Der Brand

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Brand' von Daniela Krien
4.3
4.3 von 5 (14 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Brand"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:272
Verlag:
EAN:9783257070484

Diskussionen zu "Der Brand"

Rezensionen zu "Der Brand"

  1. Beziehungsarbeit

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Sep 2021 

    Ein Highlight! Daniela Krien schafft es wieder mich mit ihren wunderbar gezeichneten Charakteren mitten ins Herz zu treffen! ich liebe ihren Schreibstil! Anderen Lesern ging es ja nicht so. Aber mich erwischt diese Autorin wieder vollkommen!

    Rahel und Peter sind seit 30 Jahren verheiratet. Sie achten einander, aber die Liebe ist verschwunden, die Zeit ist vergangen, Verletzungen sind passiert. Nachdem durch einen Brand der Bungalow des geplanten Urlaub des Paares den Flammen zum Opfer gefallen ist, liegen die Urlaubspläne der beiden auf Eis. Durch die Erkrankung des Ehemannes eines befreundeten Paares und dessen Aufenthalt in einer Rehaeinrichtung und des darauffolgenden Besuches der Partnerin bietet sich Rahel und Peter die Möglichkeit eines Urlaubes in dem Haus des Paares in der Uckermark. Sie müssen nur Haus, Hof und Tier versorgen. Dieser Urlaub der Beiden erfolgt, und dort passiert eher ein Herumtanzen der Beiden umeinander herum, beide haben aber das Gefühl miteinander reden zu wollen. Die Verletzungen wiegen aber schwer und so recht reden können die beiden auch nicht, dann treten noch die laute Tochter Selma und ihre beiden verzogenen Kinder auf den Plan und brauchen Zuwendung. Es sind die leisen und eher unaufgeregten Töne, die mich überzeugen, manchmal kann man eben schwer machen, was getan werden sollte, ist sich dieser Situation aber vollkommen bewusst, dennoch aber irgendwie hilflos. Und das Leben plätschert so dahin. Aber das Buch plätschert überhaupt nicht. In einem Rutsch habe ich es gelesen und obwohl nicht viel passiert, liegt in dem Erzähltem eine ungeheure Intensität. Love it!

  1. Ein Rettungsversuch

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 09. Sep 2021 

    Gegensätze ziehen sich an.

    Diese Binsenweisheit bewahrheitet sich immer wieder, insbesondere, wenn es um Ehepaare geht. In Daniela Kriens Roman "Der Brand" fühlten sich vor vielen Jahren Rahel und Peter zueinander hingezogen. Zunächst waren die Gegensätze noch nicht offensichtlich. Die Gemeinsamkeiten überwogen. Beide Akademiker, beide in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Sie teilten die gleichen politischen Ansichten, liebten es, über Gott und die Gesellschaft zu diskutieren. Die Beiden haben geheiratet, zwei Kinder bekommen, sind mittlerweile Großeltern und stellen nun fest, dass über die Jahre Gegensätze zutage getreten sind, die das Eheleben verändert haben. Die Ehe von Rahel und Peter steht heute an einem Scheidepunkt. Doch die Beiden haben zulange miteinander gelebt, um die Ehe einfach abzuschreiben. Ein gemeinsamer Urlaub soll die Beziehung retten.

    Das Vorhaben wird zunächst durch einen dummen Zufall gefährdet. Ein Brand hat die idyllische Unterkunft in den Bergen, die prädestiniert war, um müde Ehen wieder lebendig zu machen, zerstört. Als Alternative wird das Haus von Freunden herhalten, das Rahel und Peter hüten sollen. In diesem Haus sagen sich Pferd und Katze sowie ein einbeiniger Storch Gute Nacht. Also ziehen Rahel und Peter hier ein und werden die nächsten drei Wochen mit dem Versuch verbringen, ihre Ehe wieder auf Vordermann zu bringen.

    Dieser Roman erzählt also die Geschichte eines Rettungsversuchs. Dabei legt die Autorin den Fokus auf die zu rettenden Personen.

    Rahel, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, ist Psychologin. Im Verlauf der Handlung wird man den Eindruck nicht los, dass sie den Beruf verfehlt hat. Wenn sie an ihre Patienten denkt, werden ihre Gedanken von überheblichen Schwingungen begleitet. Und sie, die aufgrund ihrer Ausbildung in der Lage sein sollte, das Seelenkostüm anderer Menschen zu analysieren, scheitert an sich und den eigenen Familienmitgliedern. Denn Rahel hat ein gestörtes Verhältnis zu Tochter Selma, die übrigens auf Stippvisite bei den Eltern vorbeikommt, zusammen mit deren Enkelkindern, und die sich in diesem Roman als sprunghafte Dramaqueen präsentiert, was ihre Psychologen-Mutter überfordert.

