Der Fall Arbogast: Roman

Rezensionen zu "Der Fall Arbogast: Roman"

  1. Der indizierte Kälberstrick

    In den 50er Jahren der Bundesrepublik kam es zu einer lebenslangen Haftstrafe für Hans Hetzel, der einen "Lustmord" an der 25jähringen Magdalena Gierth begangen haben soll. Aufgrund von Indizien und einer Vorstrafe des Angeklagten, ging die Staatsanwaltschaft von Sadismus aus, bei dem Hetzel die Anhalterin mit einem Kälberstrick erdrosselt haben soll. Und obwohl Hetzel sich selbst der Polizei stellte und den Geschlechtsverkehr mit Magdalena zugab, bleibt der weitere Verlauf des Tatabends in Widersprüchen und Vorverurteilungen verstrickt. Erst nach 14 Jahren plus 2 Jahren Untersuchungshaft wird Hetzel nach einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen.

    In Hettches Roman wird aus Hans Hetzel besagter Hans Arbogast und aus seinem Opfer die verheiratete Flüchtlingsfrau aus der DDR, Marie Gurth. Die Handlung beginnt mit dem Tag des Unglücks, an dem Arbogast die Anhalterin in seinem Borgward aufliest und mitnimmt und sie dann auch, wie er immer wieder betont, freiwillig mehrmals den Akt mit ihm vollzieht. Beim letzten Akt allerdings, bricht Marie plötzlich leblos zusammen. Hans ist panisch und kopflos, verbringt die Leiche an einen anderen Ort, in die Nähe des Platzes, wo kurz zuvor schon zwei Frauenleichen gefunden wurden. Nachdem die Leiche entdeckt wird, stellt sich Hans der Polizei und berichtet, diese Frau getroffen und mitgenommen zu haben. Erst nach und nach rückt er mit weiteren Einzelheiten heraus. Dieses verstockte Verhalten, Indizien an der Leiche (besagte Kälberstrickmale), werden ihm, trotz der ersten Diagnose des Leichenbeschauers, die Frau sei an Herzversagen gestorben, zum Verhängnis. Der Fall sorgt für Aufsehen, die Presse stürzt sich sensationlüstern darauf, aber auch Anwälte, Gutachter und Pathologen interessieren sich für den Fall, der allzu ungenau abgehandelt worden zu sein scheint. Mehrere Wiederaufnahmeverfahren werden abgeschmettert, bis sich sogar die Pathologie der Charité einschaltet und neues Licht auf die Fakten wirft.

    Eine spannende Geschichte, die einige interessante Einblicke in die Arbeit von Anwälten und deren taktisches Vorgehen, aber auch erstaunliche Details aus der Pathologie mit ihren "gruseligen" Techniken gewährt.

    Ein wenig verstörend war die in Hettches Roman weibliche Pathologin, im echten Fall war es ein Mann, die sich derart in den Fall hineinkniet, dass sie sogar Arbogast zum Geschlechtsverkehr animiert, nur um sich in das Opfer hineinfühlen und den "Täter" besser beurteilen zu können. Das gibt dem Roman eine pikante, aber in meinen Augen unwahrscheinliche Note.

    Der Zeitgeist der jungen Bundesrepublik, das deutsch-deutsche Flüchtlingsthema, die verknöcherte Moral mit der daraus resultierenden Blindheit für nackte Tatsachen in Justiz und Gesellschaft macht dieses Manko aber schnell wett. Ich war fasziniert von den kleinen Details, insbesondere in der Pathologie und konnte mir sehr gut die Zeiten vor DNA-Analysen und Smartüberwachung vorstellen. Auch rechne ich es Hettche hoch an, dass der letztendlich nicht alle Zweifel fiktional ausgeräumt hat und den Fall als solches stehen ließ.