltsam gehetzt und willenlos treibt die Protagonistin nach dem Tod des Ehemannes durch diese Orte, läßt sich von ihrer Verlegerin und ihrer Agentin, später von ihrer Schwester vorschreiben, was als nächstes zu tun ist. Letztlich bleibt ihr Charakter vage, nicht greifbar. Mehr Kontur haben die übrigen Figuren. Ihr charismatischer Ehemann, anfangs Typ ewig Junggebliebener Intellektueller. Die sie dominierende Verlegerin Ada und ihre Agentin Valerie. Ihre Schwester May, mit der sie durch australische Shopping Malls, Schnellimbisse und Partys jagt.

    Der Roman ist unterhaltend und spannend, weil immer wieder Wendungen auftreten, mit denen der Leser nicht rechnet. Ich habe gerätselt, welcher Ethnie die Protagonistin angehört, was wirklich los ist mit dem Ehemann, was wirklich geschah in stürmischer Nacht auf dem Schiff und später in Japan beim merkwürdig unglaubhaften Verhör durch die dortige Polizei. Und genau das ist auch das Problem dieses Romans: Was ist wirklich, was kann sich tatsächlich so zugetragen haben, wie die Protagonistin es berichtet, was ist nur in deren Fantasie geschehen ? Die Autorin spielt mit dem Leser. Sie sät Mißtrauen gegenüber der erzählenden Protagonistin. Kann man ihr trauen, lügt sie, erdichtet sie sich ihre eigene Wahrheit ?

    Völlig aus dem Kontext gerissen erscheinen Passagen, in denen der Literaturbetrieb kritisiert wird. Als eine von Männern bestimmte Welt, in der Frauen unterrepräsentiert sind und die sich zu sehr am Mainstream orientiert. "Kunst, die ins richtige Horn bläst wird umjubelt und sei es noch so stümperhaft gemacht" , erklärt die Protagonistin. Es scheint, als solle der Leser diese Kritik auf die hier erzählte Geschichte anwenden.

    Dann wieder die Schilderung der Szenen ihrer Ehe, die Eheleute anfangs nicht auf Augenhöhe, dann sich intellektuell immer mehr annähernd, zum Schluß zwei gleichwertige Partner, die dennoch nicht zusammenleben können. Sie, überambitioniert, was ihren Beruf als Schriftstellerin angeht. Er überfordert mit ihrem Erfolg, ihre Bewunderung und Fixiertheit auf sich als älteren und erfahrenen Partner der frühen Ehejahre vermissend und gekränkt.

    Aber war das alles wirklich so ? Der Roman wimmelt von Ungereimtheiten. Haben wir es hier mit einem einfach nicht plausiblen Plot zu tun oder schauen wir in das Innere der Protagonistin und auf ihre rein subjektiven Wahrnehmungen ? Was will uns die Autorin sagen ? Die Protagonistin scheint eine Entwicklung von der eher schüchternen Studentin zur emanzipierten Schriftstellerin durchzumachen, will mit Blick auf ihre Karriere keine Kinder. Für den Ehemann, der sich mit ihr Kinder wünscht und zu Beginn der Beziehung sagt " Wir beide könnten zusammen so viel erreichen " ist das kein Problem. Bedurfte es für ihre Entwicklung etwa dieses Krimielements und dieses merkwürdigen Schlusses ? Hat sie sich am Ende emanzipiert oder ist das Gegenteil der Fall, fällt sie in typisch weibliche Rollenmuster zurück ? Alles scheint nur so zu sein, wie sie es erzählt, bleibt vage, nicht verläßlich.

    Ich fand es dennoch spannend und unterhaltsam und ja, ich habe es gerne gelesen, auch wenn der wahre Charakter der Protagonistin m. E. ungeklärt bleibt. Ich vergebe 4 Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die durch das vorher Gesagte nicht abgeschreckt sind. Ein Roman, bei dem es sich lohnt, sich selbst ein Bild zu machen.

