Der ehemalige Sohn

Buchseite und Rezensionen zu 'Der ehemalige Sohn' von Sasha Filipenko
3.7
3.7 von 5 (14 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der ehemalige Sohn"

Eigentlich sollte der junge Franzisk Cello üben fürs Konservatorium, doch lieber genießt er das Leben in Minsk. Auf dem Weg zu einem Rockkonzert verunfallt er schwer und fällt ins Koma. Alle, seine Eltern, seine Freundin, die Ärzte, geben ihn auf. Nur seine Großmutter ist überzeugt, dass er eines Tages wieder die Augen öffnen wird. Und nach einem Jahrzehnt geschieht das auch. Aber Zisk erwacht in einem Land, das in der Zeit eingefroren scheint.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
EAN:9783257071566

Rezensionen zu "Der ehemalige Sohn"

  1. Belarus im Koma

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Mai 2021 

    Minsk, 1999⁣

    Franzisk, kurz ‘Zisk’, ist Schüler am Staatlichen Lyzeum der Künste, doch statt Cello zu üben, geht er lieber auf den Bolzplatz oder hängt mit seinen Freunden rum. Daher steht er zur Verzweiflung seiner Großmutter, bei der er lebt, immer haarscharf davor, wegen seines Mangels an Einsatz oder Fleiß rauszufliegen. Sogar Bestechung hat ihre Grenzen.⁣

    “Und wenn mir etwas zustößt? Wenn das meine letzte Gelegenheit ist?” ⁣

    Damit erschleicht Zisk sich manchmal ihre Erlaubnis, rauszugehen. Und da draußen ist das Land scheinbar im Umsturz: die Menschen protestieren, die Bevölkerung erhebt sich gegen die Diktatur von Aljaksandr Lukaschenka… Spannende Zeiten, beunruhigende Zeiten. Und dann stößt Franzisk wirklich etwas zu, und er fällt ins Koma.⁣

    So wie das ganze Land.⁣

    Es ist nur die Hartnäckigkeit seiner Großmutter, die Franzisk am Leben erhält, indem sie sich strikt weigert, ein Ausschalten der Maschinen auch nur in Erwägung zu ziehen. Auch wenn er es in seinem tiefen Schlaf nicht wahrnimmt, ist sie der fragile silberne Faden, an dem er hängt – der letzte Mensch, der noch daran glaubt, dass er irgendwann wieder die Augen aufschlagen wird.⁣

    Und umgekehrt ist er ihre ganze Welt, ihr einziger Lebenssinn. Für ihn atmet sie, für ihn sorgt sie wenigstens notdürftig für sich selbst. Ohne Franzisk will sie nicht sein, kann sie nicht sein. Sie kämpft mit den Ärzten, mit den Schwestern, sie probiert eine Methode nach der anderen aus, mit der irgendwo irgendjemand aus dem Koma erweckt wurde. In ihrer Verzweiflung greift sie nach jedem Strohhalm.⁣

    Doch Zisk schläft.⁣

    Das Krankenzimmer ist eine Blase in der Zeit, in der Großmutter und Enkel gefangen sind, während draußen die Zeit vergeht – und die Umstände sich dennoch nie ändern. Zisks Koma spiegelt das Koma eines ganzen Landes, die Machtlosigkeit eines Volkes.⁣

    Ein geschickter Schachzug: die Großmutter erzählt ihm von der Welt da draußen, damit er es leichter hat, wenn er endlich aufwacht, und auch andere Menschen vertrauen sich ihm bedenkenlos an. Denn er liegt ja im Koma, er kann nichts verraten, er wird sie nicht wegen Systemkritik anschwärzen. In diesen Erzählungen schwingt die Gesellschaftskritik an den Umständen in Belarus mit, die der Roman transportieren will. Es sind die Absurditäten, die die uns fremde Normalität greifbar machen: zum Beispiel, dass die Menschen den Rettungswagen rufen, um umzuziehen, weil das billiger ist als eine Fahrt im Möbelwagen – was sagt das über den Wert des menschlichen Lebens?⁣

    Die Sprache fängt die Lebenswelten der Protagonisten mit oft recht kurzen Sätzen knapp und prägnant ein. Die Worte sind mal nüchtern, mal drängend, mal hektisch und fiebrig, das erwischt manche Leser:innen womöglich erstmal auf dem falschen Fuß. Da wird man reingeschmissen wie in kaltes Wasser. Aber dynamisch ist das immer, die Sprache wirkt nie wahllos oder vergeudet. Passt, liest sich wie aus einem Guss.⁣
    »Siehst du, all das müsste man hinausschreien…«⁣

    Filipenko bringt die Umstände gnadenlos auf den Punkt. Die der einzelnen Charaktere, die der politischen Lage. Da, wo er den Blick der Leser:innen hinlenkt, ist alles glasklar, scharf umrissen, oft satirisch übersteigert und plakativ. Er prangert die Absurditäten eines Regimes an, das sein eigenes Volk in steter Zensur erstickt, wenn nötig, mit menschenverachtender Gewalt.⁣

    Das merkt man vor allem an den Nebencharakteren, die zum Teil wirken wie die Personifizierungen bestimmter Krisen und Missstände. Manchmal ist das haarscharf davor, zu überzeichnet zu sein, um die Leser:innen noch zu berühren, manchmal überschreitet der Autor diese Grenze. Doch diese Menschen werden als das fatale Ergebnis eines unmenschlichen Systems gezeichnet, da steckt sehr viel Wahrheit drin.⁣

    Im Kontrast dazu wirken die Großmutter und Franzisk (in den Szenen, in denen er wach ist) nur allzu glaubhaft und echt. Die Einsamkeit der Großmutter ist mit Händen zu greifen, und im Rückblick schmerzt Zisks jugendlicher Überschwang… Auch Zisks bester Freund Stass, der ihn immer noch besucht, obwohl er nicht mehr an ein Wunder glaubt, liest sich authentisch und glaubhaft.⁣

    »Ich gehe nicht auf die Straße, um eine Revolution anzuzetteln oder um mich zu prügeln oder Losungen zu skandieren. Aber ich will mich davon überzeugen, dass dieser ganze Surrealismus nicht wahr ist. (…) Ich will einfach sehen, dass außer mir auch andere Leute hinausgehen, die genauso nicht an diese Farce glauben, und spüren, dass ich nicht die einzige Geisel in diesem Narrenhaus bin.«⁣

    An den jugendlichen Charakteren des Buches siehst du als Leser:in, wie die jungen Menschen in diesem Land entweder stumpf die Augen vor allem verschließen, verzweifeln, aufgeben oder das Land verlassen. Keiner der jungen Charaktere führt hier wirklich ein erfülltes, glückliches Leben, und keiner davon hat eine Zukunft, die über das reine Schuften und Katzbuckeln vor dem Regime hinausgeht. Und wenn die junge Generation keine Zukunftsaussichten hat, wer dann?⁣
    »Wenn du dran glaubst, warum auch nicht?«⁣

    Es gibt ein paar Entwicklungen, die sicher nicht realitätsgetreu ablaufen, die daher nicht hundertprozentig glaubwürdig sind. Aber auch das scheint mir Absicht zu sein, um die Gesellschaftskritik deutlicher zu unterstreichen. Hier muss ich leider so vage bleiben, um nicht vorweg zu nehmen, wie die Geschichte ausgeht.⁣

    Das Ende lässt vieles offen, schließt aber in gewissem Sinne dennoch den Kreis, der sich mit Franzisks Fall ins Koma eröffnet hat.⁣

    Fazit⁣

    Im Jahr 1999 fällt in Minsk ein Jugendlicher nach einem katastrophalen Ereignis ins Koma. Der Oberarzt hält es für Verschwendung, nicht sofort die Maschinen abzustellen, niemand glaubt daran, dass Franzisk jemals wieder erwachen wird. Nur seine Großmutter weicht nicht von seiner Seite – und die Monate und Jahre gehen ins Land…⁣

    Franzisks Koma spiegelt die Machtlosigkeit der Menschen in Belarus, die scheinbare Unveränderlichkeit des Systems und der unterdrückten Gesellschaft. Saša Filipenko erzählt die Geschichte als gelungene satirische Parabel.

  1. Bonjour Tristesse...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Mai 2021 

    Erster Satz: "Der Frühling war fast vorbei." (S. 15)

    Wenn man jung ist, liegt die Zukunft noch vor einem. Auch Franzisk, genannt Zisk, geht so durchs Leben. Frisch verliebt hat er andere Dinge im Kopf als die, die die Erwachsenen von ihm fordern. Er soll Cello üben, am besten Tag und Nacht, damit er die Prüfung an seiner Schule besteht und in die nächste Klasse versetzt wird. Schließlich soll er, so die Pläne von Zisks Großmutter, das Lyzeum für Musik einmal erfolgreich absolviert haben und dann als anerkannter Cellist im Präsidentenorchester spielen.

