Der Buchtrinker

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Buchtrinker' von Klaas Huizing
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Buchtrinker"

Eines ist sicher: Hier schreibt einer, der weiß, wovon er spricht. Die Bücher haben ihn seit langem fest im Griff und bevor er mitsamt seinen Texten, seiner Literatur und seiner Lust am Gedruckten auf Nimmerwiedersehen verschwindet, weil ihn die Texte verschlungen haben, hinterlässt er noch schnell ein Buch für alle, denen diese verzehrende Leidenschaft nicht unbekannt ist.

Der Buchtrinker von Klaas Huizing ist ein Buch, das mehrere Geschichten erzählt. Zum einen handelt es von Falk Reinhold, einem obsessiven Leser und Sammler von Literatur. Die Bücher sind für ihn Abkömmlinge der Seele und jedes Stadium seiner Entwicklung wurde von Büchern begleitet. So stellt er am Beginn des Romans seine persönliche Hitliste der 21 besten Bücher auf: Von Hesse über Buber bis zu Ovid ist alles vertreten, was in der Literatur Rang und Namen hat.

Bei einem von Falks ungezählten Besuchen bei Buchhändlern und Antiquaren entdeckt er ein Buch über das Leben des Pfarrers Johann Georg Tinius, der schon am Geruch eines Buches die jeweilige Druckerei treffsicher bestimmen konnte. Ein Mensch, der an Papierbulimie erkrankte, und den seine Leidenschaft zu Büchern sogar zum Töten getrieben hat. Im Jahre 1813 wurde der unheilbare Bibliomane unter Mordverdacht festgenommen und es wurde ihm der Prozess gemacht.

Falk Reinhold werden die Recherchen über Tinius zum Verhängnis. Er ertappt sich, wie er um jeden Preis versucht, die Bücher des gelehrten Pfarrers in seinen Besitz zu bekommen. Die Mittel, die er dabei anwenden muss, sind ihm herzlich egal.

Es sind zwei Romane, die Huizing in seinem Werk Buchtrinker miteinander verflochten hat. Verbunden sind sie durch neun Textteppiche, in denen eine Vielzahl von literarischen Anspielungen versteckt sind. Hier frönt der Autor seiner unstillbaren Lust am Geschriebenen, doch auch das genügt Huizing noch nicht: Auf einer dritten Ebene begleitet er den Leser in Klammern bei der Lektüre mit einer Vielzahl von witzigen oder auch ironischen Kommentaren.

Der Buchtrinker ist ein wunderbares Buch über das Lesen, die Macht der Buchstaben und der Schrift, und es ist ein gefundenes Fressen für alle, denen Bücher in homöopathischen Dosen einfach nicht mehr genügen. --Manuela Haselberger

Format:Taschenbuch
Seiten:192
Verlag: btb Verlag
EAN:9783442720149

Rezensionen zu "Der Buchtrinker"

