Der Himmel vor hundert Jahren: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Himmel vor hundert Jahren: Roman' von Yulia Marfutova
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Himmel vor hundert Jahren: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
Verlag:
EAN:9783498001896

Rezensionen zu "Der Himmel vor hundert Jahren: Roman"

  1. Dorfleben in all seiner Ärmlichkeit

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Nov 2021 

    Kurzmeinung: Auf seine Art perfekt.

    Ein kleines, sehr kleines Dorf irgendwo in Russland, weit weg, an einem Fluss, der „der Fluss“ heißt. Fluss und Wetter spielen eine wichtige Rolle im gemächlichen Leben.

    Der Kommentar:
    Die Autorin versteht es wie vielleicht sonst keine, die zum Teil brutalen Vorkommnisse eines Dorflebens in Andeutungen zu verstecken. Vordergründig geschieht nichts, aber zwischen den Zeilen verstecken sich Geschichten. Da passiert etwas. Aber was? „Es gibt so viele Versionen der Geschichte wie Bewohner im Dorf.“ Hallo. Das kennen wir. Diese Aussage hat etwas Allgemeingültiges.

    Die Bewohner im Dorf werden weniger. Manche verschwinden. Dafür sind die Geister verantwortlich, sagt man sich. Die Flussgeister. Die Waldgeister. Im Dorf gibt es zwei Parteiungen. Warum? Weil. Ich sags nicht. Es liegt jedenfalls nicht am Röhrchen, das Ilja studiert und damit das Wetter vorhersagt. Sondern weil Iljas Frau mal was mit Pjotr hatte. Ausgesprochen wird im Dorf nichts. Obwohl es einige Konflikte gibt. Und Gefahren auch. Die Gefahren kommen von ausserhalb. Wo sie immer her kommen. Jetzt hab ichs doch gesagt, das mit Iljas Frau.

    Der Roman ist in all seiner Schlichtheit zauberhaft und dabei hochphilosophisch.

    „Fällt ein Messer herunter kommt ein Mann ins Haus. Fällt ein Löffel, kommt eine Frau. Und fällt eine Gabel, kommt auch eine Frau, weil Löffel und Gabel feminin sind, Messer jedoch maskulin, jedenfalls an diesem Ufer des Flusses.“ Ich komme aus dem Grinsen nicht heraus.

    Es gibt eine Menge in dem zugegebenermaßen handlungssparsamen Text zu entdecken.Wie das Fremde ins Dorf kommt. Wie man darauf reagiert. Wie Gastfreundlichkeit buchstabiert wird. Wie eine Seuche das halbe Dorf dahingerafft hat. Wie man weiterlebt, nachdem man Anuschka in den Wald geschickt hat. Und wie wieder Ruhe einkehrt.

    Fazit: „Wer am Fluss wohnt, kann noch lange nicht schwimmen, wer am Fluss wohnt, besitzt nicht gleich ein Boot. Wer am Fluss wohnt, wohnt einfach nur am Fluss.“ Köstlich.

    Kategorie: Belletristik
    Verlag: Rowohlt 2021
    Auf der Longlist des Deutschen Buchpreis 2021 (Ich hätte ihm die Shortlist gewünscht).

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  1. Veränderung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Okt 2021 

    "Der Himmel vor hundert Jahren" ist mein zweites Buch von der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises!

    Dieses Buch ist nicht schlecht, aber haut mich nicht vom Hocker, hier habe ich definitiv mehr erwartet. Vier Sterne ist es mir dennoch wert.

    Denn der Humor und die Schreibe des Buches haben etwas und lassen die Zeit wie im Flug vergehen und ich habe mich zumindest gut unterhalten gefühlt. Russische Fluss- und Waldgeister, Ikonen und geheimnisvolle Röhrchen treffen humorvoll in einem russischen Dorf auf Realität und Zukunft. Interessant und auch etwas märchenhaft entführt Yulia Marfutova hier die Leserschaft in ein verschlafenes russisches Dorf, zeigt die Realität in diesem und lässt bei mir Erinnerungen hochkommen an diese wunderschönen russischen Märchen. Dennoch steht dieses Dorf für deutlich mehr. Ilja und Pjotr, die Dorfältesten, zeigen dies ganz typisch. Ilja ist der Hüter des geheimnisvollen Röhrchens, er setzt auf Neues, versucht dies in das Leben des Dorfes einzubauen und hat seine Gefolgschaft. Pjotr hingegen verabscheut und verteufelt alles Neue, ist dem Alten und Althergebrachten verhaftet und auch er hat seine Freunde. Beide Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber, schaffen es aber dennoch die Dorfgemeinschaft zu wahren. Einer der beiden Dorfältesten wird aber verschwinden. Was soll dies dann der Leserschaft mitteilen? Man merkt an gewissen Dingen und Geschehnissen, dass die Zeit nicht stehen geblieben ist und dies eben kein märchenhaftes russisches Dorf ist, die Handlung spielt um das Jahr 1918 und gewaltige Dinge geschehen im riesigen Russland und senden ihre Spuren auch in dieses verschlafene Dorf und die Dörfler merken dies an neu ins Dorf gekommenen "Gästen", die das althergebrachte Leben verändern und die Dörfler auch bedrohen. Und die Dörfler reagieren. ...

    Hoffentlich nicht nur die Dörfler! Und hoffentlich nicht nur im Roman!

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