Der Fluss ist eine Wunde voller Fische: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Fluss ist eine Wunde voller Fische: Roman' von Lorena Salazar
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4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Fluss ist eine Wunde voller Fische: Roman"

Ein außergewöhnliches Debüt von Kolumbiens literarischem Shooting-Star Eine junge Mutter und ihr Sohn durchqueren in einem kleinen Boot den strömenden Fluss Atrato in Kolumbien. Sie ist weiß, er ist schwarz. Die beiden sind auf dem Weg zur leiblichen Mutter und im Laufe der Fahrt erfahren wir ihre gemeinsame Geschichte. Dabei fließt die Erzählung wie der Fluss, der sie trägt. Er ist die Ader der Landschaft, eines Urwalds voller Früchte, Tiere und Düfte, aber auch die Ader des menschlichen Lebens. Als der Junge entscheidet, bei wem er leben möchte, nimmt der Roman eine unerwartete Wendung ... Eine literarische Reise von großer Sinnlichkeit über die Zartheit des Mutterseins, die Kraft der Freundschaft und über die Abgründe, die unsere Herkunft mit sich bringen kann.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:176
Verlag: Blumenbar
EAN:9783351051044

Rezensionen zu "Der Fluss ist eine Wunde voller Fische: Roman"

  1. 5
    20. Mai 2022 

    Gefühlsdschungel, Zugehörigkeit, Schwesternschaft und Dunkelheit

    Wieder ein Buch, welches in Südamerika handelt. Diesmal entführt Lorena Salazar die Leserschaft nach Kolumbien, an den Rio Atrato im Chocó Department. Und hier ist sie wieder die blumige und etwas verträumte und ebenso etwas mystische Sprache der Lateinamerikaner. Lorena Salazar hat mit ihrem Roman in Kolumbien viel Aufmerksamkeit erfahren und ich kann dies nachvollziehen nach der Lektüre dieses wunderbaren Buches. Denn da ist eine ganz eigene Kraft, ein ganz besonderer Lesesog.

    Eine Mutter besteigt mit ihrem Sohn als Ich-Erzählerin ein Kanu, sie wollen auf dem Rio Atrato reisen, zur leiblichen Mutter des Jungen. Diese hatte den Jungen als Baby der Ziehmutter überlassen, weil sie ihn nicht versorgen konnte, jetzt möchte sie ihn sehen. Das ruft natürlich Ängste bei der Ziehmutter hervor, sie fühlt sich als Mutter des Jungen und hat Angst ihn zu verlieren. Aber nicht nur die Mutterschaft ist ein Thema. Die Mutter ist weiß und der Sohn ist Afrokolumbianer, das erzeugt Blicke, eine zerstörerische Aufmerksamkeit. Die Ich-Erzählerin ist sich ihrer Nichtzugehörigkeit zur afrokolumbianischen und indianischen Bevölkerung Kolumbiens bewusst, sollte in der Schule, im schulischen Theater den Part des weißen Eroberers übernehmen, was sie nicht wollte. Sie wollte eher der Mehrheit angehören, nicht marginalisiert sein, nicht weiß sein, nicht zu den Bösen gehören. Und dieses Denken in der Schulzeit ist immer noch bei der Ich-Erzählerin zu finden, sie bemerkt immer noch bei sich einen Mangel, ein Manko. Als ich im Netz gelesen hatte, dass der Autorin vorgeworfen wurde rassistisch zu sein, weil sie die schwarze Hautfarbe erwähnt und sehr in den Vordergrund stellt, war ich verblüfft und fragte mich, ob die Ankläger das Buch gelesen und auch verstanden haben. Auch wurde ihr vorgeworfen über etwas zu schreiben was sie nicht kennt, weil sie nicht im Chocó Department geboren wurde, sondern in Medellín. Aber ihre Mutter stammt aus dem Chocó Gebiet, von daher kennt sie vielleicht doch einiges und mal ganz ehrlich. Schreibt eigentlich jeder Autor von Dingen, die er kennt und müssen Autoren dies tun? Wäre da die literarische Welt nicht ärmer? Nun gut, zurück zum Thema, ich konnte die Gedanken der Ich-Erzählerin verstehen. Dazu sollte man auch wissen, im Chocó Department lebt eine Bevölkerung, die aus 82 % Afrokolumbianern, 13 % Indianern und 5 % Weißen besteht.