  1. Mord aus Leidenschaft zur Literatur

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Jul 2014 

    Parfumeure haben ihren Süskind, Altphilologen den "Namen der Rose", jung gebliebene Liebhaber ihren Konsalik und die Bibliomanen Klaas Huizings "Der Buchtrinker". Um an das Geld für neue Bücher zu kommen, tötet der Pfarrer Johann Georg Tinius - es gab ihn tatsächlich - zu Beginn des 19. Jahrhunderts Menschen. Gut 150 Jahre später stiehlt und betrügt der Student Falk Reinhold, um die Bücher zu besitzen, die Tinius einst verfasst hat. Tinius landet im Gefängnis, Falk verschwindet, nachdem er der Meinung ist, Johann Georg hätte für 1991 den Weltuntergang vorausgesagt.
    Damit ist kurz umrissen, was sich an der Oberfläche von Huizings Roman abspielt. Doch je weiter man sich durch dieses Buch liest und denkt, desto mehr wird klar, dass es Huizing um eine sehr viel tiefer liegende Frage geht. Was ist Lesen überhaupt? Und in welchem Verhältnis stehen Welt, Buch und Leser? Tinius und Falk verschlingen, trinken Bücher. Beide lernen sie auswendig. Beide treten von der "realen" Welt über in die Welt des Buches. Somit verwischen aber die Grenzen zwischen fiktionaler Dimension und der Wirklichkeit. Das Buch wird zur Welt. Umgekehrt ist aber auch die Welt an sich ein Buch, das "Buch der Natur". Schriftsteller ist derjenige, der das zu Papier bringt, was eh jeder schon kennt - so zumindest wird Sokrates zitiert in einem der Teppiche. Dies sind neun, von Falk nach der Tinius Lektüre verfasste Zitatsammlungen, die jeweils unter einem Motto sinn- und kunstvoll berufene Philosophen und Schriftsteller versammeln. Sie geben Anstöße und Ideen, wie man lesen kann und sollte - auch den vorliegenden Roman. Dabei ist eine deutliche Klimax auszumachen. Sind schriftlich fixierte Reden im ersten Teppich noch tote Produkte, so gewinnt Falk immer mehr den Eindruck, Bücher sind selbst ständige Wesen. Der Schriftsteller bietet mit seinem Buch nur "Identifikationsvorgaben".
    Und da ist sie dann wieder, die drohende Frage: wie lese ich jetzt, welche Wahrheit suche ich? Zur Beantwortung dieser Frage eignet sich "Der Buchtrinker" außerordentlich gut - aber eben nur zu einer individuellen Antwort jedes einzelnen Lesers. Huizing behauptet nichts, gibt nichts vor. Es gab wohl schon lange kein Buch mehr, das so sehr dazu einlädt, einzusteigen und nachzudenken. Aber: es ist nur eine Einladung. Wem das nicht liegt, der liest eine spannende kleine Geschichte auf zwei Zeitebenen, überspringt die Teppiche und legt das Buch ungerührt beiseite. Ansonsten aber ist der aktive Leser verlangt. Huizing verhindert mit allen Mitteln, dass man in gewohnten Denk- und Lesestrukturen haften bleibt. So wechseln in schnellem Rhythmus die Zeitebenen, verschiedene Formen werden aneinander¬ gereiht - Erzählteile, Zitate, Listen, eine Chorszene wie in der antiken Klammern bremsen den eingleisigen Gedankenstrom. Dabei geht Huizing äußerst souverän mit der Sprache um. Sie wirkt nie aufgesetzt, sie passt immer zur Situation – mal trocken, ernst, dann wieder spielerisch, fabulierend. Wer nun aber meint, all dies komme bierernst daher, sieht sich angenehm überrascht. Locker, ironisch und mit viel Sprachwitz erzählt Huizing. Man merkt, dass ihm das Schreiben Spaß macht, und selbst in den am schwersten zugänglichen Teilen - den Teppichen - gelingt es dem Autor, die gewichtigen Zitate in einen ironisierend - spielerischen Rahmen zu bringen.
    Wer den "Buchtrinker" liest, fühlt sich an eine Unmenge anderer Bücher erinnert. Michael Endes "Unendliche Geschichte, Umberto Ecos "Foucaultsche Pendel" und nicht zuletzt Patrick Süskinds "Das Parfum". Anfänglich ist man fast geneigt, Tinius für das lesende Pendant des riechenden Jean Baptiste Grenouille zu halten. Doch mehr als eine kleine Idee hat Huizing nicht übernommen. Er spielt auf parodistische Art und Weise mit bestimmten Motiven seines "Vorgängers": "Johann Georg Tinius roch so, wie alle Säuglinge rochen". Einen Vorwurf des unreflektierten Gedankendiebstahls kann man Huizing nicht machen, da sein Buch vor allem in der Tiefendimension um ein Vielfaches über "Das Parfum" hinaus
    geht. Außerdem: "Jedes Buch wird aus anderen und über andere Bücher gemacht". (Erster und letzter Rezensionsteppich - Umberto Eco)
    "Der Buchtrinker" ist ein Muss - nicht nur für Literaturwissenschaftler (oder vielleicht für die gerade nicht?), sondern für alle Lesenden. Man wartet gespannt auf Neues von Huizing - wobei man dafür weder töten noch andere bestehlen muss.