    Rahel hat Schwierigkeiten, sich mit den örtlichen Gegebenheiten zu arrangieren. Ihr fehlt die geordnete Struktur ihres Alltags zuhause, die kaum etwas dem Zufall überlässt.

    Wohingegen Peter die Einfachheit, die das Tagesgeschehen in diesem Haus der Freunde bestimmt, mehr und mehr genießt. Er scheint sich selbst genug zu sein, ruht in sich selbst. Er scheint Rahel nicht zu brauchen, aber Rahel braucht einen Partner an ihrer Seite.

    Trotz der Ernsthaftigkeit der Ehekrise und den gemeinsamen schweren Anstrengungen eines Rettungsversuchs der Eheleute erzählt Daniela Krien diese Geschichte mit viel Humor. Denn man wird das Gefühl nicht los, dass sie sich bewusst vieler Klischees bedient, die man mit einem Akademiker-Ehepaar, das Anfang 50 ist, in Verbindung bringt. Hier wird guter Wein getrunken, gut gegessen, man ist mit den modernen technischen Errungenschaften überfordert und sehnt sich nach dem Urtümlichen. Das aber bitte politisch korrekt. Dieser Humor verleiht der ernsten Geschichte eine große Leichtigkeit, die ich mit großem Vergnügen gelesen habe.

    Leseempfehlung!

    © Renie

  1. Eine Beziehung auf dem Prüfstand

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Sep 2021 

    Rahel und Peter sind seit fast 30 Jahren verheiratet und haben zwei erwachsene Kinder. Sie haben sich einmal sehr geliebt, doch in letzter Zeit scheint die Luft aus ihrer Beziehung raus zu sein. Wenige Tage für dem geplanten Urlaub, brennt die gebuchte Berghütte ab. So kann Rahel ihrer Freundin Ruth zusagen, die sie bittet, sich um ihren Hof in der Uckermark zu kümmern. Ob Rahel und Peter sich dort wiederfinden?
    Man muss sich auf diesen ruhigen Roman einlassen können, denn es passiert nicht viel. Der Schreibstil lässt sich gut lesen, ist zwischendurch sogar humorvoll.
    Kaum sind sie auf dem Hof angekommen, ist auch die Aufgabenteilung klar. Petr will sich um die Tiere kümmern und Rahel den Garten in Ordnung bringen. Sie gehen also weiterhin getrennte Wege. Doch Rahel hat Sehnsüchte, die Peter nicht wichtig sind. Er liebt Literatur und ist Professor an der Uni, doch der coronabedingte Abstand kommt ihm ganz gelegen. Ihm gefällt das Leben auf dem Hof ohne größere Verpflichtungen.
    Dann kommt Tochter Selma mit ihren beiden Jungs. Auch in Selmas Ehe läuft es nicht gut. Immer mehr Brüche sind zu erkennen – in Rahels Vergangenheit, in den Beziehungen und in Erinnerungen. Rahel ist Therapeutin. Bei ihren Patienten hat sie die nötige Distanz, in der eigenen Familie funktioniert Therapie aber nicht. Viele kleine Verletzungen werden sichtbar.
    Die Charaktere sind sehr gut beschrieben und die Geschichte ist authentisch dargestellt. Eine Beziehung verändert sich im Laufe der Jahre und wenn die Kinder aus dem Haus sind, kann es zu einer Leere kommen. Dann kommen unweigerlich Überlegungen, wie man die künftigen Jahre gestalten will.
    Mit hat dieser Roman sehr gut gefallen; er bringt einen zum Nachdenken. Ich kann ihn nur empfehlen.

  1. Hier brennt nicht nur die Urlaubshütte…

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 03. Sep 2021 

    Daniela Krien hat mich im letzten Jahr mit ihrem Geschichtenband „Muldental“ begeistern können. Daher war es für mich klar, dass ich ihren neuen Roman „Der Brand“ auch lesen will – wie immer in einer kompetent besetzten Leserunde :-).

    Nun, ganz erreicht hat sie mich mit ihrem neuen Roman nicht.