    Das Ende ist dann einerseits interessant, wenn man das Miteinander von Mutter, Ziehmutter und Sohn betrachtet und andererseits wieder absolut schockierend, aber im Titel des Buches ist das Wort Wunde enthalten, dass ich immer als Wunder lesen wollte und gelesen habe und diese Wunde offenbart sich am Ende. Und damit ist in diesem Buch auch noch eine weitere Gesellschaftskritik enthalten.

    Und das ganze Buch hat diesen wunderschönen lyrisch-poetischen Klang, der die der Autorin zuteil gewordene Aufmerksamkeit in meinen Augen vollkommen rechtfertigt.

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  1. 4
    17. Apr 2022 

    Eine Erzählung wie ein Fluss, träge und tückisch zugleich...

    Eine junge Mutter und ihr Sohn durchqueren in einem kleinen Boot den strömenden Fluss Atrato in Kolumbien. Sie ist weiß, er ist schwarz. Die beiden sind auf dem Weg zur leiblichen Mutter und im Laufe der Fahrt erfahren wir ihre gemeinsame Geschichte. Dabei fließt die Erzählung wie der Fluss, der sie trägt. Er ist die Ader der Landschaft, eines Urwalds voller Früchte, Tiere und Düfte, aber auch die Ader des menschlichen Lebens. Als der Junge entscheidet, bei wem er leben möchte, nimmt der Roman eine unerwartete Wendung ... Eine literarische Reise von großer Sinnlichkeit über die Zartheit des Mutterseins, die Kraft der Freundschaft und über die Abgründe, die unsere Herkunft mit sich bringen kann. (Klappentext)

    "In dem Buch geht es im Wesentlichen um Zugehörigkeit", so verrät die Autorin Lorena Salazar in einem Interview. Das Thema Mutterschaft, die kolumbianische Region Chocó, der Dschungel, das Leben mit und an dem Fluss Atrato bilden den Rahmen für das Hauptthema, das die Protagonistin zeitlebens schon beschäftigt. Als Weiße unter überwiegend Schwarzen ist diese Zugehörigkeit nicht einfach zu erreichen.

    Die junge Mutter hat sich mit ihrem schwarzen Sohn in einem Boot auf den Weg flussabwärts gemacht. Ziel ist ein kleines Dorf, in dem die leibliche Mutter des Jungen lebt, die ihren Sohn vor Jahren der weißen Frau in die Arme gelegt und diese gebeten hat, auf ihn achtzugeben. Das hat sie getan, all die Jahre, hat ihm viel gegeben, Liebe, Zuwendung, Pflege, Geborgenheit. In dem Roman bleibt der Kleine namenlos, wird nur "der Junge" genannt. Und doch ist die Liebe der Mutter zu ihm nahezu greifbar. Und die Angst vor dem, was geschehen mag, wenn das Boot das Ziel erreicht hat.

    Während der mehrtägigen Fahrt erhält der Leser einen Einblick in das Zusammenleben der weißen Mutter und des schwarzen Jungen, in ihre vergangenen gemeinsamen Jahre, in die Kindheit der Protagonistin, aber auch eine Vorstellung von dem, was ein Leben an dem Fluss im tropischen Regenwald bedeutet. Als einzige Verkehrswege dienen dort nahezu nur die natürlichen Wasserstraßen, vor allem eben der Atrato. Aber der Fluss ist so viel mehr, er ist der Lebensraum für unzählige Menschen und bedeutet Nahrung, Wäsche, Leben und Tod. Dies erfährt die Ich-Erzählerin hautnah während der langsamen Fahrt den Fluss hinab.

