Der Empfänger: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Empfänger: Roman' von Ulla Lenze
4
4 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Empfänger: Roman"

Ein deutscher Auswanderer in New York – im Spionagenetzwerk der deutschen Abwehr Ulla Lenze legt einen wirkmächtigen Roman über die Deutschen in Amerika während des Zweiten Weltkriegs vor. Die Geschichte über das Leben des rheinländischen Auswanderers Josef Klein, der in New York ins Visier der Weltmächte gerät, leuchtet die Spionagetätigkeiten des Naziregimes in den USA aus und erzählt von politischer Verstrickung fernab der Heimat. Vor dem Kriegseintritt der Amerikaner brodelt es in den Straßen New Yorks. Antisemitische und rassistische Gruppierungen eifern um die Sympathie der Massen, deutsche Nationalisten feiern Hitler als den Mann der Stunde. Der deutsche Auswanderer Josef Klein lebt davon relativ unberührt; seine Welt sind die multikulturellen Straßen Harlems und seine große Leidenschaft das Amateurfunken. So lernt er auch Lauren, eine junge Aktivistin, kennen, die eine große Sympathie für den stillen Deutschen hegt. Doch Josefs technische Fähigkeiten im Funkerbereich erregen die Aufmerksamkeit einflussreicher Männer, und noch ehe er das Geschehen richtig deuten kann, ist Josef bereits ein kleines Rädchen im Getriebe des Spionagenetzwerks der deutschen Abwehr. Josefs verhängnisvoller Weg führt ihn später zur Familie seines Bruders nach Neuss, die den Aufstieg und Fall der Nationalsozialisten aus der Innenperspektive erfahren hat, und letztendlich nach Südamerika, wo ihn Jahre später eine Postsendung aus Neuss erreicht. Deren Inhalt: eine Sternreportage über den Einsatz des deutschen Geheimdienstes in Amerika.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
Verlag: Klett-Cotta
EAN:9783608964639

Rezensionen zu "Der Empfänger: Roman"

  1. Ein deutscher Untertan

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 29. Jul 2020 

    Das ist ein Buch, mit dem ich nicht so richtig warm geworden bin. Einmal gibt es wieder diese kühle und empathiearme Art des Schreibens, die mir immer wieder missfällt. Und zum anderen gibt es einen etwas gewöhnungsbedürftigen Hauptcharakter, Josef Klein. Dieser Mensch kommt in den 1920ern in die USA, sucht sich eine Arbeit, kommt mehr schlecht als recht über die Runden, die einzigen Höhepunkte in seinem unbedeutenden Leben ist das Amateurfunken und die Treffen mit Lauren. Diese Frau teilt sein Interesse am Funken. Aber nicht nur mit Lauren kommt er in Kontakt durch seine Leidenschaft. In den 1940ern kommt Josef oder Joe Klein mit spionierenden, nationalsozialistischen Deutschen in Kontakt und arbeitet schließlich für sie. Einerseits fragt er sich schon ob sein Handeln richtig ist, andererseits ist er recht wankelmütig in der Entscheidungsfindung, ist er ein Untertan. Man merkt ihm seine Sozialisation an, seine Schwierigkeiten mit der Einordnung von richtigem und falschem Verhalten machen ihn in meinen Augen nicht zu einem Sympathieträger, dennoch symbolisiert er sicher auch einen recht großen Teil der deutschen Bevölkerung. Erst durch fremdes Zutun wird Josef zu Entscheidungen gezwungen. Entscheidungen, die einen Kontakt zum FBI bedingen, zu einem Aufenthalt im Gefängnis führen, ihn wieder zu seinem Bruder Carl nach Deutschland bringen und weitere Abgründe aufbrechen lassen. Dennoch ringt Josef weiter mit seinen Entscheidungen und folgt schließlich seinen, in den 1940ern gefundenen "Freunden" nach Costa Rica, wo er als Jose Klein agiert. Dieses gesamte Konglomerat macht mir Josef Klein nicht gerade sympathisch, aber auch sein Umgang mit seiner Umgebung ist in keiner Form für mich nachvollziehbar und/oder zufriedenstellend. Vom geschichtlichen Aspekt ist "Der Empfänger" ein wichtiges und informatives Buch, war ich doch beim Thema deutsche Spionage im 2. Weltkrieg in den USA eher nicht so bewandert. Letztendlich erreichen konnte mich die Schreibe von Ulla Lenze nicht so richtig, das Personal war in meinen Augen eher unbefriedigend, einzig die Thematik war interessant. Schade!

