Der Gesang der Flusskrebse: Roman

Rezensionen zu "Der Gesang der Flusskrebse: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Sep 2019 

    Poesie, Einsamkeit und eine starke Außeseiterin

    Delia Owens hat einen großen Wurf gestartet mit ihrem Buch "der Gesang der Flusskrebse". Ihr Buch ist sowohl eine Coming of Age-Story, Außenseiterstudie, Justizdrama und poetische Landschafts- und Naturbeschreibungen. Das ist viel. Das könnte ziemlich leicht ziemlich daneben gehen oder sentimental-kitschig geraten. Zum ausgesprochenen Gewinn für die Leser tut es das aber nicht. Statt dessen lässt das Buch nicht nur am Lebensweg einer faszinierenden Frauenfigur teilhaben, die sich in widrigsten Verhältnissen behauptet, bietet spannende Unterhaltung und zugleich faszinierende Einblicke in die Natur des Marschlandes von North Carolina.

    Möglicherweise gibt es davon noch mehr, als ich mitbekommen hatte denn ich habe den "Gesang der Flusskrebse" in der Hörbuch-Version kennengelernt, wobei die Sprecherin Luise Helm mit ihrer Interpretation des Textes es eindrucksvoll geschafft hat, ein Kopfkino loszutreten und dem Buch buchstäblich eine faszinierende Stimme zu geben.

    Sechs Jahre alt ist Kya Clark, als der Leser/Hörer sie kennenlernt - und die Umstände ihres Lebens könnten kaum schwieriger sein. Sie ist das jüngste Kinde einer Familie in einer Hütte im Marschland von Norrth-Carolina, die marginalisiert als "Leute aus dem Sumpf" gelten, gesellschaftliche Außenseiter des nahegelegenen Städtchens. Die Mutter, eine künstlerisch begabte Südstaatenschönheit, stammt wohl aus einer "guten" Familie. Doch sie endete in einer Hütte in der Wildnis, an der Seite eines prügelnden Säufers, flieht schließlich vor der häuslichen Gewalt. Die älteren Geschwister Kyas suchen ebenfalls so schnell wie möglich ihr Heil weit weg von dem prügelnden Vater. Kya bleibt alleine mit dem Mann zurück, der sie meist ihrem Schicksal überlässt.

    Ein wenig erinnert das barfüßige Mädchen in der Latzhose an Scout aus Harper Lees "Wer die Nachtigall stört" - aufgeweckt, mit einem offenen Blick, voller Fragn. Doch wo Scout den Rückhalt ihres Vaters und ihres Bruders weiß, ist Kya buchstäblich verlassen und allein. Die Schule besucht sie nur einen Tag lang - verlacht und verhöhnt will sie mit den Menschen der Stadt möglichst wenig zu tun haben. Als irgendwann auch der Vater verschwunden ist, erweist sich Kya als wahre Überlebenskünstlerin. Mit de Verkauf von Muscheln und geräucherten Fischen finanziert sie das wenige, was sie zum Leben braucht, führt erfolgreich ein Leben unter den Radar der Behörden, die sich für das verwildernde, vernachlässigte Kind interessieren könnten.

    Doch der Preis ist Einsamkeit, Kyas Freunde sind Möwen und Reiher, fasziniert von der Natur um sie herum wird sie zu einer exzellenten Beobachterin. Ihre einzigen Freunde sind das schwarze Ehepaar Jumpin und Mabel, am ehesten Elternersatz, aber in der Südstaatengesellschaft der 50-er Jahre angesichts der Rassentrennung nicht in der Lage, sich so um das Mädchen zu kümmern, wie sie es gerne würden. Und dann ist da noch Tate, der Sohn eines Krabbenfischers, der mit Kya die Liebe zur Natur teilt und die erste Liebe des menschenscheuen Mädchens wird.

    Während Kya aufwächst, erinnert sie mich an die von Jodie Foster dargestellte Filmfigur "Nell" - ein Mädchen in völliger Isolation. Doch Kya ist sich ihrer Einsamkeit bewusst, leidet darunter., ebenso wie unter ihrer Ablehnung als "Marschmädchen" Als Tate zum Studium die Stadt verlässt und sich nicht wieder bei ihr meldet, muss die junge Frau die nächste Enttäuschung verkraften. Kurz glaubt sie an eine Zukunft mit Chase, dem örtlichen Footballstar. Doch der sieht das "Marschmädchen" als sein exotisches Vergrnügen - geheiratet wird standesgemäß. Als Chase Leiche gefunden wird, haben die Ermittler Kya im Blick. Im Fall einer Verurteilung droht ihr die Todesstrafe. Ist das "Marschmädchen" eine Killerin?

