Der dunkle Bote

Rezensionen zu "Der dunkle Bote"

  1. Selbstjustiz in Berlin

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Apr 2020 

    Wien im Spätherbst 1920. Eine Männerleiche wird brutal ermordet aufgefunden, ihm fehlt seine Zunge, später wird ein kryptischer Bekennerbrief an eine Tageszeitung geschickt. Und es bleibt nicht der einzige Mord. August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter werden mit den Ermittlungen zu diesen Fällen beauftragt, nachdem sie im vorangegangenen Roman bewiesen haben, dass mit der "Krüppelbrigade" zu rechnen ist. Doch wo sollen sie ansetzen, wo doch auf den ersten Blick nichts die Toten verbindet? Zwar haben diese in der Vergangenheit Dreck am Stecken angehäuft, doch eine heiße Spur ergibt sich daraus nicht. Eine umtriebige Reporterin und Frauenaktivistin gerät kurzzeitig unter Verdacht, als sich herausstellt, dass die Taten in Verbindungen mit Untaten, die an Frauen begangen worden sind, gesetzlich aber nie geahndet worden sind. Offensichtlich ist also Selbstjustiz im Spiel.

    Gleichzeitig führt Emmerich einen Kampf auf Leben und Tod mit Xaver Koch, dem Mann, der ihm im zweiten Roman die Geliebte und deren Kinder, für die Emmerich ein Vater war, durch sein überraschendes Auftauchen aus den Kriegswirren genommen hat. Dieser führt nicht nur gegen Emmerich Böses im Schilde, sondern verfolgt auch einen üblen kriminellen Plan, um im durch die Nachkriegswirren geprägten Wien zu Einfluss zu gelangen. Am Ende verbinden sich die beiden Handlungsstränge.

    Wie schon in den beiden Vorgängerromanen "Der zweite Reiter" und "Die rote Frau" überzeugt die Autorin Alex Beer durch eine gelungene Mischung aus Spannung und historischen Fakten, die den Hintergrund für den Roman abliefern. Wien ist weder schwarz noch weiß, die Grautöne überwiegen. Die Guten sind nicht immer nur gut, manche Böse sind hingegen auf den zweiten Blick gar nicht so schlimm, letztendlich muss jeder sehen, wie er angesichts der Notlage nach dem Krieg klar kommt. Die Auseinandersetzungen zwischen den Christsozialen (die eher protofaschistisch waren) und den Austromarxisten und der latente, nach dem Krieg erstarkte Antisemitismus kommen im Roman nicht zu kurz und sind mehr als nur historische Staffage.

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  1. Das schöne Zimmer

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Jun 2019 

    November 1920 in Wien, die wirtschaftliche Lage ist schlecht, das Wetter ebenfalls. Die Menschen leiden unter Hunger, Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit. Auch Kriminalinspektor August Emmerich lebt nicht auf großem Fuß. Immer noch ist er auf der Suche nach seiner Lebensgefährtin Luise, die von ihrem Mann entführt wurde, der eigentlich im Krieg als vermisst gegolten hatte. Als die Nachricht hereinkommt, eine Leiche sei gefunden worden, machen sich Emmerich und sein Assistent Winter sofort auf den Weg. Ein Mann wurde eigenartig drapiert und ein später auftauchender Bekennerbrief gibt weitere Rätsel auf.

    Ein wenig erinnert die Schilderung des Lebens und des Verbrechens in Wien an Berlin zu eben jener Zeit. Es gibt Banden, die die Stadt unter sich aufteilen wollen. Schieber und Schmuggler sind allenthalben unterwegs, um ihren Vorteil aus der schlecht laufenden Wirtschaft und der wachsenden Geldentwertung zu ziehen. Der verlorene Krieg bringt unterschiedliche politische Strömungen hervor, die das Land und die Stadt verändern wollen, wobei ihnen jedes Mittel recht ist auch das der Gewalt. Die normalen Menschen leben häufig im Elend, Kinder werden allein gelassen und müssen zusehen, wie sie zurechtkommen. Es ist eine dunkle kalte Zeit, in der der dunkle Bote umgeht. August Emmerich unternimmt alles, um den Mörder zu stoppen.

    In seinem dritten und wohl persönlichsten Fall will August Emmerich sowohl das Rätsel um den sogenannten dunklen Boten lösen als auch seine Lebensgefährtin wieder zurück an seine Seite bringen. Manchmal ist er garnicht so sicher, wie er seine Prioritäten setzen soll.

    Die Schilderungen über den Beginn des Winters 1920 in Wien treffen wirklich ins Mark. Der Krieg hat das Land ausgelaugt, es ist nichts mehr wie es war. Anscheinend gibt es nur noch Verbrechen, Not und Elend. Man fragt sich tatsächlich, wieso Menschen schon so relativ kurze Zeit später Menschen wieder in den Krieg zogen. Auch August Emmerich ist verwundet heimgekehrt, doch unverzagt geht er seiner Arbeit nach, um die Welt wenigstens etwas besser zu machen. Nicht immer kann ihm das vollständig gelingen, doch gerade das macht seine Figur umso authentischer. Auch wenn hier die Kriminalistik manchmal eher zur Nebensache gerät, brilliert dieser spannende Roman mit einem detaillierten Sittengemälde seiner Zeit.

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