    „Geben Sie doch zu, dass Sie keine Musiker ausbilden, sondern Türsteher und Hausmeister der Kunst (…) Lauter Kader für das Präsidentenorchester, das zum Empfang von Botschaftern aus Dritte-Welt-Ländern aufspielt.“ (S. 47 f.)

    Doch bald schon spielt es keine Rolle mehr, ob Zisk in die nächste Klasse versetzt oder aber ausgemustert wird, denn durch ein tragisches Ereignis fällt er ins Koma, aus dem er nicht mehr erwacht. Die Ärzte und auch seine Mutter sind der Meinung, dass man sich nicht mehr um ihn bemühen sollte, er sei nur noch „Gemüse“. Die Großmutter dagegen glaubt fest an ihren Enkel und an sein Aufwachen. Und so setzt sie alles daran, dass es ihm im Krankenhaus an nichts fehlt und kümmert sich tagein tagaus um ihn. Und schließlich behält sie Recht: Zisk erwacht. Zehn Jahre sind seither vergangen, einiges hat sich zwangsläufig verändert – doch gerade gesellschaftlich-politisch ist vieles wie erstarrt. Wie kann nun die Zukunft des Erwachten aussehen?

    Bereits das Vorwort des Autors weist darauf hin, wie aktuell dieser zeitkritische Roman ist, der sich mit den Zuständen in Weißrussland befasst. Das unmenschliche und repressive Lukaschenko-Regime in Belarus sorgt für genau die Missstände, die Sasha Filipenko hier in seinem Debütroman aus dem Jahr 2014 anprangert. Dabei bedient er sich neben zahllosen Anspielungen und Metaphern sowie der Erwähnung tatsächlich stattgefundener Ereignisse zum einen des Stilmittels von häufigen Monologen (die Besucher, die an das Bett des im Koma liegenden Zisk treten, nehmen kein Blatt vor den Mund – denn wer sollte unter diesen Umständen ihre allzu offenen Worte schon kritisieren) und zum anderen steht Franzisks Schicksal als Sinnbild für den Zustand von Weißrussland selbst. Kein Wunder also, dass dieser Roman vom Regime in Belarus nicht gut gelitten ist.

    „In den meisten Minsker Buchläden ist „Der ehemalige Sohn“ zwar erhältlich, aber nur unter der Hand, er steht nicht in den Regalen. Und der belarussischen Nationalbibliothek wurde dringend empfohlen, das Buch nicht in den Katalog aufzunehmen.“ (S. 10)

    Im Grunde geht es hier tatsächlich nur vordergründig um Zisks als Person, vielmehr aber wie bei einer Parabel um die hintergründigen Informationen - hier: zum desolaten Staat mit all den negativen Auswüchsen, die hier Erwähnung finden: Wahlbetrug, politische und polizeiliche Willkür, Verfolgung von Oppositionellen und Kritikern, Einschüchterungen und Verhaftungen, Geschichtsfälschung, Verbot der Muttersprache u.v.m. Die eher plakative Zeichnung der Charaktere in dem Roman erscheint daher irgendwie auch passend, ebenso wie die teilweise doch recht unwahrscheinlichen Wendungen. Was für ein düsteres Bild, welch eine Hoffnungslosigkeit, die ein ganzes Land durchzieht. Das eine Koma gegen das nächste getauscht, und die Aussicht auf ein Erwachen gibt es nicht. So grau und trist wie die Zustände da in Weißrussland waren/sind, so deprimierend empfand ich auch die Lektüre. Was zählt schon das Leben eines Einzelnen, was zählt das Individuum? Nichts, wenn man dem Roman Glauben schenken darf. Was bleibt als Ausweg? Hinnehmen und resignieren? Tod oder Flucht? Bonjour Tristesse…

    „Wir leben im besten Land für erwachende Komapatienten. Hier ändert sich absolut nichts. Egal, wie lang sie im Koma liegen. Monatelang, jahrelang, ewig.“ (S. 196)

    Zusammen mit den Vorwort des Autors und dem Nachwort der Übersetzerin ergibt der Roman ein rundes, wenn auch beklemmendes Bild. Bleibt nur zu hoffen, dass die vehementen Proteste der Bürger Weißrusslands seit 2020 dem komaähnlichen Zustand des Landes ein Ende setzen und die letzte Diktatur Europas aufweichen können. Bei dem wiederholten Säbelrasseln des russischen Ministerpräsidenten Putin („Einladung zur Wiedervereinigung“) allerdings bleibt die weitere Entwicklung wohl abzuwarten. Doch lassen wir dem Autor das letzte Wort:

    „Meine inständige Hoffnung ist, dass dieses Buch in meinem Land eines Tages nicht mehr aktuell sein wird…“ (S. 11)

    © Parden

  1. Darf Satire eigentlich alles? Ja, darf sie!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Mai 2021 

    Auch von diesem Buch war ich etwas enttäuscht. Sasha Filipenko konnte mich mit "Rote Kreuze" doch richtig anzünden und irgendwie erwartete ich hier ähnliches. Doch "Der ehemalige Sohn" ist völlig anders geschrieben als "Rote Kreuze". Der Autor kritisiert hier völlig treffend, aber auch provokant und überaus satirisch die Lebensverhältnisse in Belorussland. Ein Buch, welches den Machthabern in diesem Land sicher nicht gefallen wird. Und den Autor damit auch zur Zielscheibe macht. Dieses Geschehen zu brandmarken und ebenso auch sichtbar zu machen ist wichtig und richtig und absolut mutig. Dafür andere Arten des Schreibens zu wählen ist auch vollkommen nachvollziehbar. Gefällt mir halt nur nicht. Denn dieses Überzogene und Satirische erzeugt bei mir zwar eine gewisse Betroffenheit, erreicht mich aber nicht vollkommen und das erhoffe ich mir von der Lektüre eines Buches einfach. Ich möchte berührt werden! Und das schafft Sasha Filipenko hier nicht. Was sicher auch gewollt war in der Gestaltung des Buches. Denn der Autor rechnet hier ab. Völlig nachvollziehbar für einen Belorussen und/oder einen belorussischen Autor.

    Zum Inhalt: der junge Franzisk fällt in ein Koma, ein Jahrzehnt lang. Dann erwacht er und findet eine vollkommen veränderte Heimat vor. Eine in eine Diktatur verwandelte Heimat. Ja, in zehn Jahren kann viel passieren!?!? Aber auch so steckt in dem Text viel Kritik. Viel Kritik an den Lebensverhältnissen in Belorussland und ebenso eine Gesellschaftskritik, die nicht immer mit den Veränderungen zu tun hat, die eine Diktatur so mit sich bringt, sondern auch die Menschen in ihrer Natur betrifft. Auch mit so etwas kann man sich Feinde machen, viele Feinde. Und auch hier kann man nur den imaginären Hut vor Sasha Filipenko ziehen und einen tosenden Applaus spenden.

    Nur eben richtig berührt bin ich leider nicht. Und genau dies wünsche ich mir von meinem Lieblingsmedium literarisches Buch! Schade!!! Ein richtig gutes Buch! Aber durch die Satire leider auch etwas hölzern geraten!

  1. Ein Land erwacht

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 11. Mai 2021 

    Sasha Filipenko war mir vor einiger Zeit mit seinem Roman „Rote Kreuze“ durchaus positiv aufgefallen. So freute ich mich, als ich die Gelegenheit bekam, auch seinen Debüt-Roman „Der ehemalige Sohn“ lesen zu dürfen.

    Nun – um mein (persönliches!) Fazit einmal vorweg zu nehmen: das Potenzial war damals schon vorhanden, allerdings noch nicht ganz „ausgereift“. Aber es gelingt wohl auch nur wenigen Debütanten, einen wirklichen „Hit“ als erstes Buch zu landen. Wenn doch, sind die Erwartungen anschließend umso höher und der Druck steigt. Dann lieber eine kontinuierliche Steigerung in der Qualität. Und trotzdem hat Sasha Filipenko schon mit seinem Debüt einen Literaturpreis erhalten; den „Russkaja Premija“. Es sei ihm von Herzen gegönnt.