    Delia Owens schafft es, den Spannungsbogen immer wieder neu anzulegen, den Leser/Hörer zu Mutmaßungen zu bewegen. Doch so unterhaltsam- spannend das auch ist - die wahre Stärke dieses Romans sind die Beschreibungen der Landschaft, die Stimmung zwischen Morgendämmerung und Nacht, das Leben und der Überlebenskampf der Natur, die zur wahren Lehrerin der jugen Kya wird, ihr Auge schärft und sie zu einer "natürlichen" Naturforscherin macht. Stellenweise wird Kya dabei zur Superfrau stilisiert, was dann doch ein bißchen zu viel des Guten ist. Doch das ändert nichts an dem positiven Gesamtweindruck dieses Buchs, dem man viele Leser (oder eben Hörer in der wirklich hörenswerten Audioversion mit einer perfekt zu dem Text passenden Stimme der Sprecherin) wünscht. Eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis die Verfilmung dieses ausgesprochen leinwandtauglichen Romans anstehen dürfte.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Aug 2019 

    Die Natur ist ein Teil von uns...

    Die Leseprobe zum Buch war so genial, dass ich es einfach lesen musste. Und meine Erwartungen wurden sogar noch übertroffen.

    In der Geschichte geht es um Kya Clark und ihre Familie, die abgeschieden im Sumpfland der Region leben, immer von der Hand in den Mund. Irgendwann ist Kya gänzlich allein, von allen verlassen. Wird sie als Kind in der Lage sein dies zu meistern? Was für Auswirkungen hat dies auf ihr späteres Leben?

    Zunächst einmal muss ich gestehen, dass ich sehr lange für diesen Roman gebraucht habe. Dies lag aber nicht an der Qualität der Geschichte, sondern schlichtweg weil das Thema so ernst ist, dass man nicht fröhlich innerhalb weniger Tage liest.

    Kya hatte ich bereits nach den ersten Seiten bildlich vor Augen und es tat mir in der Seele weh wie sie vernachlässigt wird. Für mich grenzte es an ein Wunder, dass jemand sich noch so positiv entwickeln kann. Ihre Kindheit las sich äußerst interessant, wenn auch viele Passagen bei mir auf die Stimmung gedrückt haben, weil einiges echt tragisch ist. Ich kann mir als Erwachsene schon nicht vorstellen wie es ist, wenn die eigene Mutter von heute auf morgen spurlos verschwunden ist. Wie soll das da erst für ein Kind sein? Und nicht lesen zu können, das ist für mich unvorstellbar. Ich habe Kya jedenfalls sofort in mein Herz geschlossen und mit ihr gelitten.

    Mir hat gut gefallen, dass das Augenmerk mehr auf Kya lag und nicht auf dem Mordfall. Dieser wird am Rande immer wieder erwähnt mit allen Ermittlungen und erst zum Ende hin fügt sich wie der Fall mit dem Leben von Kya in Verbindung steht.

    Die große Kunst der Autorin hier war ganz klar aufzuzeigen was Vorurteile und Gerüchte für einen Einfluss auf das Leben der Menschen hat. Nichts ist wie es auf dem ersten Blick erscheint.

    Ebenfalls sehr gelungen empfand ich die Beschreibungen von Natur und Tieren, was für mich etwas sehr idyllisches hatte. Eigentlich nicht unbedingt das schlechteste Leben, wenn man so wie Kya im Einklang mit der Natur lebt.

    Das Ende hatte ich mir so gewünscht und auch bekommen, von daher bin ich mit der Lektüre überaus zufrieden.

