Der Gesang der Flusskrebse: Roman

Rezensionen zu "Der Gesang der Flusskrebse: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Jul 2019 

    Vielleicht könntest du die Möwen füttern ...

    Ein kleines Mädchen verliert innerhalb kürzester/kürzerer Zeit ihre Familienmitglieder; die Mutter und die älteren Geschwister flüchten 1952 vor ihrem Mann und Vater als das Mädchen 6 Jahre alt ist. Der Vater ist durch seinen Charakter, Verlusterfahrungen und Kriegserlebnissen zu einem vom Leben enttäuschten Menschen geworden, der seine negativen Erfahrungen mit Alkohol zu verdrängen/betäuben versucht und darüber zu einem gewalttätigen Alkoholiker mutiert. Ihre Tochter/kleine Schwester nehmen die fliehenden Familienmitglieder nicht mit, weil sie entweder durch ein veränderndes Martyrium gegangen sind oder noch zu jung für solche Entscheidungen sind. Die Kleine wird zur Schule in die nahe gelegene fiktive Kleinstadt Barkley Cove gebracht und erlebt dort das herablassende und verachtende Verhalten der Städter gegenüber der Marschlandbewohnerin. Deswegen beschließt sie nicht mehr in die Schule zu gehen und versteckt sich im Marschland, wenn jemand kommt um sie zu holen. Schlussendlich verschwindet auch der Vater aus dem Leben der kleinen, mittlerweile 10 Jahre alten Catherine Danielle Clark, auch Kya genannt. Nun versucht sich das kleine, aber überaus starke Mädchen selbst durchzuschlagen. Die Clarks sind in das sumpfige Marschland an der Küste North Carolinas gezogen, leben da recht abgeschieden von anderen Menschen und die Kinder der Familie haben recht früh die Natur kennen und meistern gelernt. Dieser Punkt ist für das Überleben des kleinen und intelligenten Mädchens sicher relevant, sie lebt allein, kann sich vor Gefahren gut verstecken und durch ihr Wissen um die Natur über Wasser halten. Nur drei Bewohner von Barkley Cove helfen Kya, einmal der schwarze Jumpin. Betreiber einer kleinen Tankstelle und eines kleinen Ladens und seine Frau Mabel und ein Freund ihres Bruders, Tate Walker. Tate Walker und Kya verbindet ihre Liebe zur Natur/zum Marschland und er lehrt sie schließlich auch das Schreiben/Lesen/Rechnen. Die anderen Bewohner von Barkley Cove schauen auf die Marschlandbewohner herab und Kya bekommt von Ihnen den Spitznamen das Marschmädchen. Kya bemerkt die ablehnende Haltung der Anderen und grenzt sich noch mehr ab, allerdings verändert dieses Eremitendasein auch sie selbst. Um sich abzulenken und gleichzeitig auch um etwas zu haben wofür sie brennt, beginnt Kya schließlich umfangreiche Studien zu Flora und Fauna des Marschlandes. Dies ist der eine Erzählstrang des Buches. Der andere Erzählstrang berichtet über den Tod von Chase Andrews 1969 und daraus resultierende Ermittlungen. Beides wird parallel erzählt.

    Nun muss ich sagen, dass ich von der Sogwirkung dieses Buches wie verzaubert war. Einerseits haben wir hier eine Sprache, die tief berührt und Sätze aufweist, die zum Schmelzen schön sind/den Leser einfach umhauen. Andererseits wird hier eine Ode an die Natur verfasst, vor dem geistigen Auge entsteht das Marschland, man riecht das Meer und hört die Möwen schreien. In diesen so wunderschönen Beschreibungen der Natur spürt man die Liebe der Autorin zur Natur. Und man versteht auch warum in den USA Reese Witherspoon dieses Buch so gelobt hat und auch dadurch zum Erfolg dieses Buches in den USA beigetragen hat. Ich kann nur sagen, lest unbedingt dieses wunderschöne Buch und genießt es!

    Und hoffentlich schreibt die Autorin Delia Owens bald das nächste Buch!

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Jul 2019 

    Eine Liebeserklärung an die Natur

    Der Roman beginnt mit einem Paukenschlag: Im Jahr 1969 wird die Leiche des 31-jährigen Chase Adams entdeckt, der offensichtlich aus großer Höhe vom Feuerwachturm in die Marsch gestürzt ist. Chase ist, obwohl er verheiratet ist, als Frauenheld bekannt. Aufgrund fehlender Spuren geht der Sheriff schnell von einem Tötungsdelikt aus. Der Leser wird über den Verlauf der Untersuchungen auf dem Laufenden gehalten, bis es schließlich zur Gerichtsverhandlung kommt. Dabei spielen auch die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse in Bezug auf den Umgang mit Farbigen und Außenseitern eine große Rolle.