    Well, let´s go: „Der ehemalige Sohn“ Franzisk ist ein „typischer“ Teenager im belarussischen Minsk, der lieber mit seinen Freunden Fußball spielt als Cello zu üben (hm, ich würde es eher umgedreht machen *g* - egal).

    Während einer Massenpanik in einer U-Bahn-Station (Gedanken an die Katastrophe der Loveparade werden während dieser sehr bildlich beschriebenen Szene automatisch „hochgespült“) wird Franzisk schwer verletzt und fällt in der Folge ins Koma. Alle geben ihn auf: die Ärzte, die eigene Mutter, zu der es sowieso ein recht schwieriges Verhältnis gibt, seine Freundin…Einzig seine geliebte Großmutter Elvira glaubt an das Erwachen von Franzisk – und sie soll Recht behalten.

    Die Zeit des 10-jährigen Komas von Franzisk wird in stakkatohaften, teils elend langen, jedoch auch teilweise äußerst interessanten Monologen recht ausführlich abgehandelt. Interessant wird es z. B. immer dann, wenn es in die „politische“ Richtung geht. Sätze wie „Es war ja auch nicht ein Mensch gestorben, sondern ein politischer Widersacher.“ (S. 135) lassen der geneigten Leserschaft (zumindest mir) einen Schauer über den Rücken jagen, wenn man sich die Ereignisse in Belarus in den vergangenen Jahren anguckt. Wahrhaft prophetisch (das Buch wurde 2014 erstveröffentlicht) …Hingegen fand ich einiges, was sich im Krankenzimmer abgespielt hat, äußerst fragwürdig; ich spare mir jetzt Details.

    Die erstaunlich schnell voranschreitende Genesung von Franzisk (Zisk) nach seinem Koma kann ich nicht so ganz für voll nehmen. Klar muss man (muss man?) auch hier den erzähltechnischen bzw. dramaturgischen Zeitturbo anschmeißen und ja, ein Roman darf sarkastisch, überspitzt etc. sein, aber – ach ich weiß auch nicht. Es hinterlässt irgendwie einen bitteren Geschmack. Aber nicht nur Zisk wacht auf, sondern auch das Land. Die Menschen gehen auf die Straßen, bieten der Regierung Paroli – und werden blutig niedergeschlagen. Same procedure im realen Leben…

    Versteht mich nicht falsch: das Buch hat seine guten Seiten, aber das letzte Quäntchen fehlt mir in dem Roman. Aber wie ich schon weiter oben schrieb…

    Ich verfolge die Entwicklung von Sasha Filipenko gerne weiter; für den Moment kann ich aber für seinen Debüt-Roman nur 3* vergeben. Der „test of time“ wird zeigen, ob die Bewertung zu einem späteren Zeitpunkt evtl. noch nach oben korrigiert werden kann.

    ©kingofmusic

  1. Koma als Metapher

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 06. Mai 2021 

    1999 in Belarus: Franzisk, genannt Zisk ist sechzehn Jahre alt und Schüler an einem Musikkonservatorium in Minsk. Er lebt bei seiner Großmutter, die ihn immer wieder zum Cello üben antreibt, damit er nicht von der Schule fliegt. Doch Zisk verbringt seine Zeit lieber mit Freunden, beim Fußball, neuerdings auch mit der hübschen Nastja. Am Abend eines Rockkonzerts gerät Zisk während eines Unwetters in eine Massenpanik. Er überlebt, fällt aber ins Koma, aus dem er zehn Jahre lang nicht aufwachen soll.

    „Der Ehemalige Sohn“ ist das erste Buch, des belarussischen Schriftstellers Sasha Filipenko. Der Autor, der in russischer Sprache schreibt, hat das Buch schon 2014 in seiner Heimat veröffentlicht. (In deutscher Sprache folgt es allerdings seinem späteren Werk „Rote Kreuze“.) In Russland erhielt Filipenko für sein Debüt einen Literaturpreis für Werke in von Nichtrussen in russischer Sprache. In Belarus jedoch ist das Buch nur unter der Hand zu bekommen, der belarussischen Nationalbibliothek wurde dringend empfohlen, das Buch nicht in den Katalog aufzunehmen.

    „Man nicht über Belarus schreiben, ohne politisch zu werden.“, sagt Filipenko in einem Interview.

    1999 ist Belarus seit acht Jahren ein unabhängiger Staat. Doch die Menschen in Belarus leben zumeist in prekären Verhältnissen, der Staat ist korrupt, der Machthaber bis heute ein autoritärer Diktator. Zisk beginnt zu dieser Zeit ein politisches Bewusstsein zu entwickeln. Die belarussische Sprache und Identität ist ein wesentliches Motiv in diesem Buch. Zisk und seine Freunde diskutieren diese gerne in der Pause am Schulklo, auch auf belarussisch:

    „Weil ich die Sprache halt einfach irre schön finde! Weil ich damit anders bin als die anderen. Weil ich nicht die Sprache derer sprechen will, die uns als Aufseher geschickt worden sind.“

    Doch dann kommt das schreckliche Ereignis. Die Massenpanik vom Frühjahr 1999 -ein tatsächliches Ereignis - nach der Zisk ins Koma fällt. Keiner glaubt an sein Wiedererwachen, nicht die Mutter, nicht seine Ärzte. Nur Elvira, die Großmutter, verharrt Tag für Tag am Krankenbett des Enkels. Es sind ihre Monologe, die dem Patienten, aber dadurch auch der Leserin die Chronik des Landes vermittelt.

    Meiner Meinung gibt das Vorwort (so man es vor der Lektüre liest, und darüber könnte man auch schon trefflich streiten. ) die Interpretation vor Das Buch ist eine politische Metapher, das Koma des jungen Mannes eine Allegorie und die Monologe, die Berichterstattung der aktuellen Ereignisse eine literarische Spielart der Leserin das Land und die Geschichte Belarus zu erklären. Die Interpretation verlagert sich auf eine politische Metaebene, wenn man dem Vorwort folgen will, und das Buch schlicht politisch analysiert.

    Das macht vieles wett, was ich an dem Buch nicht mochte: die abgehackte Sprache, das Jugendsprache, die Monologe, und auch die fragwürdige Art der Ärzte im Umgang mit einem Komapatienten.

    „Ich habe nicht das Gefühl, dass irgendjemand mich hier braucht. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass ich jemanden brauche. Ich bin überall nur der Ehemalige. Ehemaliger Nachbar, ehemaliger Bekannter, ehemaliger Sohn …“

    Was bleibt ist ein guter Eindruck von dem Unvermögen eines Landes sich aus einem totalitären Regime zu befreien. Es ist nahezu ein hellsichtiges Buch, wenn man die Entwicklungen des letzten Jahres in Belarus betrachtet. Das Land scheint tatsächlich aus dem Koma erwacht zu sein, leidet aber immer noch an den Begleiterscheinungen und gehörte dringend in Rehabilitation.