    Das Setting ist schnell erzählt: ein Paar ist auf der Suche nach der verlorenen Liebe. Nun ja, das kommt in den besten Familien vor *g*. Ein Urlaub in einer Berghütte soll´s richten. Doch oh weh – die Hütte brennt ab und Rahel und Peter finden sich auf einmal auf einem Hof aus Rahels Kindheit in der Uckermark wieder. Werden sie ihr Glück wiederfinden?

    Drei Wochen auf einem einsamen Hof können lang werden – besonders, wenn man sich als Paar aus den Augen verloren hat. Sowohl Rahel als auch Peter gehen meist ihrer Wege – während Peter sich um Pferd, Katzen und einen (penetranten) Storch kümmert, bringt Rahel den Garten auf Vordermann. Auch wenn man sich noch gegenseitig respektiert – die Liebe ist nach 30 Jahren und zwei erwachsenen Kindern nicht mehr das, was es war, worunter besonders Rahel leidet…Rahel ist Psychotherapeutin, während Peter Professor für Germanistik an der Uni ist.
    Dann kommt auch noch die Tochter nebst Kindern zu Besuch und auch hier offenbaren sich tiefe Risse.

    Das ist alles nett und präzise und mit viel Humor geschrieben. Frau Krien kann schreiben, keine Frage – ihre Beobachtungsgabe ist phänomenal und die eingestreuten Gesellschaftsprobleme (Unterschiede Ost/West, Genderdebatte etc.) sind passend platziert. Aber über die Distanz von knapp 300 Seiten passiert mir ehrlich gesagt zu wenig, um das Buch als „nachhaltig“, als „setzt sich im Kopf fest“-Lektüre einschätzen zu können.

    Ich kann diesmal also nur eine bedingte Leseempfehlung aussprechen und vergebe (mit etwas Abstand) 3*.

    ©kingofmusic

  1. Drei Wochen in der Uckermark

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Aug 2021 

    Im August 2020 brennt nicht nur die von Rahel und Peter Wunderlich gemietete Ferienhütte in den Ammergauer Alpen kurz vor ihrer Anreise ab, auch in ihrer Ehe lodert es bedrohlich:

    "Sein feiner Humor kippt nun öfter ins Zynische, und an die Stelle ihrer lebhaften Gespräche ist eine distinguierte Freundlichkeit getreten. Damit einhergehend – und das ist das Schlimmste – hat er aufgehört, mit ihr zu schlafen." (S. 11)

    Ein weiterer Brandherd ist Peters Arbeitsplatz als Literaturwissenschaftler an der Universität, seit er sich ahnungslos im Umgang mit einer diversen Studentin zeigte und damit einen Shitstorm auslöste. Von seiner Frau fühlt er sich diesbezüglich unverstanden. Rahels Beziehung zu ihrer ihr wesensfremden Tochter Selma gleicht einem Pulverfass, für das es jederzeit nur eines Funkens bedarf, und der Brand Dresdens 1945 war ursächlich für die dauerhafte Traumatisierung von Rahels Großmutter.

    Uckermark statt Alpen
    Statt drei Wochen Oberbayern geht es nun also in die Uckermark. Die beste Freundin von Rahels verstorbener Mutter, Ruth, muss ihren Mann Viktor nach einem Schlaganfall in die Reha begleiten und bittet Rahel und Peter, währenddessen ihren Hof und die Tiere zu versorgen. Peter beugt sich Rahel einsamem Entschluss.

    Ein bunter Strauß von Problemen
    Obwohl der Hof viel Arbeit macht, hat Rahel genug Zeit zum Nachdenken. Was ist nach fast 30-jähriger Ehe noch an Gefühlen übrig? Warum hat Peter das sexuelle Interesse an ihr verloren? Wie soll die 49-jährige Psychotherapeutin mit den Vorboten der Menopause und ersten körperlichen Verfallserscheinungen umgehen? Warum profitiert sie beim Umgang mit der Tochter nicht von ihrer professionellen Erfahrung? Welchen Einfluss hatte und hat das großmütterliche Kriegstrauma auf die nachfolgenden Generationen? Kann es sein, dass sie dem Geheimnis ihres unbekannten Vaters auf der Spur ist?

    Für die Schlagzeilen der Weltpresse, die im Hintergrund mitlaufen, bleibt kaum Raum. Längst lesen sich Rahel und Peter nicht mehr am Frühstückstisch aus verschiedenen überregionalen Zeitungen vor und diskutieren über aktuelle Fragen.

