Der Distelfink: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Distelfink: Roman' von Donna Tartt
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Distelfink: Roman"

Es passiert, als Theo Decker dreizehn Jahre alt ist. An dem Tag, an dem er mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, verändert ein schreckliches Unglück sein Leben für immer. Er verliert sie unter tragischen Umständen und bleibt allein und auf sich gestellt zurück, sein Vater hat ihn schon lange im Stich gelassen. Theo versinkt in tiefer Trauer, die ihn lange nicht mehr loslässt. Auch das Gemälde, das seit dem fatalen Ereignis verbotenerweise in seinem Besitz ist und ihn an seine Mutter erinnert, kann ihm keinen Trost spenden. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das vergeht, kommt er immer weiter von seinem Weg ab und droht, in kriminelle Kreise abzurutschen. Und das Gemälde, das ihn auf merkwürdige Weise fasziniert, scheint ihn geradezu in eine Welt der Lügen und falschen Entscheidungen zu ziehen, in einen Sog, der ihn unaufhaltsam mit sich reißt ...


Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:1026
EAN:

Rezensionen zu "Der Distelfink: Roman"

  1. Ein besonderes Gemälde

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Jul 2020 

    Die Autorin Donna Tarrt hat mehrere Jahre an diesem Schmöker geschrieben. Dafür hat sie sich auch viel Mühe gegeben, wie ich finde. Lange habe ich es im Regal stehen gehabt, weil es über 1000 Seiten stark ist. Aber nun bin ich echt froh, in dieses Buch mich vertieft zu haben.

    Es dreht sich in diesem Roman hauptsächlich um ein kleines Gemälde. "Der Diestelfink" aus dem 17. Jahrhundert. Es hängt in einem Museum in New York. Theo Decker besucht des öfteren mit seiner Mutter das Museum. Ausgerechnet in dieser halben Stunde, wo die beiden vor dem Regenschauer Schutz suchen, wird ein Terroranschlag auf das Museum verübt. Theo kommt relativ unverletzt aus den Trümmern heraus und hofft, seine Mutter wird bald nach Hause kommen. Das ist leider nicht der Fall, sie hat es nicht überlebt, wie so viele Besucher und Angestellte.

    Theo Decker ist eigentlich zu jung noch um den Tod seiner geliebten Mutter zu verkraften. Sein Vater ist ein Jahr vor dem Unglück abgehauen. Kein großer Verlust für die beiden, denn Theo hatte es sich gut eingerichtet mit der Mutter. Ihnen geht es gut. Bis zu dem verhängnisvollen Tag, an dem sein Leben zusammen brach. Er versinkt in tiefer Trauer und weiß nicht, wie er sie bewältigen soll. Zwar wurde er von der sehr reichen Familie eines Freundes aufgenommen, aber dafür sind alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als das er dort wirklichen Halt finden könnte. Lediglich Andy ist wie ein wirklicher Bruder für ihn.

    Hier ist Theos Reise allerdings noch nicht zu Ende. Er muss dann zunächst nach Nevada, wo sein zwielichtiger Vater mit seiner Freundin lebt und Theo erst noch nicht so richtig durchblickt, von was er eigentlich lebt. Immer im Gepäck das unbezahlbare Gemälde "Der Distelfink", was er aus dem Museum mitgenommen hat. Zunächst hatte er nur vor es zu retten, aber später hatte er keine Argumente mehr es zurück zu geben. Dieses Gemälde wird sein halbes Leben bestimmen und zu einem Kriminalfall werden.

    Auf seiner neuen Schule in Nevada lernt er Boris kennen, der sein bester Freund wird. Boris ist das ganze Gegenteil von Theo. Stammt aus Australien und hat einen ukrainischen Vater, der säuft und nie zu Hause ist. Seine Mutter stammt aus Polen und ist aus dem Leben entschwunden der beiden. Boris nimmt Drogen und trinkt, ist aber ein kluger und belesener Junge und es dauert nicht lange, da wohnt er dann bei Theo. Denn Theos Vater ist auch oft nicht da und vermisst seinen Sohn sowieso nicht.

    Donna Tarrt erzählt hier allerdings eine Geschichte, die sich um Trauer, Einsamkeit, Selbstzweifeln, Liebe, Freundschaft, Glauben und tiefen Abgründen bewegt. Denn Theo versinkt häufig in Depressionen. Kein Wunder, wo er nirgends richtig Halt findet. Was mir besonders gefallen hat, Donna Tarrt hat ein feines Gespür sich in die Menschen hineinzuversetzen und den Leser auch daran teilhaben zu lassen.

    Man kennt die Personen, die im Leben von Theo eine Rolle spielten wirklich gut. Man lebt sie mit sozusagen. Es ist zeitgenössisch geschrieben und nimmt dem Leser einfach gefangen. Unbedingt lesen und sich nicht von der Anzahl der Seiten abschrecken lassen. Am Ende ist man erstaunt, dass es schon zu Ende ist.