  1. Koma als Metapher

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Apr 2021 

    Sasha Filipenko ist 1984 in Minsk geboren, lebt aber seit seinen Studententagen in St. Petersburg und schreibt auf russisch. Bisher sind zwei Romane von ihm auf Deutsch erschienen, zuerst „ Rote Kreuze“, ein Buch über bis heute verdrängte Verbrechen unter Stalin. „ Der ehemalige Sohn“, bereits 2014 im Original erschienen, ist sein Debutroman. Er greift darin die Zustände in Belarus auf. Leider hat das Buch seitdem nichts an seiner Aktualität verloren, im Gegenteil.
    Franzisk, genannt Zisk, ist im Jahr 1999 ein 16jähriger Teenager, der bei seiner Großmutter lebt. Die Mutter hat wenig Zeit für ihn, einen Vater gibt es nicht. Zisk besucht ein Musikgymnasium in seiner Stadt, doch statt Cello zu üben, spielt er lieber Fußball oder hängt mit seinen Freunden ab. Mit ihnen zusammen möchte er ein Rockkonzert besuchen, doch auf dem Weg dorthin gerät er in eine Massenpanik. Viele Menschen werden totgetrampelt; Zisk kommt schwerverletzt in die Klinik und fällt ins Koma. Je länger sein Zustand andauert, desto geringer werden seine Chancen und die Ärzte und sogar die eigene Mutter geben ihn auf. Einzig seine Babuschka verliert nie den Glauben, dass ihr Enkel wieder aufwachen wird. Sie besucht ihn täglich, liest ihm vor und hält ihn auf dem Laufenden, was draußen so passiert.
    Nach zehn Jahren geschieht das Wunder. Zisk wacht auf, doch seine geliebte Großmutter ist kurz zuvor gestorben. Auch bei seiner Mutter ist kein Platz mehr für ihn. Sie hat mittlerweile den ehrgeizigen Chefarzt der Klinik geheiratet und mit ihm eine neue Familie gegründet.
    Doch das Land selbst scheint im Stillstand zu verharren. Noch immer regiert vom angeblich demokratisch gewählten Präsidenten ( der Name Lukaschenko wird im Buch allerdings nie genannt ), der sein Volk mit aller Gewalt in Schach hält. Immer wieder aufflackernde Rebellion wird im Keim erstickt. Wer kann, flüchtet ins Ausland.
    Auch Zisk sieht keine Zukunft mehr für sich in seiner Heimat. „ Ein Koma reicht mir. Ich habe zehn Jahre meines Lebens verloren und will nicht den Rest auch noch verlieren.“
    Sasha Filipenko hat einen aufrüttelnden Roman geschrieben, der deutlich die Missstände in seinem Land aufzeigt. ( Kein Wunder ist sein Roman in Belarus nur unter der Hand erhältlich.)
    Er beschreibt eine Gesellschaft, in der alles stagniert. „ Wir leben im besten Land für erwachende Komapatienten. Hier ändert sich absolut nichts. Egal, wie lang sie im Koma liegen. Monatelang, jahrelang, ewig...“
    Zisks Koma ist eine Metapher für das gesamte Land.
    Belarus ist zwar offiziell unabhängig, trotzdem bestimmt der große Bruder Russland alles. Die Wirtschaft ist am Ende, aber das Volk wird belogen. Korruption und Beziehungen sind die einzigen Möglichkeiten vorwärtszukommen. Die Bevölkerung ist gespalten. Die einen halten still in ihrer Angst; wer sich auflehnt, muss mit brutaler Gewalt rechnen. Andere wieder sind Nutznießer des Systems. Skrupellos und ohne Gewissen schauen sie nur auf ihren eigenen Vorteil.
    Filipenko spart aber auch nicht an Kritik am Westen. Handelssanktionen schädigen zwar die Wirtschaft des Landes, doch westliche Sextouristen bringen wieder Geld ins Land. In Sonntagsreden werden Hilfen zugesagt, die aber keine konkreten Folgen haben.
    An vielen Beispielen aus dem Alltag und aus der Politik wird dem Leser die Lage anschaulich gemacht. So z.B. wenn Kinder „ Proteste zerschlagen“ spielen. Dabei dürfen die einen als Polizisten auf diejenigen einschlagen, die die Oppositionellen darstellen müssen.
    Ich habe das Buch weniger als realistischen Roman gelesen, sondern als eine Satire. Deshalb darf der Autor mit Übertreibungen und unwahrscheinlichen Wendungen arbeiten. Auch die Figuren sind nicht unbedingt authentische Personen, sondern stehen stellvertretend für bestimmte Haltungen. Hat hier der Autor oftmals überspitzt, so sind dagegen die geschilderten Ereignisse und die beschriebenen Zustände keine Übertreibungen, sondern bittere Realität.
    Sprachlich verfügt der Autor über eine große Bandbreite, von z.T. derben Dialogen über ausschweifende Monologe, von poetischen Naturbeschreibungen bis zur drastischen Schilderung der Massenpanik. Trotz ein paar Schwächen ist „ Der ehemalige Sohn“ ein gelungenes Debut und v.a. ein enorm wichtiges Buch, das zu Recht mit einem Preis ausgezeichnet wurde.
    Hilfreich und informativ sind die Anmerkungen der Übersetzerin, die vieles, was im Roman zur Sprache kommt, historisch einordnet.
    Im Vorwort schreibt der Autor: „ Meine inständige Hoffnung ist, dass dieses Buch in meinem Land eines Tages nicht mehr aktuell sein wird...“ Doch danach sieht es momentan noch nicht aus.

  1. Was zählt wirklich im Leben?

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Apr 2021 

    Nachdem mir der Roman "Rote Kreuze" des Autors so gut gefiel, wollte ich unbedingt wissen wie sein Erstling sich liest und ob es da Unterschiede gibt. Ich kann nur sagen, dass meine Begeisterung nicht verschwunden ist.

    In der Geschichte geht es um Zisk, der unbedingt besser Cello spielen muss, damit er nicht durchfällt und von der Schule fliegt. Als dann bei einer Großveranstaltung eine Panik ausbricht, verletzt er sich so schwer, dass er ins Koma fällt. Wer hält noch zu ihm? Gibt man ihn auf? Lohnt es sich zu kämpfen?

    Mir war vor der Lektüre nicht bewusst, dass mir auch politisch angehauchte Geschichten zusagen könnten.

    Besonders gefallen hat mir, dass Filipenko sich Zeit nimmt für seine Figuren, denn sie sind nicht einfach nur Protagonisten, sondern stehen für eine bestimmte Gruppe in Belarus, seinem Heimatland. Da gibt es Regimegegner, Mit-dem-Strom-Schwimmer, aber auch herzliche Menschen, die zusammen ein eindrückliches Bild der dortigen Gesellschaft abliefern. Auch wenn man als Leser nicht tief in die Figuren eindringen kann, weil der Fokus mehr auf ihrer Rolle liegt als auf ihrer Persönlichkeit, so konnte ich mich doch mit dem ein oder anderen identifizieren und Verständnis aufbringen.

    Über Belarus wusste ich bisher recht wenig, konnte mir durch den Roman aber ein klareres Bild verschaffen.

    Sehr eindrücklich fand ich auch die Zeit im Krankenhaus als kaum jemand richtig Hoffnung auf Besserung hat und die Aufgabe die einzige Lösung zu sein scheint.

    Sprachlich ist dieses Buch eine Wucht, denn der Autor schafft unglaublich tolle Metaphern, die die Fantasie Blüten treiben lässt.

    Hilfreich für das Verständnis waren im Übrigen die Anmerkungen der Übersetzerin zum Schluss. Da kann man auch während des Lesens schon mal rein schauen.

    Fazit: Eine berührende Geschichte mit viel Tiefgang, die nicht nur unterhält, sondern auch bildet. Ich habe sie sehr gern gelesen und spreche daher eine Empfehlung aus. Klasse!

  1. Nach 10 Jahren Koma erwachen in einer neuen Zeit

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 27. Apr 2021 

    "Du weißt ja, in welchem Land du lebst. Hier sind schon die nichts wert, die gesund sind und am Leben sind, von Menschen im Koma ganz zu schweigen." (Buchauszug)
    Franzisk (Zisk) steht kurz vor dem Ende seines Studiums. Er liebt das Leben übt jedoch gerne auch Kritik an der Politik seiner Heimat. Doch eigentlich sollte er eher Cello üben, um nachher eine gute Anstellung zu bekommen. Eines Abends wartet er bei der U-Bahn auf Freundin Nastja mit der er zu einem Rockkonzert möchte. Doch an diesem Abend geschieht das Unglück, bei dem Zisk schwer verletzt und ins Koma fällt. Jedoch, selbst wenn ihn die Ärzte, Mutter, Freunde und Nastja aufgeben, seine Großmutter ist sich sicher, das Zisk wieder aufwachen wird. Allerdings werden zehn lange Jahre ins Land ziehen, ehe er wieder seine Augen öffnet. Bis zu dieser Zeit versucht seine Großmutter alles Menschenmögliche für ihn. Dass sich in der Zeit allerdings vieles in Minsk und seiner Familie verändert hat, merkt er erst später. Zisk muss nun seinen Platz in der Gesellschaft neu wiederfinden.

