Der größte Spaß, den wir je hatten: Roman

Rezensionen zu "Der größte Spaß, den wir je hatten: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Okt 2019 

    Die Probleme der Familie Sorenson

    Marilyn und David sind seit 40 Jahren glücklich verheiratet. Die Erotik war immer ein wichtiger Stützpfeiler ihrer Ehe und sie können sich daran erfreuen, dass das auch heute noch so ist.

    Vier mittlerweile erwachsene Töchter sind aus der Ehe hervorgegangen. Wendy hat harte Schicksalsschläge erdulden müssen, die sie zum Alkohol und mitunter in die Arme junger Liebhaber treiben. Violet war bis zur Geburt ihrer zwei Söhne als Anwältin tätig. Jetzt kümmert sie sich um ihre Familie und übernimmt ehrenamtliche Aufgaben. Liza war schon immer sehr ehrgeizig und gehört zu den jüngsten Professorinnen des Landes, was die Eltern sehr stolz macht. Ihr Partner Ryan hat allerdings eine schwierige Phase. Er ist antriebslos und depressiv. Die Beziehung steckt in einer ernsten Krise. Über Nesthäkchen Grace erfahren wir nicht ganz so viel. Aber sie hat ihre Eltern über ihre Ausbildung belogen und leidet sehr darunter.

    Das Auftauchen von Jonah bringt das Familiengefüge ordentlich ins Wanken. Jonah ist der 15-jährige, einst zur Adoption freigegebene, Sohn von Violet. Seine Adoptiveltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Der Junge wanderte von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, bis Wendy ihn aufstöberte und ins Sorenson-Nest legt. Der Teenager ist überraschend weitsichtig und sympathisch, trotzdem reißen durch ihn alte Konflikte wieder auf, die zu neuen führen.

    Der Roman liest sich sehr leicht, es gibt viele Dialoge. Der Erzähler verändert die Erzählebenen und springt in der Zeit. Dabei übernimmt er die verschiedenen Perspektiven der Protagonisten. Man weiß aber relativ schnell, wo man sich befindet, zumal die Jahreszahlen über den Kapiteln stehen.

    Alle Familienmitglieder sind sexuell sehr aktiv, darüber gibt es auch zu lesen. Die Art der Beschreibung war mir vielfach zu gewöhnlich: „Und selbst da hatte sie in ihrem Körper das Verborgene gespürt, das weiche Pochen in dem Schlitz zwischen ihren Schenkeln, die Lust auf ihren Mann, den sie am liebsten noch oben ins Schlafzimmer gezerrt hätte, am helllichten Tag, damit er sie nahm, seine sanfte Kraft, sein verlockender Mund.“ (S. 338). Zurückhaltung ist auch nicht Sache der Sorensons. Wenn es mal jugendliche Zuschauer gibt, dann ist das eben so.

    Diese Darstellungen kann man mögen, muss man aber nicht. Mein Haupt-Kritikpunkt liegt woanders: Die Charaktere wirken mir zu unecht, zu aufgesetzt. Sie scheinen amerikanischen Langzeit-Serien entsprungen zu sein. Ihre mitunter harten Schicksalsschläge führen aus meiner Sicht zu völlig abstrusen, theatralischen Verhaltensweisen. Niemand hat ernsthaft Interesse am Anderen, die Beziehungen erscheinen sehr oberflächlich, auch wenn das „Wir sind eine Familie“, sehr betont wird.

    Marilyn und David werden als fürsorgliche, verständnisvolle Eltern gezeichnet. Dennoch werden ihnen von den Töchtern bedeutsame Erlebnisse und Misserfolge verschwiegen. Warum? Alles für den schönen Schein.

    Aus meiner Sicht typisch amerikanisch tauchen viele Themen auf wie zum Beispiel Herkunft/Zugehörigkeit, Tod, uneheliche Kinder, Umgang mit Drogen, Bulimie, Depression, Alkoholismus, usw. Für mich eindeutig zu viel, zumal sich manches auf wunderbare Weise auch schnell wieder auflöst.