  1. 3
    03. Dez 2023 

    Scharfsinnig und widersprüchlich

    JB Blackwood ist eine Schriftstellerin mittleren Alters, verheiratet mit dem 20 Jahre älteren Patrick, einem Filmemacher mit Kultstatus. Die Ehe kriselt. JB ist mittlerweile selbst erfolgreich und kann nicht mehr so viel Zeit für die Projekte ihres Mannes aufbringen. Patrick, früher berühmt für Stil und Eleganz, trägt mittlerweile löchrige T-Shirts und hält es nicht immer für nötig zu duschen. Bei dem Paar lebt sporadisch Patricks Sohn Joshua aus erster Ehe, ein enorm anstrengender Teenager.
    Für den titelgebenden Jahrestag hat JB eine 18-tägige Luxuskreuzfahrt gebucht, von Alaska nach Japan. Dass sie, kurz bevor es losgeht, einen Literaturpreis gewonnen hat, verschweigt sie ihrem Mann. Auf dem Schiff scheint alles gut zu laufen, JB und ihr Mann nähern sich wieder an. Dann, in einem Sturm vor Japans nördlichster Insel Hokkaido, geht Patrick über Bord. Erst Tage später wird sein Leichnam angespült. Worum ging es bei dem vorhergehenden Streit der beiden? Das verschweigt uns die Autorin, die ganze folgende Story dreht sich um diese Frage. Für mich eine etwas zu simple Art, einen Spannungsbogen anzulegen.
    Von dem Zeitpunkt an wird aus der Ehegeschichte ein Thriller. Oder vielleicht, mangels echter Spannung, eher eine Crime Mystery? Wir befinden uns ständig im Kopf der Protagonistin, die ihre ganze Beziehungsgeschichte mit uns teilt, deren Erinnerung um die Zeit des Unglücks herum jedoch jede Klarheit verloren hat. Ihr Verhalten nach dem Ereignis wirkt, selbst wenn man ihr Trauma einbezieht, inkongruent und vollkommen unglaubwürdig. Bishops großzügige Verwendung von Ohnmachtsvokabeln wie wacklig, wankend, durcheinander, benommen soll das unterstreichen. Die ganze Figur zerfällt in Widersprüche, die beim Lesen mühsam zusammenzubringen sind und Längen erzeugen. Hatte JB bei dem Unglück die Hand im Spiel? Die katastrophale Auflösung des Kriminalfalles ist auf diese Weise nur deshalb möglich, weil Bishop mit ihrer Figur JB gegen sämtliche Regeln der Charakterzeichnung verstößt.
    Die große Stärke des Romans sind Bishops scharfsichtige Reflektionen darüber, wie patriarchale Strukturen bis in intime Beziehungen hineinreichen, in JBs Fall eine vermeintlich freigeistige Künstlerliaison. Interagieren hier zwei Gleichberechtigte? Ist JB die Nutznießerin ihres berühmten Mannes, oder schafft im Gegenteil die patriarchale Prägung immer noch Vorteile für den Mann? JB muss erkennen, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung hauptsächlich „die Witwe“ ist, nicht die Trägerin eines renommierten Literaturpreises. Mehr noch, man unterstellt ihr, dass ihr mit ihrem Mann auch die eigentliche kreative Kraft verloren gegangen ist.
    „Er war ausgebrannt, und ich hatte es zu etwas gebracht. Hatte es nicht wegen ihm, sondern vielleicht trotz ihm zu etwas gebracht – der lange Schatten des Sugardaddy. Tatsächlich aber hatte ich mich durchweg mehr für seinen Erfolg engagiert als er für meinen.“
    Mich überzeugten auch die Reflektionen über Machtmechanismen in der Ehe, über die Auswirkungen des Erfahrungsgefälles in der Kombi älterer Mann/junge Frau, über die patriarchalen Zwänge im Geschäft des Schreibens.
    „Wie lange kann eine Frau auf ihren Ambitionen bestehen, bevor es auf sie zurückfällt? Bevor ihr unterstellt wird, sich ihrer Weiblichkeit zu berauben und ein falsches Leben zu führen?“
    Das Ende des Romans führt die bis dahin feministische Botschaft des Romans ad absurdum, und zwar auf derart kitschige Art, dass ich äußerst unangenehm überrascht war. Aber auch insgesamt hat mich die Konstruktion des Romans nicht überzeugt, der Kriminalfall als Ganzes war aus meiner Sicht vollkommen überflüssig, und auch das Geschwurbel rund um Fiktion und biografische Realität hat mir wenig gegeben, zumal die Autorin aus meiner Sicht etwas falsch verstanden hat: Fiktion ist nicht das Gegenteil von Realität und hat, soll sie dem Ideal der erfundenen Wahrheit genügen, nichts mit der willkürlichen Erfindung unwahrscheinlicher Details und Handlungsweisen zu tun.
    Fazit: „Der Jahrestag“ hat durchaus starke Aspekte, die mir gut gefielen, verschenkt sie aber durch eine allzu ehrgeizige Konstruktion und eine Botschaft, die sich selbst widerspricht.