    Meine Meinung:
    Sasha Filipenko zeigt in seinem zweiten Roman anhand des Schicksals von Franzisk das Leben und die politische Lage in Weißrussland (Belarus) auf. Viele Jahre lang wurde dieses Land von der Sowjetunion beherrscht, um danach erneut in einer Diktatur zu enden. Der Autor beschreibt es sogar so: "Sein Heimatland hat viele Jahre in einem lethargischen Schlaf gesteckt, ehe es 2020 endlich aufgewacht ist." Dabei hat ihnen nicht nur die diktatorische russische Politik im Laufe dieser Zeit geschadet, sondern ebenso die der nachfolgende Weißrusslands. Ihre Diktatur ändert sich nämlich 1991 nicht mit der Selbstständigkeit. Gerade diese Politik wird hier in dem Buch recht deutlich aufgezeigt und das allen Kritikern zum Trotz. Dass die alte Diktatur Lukaschenko mit der jetzigen Generation nicht mehr zurechtkommt, kann ich gut verstehen. Das jedoch viele Seiten seines Buchs, das er 2014 geschrieben hat, später Wirklichkeit werden, damit hatte selbst Filipenko nicht gerechnet. Der tragische Unfall bzw. die Massenpanik in der U-Bahnstation, bei der Franzisk im Koma landet, gab es wirklich. 1999 kam es nämlich nachdem Ende eines Rockkonzerts in Minsk wirklich zu einer Massenpanik. Insgesamt wurden dabei 54 Menschen getötet, darunter vor allem viele junge Frauen unter 17 Jahren. Filipenko nimmt selbst hier kein Blatt vor den Mund. Er schildert dieses Ereignis wirklich so dramatisch und realistisch, sodass ich dachte, ich bin mittendrin in dem Geschehen. Und er klagt sogar die Verantwortlichen an. Was die politische Lage Weißrusslands anbelangt, war ich teils etwas überfordert, da ich zu wenig über dieses Land wusste. Doch dank dieses Buchs verstehe ich nun deutlich mehr über die Zusammenhänge und die Diktatur Weißrusslands. Mir scheint, dass sich in diesem Land auch nach der Selbstständigkeit politisch nicht viel geändert hat. Zisk spürt wie die Frustration und Resignation in seinem Land zugenommen haben. 2020 kommt es dann jedoch zu Protesten und Streiks, bei denen es zu über 6700 Verhaftungen gab und die ebenfalls hier sehr detailliert beschrieben werden. Weißrussland gilt weiterhin nach Russland als das Land, in dem man die sowjetische Vergangenheit am deutlichsten spürt. Das Filipenko mit seinem Buch bei einigen aneckt, kann ich gut nachvollziehen. Nachdem ich es jetzt gelesen habe, begreife ich, warum er die Zustände Belarus sich hier von der Seele schreiben wollte. Sprachlich jedoch hat mich nicht alles überzeugt. Gar nicht zugesagt haben mir die harten, teils ordinären Aussprüche und die lieblose Mutter, die von ihrem Sohn gar nichts wissen wollte. Unrealistisch empfand ich, dass die Ärzte einen selbstständig atmenden Patienten am liebsten aufgegeben hätten. Wäre da nicht eine so tolle Großmutter gewesen, die täglich für ihren Enkel kämpft, hätte Zisk das nicht überlebt. Fragwürdig finde ich außerdem, das Zisk nach seinem Erwachen aus dem Koma innerhalb 6 Monaten alles wieder erlernt hat. Deshalb gebe ich diesem Buch 4 von 5 Sterne.

  1. Wenn man in Belarus 10 Jahre verschläft

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Apr 2021 

    Im Belarus des Jahres 1999 gerät der 16jährige Franzisk in eine Massenpanik und fällt danach ins Koma. Zehn Jahre vergehen, in denen lediglich seine Großmutter fest daran glaubt, dass er wieder aufwachen wird und ihn gegen alle Widerstände am Leben hält. Und tatsächlich, kurz nach ihrem Tod erwacht Franzisk, nunmehr 26 Jahre alt, in einem Land, in dem Alles so ist wie zuvor, nur ein bisschen schlimmer.
    Obwohl der Klappentext suggeriert, dass sich der Großteil der Geschichte mit dem Wiederzurechtfinden des Protagonisten in seinem Land beschäftigt, handelt gerade einmal knapp die Hälfte davon. Das erste Fünftel der rund 300 Seiten beschreibt das Leben des 16jährigen, um den sich seine geliebte Großmutter kümmert, die ihm auch auf den folgenden 100 Seiten während seines Komas zur Seite steht.
    Während zu Beginn des Buches in Belarus noch ein wenig Aufbruchstimmung zu verspüren war, vermutlich durch die erst wenige Jahre zurückliegende Eigenständigkeit, wirkt das Land nach dem Aufwachen Franzisks wie gelähmt. Die ständig zunehmende Unterdrückung hat die Menschen zermürbt und resignieren lassen; Franzisk hingegen beginnt sein neues Leben mit dem jugendlichen Elan von damals und nimmt die gesellschaftlichen Verhältnisse fast wie ein Außenstehender war.
    Sasha Filipenko zeigt in dieser Geschichte auf spöttisch-ironische Weise, wie es sich in einem autoritären Staat lebt. Die Einen suchen Trost im Konsum, den sie sich mit allen erdenklichen Mitteln ohne Rücksicht auf Moral und Gesetz ermöglichen; die Anderen sind vom ständigen Widerstand und Kampf ermüdet und ausgezehrt und flüchten in die innere oder äußere Emigration oder schlimmstenfalls in den Tod. Gehorchen ohne eigenständiges Denken ist erste Pflicht und führt zu grotesken Situationen, in denen beispielsweise Fasttoten die Fingerabdrücke abgenommen werden um festzustellen, ob sie Terroristen sind.
    Es ist ein wichtiges Buch, das Manchen übertrieben scheinen mag, aber von der Realität mit Sicherheit nicht allzu weit entfernt, teilweise sogar eher untertrieben ist. Dass es sprachlich nicht ganz an das im Deutschen zuerst erschienene Buch des Autors "Rote Kreuze" heranreicht, mag daran liegen, dass es sich um sein Debüt handelt. Dennoch: Es lohnt sich, es zu lesen.

  1. Stillstand in Belarus

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 20. Apr 2021 

    “Der ehemalige Sohn” ist der zweite Roman, den ich von Sasha Filipenko gelesen habe. Ich habe bewusst an der Leserunde teilgenommen, da ich ein besonderes persönliches Interesse an Bücher über Russland und die Länder der ehemaligen Sowjetunion habe und gern etwas mehr über deren Gesellschaft und Geschichte erfahre und erlese.
    Mit diesem Roman führt uns Filipenko nach Minsk in Belarus, wo wir zunächst in den 2000ern sind und den Helden Franzisk als nicht sehr ambitionierten Schüler einer musischen Schule kennen lernen. Etwas missmutig und widerspenstig übt er seine Cellostücke und macht genauso halbherzig in der Schule mit. Durch im Roman wiedergegebene Diskussionen im Lehrerkollegium der Schule, in der es um den Auswahlprozess der Schüler geht, erfahren wir einiges über die Stimmung im Land und die Zwänge und Pflichten, denen die Lehrer unterliegen. Franzisks Schicksal an der Schule jedenfalls steht auf der Kippe. Das hält ihn und seine Freunde nicht davon ab, an einem großen Konzertereignis in der Stadt teilnehmen zu wollen. Doch auf dem Weg dahin gerät Franzisk in ein großes Unglück. Eine Menschenmenge, unterwegs zum Konzert, flüchtet sich massenhaft in eine UBahn-Station und verursacht so eine Massenpanik, in der viele Menschen verletzt und einige auch getötet werden. Franzisk wird so schwer verletzt, dass er in ein Koma fällt.
    Im Krankenhaus geben die Ärzte ihn auf und planen schon die Wiedervergabe des Bettes und die Verwendung seiner (zu spendenden) Organe. Doch eine Person lässt das alles nicht zu und glaubt unerschütterlich an Franzisks Zukunft: seine Großmutter. Sie wird über Jahre hinweg an der Seite seines komatösen Körpers signalisieren, dass sie ihn nicht aufgeben wird, gegen alle Widerstände. Einige Besucher bringen die Außenwelt in das Krankenzimmer hinein, indem sie Franzisk von dem Zustand ihres Lebens und der Gesellschaft in Belarus berichten, einem Land, das immer mehr erstarrt unter der Herrschaft des Immergleichen Regenten, der immer stärker diktatorische Züge annimmt.

    So beschissen ging es uns noch nie. Alle sagen gebetsmühlenartig: Schaut nur, wie gut es uns geht, Ruhe, stabile Einkommen, Sauberkeit, Wirtschaftswunder! Aber ich sage Dir was – es gibt kein Wunder. Fassadenpolitik!

    In den Nachrichten bringen sie immer nur: Das Gras ist grüner geworden, die Milchmengen größer, die Hockeymannschaft des Präsidenten hat wieder einmal gewonnen …

    10 Jahre später dann kann sich Franzisk tatsächlich nochmal selber einen Eindruck verschaffen vom Zustand seines Landes. Es ist kein ermutigender Eindruck, den er gewinnt. Untätigkeit in der Vergangenheit hat das Land an den Rand des Abgrunds gebracht. Revolte ist nun unumgänglich, will man Veränderung bzw. Verbesserung erreichen..