    Behäbig wie der Fluss treibt auch die Erzälhung dahin. Träge und dumpf die Stunden auf dem Boot, bedächtig die Rückblenden in die Vergangenheit von Mutter und Sohn. Beschaulich, bildhaft und stellenweise nahezu poetisch passt sich der Schreibstil dem Geschehen und der der Schwüle geschuldeten Trägheit an. Das ist äußerst stimmig - und trügerisch. Denn unter der Trägheit lauert durchaus etwas Tückisches, das die ruhige Oberfläche des Stroms nicht vermuten lässst. Das Ende ist definitiv unerwartet erschütternd.

    Ein beeindruckendes Debüt präsentiert Lorena Salazar hier, das einen interessanten und gleichzeitig bedrückenden Einblick in die (Un-)Tiefen des kolumbianischen Dschungels bietet. Ein Roman, der das Lesen entschleunigt, bis der Knall am Ende für ein heftiges Erwachen sorgt.

    Interessant, sprachlich versiert, glaubhaft komponiert.

    © Parden

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  1. 3 Sterne

    Klappentext:

    „Eine junge Mutter und ihr Sohn durchqueren in einem kleinen Boot den strömenden Fluss Atrato in Kolumbien. Sie ist weiß, er ist schwarz. Die beiden sind auf dem Weg zur leiblichen Mutter und im Laufe der Fahrt erfahren wir ihre gemeinsame Geschichte. Dabei fließt die Erzählung wie der Fluss, der sie trägt. Er ist die Ader der Landschaft, eines Urwalds voller Früchte, Tiere und Düfte, aber auch die Ader des menschlichen Lebens. Als der Junge entscheidet, bei wem er leben möchte, nimmt der Roman eine unerwartete Wendung ... Eine literarische Reise von großer Sinnlichkeit über die Zartheit des Mutterseins, die Kraft der Freundschaft und über die Abgründe, die unsere Herkunft mit sich bringen kann.“

    Allein der Titel ist so herrlich klangvoll und genau so sprachlich außergewöhnlich geht es auch in der Geschichte selbst weiter. Autorin Lorena Salazar begibt sich mit ihrem Debüt auf ein sehr hohes Sprachniveau und begeistert damit ihre Leserschaft. Ganz zurecht, denn so etwas liest man nicht alle Tage. Sie geht ein wenig lyrisch, ein wenig philosophisch und eben bildhaft in der Sprache an den Leser heran. Alles ist hier sehr gut eingewoben. Die Erzählung ihrer Geschichte bekommt dadurch einen Rahmen für sich. Ihre Protagonisten sind ihre Akteure, denn sie erleben hier nichts vorhersehbares und Salazar gibt ihnen einen außergewöhnlichen Takt vor. Die weiße Mutter mit dem schwarzen Kind zeigen es bildhaft eigentlich schon auf: der Mensch denkt genau so und nicht bunt und vielfältig. Die beiden erleben darauf hin verschiedene Situationen auf ihrer Reise die immens zum nachdenken anregen. Fest steht aber, die Reise hat als Ziel die leibliche Mutter. Was zwar hier und da engstirnig gedacht ist, wird durch die bunten Begebenheiten am Flussufer und durch die Natur und Tierwelt wett gemacht. Salazar gibt mit ihrer wunderbaren Sprache aber eben auch viele Bilder vor und viele davon sind so herrlich zweideutig, das es nur so ein Fest ist. Aber und nun kommt das große ABER: der Schluss der Geschichte wird schon als große Wendung beschrieben und ja, genau die tritt auch ein, aber sie kommt einfach so verworren, so schnell und so übereilt daher, dass es für meine Begriffe die komplette Geschichte verrissen hat.

    Viele Themen spricht Salazar hier an und mit ihrer Sprachkunst bleibt sie definitiv im Gedächtnis der Leser, mit ihrer aktuellen Geschichte aber leider weniger. Ich vergebe gute 3 von 5 Sterne.

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