Der Distelfink

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Distelfink' von Donna Tartt
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4 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Distelfink"

Es passiert, als Theo Decker dreizehn Jahre alt ist. An dem Tag, an dem er mit seiner Mutter ein New Yorker Museum besucht, verändert ein schreckliches Unglück sein Leben für immer. Er verliert sie unter tragischen Umständen und bleibt allein und auf sich gestellt zurück, sein Vater hat ihn schon lange im Stich gelassen. Theo versinkt in tiefer Trauer, die ihn lange nicht mehr loslässt. Auch das Gemälde, das seit dem fatalen Ereignis verbotenerweise in seinem Besitz ist und ihn an seine Mutter erinnert, kann ihm keinen Trost spenden. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Jahr, das vergeht, kommt er immer weiter von seinem Weg ab und droht, in kriminelle Kreise abzurutschen. Und das Gemälde, das ihn auf merkwürdige Weise fasziniert, scheint ihn geradezu in eine Welt der Lügen und falschen Entscheidungen zu ziehen, in einen Sog, der ihn unaufhaltsam mit sich reißt ...

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:1024
EAN:9783442312399

Rezensionen zu "Der Distelfink"

  1. 4
    22. Mär 2022 

    "Leben ist Katastrophe", dieses Buch allerdings nicht!

    „Leben ist Katastrophe“ zu diesem Schluss kommt Theo Decker am Ende dieses Romans und zu Beginn: „Alles hätte sich zum Besseren gewendet, wenn sie [Theos Mutter] am Leben geblieben wäre.“ Keine Angst, das sind keine Spoiler, denn gleich im ersten Kapitel erfahren wir, dass der erwachsene Theo durchaus in der Klemme steckt, um es nett auszudrücken aber nicht mehr zu verraten.

    Dieser Roman entwickelt sich in Richtungen, die man zu Beginn der Geschichte nie geahnt hätte, durch Überschreiben mit mannigfaltigen, neuen Informationen nach dem ersten Kapitel auch gar nicht mehr im Blick hatte, und schafft es doch (fast) immer die Leserin mitzuziehen in diese Richtungen der wilden Wendungen und Kapriolen. So verliert Theo, in seinem Beisein, die eigene, alleinerziehende Mutter bei einem Bombenanschlag auf ein großes New Yorker Kunstmuseum, ur nachdem sie ihm ihr Lieblingsbild aus Kindheitstagen gezeigt hat. Aus Schutt und Asche nimmt er in innerer wie äußerer Verwirrung das Bild „Der Distelfink“ von Carel Fabritius in 1654, dem Jahr seines Todes gemalt, mit nachhause und scheint seit diesem schicksalhaften Tag mit ihm verbunden, versucht es loszuwerden und kann es doch nicht hinter sich lassen, da es so stark mit der Mutter verbunden scheint.

    Über die ersten 560 Seiten hinweg begleiten wir den 13jährigen Halbwaisen Theo nun zwei Jahre lang auf seinem Weg von der Upperclass-Pflegefamilie, über den Las Vegas-Spieler-Alptraum, fast White Trash, und durch verschiedenste Drogenräusche, aber auch Freundschaften und Ankommen im scheinbar sicheren Nest. Diese ersten 560 Seiten zeigen die Entwicklung Theos meisterhaft zu einem geschundenen 15-Jährigen auf. Traumatisierungen werden subtil und gleichzeitig unglaublich detailliert gezeigt. Aber die Odyssee Theos endet nicht an dieser Stelle. Das Buch macht einen Sprung von acht Jahren und zeigt die Welt von Kunst, Betrug und moralischem Verfall im nun jungen Erwachsenen Theo. Ab hier hat mich der ausschweifende Plot ein wenig zu stark strapaziert. Der Kapriolen und Wendungen des Schicksals war es mir dann doch ein Tüpfelchen zu viel. Die überbordende Sprache der Autorin wird manchmal ein kleines bisschen zu klischiert. Aber weiterhin schafft sie es, wie auch im ersten Teil des Buches die vorgestellten Milieus meisterhaft zu erfassen und darzustellen. Meines Erachtens, neben der grandiosen Charakterentwicklung Theos und der dreidimensionalen Ausleuchtung der Nebenfiguren, die größte Stärke dieses Romans. Das Ende wirkte mir dann - nach dem bis dahin gelesenen Epos - fast ein wenig zu fad und gefühlt plätschert der Roman zum Ende hin ein wenig in philosophisch-moralische Betrachtungen aus.