  1. Kleiner Mann, was tun?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Mai 2020 

    Mitte der 20er Jahre wandert Josef Klein von Deutschland nach Amerika aus. Er bezieht in Harlem eine kleine Wohnung, bekommt einen Job in einer Druckerei. Er führt ein zurückgezogenes Leben, mag Jazz, ist begeisterter Amateurfunker und verliebt sich in Lauren. Es ist die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die Stimmung in den Straßen New Yorks aufgeheizt. Aufgrund seines Hobbys erregt Josef Aufmerksamkeit und so findet er sich mitten im deutschen Spionagenetz wieder.
    Die deutsche Autorin Ulla Lenze erzählt die Geschichte von Josef Klein in Stückwerken, nicht chronologisch, die Kapitel sind zeitlich und örtlich überschrieben, damit kann man dem Handlungsverlauf gut folgen „Der Empfänger“ ist ein historischer Roman, ein Stück brachliegender Zeitgeschichte, und beruht auf der Biografie des Großonkels der Verfasserin. Ulla Lenzes Sprache ist klar, schnörkellos, der Roman eine fiktionale Dokumentation.
    Josef Klein ist ein sprichwörtlich kleiner Mann. In Amerika will er seiner Herkunft entfliehen, dem beengten Kleinbürgertum, den Erinnerungen an einen brutal schlägernden Vater. Er ist unscheinbar. Man sagt ihm Ähnlichkeit mit Bing Crosby nach, oder auch mit Heinz Rühmann, oder auch mit niemand, den man kennt. Genau das will Josef –später Joe – auch sein, ein Niemand, der in der multikulturellen Gesellschaft New Yorks aufgeht. Doch zwangsläufig gerät er in Kontakt mit anderen Deutschamerikanern. Viel zu spät erkennt er, dass er seine Fähigkeiten als Funker nazideutschen Spionen zur Verfügung stellt. Er wird zu einem Spielball in einem Gefüge, das zu groß für Josef Klein ist. Aus Angst vor den Nazis wendet er sich ans FBI, wird Doppelspion, später interniert und nach dem Krieg aus den USA ausgewiesen.
    Für kurze Zeit kehrt er zu seinem Bruder Carl und dessen Familie nach Deutschland zurück. In Amerika war er unerwünscht, in Deutschland ist er es ebenso. Er ist heimatlos, entwurzelt. Als Carl, ein Kaufmann mit Krämerseele, immer wieder über Josefs Vergangenheit Bescheid wissen will, muss Josef sich selbst gegenüber Rechnung legen.
    Kleiner Mann, was tun? - Der unscheinbare kleine Mann bleibt flüchtig, sein Verhalten ist in keine Form zu gießen. Kollaborateur, Verräter, Widerständler? Josef Klein bezieht nicht klar Position. Die Signale, die er sendet sind chiffriert, uneindeutig. Er bleibt letztlich Empfänger von Anordnungen.

  1. interessante Kriegsgeschichte

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Mär 2020 

    Josef Klein lebt in New York und hätte sich selber als unpolitisch einkategorisiert. Das ändert sich aber, als Hitler an die Macht in Deutschland kommt. Sein Hobby das Funken hilft dann dazu bei, dass er im Bereich Spionage immer tiefer mit hineingezogen wird in das Spionagenetzwerk der Nazis.

    Das Buch ist in 3 Zeitstränge unterteilt - diese Kategorisierung ist gut passend. In diesem Buch erhält man die Möglichkeit als Leser, den Nationalsozialismus aus einer anderen Perspektive kennen zu lernen und zu betrachten. Ich persönlich finde es wichtig, dass nach wie vor Bücher mit diesen Themen veröffentlicht werden, um auch die neuen Generationen zu informieren.

    Ich habe das Buch gerne gelesen und fand es sehr interessant. Jedoch sind mir persönlich die Personen das ganze Buch hindurch sehr fremd gewesen und auch das Ende lässt leider sehr viel offen - ich persönlich bevorzuge abgeschlossene Bücher.

  1. Interessant und lesenswert

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Feb 2020 

    "Der Reichtum eines Menschen lässt sich daran bemessen, wie viel er entbehren kann, ohne seine gute Laune zu verlieren".

    Das ist der Lieblingssatz von Josef Klein, der in den zwanziger Jahren aus dem Rheinland in die USA auswandert. Dort angekommen kann man erfahren, wie schwer es für ihn ist dort Fuß zu fassen. Ohne Geld, ohne persönliche Dinge tingelt er durch New York. Es ist einem Zufall zu verdanken, dass er durch Fürsprache bei einem Deutschen einen Job in einer Druckerei bekommt. Das Leben ist trotz des Jobs hart, aber Joe lässt sich nicht unterkriegen. Seine große Leidenschaft ist das Funken und Morsen. Das wiederum bleibt den Deutschen in Amerika nicht unbemerkt. Plötzlich ist er im Mittelpunkt ihres Interesses und soll mal schnell ein paar Daten, natürlich handelt es sich um Warenbewegungen - so wird es ihm erklärt, nach Deutschland funken. Es dauert ein wenig, bis er bemerkt, dass er plötzlich ein winziges Rädchen im Spionagenetz der deutschen Abwehr ist. Aber das wollte er doch eigentlich nicht, er liebt Amerika und will dort leben.