    Wir können nichts dafür, dass wir uns auf den Platz stellen müssen, das ist eure Schuld! Fünfzehn Jahre lang habt ihr nichts gemacht! Du hast nichts dafür unternommen, dass ich heute zu Hause bleiben könnte!

    Nicht nur haben sich seine familiären Verhältnisse und die Verhältnisse in seinem Freundeskreis nicht zu seinem Gunsten entwickelt. Das Land an sich scheint – wie er selbst – irgendwie im Tiefschlaf verharrt zu haben. Zukunftsimpulse, Erneuerungen, Modernisierung – alles das weitgehend Fehlanzeige. Was also ist seine Perspektive in diesem Land, in dem er eine Ausbildung und auch eine Familiengründung im Koma versäumen musste? Sein Leben erscheint ihm in diesem Land ohne Sinn und Ziel:

    Ich habe zehn Jahre meines Lebens verloren und will nicht den Rest auch noch verlieren. … Ich habe alles satt…. Ich will von gesunden, normalen Menschen umgeben sein, keine Angst mehr haben müssen, …

    So sieht er nur einen Ausweg. Er nutzt eine Verbindung ins Ausland (deutsche Ferieneltern, die ihn als weißrussisches Opfer der Černobyl-Katastrophe jahrelang regelmäßig als Ferienkind aufgenommen haben) und verlässt das Land. Eine andere, noch destruktivere Form der Flucht wählt sein Freund Stass, der sich das Leben nimmt. Das buch zeigt so eindrucksvoll die Perspektivlosigkeit der (vor allem jungen) Gesellschaft, in einem autokratisch geführten Land ohne Impulse aus der Gesellschaft.
    Mein Fazit:
    Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen, muss aber wesentliche Abstriche machen.
    • Mein Interesse an dem gesellschaftlich, zeitgeschichtlichen Hintergrund des Romans wurde in diesem Buch nur etwas oberflächlich bedient. Die Informationen, die über das Land Belarus erfahrbar gemacht wurden, gingen für mich nicht wirklich deutlich über reines Nachrichtenwissen hinaus. Für einen auch sonst etwas interessierten Beobachter des Geschehens dort, blieb der Erkenntnisgewinn höchstens moderat. Eine Innensicht und persönlich gestaltete Einsicht in die Geschehnisse und ihre Konsequenzen flackert allenfalls von Zeit zu Zeit im Roman auf.
    • Der Verlag verrät uns schon im Klappentext die im Roman lange Zeit nicht sichere Zukunft Franzisks und schwächt durch dieses „Spoilern“ das Leseerlebnis erheblich ab.
    Und so bleibt ein etwas flaues Fazit zu diesem Buch, von dem ich mir erhofft hatte, dass es mich mehr packen könnte. (3 Sterne)

  1. Stillstand in Belarus

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 20. Apr 2021 

    “Der ehemalige Sohn” ist der zweite Roman, den ich von Sasha Filipenko gelesen habe. Ich habe bewusst an der Leserunde teilgenommen, da ich ein besonderes persönliches Interesse an Bücher über Russland und die Länder der ehemaligen Sowjetunion habe und gern etwas mehr über deren Gesellschaft und Geschichte erfahre und erlese.
    Mit diesem Roman führt uns Filipenko nach Minsk in Belarus, wo wir zunächst in den 2000ern sind und den Helden Franzisk als nicht sehr ambitionierten Schüler einer musischen Schule kennen lernen. Etwas missmutig und widerspenstig übt er seine Cellostücke und macht genauso halbherzig in der Schule mit. Durch im Roman wiedergegebene Diskussionen im Lehrerkollegium der Schule, in der es um den Auswahlprozess der Schüler geht, erfahren wir einiges über die Stimmung im Land und die Zwänge und Pflichten, denen die Lehrer unterliegen. Franzisks Schicksal an der Schule jedenfalls steht auf der Kippe. Das hält ihn und seine Freunde nicht davon ab, an einem großen Konzertereignis in der Stadt teilnehmen zu wollen. Doch auf dem Weg dahin gerät Franzisk in ein großes Unglück. Eine Menschenmenge, unterwegs zum Konzert, flüchtet sich massenhaft in eine UBahn-Station und verursacht so eine Massenpanik, in der viele Menschen verletzt und einige auch getötet werden. Franzisk wird so schwer verletzt, dass er in ein Koma fällt.
    Im Krankenhaus geben die Ärzte ihn auf und planen schon die Wiedervergabe des Bettes und die Verwendung seiner (zu spendenden) Organe. Doch eine Person lässt das alles nicht zu und glaubt unerschütterlich an Franzisks Zukunft: seine Großmutter. Sie wird über Jahre hinweg an der Seite seines komatösen Körpers signalisieren, dass sie ihn nicht aufgeben wird, gegen alle Widerstände. Einige Besucher bringen die Außenwelt in das Krankenzimmer hinein, indem sie Franzisk von dem Zustand ihres Lebens und der Gesellschaft in Belarus berichten, einem Land, das immer mehr erstarrt unter der Herrschaft des Immergleichen Regenten, der immer stärker diktatorische Züge annimmt.

    So beschissen ging es uns noch nie. Alle sagen gebetsmühlenartig: Schaut nur, wie gut es uns geht, Ruhe, stabile Einkommen, Sauberkeit, Wirtschaftswunder! Aber ich sage Dir was – es gibt kein Wunder. Fassadenpolitik!

    In den Nachrichten bringen sie immer nur: Das Gras ist grüner geworden, die Milchmengen größer, die Hockeymannschaft des Präsidenten hat wieder einmal gewonnen …

    10 Jahre später dann kann sich Franzisk tatsächlich nochmal selber einen Eindruck verschaffen vom Zustand seines Landes. Es ist kein ermutigender Eindruck, den er gewinnt. Untätigkeit in der Vergangenheit hat das Land an den Rand des Abgrunds gebracht. Revolte ist nun unumgänglich, will man Veränderung bzw. Verbesserung erreichen..

    Wir können nichts dafür, dass wir uns auf den Platz stellen müssen, das ist eure Schuld! Fünfzehn Jahre lang habt ihr nichts gemacht! Du hast nichts dafür unternommen, dass ich heute zu Hause bleiben könnte!

    Nicht nur haben sich seine familiären Verhältnisse und die Verhältnisse in seinem Freundeskreis nicht zu seinem Gunsten entwickelt. Das Land an sich scheint – wie er selbst – irgendwie im Tiefschlaf verharrt zu haben. Zukunftsimpulse, Erneuerungen, Modernisierung – alles das weitgehend Fehlanzeige. Was also ist seine Perspektive in diesem Land, in dem er eine Ausbildung und auch eine Familiengründung im Koma versäumen musste? Sein Leben erscheint ihm in diesem Land ohne Sinn und Ziel:

    Ich habe zehn Jahre meines Lebens verloren und will nicht den Rest auch noch verlieren. … Ich habe alles satt…. Ich will von gesunden, normalen Menschen umgeben sein, keine Angst mehr haben müssen, … blockquote>
    So sieht er nur einen Ausweg. Er nutzt eine Verbindung ins Ausland (deutsche Ferieneltern, die ihn als weißrussisches Opfer der Černobyl-Katastrophe jahrelang regelmäßig als Ferienkind aufgenommen haben) und verlässt das Land. Eine andere, noch destruktivere Form der Flucht wählt sein Freund Stass, der sich das Leben nimmt. Das buch zeigt so eindrucksvoll die Perspektivlosigkeit der (vor allem jungen) Gesellschaft, in einem autokratisch geführten Land ohne Impulse aus der Gesellschaft.
    Mein Fazit:
    Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen, muss aber wesentliche Abstriche machen.
    • Mein Interesse an dem gesellschaftlich, zeitgeschichtlichen Hintergrund des Romans wurde in diesem Buch nur etwas oberflächlich bedient. Die Informationen, die über das Land Belarus erfahrbar gemacht wurden, gingen für mich nicht wirklich deutlich über reines Nachrichtenwissen hinaus. Für einen auch sonst etwas interessierten Beobachter des Geschehens dort, blieb der Erkenntnisgewinn höchstens moderat. Eine Innensicht und persönlich gestaltete Einsicht in die Geschehnisse und ihre Konsequenzen flackert allenfalls von Zeit zu Zeit im Roman auf.
    • Der Verlag verrät uns schon im Klappentext die im Roman lange Zeit nicht sichere Zukunft Franzisks und schwächt durch dieses „Spoilern“ das Leseerlebnis erheblich ab.
    Und so bleibt ein etwas flaues Fazit zu diesem Buch, von dem ich mir erhofft hatte, dass es mich mehr packen könnte. (3 Sterne)

  1. Fassadenpolitik

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Apr 2021 

    Minsk im Jahr 1999: Der 16-jährige Franzisk Lukitsch soll nach dem Willen seiner Großmutter Elvira einmal Berufsmusiker werden. Mit seinen Altersgenossen bereitet er sich auf dieses Karriereziel vor und übt Cello auf den Druck seiner Babuschka. Zur Ablenkung will er mit seinen Freunden ein Rockkonzert besuchen. Bevor er aber der Musik zuhören kann, gerät er in eine Massenpanik und wird in dem Gedränge so schwer verletzt, dass er ins Koma versetzt werden muss...