  1. Nichts, was man gelesen haben muss…

    JB, die Hauptfigur dieses Romans, ist auf dem Weg zur erfolgreichen Schriftstellerin - doch ihre Ehe ist zerrüttet. Eine Kreuzfahrt soll dem Paar zur Versöhnung verhelfen - doch stattdessen kommt ein Orkan auf, ein Mann geht über Bord. Wurde JBs Ehemann ermordet oder war es ein Unfall? 
In zahlreichen Rückblicken erfahren wir alles über den Werdegang einer Beziehung, in der der Ehemann dominierte. Dabei lässt diese Geschichte fast nichts aus, sie streift viele Themen - leidet jedoch meiner Meinung nach unter einer schwach wirkenden, undurchsichtigen Hauptfigur, die immer wieder zum Opfer der Umstände wird. JB schildert die Geschehnisse aus ihrer Sicht, doch trauen kann man ihren Schilderungen nicht. Da der Leser die Standpunkte der anderen Figuren nicht kennenlernt, versinkt er irgendwann im Morast der nicht immer schlüssigen Aussagen einer Ich- Erzählerin, die sich zum Opfer stilisiert. Ungereimtheiten und etliche Fragen bleiben. Stilistisch gut, doch sonst: Nichts, was man gelesen haben muss. Leider.

  1. Der Kulturbetrieb - wieder einmal.

    Kurzmeinung: Hab mich durchgequält.

    Die Studentin Lucie Blackwood hat einen Traum, sie möchte Schriftstellerin werden, wenn möglich, eine bedeutende. Schon in den ersten Semestern verliebt sie sich unsterblich in ihren Professor. Sollte man nicht tun. Nach einigem Hin und Her wird tatsächlich geheiratet. Von nun an untersützt Lucie ihren wesentlich älteren Mann bei dessen Arbeiten in jeder erdenklichen Hinsicht und stellt ihre eigenen Ambitionen zumindest zeitlich hintenan. Ihr Mann wird als Filmregisseur immer bedeutender und auch Lucie gelingt es, trotz der vielen Zeit, die sie unterstützend für ihren Mann Patrick tätig ist, Romane zu schreiben und erfolgreich zu werden. Die Ehe allerdings ist nach einigen zig Jahren nicht mehr das,was sie einmal gewesen ist und leidet darunter, dass Lucie aus dem Schatten ihres Mannes allmählich hervortritt. Lucie beschliesst, dass sie beide eine Auszeit bräuchten, Patrick und sie, und bucht eine Schiffsreise. Von der Reise kehrt sie alleine zurück. Was ist geschehen?