  1. Hier sitzt jedes Wort

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Apr 2014 

    Eigentlich sollte es ein ganz normaler Tag im Leben von Theo Decker werden. Da er und seine Mom noch Zeit zu überbrücken haben, entschließen sie sich zusammen das Museum zu besuchen. Seine Mutter interessiert sich sehr für Kunst und möchte ihrem Sohn ein paar besondere Gemälde zeigen. Doch dann passiert schreckliches und Theos Mutter ist tot. Sein Vater ist ein Jahr zuvor abgehauen und der 13-jährige steht plötzlich ganz alleine da. In seiner Verwirrung und dem Chaos nach dem Tod seiner Mutter hat er ein Gemälde entwendet, das sein ganzes weiteres Leben bestimmten soll. Er trifft ein paar falsche Entscheidungen und steht plötzlich an einem Punkt, an dem er nicht mehr weiter weiß. Ist jetzt wirklich alles vorbei? Gibt es nur noch den Ausweg des Selbstmordes? Oder gibt es doch noch Hoffnung?

    Dieses Buch hat es wirklich in sich. Genau wie für ihre anderen Bücher hat die Autorin auch an diesem jahrelang gefeilt, recherchiert und geschrieben. Und das merkt man diesem Buch auch an. Hier stimmt jeder Satz, jedes Wort sitzt an der richtigen Stelle. Die Geschichte beginnt in New York. Theo und seine Mum haben eine sehr enge Beziehung. Zwischen ihm und seinem Vater ist eine große Distanz. Der Vater ist fast immer betrunken und hat so gut wie kein Interesse an seinem Sohn. Als er schließlich verschwindet, trauern ihm Frau und Sohn auch nicht hinterher. Aber als Theo seine Mutter verliert, verliert er auch seinen Lebenswillen. Er funktioniert nur noch wie ein Automat. Nicht einmal die vielen Veränderungen in seinem Leben können ihn aus seiner Trauer herausholen.

    Theo versackt schließlich in Alkohol und Drogen. Doch er findet auch einen Freund der ihm näher steht als sonst irgend jemand zuvor. Mit Ausnahme seiner Mutter natürlich. Die Protagonisten sind sehr gut ausgearbeitet und facettenreich. Donna Tartt ist es gelungen, ihren Personen so viel Leben einzuhauchen, dass ich oft dachte, ich müsste Theo oder Boris jeden Moment begegnen. Ich konnte sie regelrecht vor mir sehen. Ihre Mimik, ihre Gestik, ihr ganzes Sein. Das schaffen nur sehr wenige Autoren. Ich litt so sehr mit Theo und konnte gleichzeitig alles aus einer gewissen Distanz betrachten.

    Hier ist mal ein kleiner Ausschnitt der mich besonders berührt hat:
    "Die Leute spielten Roulette oder Golf, pflanzten Gärten, handelten mit Aktien, hatten Sex, kauften neue Autos, machten Yoga, arbeiteten, beteten, renovierten ihre Häuser, regten sich über die Nachrichten auf, verhätschelten ihre Kinder, tratschten über die Nachbarn, studierten Restaurant-Kritiken, gründeten wohltätige Organisationen, unterstützten politische Kandidaten, nahmen an den U.S. Open teil, speisten und reisten, lenkten sich mit allen möglichen Spielzeugen und Geräten ab und überfluteten sich unaufhörlich mit Informationen und Texten und Kommunikation und Unterhaltung aus allen Richtungen, um vergessen zu machen wo wir waren, was wir waren. Aber bei hellem Licht betrachtet ließ es sich auf keine Weise schönreden. Es war von oben bis unten beschissen. Zeit im Büro absitzen, gehorsam 2,5 Kinder Nachwuchs gebären, bei seiner Pensionsfeier höflich lächeln und dann an seinem Bettlaken kauen und im Pflegeheim an Pfirsichen aus der Dose ersticken. Es war besser, nie geboren worden zu sein - nie etwas gewollt - nie etwas gehofft zu haben. " (Seite 633)

    Am Ende des Buches gibt es noch eine Passage über gut und böse, die ich auch unglaublich gut fand. Die letzten ca. 40 Seiten würde ich am Liebsten auswendig lernen, weil sie mich so tief beeindruckt haben. Ich weiß, dass Donna Tartts Schreibstil nicht jedem liegt, ihre genauen Beschreibungen und Liebe zum Detail. Aber für mich flogen die 1022 Seiten geradezu vorbei. Ich las mich in einen regelrechten Rausch. Darum vergebe ich für "Der Distelfink" volle 5 von 5 Punkten und den Favoritenstatus für eine absolut außergewöhnliche Geschichte. Wer "Die geheime Geschichte" mochte wird "Der Distelfink" lieben.

    © Beate Senft