    Fazit: Ein Roman, dessen Geschichte mir lange im Kopf bleiben wird, da sie mich sehr berührt hat. Gern spreche ich eine Leseempfehlung aus. Klasse!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Aug 2019 

    Das Marschmädchen

    Es ist 1969, als Case Andrews tot im Marschland aufgefunden wird. Unfall, Selbstmord, Fremdverschulden? Der Tod des jungen Mannes gibt Rätsel auf. Wie kam der Ehemann, Frauenheld, Footballstar, Erbe des örtlichen Autohauses ums Leben.
    So beginnt das Buch „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens und doch ist das Buch kein Kriminalroman. Denn nach dem Prolog befinden wir uns Jahre zuvor im Marschland rund um den kleine fiktiven Küstenort Barkley Cove. Die kleine Kya Clark ist sechs Jahre alt, als ihre Mutter die Familie verlässt. Nach und nach gehen auch die größeren Geschwister, lassen die jüngste bei einem Vater zurück, der trinkt und gewalttätig ist. Als der Kriegsveteran eines Tages auch nicht mehr heimkehrt, ist Kay nur mehr sich selbst überlassen. Das Mädchen wird zur Überlebenskämpferin. Aufgewachsen in der Abgeschiedenheit der Salzwiesen und Marschen, ohne Schulbildung und Auskommen, kennt Kya das Land um die ärmliche Hütte, in der sie wohnt. Sie ist lebt von dem, was ihr die Natur abgibt, Fische, Muscheln. Der schwarze Jumpin und dessen Frau Mabel greifen Kya immer wieder unter die Arme. Aber von den Menschen in Ort, den Kya meidet, wird sie nur geringschätzig das „Marschmädchen“ genannt. Bis zwei junge Männer, Tate Walker, und später Chase Andrews in Kyas Leben treten.
    Der Gesang der Flusskrebse ist sprachlich hinreißend. Die Protagonistin Kya, ihre Liebe zur Natur, ihr starker Wille öffneten mir beim Lesen das Herz. Es war so einfach mit Kya mitzufühlen. Delia Owens erzählt aber nicht nur von einer Art Robinsonade. Sie erzählt auch vom Hochmut und er Arroganz, der Menschen, die sich als etwas Größeres erachten, nur weil Jahrzehnte lang andere vor ihnen knieten. Die Protagonistin wandelt sich im Verlauf dieses Romans von der kleinen verlassen Kya zu einer unabhängigen Frau, die den Titel „Marschmädchen“ mit Stolz zu tragen weiß. Mit der Veränderung Kyas ändert sich auch die Handlung, von einer „Ode an die Natur“ zu einem mitreißenden Gerichtsdrama.
    Kyas Geschichte berührt ohne kitschig zu sein. Kya ist ein Charakter, der man alles im Leben wünscht und alles verzeiht. Es ist eine großartige Geschichte über das Erwachsenwerden, eine Liebesgeschichte, oft traurig, aber nicht trostlos. Dieses Buch ist für mich ein Herzensbuch und eine wahrhaftige Leseempfehlung.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Jul 2019 

    Vielleicht könntest du die Möwen füttern ...