    Der Kommentar:
    Der Roman wird als genreübergreifend beworben, also eine Mischung aus Kriminalroman, Justizdrama und Liebesgeschichte. Der Roman ist weder das eine noch das andere. Und auch kein drittes. Was ist er? Ein Monologroman.
    Die Alleinerzählstimme von Lucie ist eine diffuse. Sie mäandert zwischen Vergangenheitsbildern der Ehe, der Kindheit und nervtötenden kleinteiligen Erzählungen der Gegenwart, Besuche einer Einkaufsmall, einer Lesung, einer Party, die durchzogen sind mit Lucies Überlegungen zur Schriftstellerei, zum Verlagswesen, zum Buch, zur Liebe, zum Kulturbetrieb, ihrer Ehe, zu Gott und der Welt.
    Zwar gelingt es der Autorin herauszuarbeiten, wie Frauen im Kulturbetrieb und vor allem in der Öffentlichkeit immer noch als diejenigen Personen hingestellt werden, die Ruhm und Ehre in erster Linie einem männlichen Mäzen zu verdanken haben oder ihren anerkannten Ehemännern. Der Anteil der künstlerischen Arbeit der Frauen an den Karrieren ihrer männlichen Partner jedoch wird heruntergespielt. Und Stephanie Bishop arbeitet auch heraus, wie selbstverständlich es von Ehemännern hingenommen und sogar erwartet wird, dass ihre Partnerinnen sich in den Dienst ihrer Sache stellen und ihr Leben dem seinigen unterorden. Aber das war es auch schon, was ich von dem Roman mitnehme. Wie würde Lucie JB. Blackwood ihre teilweise Selbstaufgabe rechtfertigen?`“Ich war jung und dumm und leicht zu beeindrucken“. Werden Frauen in ungleichgewichtigen Beziehungen immer nur ausgenutzt? Kann sein. Aber dazu gehören halt immer zwei, einer, der es macht und einer, der es mit sich machen lässt. Obwohl die Thematik immer neu aufgelegt werden muss und immer neu ins Gespräch gehört, scheint mir doch, dass Bishop in ihrem Roman ziemlich einseitig argumentiert und beschreibt. Diese Eintönigkeit ist ihrer gewählten Erzählweise geschuldet, innere Monologe ohne viel Handlung. Es ist diese Art der Präsentation, die mich nicht mitnimmt in das Geschehen.
    Aber das ist es nicht allein, warum mich dieser Roman nicht fesseln kann. Das Kleinteilige finde ich nervend und oft unnötig aufgebläht, die inneren Monologe sind mir auf die Dauer zu fad, obwohl sie die Funktion haben, Lucie als einen Menschen zu zeigen, der schwer Grenzen ziehen kann. Es gibt keine Abwechslung in diesem Roman, die Protagonistin selbst ist schwammig, verhält sich irrational, dumm und widersprüchlich, man bekommt sie kaum zu fassen. Sicher, das ist so gewollt, um zu zeigen, dass Lucie eine Person ist, der es schwerfällt, sich durchzusetzen, die mit sich machen lässt bis ihr der Geduldsfaden reißt. Dennoch. Es ist nervig.
    Wenn wenigstens die Gerichtsverhandlung spannend gewesen wäre, aber auch dieser Part ist durch die üppigen inneren monologisierenden Anteile weitgehend emotionsfrei und fad. Teilweise sogar unlogisch. Denn es fehlt der Anwalt, der die Sache raushaut und durchboxt, wie es in einem Justizthriller der Fall gewesn wäre. Also genreübergreifend? Überhaupt nicht.
    Der einzige Eindruck, den ich von dem Roman wirklich mitnehme ist, „nervend“. Dsa ist zu wenig, um mir Sterne zu entlocken.

    Fazit: Der Roman hat ein Anliegen, das unter die Leute muss, leider hat er auch einige Ungereimtheiten und nervende Längen. Der Roman will einfach zu viel auf einmal, tiefschürfende Überlegungen präsentieren, spannend unterhalten und überraschen und ein feministisches Thema durchbuchstabieren. Am Ende funktioniert nichts davon richtig. Schade. Der Stil ist eingermassen ansprechend.

    Kategorie: Unterhaltung
    Verlag, Dtv, 2023