    Im Roman gibt es zahlreiche Aktionen und Reaktionen, die für mich so nicht nachvollziehbar sind. Kaum jemand hat Verantwortung für das eigene Tun übernehmen wollen, viel lieber wird die Schuld bei anderen gesucht, so dass man sich in Vorwürfen ergehen und auf eine Entschuldigung hoffen kann… Die Eltern, so sie denn Bescheid wissen, fungieren lediglich als gutmütige Zuschauer, die sich allerdings gerne um Jonah kümmern, als das notwendig wird.

    Ich hätte dieses Buch nicht lesen sollen. Es ist eindeutig nicht meine Kragenweite und weicht von meinem üblichen Lesestoff ab. Die Sprache ist süffig bis einfach, gegen Ende wollte ich auch wirklich kein „Süße“ oder „Kleine“ mehr lesen. Es sträubten sich die Nackenhaare. Für mich waren die 720 Seiten definitiv kein Spaß, aber auch keine Arbeit, denn im Großen und Ganzen liest sich das Buch flott weg.

    Wer also thematisch gerne etwas Drama hat und es schätzt, sich zur Unterhaltung mit Problemen einer schwierigen Familie auseinanderzusetzen, ist hier sicher gut bedient. Man hat eine kurzweilige Geschichte vor der Nase, in der immer was Neues passiert. Ich brauche keine Identifikationsfiguren, aber nachvollziehen können möchte ich Handlungsweisen schon. Das war mir hier selten möglich.
    Vielleicht bin ich einfach zu kritisch? Oder zu alt?
    Wie auch immer: von mir nur eine eingeschränkte Lese-Empfehlung.

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 14. Okt 2019 

    Ein neuer Stern am Seifenopernhimmel

    Mein Gott, ich erkenne mich nicht wieder. Ich habe mir sonst nie etwas aus (amerikanischen) Familiengeschichten gemacht und nun habe ich gleich zwei davon hintereinander gelesen. Waren „Die Altruisten“ von Andrew Ridker mit 3* fragwürdig, aber noch im Bereich des Erträglichen, habe ich mich mit „Der größte Spaß, den wir je hatten“ von Claire Lombardo ziemlich in die Nesseln gesetzt.

    Claire Lombardo erzählt uns in ihrem 720-seitigen Debütroman die Geschichte der Familie Sorenson – Vater David, Mutter Marilyn sowie die Töchter Wendy, Violet, Liza und Grace (sortiert von alt nach jung – die ersten drei Töchter mit Zweitnamen gesegnet, nur die arme Grace muss mit einem Namen leben – wie furchtbar…).

    Seifenopernregisseure würden wahrscheinlich schon mit diesem Trauma drei Staffeln á 10 Folgen á 90 Minuten füllen, aber es geht ja noch weiter: jede der vier Töchter hat es so unsagbar schwer in ihrem Leben (ja, einige Traumata sind traurig und zwei/ drei der angesprochenen Themen kenne ich auch aus eigener Erfahrung), aber alle drehen sich nur um sich selbst und die eigene Achse ohne wirklich etwas zu ändern bzw. ändern zu wollen – stattdessen zerfließen sie in Selbstmitleid oder im Alkohol, suchen die Schuld nur bei anderen – hach, herrlich. Wenn ich Seifenopernfan wäre, würde ich mich auf eine Laufzeit ähnlich der „Lindenstraße“ freuen.

    Denn natürlich haben auch die Eltern ihre lieben Problemchen. Ach nein: die sind ja seit 40 Jahren glücklich verheiratet, haben ihre Lust auf- und aneinander nie wirklich verloren, turteln vor den Augen ihrer Kinder wie frisch verliebte, äh, Turteltäubchen und lassen sich auch nach einem Herzinfarkt (der natürlich trotz Wiederbelebung ohne großartige Einschränkungen überlebt wird) nicht davon abhalten, sich an markanten Körperstellen zu berühren (ein bisschen Spaß muss ja schließlich sein, gell!?)