    Ein kleines Mädchen verliert innerhalb kürzester/kürzerer Zeit ihre Familienmitglieder; die Mutter und die älteren Geschwister flüchten 1952 vor ihrem Mann und Vater als das Mädchen 6 Jahre alt ist. Der Vater ist durch seinen Charakter, Verlusterfahrungen und Kriegserlebnissen zu einem vom Leben enttäuschten Menschen geworden, der seine negativen Erfahrungen mit Alkohol zu verdrängen/betäuben versucht und darüber zu einem gewalttätigen Alkoholiker mutiert. Ihre Tochter/kleine Schwester nehmen die fliehenden Familienmitglieder nicht mit, weil sie entweder durch ein veränderndes Martyrium gegangen sind oder noch zu jung für solche Entscheidungen sind. Die Kleine wird zur Schule in die nahe gelegene fiktive Kleinstadt Barkley Cove gebracht und erlebt dort das herablassende und verachtende Verhalten der Städter gegenüber der Marschlandbewohnerin. Deswegen beschließt sie nicht mehr in die Schule zu gehen und versteckt sich im Marschland, wenn jemand kommt um sie zu holen. Schlussendlich verschwindet auch der Vater aus dem Leben der kleinen, mittlerweile 10 Jahre alten Catherine Danielle Clark, auch Kya genannt. Nun versucht sich das kleine, aber überaus starke Mädchen selbst durchzuschlagen. Die Clarks sind in das sumpfige Marschland an der Küste North Carolinas gezogen, leben da recht abgeschieden von anderen Menschen und die Kinder der Familie haben recht früh die Natur kennen und meistern gelernt. Dieser Punkt ist für das Überleben des kleinen und intelligenten Mädchens sicher relevant, sie lebt allein, kann sich vor Gefahren gut verstecken und durch ihr Wissen um die Natur über Wasser halten. Nur drei Bewohner von Barkley Cove helfen Kya, einmal der schwarze Jumpin. Betreiber einer kleinen Tankstelle und eines kleinen Ladens und seine Frau Mabel und ein Freund ihres Bruders, Tate Walker. Tate Walker und Kya verbindet ihre Liebe zur Natur/zum Marschland und er lehrt sie schließlich auch das Schreiben/Lesen/Rechnen. Die anderen Bewohner von Barkley Cove schauen auf die Marschlandbewohner herab und Kya bekommt von Ihnen den Spitznamen das Marschmädchen. Kya bemerkt die ablehnende Haltung der Anderen und grenzt sich noch mehr ab, allerdings verändert dieses Eremitendasein auch sie selbst. Um sich abzulenken und gleichzeitig auch um etwas zu haben wofür sie brennt, beginnt Kya schließlich umfangreiche Studien zu Flora und Fauna des Marschlandes. Dies ist der eine Erzählstrang des Buches. Der andere Erzählstrang berichtet über den Tod von Chase Andrews 1969 und daraus resultierende Ermittlungen. Beides wird parallel erzählt.

    Nun muss ich sagen, dass ich von der Sogwirkung dieses Buches wie verzaubert war. Einerseits haben wir hier eine Sprache, die tief berührt und Sätze aufweist, die zum Schmelzen schön sind/den Leser einfach umhauen. Andererseits wird hier eine Ode an die Natur verfasst, vor dem geistigen Auge entsteht das Marschland, man riecht das Meer und hört die Möwen schreien. In diesen so wunderschönen Beschreibungen der Natur spürt man die Liebe der Autorin zur Natur. Und man versteht auch warum in den USA Reese Witherspoon dieses Buch so gelobt hat und auch dadurch zum Erfolg dieses Buches in den USA beigetragen hat. Ich kann nur sagen, lest unbedingt dieses wunderschöne Buch und genießt es!

    Und hoffentlich schreibt die Autorin Delia Owens bald das nächste Buch!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Jul 2019 

    Eine Liebeserklärung an die Natur

    Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Im Jahr 1969 wird die Leiche des 31-jährigen Chase Adams entdeckt, der offensichtlich aus großer Höhe vom Feuerwachturm in die Marsch gestürzt ist. Chase ist, obwohl er verheiratet ist, als Frauenheld bekannt. Aufgrund fehlender Spuren geht der Sheriff schnell von einem Tötungsdelikt aus. Der Leser wird über den Verlauf der Untersuchungen auf dem Laufenden gehalten, bis es schließlich zur Gerichtsverhandlung kommt. Dabei spielen auch die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse in Bezug auf den Umgang mit Farbigen und Außenseitern eine große Rolle.

    Die zweite Handlungsebene beginnt im Jahr 1952 und verfolgt das Leben der Protagonistin Kya Clark. Dabei läuft die Zeit weiter, immer näher auf den Zeitpunkt des aktuellen Todesfalls zu. Beide Ebenen wechseln sich kapitelweise ab und es ist zunächst kein Zusammenhang erkennbar.

    Kya Clark lebt mit ihrer Familie im einzigartigen Marschland von North Carolina in einer bescheidenen Hütte. Kya ist 7 Jahre alt, als ihre Mutter das Haus verlässt und niemals wiederkehrt, das ist 1952. Kurze Zeit später verabschieden sich ihre beiden älteren Geschwister, schließlich auch ihr Lieblingsbruder Jodie. Jeder dieser Verluste prägt das Mädchen immens, schließlich ist sie nun ihrem Vater, einem zu Gewalt neigenden Trunkenbold, ausgeliefert. Doch Kya ist stark. Sie macht das Beste aus der Situation, sie kocht, wäscht und versorgt den Haushalt, so gut sie eben kann. Der Vater bessert sich, die beiden entwickeln eine liebevollere Beziehung zueinander. Als jedoch eines Tages ein Brief ihrer Mutter ankommt, verschlechtert sich die häusliche Situation und auch die Tage des Vaters in der Hütte sind gezählt. Fortan muss sich das Mädchen allein durchschlagen. Um der Einsamkeit zu entfliehen, freundet sie sich mit Möwen und Seevögeln an, die sie regelmäßig füttert und mitunter in ihrer Gesellschaft schläft.