    „Der ehemalige Sohn“ ist der Debütroman von Sasha Filipenko, der erstmals schon 2014 erschienen ist.

    Meine Meinung:
    Der Roman ist in Abschnitte, nicht jedoch in Kapitel eingeteilt. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge, wobei es mehrere Zeitsprünge gibt, da die Handlung mehr als zehn Jahre umfasst.

    Der Schreibstil ist - wie vom Autor gewohnt - recht schnörkellos und nüchtern, aber eindringlich und anschaulich. Es gibt immer wieder lange Monologe und Dialoge, jedoch verhältnismäßig wenige beschreibende Passagen. Außerdem sind zwischendurch Gedichte und Liedtexte eingefügt.

    Mit Franzisk hat der Schriftsteller einen ziemlich gewöhnlichen, allerdings nicht langweiligen Charakter in den Mittelpunkt des Romans gestellt. Er wirkt realitätsnah. Mehrere der sonstigen Figuren erscheinen dagegen ziemlich überzeichnet, zum Teil auch ein wenig schablonenhaft.

    Inhaltlich dreht sich der Roman vor allem um die Politik in Belarus, insbesondere um das diktatorische Regime des Präsidenten. Fast prophetisch wird beschrieben, wie die autoritäre Macht die Bürger einschüchtert, vertreibt und mürbe macht. Dies macht für mich die Stärke des Romans aus und verleiht der Geschichte sieben Jahre nach der Erstveröffentlichung eine größere Aktualität denn je. Schon alleine deshalb lohnt die Lektüre. Allerdings kommt die Regimekritik bisweilen ziemlich plakativ daher.

    Wahre Fakten wie die Massenpanik werden mit Fiktion verwoben. Als außenstehende Leserin fiel es mir jedoch in einigen Punkten schwer zu beurteilen, bei welchen Teilen des Romans übertrieben wurde, was als Satire zu verstehen ist und was tatsächliche Begebenheiten sind. Besser verständlich wird der Inhalt durch die Anmerkungen der Übersetzerin, die an den Roman anschließen, aber meiner Ansicht nach eigentlich vor der Geschichte gelesen werden sollten. Interessant ist auch das Vorwort des Autors, das er aufgrund aktueller Ereignisse nachträglich geschrieben hat.

    Auf rund 300 Seiten konnte mich die Geschichte mehrfach emotional bewegen. Das recht offene Ende lässt viel Raum für Interpretationen und gleich mehrere Fragen unbeantwortet.

    Das vom Verlag gewohnt reduzierte Design des Covers mit dem Männerporträt ist durchaus passend. Auch der Titel erschließt sich beim Lesen. Als völlig missraten bewerte ich die unnötig ausführlichen Klappentexte, die schon vorab zu viel von der Geschichte preisgeben.

    Mein Fazit:
    Mit „Der ehemalige Sohn“ ist Sasha Filipenko ein Debüt gelungen, mit dem er sein Heimatland auch Westeuropäern nahebringt. Trotz mehrerer Schwächen ist der Roman lesenswert, weil er die Aufmerksamkeit auf die Missstände in Belarus lenkt und zurecht den Finger in die Wunde legt.

  1. Ein Land im Tiefschlaf – Realsatire (?) aus Belarus

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Apr 2021 

    Franzisk ist 1999 ein junger Musikstudent am Lyzeum in Minsk. Er nimmt seine Studien nicht allzu ernst, spielt lieber Fußball anstelle seiner Etüden auf dem Cello. Sein Verbleib an der Musikschule ist gefährdet. Während die Lehrer genau darüber beraten, beschließen er und seine Freunde, das Schulhaus zu verlassen, um ein Konzert in der Innenstadt zu besuchen. Dort kommt es zu einer dramatischen Massenpanik mit vielen Todesopfern, in der Franzisk schwer verletzt wird und in Folge in ein langjähriges Koma fällt.

    Nur seine Großmutter steht während dieser Zeit treu zu ihm. Sie gestaltet das Krankenzimmer wohnlich, verteidigt ihren Enkel gegen alle medizinischen Experten, die den Jungen sterben lassen wollen und sitzt tagelang an seinem Bett, um ihn über die laufenden Geschehnisse und Neuigkeiten auf dem Laufenden zu halten. Sie ist fest davon überzeugt, dass er alles hören kann. In ihren Monologen geht sie auch in der Zeit zurück, so dass der Leser gleichfalls über zurückliegende Erlebnisse der Familie informiert wird. Der Autor verknüpft dabei Fiktion mit tatsächlichen historischen Ereignissen. Es kommen auch ein paar Besucher ans Krankenbett: Zisks Freundin Nastja, seine deutschen Gasteltern, bei denen er als Tschernobyl-Opfer einige schöne Sommerferien verbracht hat, als Freund kommt nur Stassik regelmäßig vorbei. Die Mutter wirkt frustriert, sie wünscht sich ein anderes Leben, in dem für ihren Sohn kein Platz mehr zu sein scheint, weshalb sie ihn frühzeitig aufgibt.

    Aus den Berichten und Gesprächen am Krankenbett bekommt man einen guten Eindruck, was es heißt, in einer Diktatur zu leben: Korruption und Egoismus sind an der Tagesordnung, der Staatsapparat greift rigide gegen Kritiker durch, der Polizeistab ist groß, Menschenleben zählen nicht, es gibt keine Perspektiven, viele Familien verlassen das Land: „Während Mama ihre Witze riss, verließen die Nachbarn den Wohnblock. In einem Rettungswagen, weil das billiger war. Einen Möbelwagen konnte sich niemand leisten. Sie stopften den Sanitätswagen voll mit Zeug und Wünschen. Die Frauen weinten, die Männer verstauten die Koffer, die Kinder lachten. (…) und wieder war eine Familie durch den Torbogen verschwunden.“ (S. 124)

    Franzisk hat bereits vor dem Unfall überwiegend bei seiner Großmutter gelebt, das Verhältnis zur Mutter ist schwierig, einen Vater gibt es nicht. Irgendwann erwacht Franzisk aus dem Koma. Er muss sich in vielen Beziehungen neu orientieren. Seine Familie hat sich verändert. Das Land leidet jedoch noch genauso: der Präsident ist noch derselbe, Belarus lag quasi ebenfalls im Koma. Zusammen mit seinem Freund Stassik bezieht Franzisk allmählich Stellung: Er sehnt sich nach Freiheit, geht auf die Straße und schmiedet Pläne.

    Nach „Rote Kreuze“ ist dieses der zweite Roman von Sasha Filipenko, der ins Deutsche übertragen wurde, eigentlich ist „Der ehemalige Sohn“ aber sein Debütroman, der bereits 2014 erschien. Angesichts der zahlreichen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern von Staatschef Lukaschenko im vergangenen Jahr hat der Roman eine immense Aktualität. Es ist ein höchst politisches Buch. Bereits im Vorwort schlägt der Autor selbst die Brücke zwischen dem schlafenden Franzisk und dessen Heimatland Belarus: „Dieses Buch ist eine Erklärung dafür, warum die Belarussen 2020 nicht mehr weiterschlafen wollten und aus dem Koma erwachten.(…) Dieses Buch ist im Grunde ein Lexikon von Anlässen, ein Wörterbuch von Gründen für die Belarussen, ihre Häuser zu verlassen,“ (S.10)

    Ich kann die Intention des Autors vollkommen nachvollziehen, jedoch wirkt der Aufbau des Romans, die Tatsache, dass große Teile aus Monologen am Krankenbett bestehen, auf mich experimentell und unausgewogen. Die Berichte und Nachrichten, aus denen gesellschaftliche Ereignisse bzw. Entwicklungen hervorgehen, habe ich als überzogen, aneinandergereiht und skurril wahrgenommen, so dass ich es nur als Satire auffassen konnte. Dieser Eindruck wird meines Erachtens durch die klischeebehaftete Figurenzeichnung unterstützt: Die an sich sympathische Großmutter verhält sich stellenweise penetrant und unglaubwürdig, der behandelnde Arzt ist gierig, manipulativ und berechnend, Freundin Nastja stellt sich als ein unreifes, oberflächliches Mädel dar. Zunehmend habe ich die Verbindung zur politischen Aussage des Romans verloren, die Konzeption hat mich nicht komplett überzeugen können, manches Zusammenfallen von Ereignissen wirkte konstruiert und gewollt auf mich. Es ist schwer, das ohne Beispiele, die den Inhalt vorweg nehmen würden, zu belegen.