    Na, merkt ihr was? Ich hatte nicht wirklich Spaß am größten Spaß – neben der angesprochenen Story fand ich auch die Sprache und ergo die Dialoge in diesem Roman über weite Teile platt und belanglos…Wenn ich das Buch nicht für eine Leserunde gelesen hätte, hätte ich es auch gar nicht bis zum Ende gelesen. Aber gut – ich hab´s geschafft, hab´s überlebt, setze einen Haken an die Geschichte und Claire Lombardo und wünsche (nein, das ist jetzt im Gegensatz zum Rest dieser Rezension keine Ironie!) dem Buch Erfolg bei allen Seifenopernstofffans – davon gibt es ja schließlich auch mehr als genug :-).

    2*

    © kingofmusic

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 20. Sep 2019 

    Was für eine Familie

    „Der größte Spaß den wir je hatten“ ist eine amüsant und empathisch erzählte Familiengeschichte. Marilyn und David sind seit 40 Jahren glücklich verheiratet, sie haben ihre Verliebtheit bewahren können, durch Lebenstürme und den unendlichen Alltag. Vier Töchter haben sie bekommen und jede hat einen anderen Charakter.

    Wendy, knapp 40, ist seit 3 Jahren Witwe, ihr einziges Kind war eine Totgeburt und sie begegnet ihrer unendlichen Trauer mit Alkohol und jüngeren Verehrern. Von ihren Schwestern ist sie enttäuscht, vielleicht ist da auch ein wenig Neid dabei. Violet hat sich nach einer Tragödie vor 15 Jahren ein Leben als erfolgreiche Anwältin aufgebaut und findet nun als Vollzeitmutter zweier Kinder ihre Erfüllung. An ihre Vergangenheit will sie nicht mehr erinnert werden, doch dann platzt Jonah in ihr Leben, das Kind, das sie damals zur Adoption freigegeben hat. Liza hat eine Karriere als Universitätsprofessorin vor sich und ist schwanger, unsicher ob sie den Mann oder das Kind will. Das Nesthäkchen Gracie hat ihren Weg noch nicht richtig gefunden, sie gaukelt einen erfolgreichen Studienbeginn vor, hat aber von allen Unis nur Absagen kassiert. Aus ihrer Lüge kommt sie einfach nicht mehr raus.

    Diese Familiengeschichte bietet genug Stoff für Dramen, Streitereien und große Versöhnungen, wie das Leben eben so spielt. Das alles wird in vielen Rückblenden erzählt und mit jeder Rückschau werden die Figuren lebendiger. Alle Schwestern haben etwas Liebenswertes an sich, an wenn sie sich dessen selbst manchmal nicht bewusst sind. Alle haben auch das harmonische Eheglück ihrer Eltern vor Augen und leiden daran, dass ihnen selbst das nicht so recht gelingen will. Aber sie merken dabei nicht, dass auch sie nur die Oberfläche sehen.

    Claire Lombardo hat einen flüssigen, unterhaltsam-heiteren Ton mit der Geschichte getroffen, sie schreibt witzig und kann auch die Dramen ihrer Protagonisten mit einem Augenzwinkern beschreiben. Durch die vielen Rückblenden werden die Ereignisse auch aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt und so kann sich der Leser ein eigenes Bild der jeweiligen Wahrheit machen. Dabei bleibt es auch nicht aus, dass sich manches wiederholt. Das hat mich mitunter zum Überfliegen verleitet. Ich könnte mir auch vorstellen, dass der Roman etwas gestraffter mir noch besser gefallen hätte. Zu den vier Töchtern konnte ich wenig Nähe aufbauen, manchmal ging es mir wie ihnen untereinander: sie haben genervt. Aber der unangestrengte Erzählstil der Autorin hat das immer wieder mit einer witzigen Szene abgefedert.

    Diese amüsante Familiengeschichte die ich mit guten 3 Sternen bewerte.