    Die Liebe des Mädchens zur Marsch sowie zur Tier- und Pflanzenwelt ihrer Heimat ist faszinierend, sie macht ihr die Einsamkeit erträglich:
    „Die Sonne, warm wie eine Decke, umhüllte Kyas Schultern, lockte sie tiefer in die Marsch. Manchmal hörte sie nachts Geräusche, die sie nicht kannte, oder sie erschrak sich, wenn Gewitterblitze zu nah waren, doch wenn sie stolperte, war da immer das Land, das sie auffing. (…) Kya legte ihre Hand auf die atmende nasse Erde, und die Marsch wurde ihre Mutter.“ (S. 50)

    Kya muss sich nun allein durchschlagen. Um Geld für notwendige Lebensmittel und Bootsbenzin zu bekommen, sammelt und verkauft sie Muscheln an den Farbigen Jumpin´. Er und seine Frau sind die Einzigen, die die Not des Mädchens erkennen und dafür sorgen, dass sie Nahrung und Kleidung bekommt. Die anderen Einwohner des Ortes schauen weg und verspotten das Kind, das zunehmend zur Außenseiterin wird. Kya ist scheu und schreckhaft, sie streift durch das Marschland, möglichst ohne jemandem zu begegnen.

    Mit der Zeit freundet sich Kya mit Tate, einem Freund ihres Bruders Jodie, an. Er bringt ihr Lesen bei. Nun kann sie ihrer bemerkenswerten naturkundlichen Sammlung und ihren detaillierten Zeichnungen auch Texte hinzufügen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Doch auch diese Beziehung wird auf die Probe gestellt, als Tate die Schule beendet und 1965 zur Universität gehen muss. Kya bleibt erneut allein zurück.

    An dieser Stelle möchte ich nicht mehr von der Handlung preisgeben. Die Autorin hat durch den Kriminalfall eine konsequente Spannungslinie in den Roman eingewoben. Man fragt sich von Beginn an, was Kya mit dem Tod von Chase Adams zu tun haben könnte. Nach und nach erfährt man als Leser mehr, bis sich beide Handlungsebenen vereinen und alles auf einen spannenden Gerichtsprozess hinausläuft.

    Die Sprache liest sich flüssig und ist von der Liebe zur Natur geprägt. Das beweist schon der erste Satz:
    „ Marschland ist nicht gleich Sumpf. Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras in Wasser wächst und Wasser in den Himmel fließt.“ (S. 11)
    Beim Lesen wird man immer wieder von wunderbaren Metaphern überrascht. Später darf man sich auch an stimmungsvoller Naturpoesie erfreuen, die Tate und Kya miteinander teilen.

    Die Einsamkeit des Mädchens ist stets fühlbar, aber niemals trostlos. Sie ist eine Kämpferin, die sich nicht unterkriegen lässt. Leider führt ihre Zurückgezogenheit aber auch dazu, dass sie Schwierigkeiten hat, menschliches Verhalten richtig einzuschätzen. Sie ist dabei auf alte Weisheiten ihrer Mutter und Vergleiche aus der Tierwelt angewiesen, die nicht immer passen und sie dann naiv erscheinen lassen. Das macht sie auf den ersten Blick zu einem gutgläubigen Opfer.

    Ich bin sicher, dass dieser Roman breiten Leserschichten sehr gut gefallen wird. Er hat eine Mischung aus Unterhaltung und Anspruch, die ich sehr schätze. Die bildreiche Sprache macht die einzigartige Marschlandschaft mit ihrer Fauna und Flora lebendig. Kya wächst einem von Beginn an ans Herz, man verfolgt ihren Lebensweg mit großem Interesse. Dabei strahlen sie und die anderen Figuren große Glaubwürdigkeit aus. Man kann sich gut in sie hineinversetzen.