    Die zweite Handlungsebene beginnt im Jahr 1952 und verfolgt das Leben der Protagonistin Kya Clark. Dabei läuft die Zeit weiter, immer näher auf den Zeitpunkt des aktuellen Todesfalls zu. Beide Ebenen wechseln sich kapitelweise ab und es ist zunächst kein Zusammenhang erkennbar.

    Kya Clark lebt mit ihrer Familie im einzigartigen Marschland von North Carolina in einer bescheidenen Hütte. Kya ist 7 Jahre alt, als ihre Mutter das Haus verlässt und niemals wiederkehrt, das ist 1952. Kurze Zeit später verabschieden sich ihre beiden älteren Geschwister, schließlich auch ihr Lieblingsbruder Jodie. Jeder dieser Verluste prägt das Mädchen immens, schließlich ist sie nun ihrem Vater, einem zu Gewalt neigenden Trunkenbold, ausgeliefert. Doch Kya ist stark. Sie macht das Beste aus der Situation, sie kocht, wäscht und versorgt den Haushalt, so gut sie eben kann. Der Vater bessert sich, die beiden entwickeln eine liebevollere Beziehung zueinander. Als jedoch eines Tages ein Brief ihrer Mutter ankommt, verschlechtert sich die häusliche Situation und auch die Tage des Vaters in der Hütte sind gezählt. Fortan muss sich das Mädchen allein durchschlagen. Um der Einsamkeit zu entfliehen, freundet sie sich mit Möwen und Seevögeln an, die sie regelmäßig füttert und mitunter in ihrer Gesellschaft schläft.

    Die Liebe des Mädchens zur Marsch sowie zur Tier- und Pflanzenwelt ihrer Heimat ist faszinierend, sie macht ihr die Einsamkeit erträglich:
    „Die Sonne, warm wie eine Decke, umhüllte Kyas Schultern, lockte sie tiefer in die Marsch. Manchmal hörte sie nachts Geräusche, die sie nicht kannte, oder sie erschrak sich, wenn Gewitterblitze zu nah waren, doch wenn sie stolperte, war da immer das Land, das sie auffing. (…) Kya legte ihre Hand auf die atmende nasse Erde, und die Marsch wurde ihre Mutter.“ (S. 50)

    Kya muss sich nun allein durchschlagen. Um Geld für notwendige Lebensmittel und Bootsbenzin zu bekommen, sammelt und verkauft sie Muscheln an den Farbigen Jumpin´. Er und seine Frau sind die Einzigen, die die Not des Mädchens erkennen und dafür sorgen, dass sie Nahrung und Kleidung bekommt. Die anderen Einwohner des Ortes schauen weg und verspotten das Kind, das zunehmend zur Außenseiterin wird. Kya ist scheu und schreckhaft, sie streift durch das Marschland, möglichst ohne jemandem zu begegnen.

    Mit der Zeit freundet sich Kya mit Tate, einem Freund ihres Bruders Jodie, an. Er bringt ihr Lesen bei. Nun kann sie ihrer bemerkenswerten naturkundlichen Sammlung und ihren detaillierten Zeichnungen auch Texte hinzufügen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte. Doch auch diese Beziehung wird auf die Probe gestellt, als Tate die Schule beendet und 1965 zur Universität gehen muss. Kya bleibt erneut allein zurück.

    An dieser Stelle möchte ich nicht mehr von der Handlung preisgeben. Die Autorin hat durch den Kriminalfall eine konsequente Spannungslinie in den Roman eingewoben. Man fragt sich von Beginn an, was Kya mit dem Tod von Chase Adams zu tun haben könnte. Nach und nach erfährt man als Leser mehr, bis sich beide Handlungsebenen vereinen und alles auf einen spannenden Gerichtsprozess hinausläuft.

    Die Sprache liest sich flüssig und ist von der Liebe zur Natur geprägt. Das beweist schon der erste Satz:
    „ Marschland ist nicht gleich Sumpf. Marschland ist ein Ort des Lichts, wo Gras in Wasser wächst und Wasser in den Himmel fließt.“ (S. 11)
    Beim Lesen wird man immer wieder von wunderbaren Metaphern überrascht. Später darf man sich auch an stimmungsvoller Naturpoesie erfreuen, die Tate und Kya miteinander teilen.

    Die Einsamkeit des Mädchens ist stets fühlbar, aber niemals trostlos. Sie ist eine Kämpferin, die sich nicht unterkriegen lässt. Leider führt ihre Zurückgezogenheit aber auch dazu, dass sie Schwierigkeiten hat, menschliches Verhalten richtig einzuschätzen. Sie ist dabei auf alte Weisheiten ihrer Mutter und Vergleiche aus der Tierwelt angewiesen, die nicht immer passen und sie dann naiv erscheinen lassen. Das macht sie auf den ersten Blick zu einem gutgläubigen Opfer.