    Mit Franzisks Aufwachen aus dem Koma vollzieht der Roman allerdings eine positive Wende. Franzisk wird wieder der Akteur, man verfolgt sein Schicksal mit Neugier. Seine Erlebnisse haben jetzt Bezug zur jüngeren Vergangenheit, die mir vertrauter ist. Das Ende stellt sich aus meiner Sicht realistisch sowie nachvollziehbar dar und stimmt nachdenklich. Das hat mir gut gefallen. Es kann sein, dass die Dinge, die ich im Mittelteil als unrealistisch/überzogen angesehen habe, der Wahrheit entsprechen. Es kann aber auch sein, dass mein Eindruck durchaus gewollt ist, denn auf Seite 267 wird die Politik des Präsidenten, dessen Name übrigens nie genannt wird, offen kritisiert: „Ich gehe nicht auf die Straße, um eine Revolution anzuzetteln (…). Aber ich will mich davon überzeugen, dass dieser ganze Surrealismus nicht wahr ist, der ganze Stumpfsinn, den sie im Fernsehen zeigen, der Schwachsinn, den die Sprecher verzapfen.“ Die hier genutzten Vokabeln spiegeln meine beschriebenen Eindrücke wider.

    Der Schreibstil Filipenkos ist vielseitig. Er kann kraftvolle, metaphernreiche Bilder zeichnen. Die Schilderung der Massenpanik wirkt extrem realistisch und beklemmend. Gleichwohl beherrscht er die Kunst, glaubwürdige Dialoge zu schreiben.

    Am Ende bleibt für mich die Erkenntnis, dass ich diesen politisch brisanten Roman möglicherweise nicht komplett verstanden habe. Der Verlag beschreibt ihn als „gewitzt und bewegend“ – also doch eine Satire? Ich halte es offen. Mich hat er trotz seiner politischen Bedeutung nicht durchgehend erreichen können. Hoffentlich haben andere Leser ein besseres Verständnis dafür.

  1. Gute Idee aber nicht konsequent bis zum Ende

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Apr 2021 

    Ich kann verstehen, dass man als betroffener Autor ein Buch über das politische Geschehen in seinem Heimatland schreiben muss. Das solch ein Buch viel Mut verlangt, ist keine Frage, nicht selten rächt sich das Regime an allzu laute Kritiker.
    Als sich der 16-jährige Zisk im Jahr 1999 auf den Weg zu einem Rockkonzert macht, geschieht eine Tragödie. Ein plötzliches Unwetter führt zu einer Massenpanik. Viele Junge Menschen, die sich auf eine ausgelassene Zeit freuten, finden in der U-Bahn-Station in Minsk ihren Tod. Zisk selbst verbringt die nächsten zehn Jahre im Koma und stellt nach seinem Erwachen fest, dass sich sein Heimatland Weißrussland politisch nicht verändert hat.
    Das Buch besteht für mich aus zwei Teilen. Teil eins, die Zeit in der Zisk im Koma liegt, und die Zeit nach seinem Erwachen. Im ersten Teil lebte das Buch von überaus starken Monologen, die an seinem Krankenbett geführt wurden. Egal ob Zisks Oma oder sein bester Freund Stass, beinahe staccatohaft konnte man deren Gedanken folgen. Diese Monologe hatten eine eigene Dynamik, sodass ich sie wirklich gerne las.
    Im zweiten Teil fielen die Monologen fast gänzlich weg und das Buch ähnelte einem literarischen Roman. Irgendwie ist für mich aber die Kraft verloren gegangen. Ein weiteres Problem im zweiten Teil war, dass das Buch keinen Sympathieträger mehr beinhaltete. Mehr möchte ich hier nicht spoilern.
    Die Frage ist, braucht ein politisches Buch einen Sympathieträger? Aus meiner Sicht ja, mir hätte eine Person, mit der ich mich mehr identifizieren hätte können, mehr geholfen das Buch besser verstehen zu können. Natürlich kenne ich mich oberflächlich mit dem politischen Regime in Weißrussland aus, aber ein Detailwissen besteht in keiner Weise. Wenn das Erzählte näher an einem Charakter dran gewesen wäre, dann wäre auch die Kraft nicht verloren gegangen. Zisk war für mich zu weit weg, ich verspürte hier leider keine Nähe.
    Ein weiteres wichtiges Stilmittel des Autors war es sich unzähligen Metaphern zu bedienen. Der eigentliche Patient war nicht Zisk, sondern eben Weißrussland und so weiter. Von diesen satirischen Metaphern gibt es eine ganze Menge in diesem Buch. Teilweise waren sie mir zu überladen, vor allem in der Kombination mit den ständigen Übertreibungen und der ironischen satirischen Aufmachung. Auch wirkte das Buch in seiner Gesamtheit zu konstruiert, obwohl es sich durchaus an wahre Begebenheiten anlehnte.
    Einige wichtige Fragen, konnte mir das Nachwort der Übersetzerin beantworten. Besser wäre für mich gewesen, wenn das Nachwort ein Vorwort gewesen wäre, teilweise hätte ich die Story besser verstanden, wenn ich manche Information vor dem Lesebeginn gehabt hätte.
    Das Buch hinterlässt mich zwiegespalten. Den ersten Teil würde ich noch als Lesevergnügen bezeichnen, da mich vor allem die Monologe in den Bann gezogen haben (obwohl ich eigentlich kein Fan von Monologen bin). Im zweiten Teil war mir leider alles zu weit weg. Keine Sympathie, keine Empathie, hier fehlte mir zu viel und das Lesevergnügen verebbte. Dennoch muss man dem Mut des Autors Respekt zollen.

  1. Wenn der Spiegel erblindet

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Mär 2021 

    !ein Lesehighlight 2021!

    Klappentext:
    „Eigentlich sollte der junge Franzisk Cello üben fürs Konservatorium, doch lieber genießt er das Leben in Minsk. Auf dem Weg zu einem Rockkonzert verunfallt er schwer und fällt ins Koma. Alle, seine Eltern, seine Freundin, die Ärzte, geben ihn auf. Nur seine Großmutter ist überzeugt, dass er eines Tages wieder die Augen öffnen wird. Und nach einem Jahrzehnt geschieht das auch. Aber Zisk erwacht in einem Land, das in der Zeit eingefroren scheint.“

    Autor Sasha Filipenko hat mich bereits mit „Rote Kreuze“ komplett verzaubert, aber dieser Roman hier übertrifft nochmal alles. Die Geschichte um seinen Protagonisten Franzsik, genannt Zisk, lässt einen völlig fallen und abtauchen, was aber eben nur durch den extrem ausdrucksstarken und wortgewaltigen Schreib- und Sprachstil Filipenkos geschuldet bzw. möglich ist. Zisk‘ Unfall war nicht nur tragisch, es war einfach heftig und sinnlos, wie das umknicken bei Laufen oder dem Regenschirm der bei Regen kaputt geht...und dann das Koma. Man leidet mit als Leser, aber eben nicht wie man es bei einem normalen Belletristik-Roman macht, sondern eben auf einem höheren Level. Allein die Melodie der Wörter die Filipenko verwendet, machen da so viel aus. Und dann endlich der Punkt des Aufwachens, des Lebens....und doch steht die Zeit still....Filipenko gibt hier so viele Assoziationen vor, die nach dem beenden des Buches ganz stark nachhallen. Die aktuelle politische Lage, die Lage der Menschen in Minsk...alles scheint ein politischer Spiegel zu sein, der aber eben beschlagen ist, droht blind zu werden, aber man erkennt noch genau was Filipenko uns sagen will und eines ist dabei ganz klar: er nimmt kein Blatt vor den Mund was seine politische Einstellung betrifft. Wollen wir hoffen, dass das Recht auf Meinungsfreiheit diesen wunderbaren Autor niemals Mundtot macht, denn der Literaturwelt würde etwas ganz großes dadurch fehlen!
    Dieses Buch ist, mal wieder, ein Meisterwerk aus Filipenkos Feder - 5 von 5 Sterne!