    Ich wünsche diesem Roman viele Leser und erteile eine klare Lese-Empfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Jul 2019 

    sehr ergreifender Roman

    Chase Andrews stirbt, und die Bewohner der ruhigen Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen. Kya Clark lebt isoliert im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen. Delia Owens erzählt intensiv und atmosphärisch davon, dass wir für immer die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Und den Geheimnissen und der Gewalt der Natur nichts entgegensetzen können.

    Der Gesang der Flusskrebse ist kein einfaches Buch - sondern ein Buch das unter die Haut geht und die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordert.
    Die Protagonisten sind alle sehr realistisch - Kya ist einer dieser Charaktere der etwas ganz Besonderes ist und mich für sich eingenommen hat.
    Erzählt wird in zwei Perspektiven, nämlich wie Kya heranwächst (Vergangenheit) und in der Gegenwart, in der eine Leiche im Marsch gefunden wird.
    Der verständliche und leicht poetische Schreibstil macht das Buch zu einem wunderbaren und berührenden Leseabenteuer.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Jul 2019 

    Marschmädchen

    Eines Morgens im Jahr 1950 zieht sie die Schuhe aus Krokodillederimitat an und verlässt das Haus. Die damals sechsjährige Kya sieht ihre Mutter nie wieder und nach und nach verschwinden auch ihre Geschwister. Das kleine Mädchen bleibt mit dem mitunter gewalttätigen Vater allein. Es gibt auch gute Tage, doch bald ist auch der Vater fort. Fortan lebt Kya allein in der Marsch, sie will nicht in ein Heim und sie schafft es, den Behörden immer wieder zu entwischen. Hilfe hat sie hin und wieder von dem wenig älteren Tate, der ihr schließlich auch das Lesen und Schreiben beibringt. Und das Wenige, was sie zu verkaufen hat, bringt sie in den Laden von Jumpin’, einem liebenswerten Schwarzen.

    Als im Jahr 1969 der Platzhirsch des Ortes Chase Andrews tot aufgefunden wird, weiß man nicht, ob es der Beginn, das Ende oder die Mitte der Geschichte ist. Um seinen Tot ranken sich viele Rätsel. Wichtiger ist jedoch wie das Marschmädchen Kya aufwächst. Immer wieder allein gelassen und verlassen schlägt sie sich durchs Leben. Um weitere Enttäuschungen zu vermeiden, verbringt sie die meiste Zeit allein in der Marsch. Sie hat das Zeichentalent ihrer Mutter geerbt und verwendet es, um das Leben in der Marsch in Bildern wiederzugeben. Außerdem legt sie Sammlungen von Flora und Fauna an, eine Katalogisierung, die ihres Gleichen sucht und doch im Verborgenen bleibt. Ohne Freunde, ohne Komfort, aber dennoch eine gewisse Zufriedenheit strahlt Kya aus. Aus der Not heraus hat sie gelernt, aus dem Wenigen, was sie hat, Freude zu schöpfen.

    Was für ein Buch. Nachdem man es beendet hat, muss man erstmal durchatmen und es ein wenig sacken lassen. Wenn man diese Art von Büchern mag, die sich Menschen, die aus der Gesellschaft gefallen zu sein scheinen, liebevoll widmen, wird man hier ein echtes Kleinod finden. Ein Debütroman, der seines Gleichen sucht. Beim Lesen fühlt man sich in die Marsch hineinversetzt, egal ob man dabei ein Bild aus Amerika vor Augen hat oder auch eines der heimatlichen Marschlandschaften, man spürt die Einsamkeit der Landschaft und die des Mädchens. Man fragt sich, woher die Kleine die Kraft und das Durchsetzungsvermögen nimmt, um zu überleben. Der Wunsch, jemand möge sich ihrer annehmen, sie aufnehmen, ihr ein zu hause geben, bleibt ziemlich unerfüllt, Die Enttäuschungen wiegen doch zu schwer, das zaghaft aufgeflackerte Vertrauen, wird herbe niedergedrückt. Und doch bewundert man Kyas starke Persönlichkeit, sie gibt nicht auf, in ihrem Rahmen schafft sie sich ein Reich der Wärme und Ruhe. Zeit ihres Lebens bleibt sie das Marschmädchen und findet ihre Erfüllung.

    4,5 Sterne