    Durchhaltevermögen bei diesem knapp über 1000 Seiten dicken Roman ist wirklich vonnöten. Für mich war er insgesamt einen Ticken zu lang und gleichzeitig aber auch nie wirklich langweilig. Die Autorin hätte einfach aus meiner Sicht etwas mehr Erzählökonomie walten lassen und die ein oder andere schicksalhafte, fast thrillerartige Wendung im zweiten Teil weglassen können. Das ist aber alles Meckern auf hohem Niveau, da der Roman im Gesamten definitiv überzeugen kann.

    Die Lesung von Matthias Koeberlin ist wirklich sehr angenehm, auch wenn er es nicht besonders gut schafft, weiblichen Charakteren gewisse Eigenarten mitzugeben. So wird z.B. im Text explizit die rauchige Stimme einer Protagonistin beschrieben und dann klingt sie doch wie jede andere weibliche Figur in diesem Hörbuch auch. Gerade die männlichen Figuren gelingen Koeberlin hingegen sehr gut, sodass ich doch seine Arbeit insgesamt als gelungen bezeichnen würde. [Einschränkende Anmerkung: Dies ist mein allererstes Hörbuch, sodass ich keine Vergleichsmöglichkeiten habe.]

    Für das Hörbuch: 3,5/5 Sterne = „überdurchschnittlich gut“, aufgerundet auf 4 Sterne „sehr gut“

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  1. 4
    24. Dez 2015 

    Überraschungspaket

    Sein Vater ist schon vor über einem Jahr abgehauen, der beste Vater war er nie. Mit 13 Jahren verliert Theo tragischerweise auch seine Mutter. Bei einem Anschlag auf ein Museum, das Beide gerade besuchen, kommt seine Mutter um. Theo, der nur einen Moment auf sie warten sollte, muss das wohl traumatischste Erlebnis überstehen, das ihm je widerfahren wird. Er wird verschüttet und als er aus seiner Ohnmacht erwacht, hilft er einem älteren Mann, der leider nicht gerettet werden kann. Theo findet Halt in einem Bild, dem Lieblingsbild seiner Mutter, das er aus den Trümmern retten kann, das er allerdings vergisst zurückzugeben.

    Kein Wunder, dass dieses einschneidende Ereignis Theos Leben bestimmt. Niemand scheint ihn haben zu wollen, seine Großeltern nicht, sein Vater bleibt verschwunden. Endlich kommt er bei der Familie eines Klassenkameraden unter, die ihn von Andy abgesehen auch eher kühl behandeln. Die Therapie bei einem Psychologen schlägt nicht so recht an, verständlicherweise vermisst Theo seine Mutter aufs Äußerste. Und gerade als er beginnt etwas Hoffnung zu schöpfen und er es geschafft hat, eine Verbindung zu dem Mädchen, das ihn im Museum so verzaubert hat und das ebenfalls überlebt hat, aufzunehmen, taucht sein Vater wieder auf. Ein Vater, der immer noch kein guter Vater ist, der Besitz des Bildes, der weiter auf ihm lastet - Theo beginnt den Halt zu verlieren.

    Einen umfangreichen Roman um ein real existierendes Meisterwerk präsentiert Donna Tartt ihren Lesern. Das ist man von ihr schon so gewöhnt, auch ihre geringe Produktivität ist bekannt. Man kann sich förmlich vorstellen wie sie jedes Wort abwägt, dreht und wendet bis sie es endlich in gemessener Form niederschreibt, an seinen Platz stellt. War man von ihrem Erstlingswerk „Die geheime Geschichte“ fasziniert und von dem Nachfolger „Der kleine Freund“ angeödet, geht man mit banger Erwartung an diesen neuen Roman heran, dessen Entstehung wieder ungefähr zehn Jahre in Anspruch genommen hat. Mit über tausend Seiten nicht gerade schmal türmt sich die Aufgabe vor dem Leser wie ein Berg. Erstaunlich schnell lässt sich dieser dann erklimmen. Zwar will er wohlmöglich ähnlich wie beim Schreiben Wort für Wort genommen werden, dennoch wirkt sein Bann. Auch wenn es kleiner Pausen bedarf, mag man schließlich von dem Buch nicht mehr lassen. Man folgt Theos Achterbahnfahrt durch seine Jugend, seine „aus der Bahn Geworfenheit“ stößt manchmal ab, häufiger aber berührt sie. An manchen Wendepunkten wünschte man ihm mehr Glück, mehr Durchblick. Man leidet mit, wenn sich beinahe ohne sein Zutun etwas zum Ungünstigeren wendet. Bald hofft, sein Leben möge doch eine ruhigere und positivere Fahrt aufnehmen. Auch wenn die Autorin für manchen Geschmack vielleicht hin und wieder zu weit ausholt, scheint doch letztlich kein Wort überflüssig. Wenn man sich auf die Lektüre einlassen kann und sich vornüber ins Vergnügen stürzt, hat man hier ein Werk, das jede Minute wert ist, die es beansprucht.

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