    Ich bin sicher, dass dieser Roman breiten Leserschichten sehr gut gefallen wird. Er hat eine Mischung aus Unterhaltung und Anspruch, die ich sehr schätze. Die bildreiche Sprache macht die einzigartige Marschlandschaft mit ihrer Fauna und Flora lebendig. Kya wächst einem von Beginn an ans Herz, man verfolgt ihren Lebensweg mit großem Interesse. Dabei strahlen sie und die anderen Figuren große Glaubwürdigkeit aus. Man kann sich gut in sie hineinversetzen.

    Ich wünsche diesem Roman viele Leser und erteile eine klare Lese-Empfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Jul 2019 

    sehr ergreifender Roman

    Chase Andrews stirbt, und die Bewohner der ruhigen Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen. Kya Clark lebt isoliert im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen. Delia Owens erzählt intensiv und atmosphärisch davon, dass wir für immer die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Und den Geheimnissen und der Gewalt der Natur nichts entgegensetzen können.

    Der Gesang der Flusskrebse ist kein einfaches Buch - sondern ein Buch das unter die Haut geht und die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordert.
    Die Protagonisten sind alle sehr realistisch - Kya ist einer dieser Charaktere der etwas ganz Besonderes ist und mich für sich eingenommen hat.
    Erzählt wird in zwei Perspektiven, nämlich wie Kya heranwächst (Vergangenheit) und in der Gegenwart, in der eine Leiche im Marsch gefunden wird.
    Der verständliche und leicht poetische Schreibstil macht das Buch zu einem wunderbaren und berührenden Leseabenteuer.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Jul 2019 

    Marschmädchen

    Eines Morgens im Jahr 1950 zieht sie die Schuhe aus Krokodillederimitat an und verlässt das Haus. Die damals sechsjährige Kya sieht ihre Mutter nie wieder und nach und nach verschwinden auch ihre Geschwister. Das kleine Mädchen bleibt mit dem mitunter gewalttätigen Vater allein. Es gibt auch gute Tage, doch bald ist auch der Vater fort. Fortan lebt Kya allein in der Marsch, sie will nicht in ein Heim und sie schafft es, den Behörden immer wieder zu entwischen. Hilfe hat sie hin und wieder von dem wenig älteren Tate, der ihr schließlich auch das Lesen und Schreiben beibringt. Und das Wenige, was sie zu verkaufen hat, bringt sie in den Laden von Jumpin’, einem liebenswerten Schwarzen.

    Als im Jahr 1969 der Platzhirsch des Ortes Chase Andrews tot aufgefunden wird, weiß man nicht, ob es der Beginn, das Ende oder die Mitte der Geschichte ist. Um seinen Tot ranken sich viele Rätsel. Wichtiger ist jedoch wie das Marschmädchen Kya aufwächst. Immer wieder allein gelassen und verlassen schlägt sie sich durchs Leben. Um weitere Enttäuschungen zu vermeiden, verbringt sie die meiste Zeit allein in der Marsch. Sie hat das Zeichentalent ihrer Mutter geerbt und verwendet es, um das Leben in der Marsch in Bildern wiederzugeben. Außerdem legt sie Sammlungen von Flora und Fauna an, eine Katalogisierung, die ihres Gleichen sucht und doch im Verborgenen bleibt. Ohne Freunde, ohne Komfort, aber dennoch eine gewisse Zufriedenheit strahlt Kya aus. Aus der Not heraus hat sie gelernt, aus dem Wenigen, was sie hat, Freude zu schöpfen.

    Was für ein Buch. Nachdem man es beendet hat, muss man erstmal durchatmen und es ein wenig sacken lassen. Wenn man diese Art von Büchern mag, die sich Menschen, die aus der Gesellschaft gefallen zu sein scheinen, liebevoll widmen, wird man hier ein echtes Kleinod finden. Ein Debütroman, der seines Gleichen sucht. Beim Lesen fühlt man sich in die Marsch hineinversetzt, egal ob man dabei ein Bild aus Amerika vor Augen hat oder auch eines der heimatlichen Marschlandschaften, man spürt die Einsamkeit der Landschaft und die des Mädchens. Man fragt sich, woher die Kleine die Kraft und das Durchsetzungsvermögen nimmt, um zu überleben. Der Wunsch, jemand möge sich ihrer annehmen, sie aufnehmen, ihr ein zu hause geben, bleibt ziemlich unerfüllt, Die Enttäuschungen wiegen doch zu schwer, das zaghaft aufgeflackerte Vertrauen, wird herbe niedergedrückt. Und doch bewundert man Kyas starke Persönlichkeit, sie gibt nicht auf, in ihrem Rahmen schafft sie sich ein Reich der Wärme und Ruhe. Zeit ihres Lebens bleibt sie das Marschmädchen und findet ihre Erfüllung.

    4,5 Sterne