    Ob es ihm gelingt sich doch noch den Deutschen zu entziehen, warum er dann plötzlich nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wieder in Deutschland bei seinem Bruder auftaucht und vor allem warum er Jahre später dann in Südamerika lebt, das sollte jeder selbst lesen.

    Für mich ist dieser Josef Klein ein Stehaufmännchen. Er lässt sich von Niederlagen nicht unterkriegen und er ist auch kein Mensch der mit seinem Schicksal hadert. Irgendwie gelingt es ihm immer wieder das Beste aus der Situation zu machen. Insofern ist es ihm in seinem Leben gelungen seinen Lieblingsspruch, den ich eingangs zitiert habe, genauso zu leben.

    Für mich war das ein interessantes Buch über eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Ich empfehle es sehr gerne und vergebe verdiente vier Lesesterne.

  1. Wenig bekanntes Kapitel deutscher Geschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Feb 2020 

    Die renommierte Autorin Ulla Lenze hat die Lebensgeschichte ihres Großonkels in einem Roman verarbeitet.
    Der Protagonist Josef Klein wandert 1925 als 22- Jähriger in die USA aus. Eigentlich sollte sein jüngerer Bruder Carl mitkommen. Doch der verliert durch einen Unfall ein Auge und das bedeutet den Verlust der Einreisegenehmigung. Nun muss sich Josef allein in New York zurechtzufinden. Doch er findet Arbeit in einer Druckerei und eine kleine Wohnung in Harlem. Seine große Leidenschaft gehört der Amateurfunkerei. Das eröffnet dem Einzelgänger den Kontakt zur weiten Welt. Dabei lernt er auch Lauren kennen, eine junge Amerikanerin.
    Durch seine Arbeit in der Druckerei hat Josef Umgang mit verschiedenen politischen Gruppierungen, wie z.B. „America for white people “, die offen ihre Sympathien für Nazi- Deutschland zeigen. Auch unter den deutschen Einwanderern finden sich viele Anhänger Hitlers. Josef verteilt zwar die Flugblätter, die Parolen darauf gehen ihm aber zu weit. Und eigentlich interessiert er sich wenig für Politik, hat zu vielem keine eigene Meinung.
    Wegen seiner Funkertätigkeit wird er interessant für bestimmte Kreise , die für die deutsche Abwehr arbeiten. Anfangs glaubt Josef noch, es gehe um Informationen für deutsche Firmen, aber bald ist offensichtlich, wofür er in seiner Naivität missbraucht wird. Seine Freundin Lauren durchschaut die Situation früher als er. Doch ein Ausstieg stellt Josef vor große Herausforderungen.
    Neben der Handlung in den USA gibt es noch eine weitere Erzählebene, die 1949 in Deutschland spielt. Josef ist zu Besuch bei seinem Bruder und dessen Familie. Aber er fühlt sich fremd in der alten Heimat; erkennt sie kaum wieder nach den Zerstörungen im Krieg. Auch die Enge in Carls Familie bedrückt ihn. Das Verhältnis zwischen den beiden Brüdern ist angespannt. Zwar ist Carl dankbar für die Care- Pakete, die Josef nach dem Krieg geschickt hat. Doch weshalb war sein Bruder in Amerika inhaftiert? Nur nach und nach erzählt Josef von den Machenschaften, in die er verstrickt war. Die Beziehung zwischen den beiden Männern bleibt weiter angespannt. Zu viel Verschwiegenes, zu viel unausgesprochene Vorwürfe stehen zwischen ihnen. Josef verlässt Deutschland wieder. Mit Hilfe alter Nazi - Seilschaften gelingt ihm die Einwanderung nach Argentinien. Aber hier schafft Josef den Absprung. Nicht noch einmal lässt er sich von diesen Leuten missbrauchen. Er zieht weiter nach Costa Rica. Dort spielt dann auch die Rahmenhandlung im Jahr 1953.
    Ulla Lenze hat einen ungeheurer vielschichtigen Roman geschrieben über ein wenig bekanntes Kapitel deutscher Geschichte. Sie hat genau recherchiert und beschreibt eine Menge Details . Dabei erfährt der Leser sehr viel über die Lage und die Atmosphäre in den USA kurz vor und während des Zweiten Weltkriegs. „Der Empfänger“ ist nun aber kein spannender Spionagethriller, eher das Psychogramm eines kleinen Mannes ( nicht umsonst heißt der Protagonist Josef Klein ), der unversehens in die Machenschaften der großen Politik verstrickt wird. Dabei weiß er selbst nicht genau, ob er Täter oder eher Opfer war. Der „ Held“ bleibt wie auf dem Cover eher eine schemenhafte Figur, voller innerer Zerrissenheit und Widersprüche. Die Sprache ist meist nüchtern und klar, dazwischen gibt es immer wieder Stellen voller Poesie.
    „Der Empfänger“ ist ein klug komponierter, zeitgeschichtlich interessanter Roman, dessen Figuren dem Leser aber nicht wirklich nahekommen.
    Für historisch interessierte Leser! ( Ich schwanke zwischen 4 oder 5 Punkten )