    Schwierige Figuren
    Daniela Krien, 1975 in Neu-Kaliß geboren und damit ähnlich alt wie ihre Protagonistin Rahel, seziert die Probleme mit scharfem Blick, respektvoll und ohne Tabus. Ihre Sätze sind auf das absolut Notwendige verknappt und die Bilder stimmen. Sympathien konnte ich allerdings für keine der Figuren entwickeln, weder für die selbstgerecht jammernde, weitgehend kritikimmune Rahel mit ihrer mangelnden Empathie für ihre Familienmitglieder genauso wie für ihre Patientinnen und Patienten, noch für den resignierten, depressiven Peter oder die orientierungslose Selma. Dem 55-jährigen Peter als professoralem Bücherwurm kann ich die Weltfremdheit und die Weigerung, sich mit den Minenfeldern des Zeitgeistes auseinanderzusetzen, noch abnehmen, aber Rahel, die doch als Psychotherapeutin mit beiden Beinen im Leben stehen und neueren Entwicklungen gegenüber offener sein müsste, erscheint mir deutlich älter, als sie nach Jahren ist.

    Jede Menge Diskussionsstoff
    Schon bei Daniela Kriens Bestseller "Die Liebe im Ernstfall" taten mir – trotz ihrer Schwächen – eher die Männer leid, nun war es ebenso. Auch wenn ich ihre Meinung oft nicht teile, bietet auch "Der Brand" reichlich Diskussionsstoff: in die Jahre gekommene Beziehungen, Altern, Generationenkonflikte, transgenerationale Traumatisierung und vieles andere mehr, nicht zuletzt den bei ihr allzeit präsente Ost-West-Konflikt mit für mich als Westdeutsche überraschenden Aspekten.

  1. „ Satte Zeiten - Schwache Menschen“

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Aug 2021 

    Rahel und Peter, Akademikerpaar aus Dresden, freuen sich auf ihren Urlaub. In der Abgeschiedenheit der bayrischen Alpen wollen sie sich wieder näher kommen. Denn ihre Ehe ist nach beinahe dreißig Jahren in eine Krise geraten. Die erwachsenen Kinder sind schon eine Weile aus dem Haus und die Frage, was sie noch verbindet und ob das reicht, steht im Raum. Rahel fehlt die Leidenschaft in ihrer Beziehung; dass Peter nicht mehr mit ihr schlafen will, kränkt sie. Peter, Literaturprofessor, ist unglücklich in seinem Beruf. Er ist enttäuscht von der jetzigen Studentengeneration und nach einem Eklat an der Uni - Peter hat eine nicht-binäre Person mit „ Frau“ angeredet und damit einen Shitstorm ausgelöst - möchte er sich am liebsten ganz zurückziehen. „ Sein Hang zur Gründlichkeit geht ins Pedantische, die kritische Distanz ist zur Weltabkehr geworden.“
    Auch Rahel wirkt in ihrem Beruf als Psychotherapeutin ausgebrannt und kann nur noch wenig Verständnis für die Probleme ihrer Patienten aufbringen. „ Satte Zeiten bringen schwache Menschen hervor, denkt sie, ohne sich selbst davon auszunehmen.“
    Doch aus dem geplanten Urlaub wird nichts, denn das Feriendomizil ist abgebrannt. Da kommt der Hilferuf einer älteren Freundin gerade zur rechten Zeit. Ruth bittet sie, drei Wochen lang ihr Haus in der Uckermark zu hüten, da sie ihren Mann nach dessen Schlaganfall in die Reha- Klinik begleiten möchte.
    Daniela Krien erzählt nun chronologisch, mit Rückblenden in die Vergangenheit, von diesen drei Wochen, in die der Roman auch gegliedert ist.
    Es ist ein altes, baufälliges Haus mit großem Garten und allerlei Getier. Hühner, Katzen, ein altes Pferd und ein flügellahmer Storch wollen versorgt werden. Peter ist froh über diese Aufgabe, gibt sie ihm doch die Möglichkeit, Rahel aus dem Weg zu gehen und für sich allein zu sein. Bezeichnend ist auch, dass das Paar unabgesprochen getrennte Zimmer bezieht.
    Erstmal brechen alte Wunden auf; Verletzungen und Kränkungen stehen zwischen ihnen. Beide müssen sich über ihre Wünsche und Erwartungen klarwerden. Wie sollen sie mit den unterschiedlichen Bedürfnissen nach Nähe und Distanz umgehen? „ Du denkst gar nicht mehr im Wir, sagt sie tonlos. Das stimmt überhaupt nicht, widerspricht er. Das Wir stelle ich überhaupt nicht in Frage. Höchstens meine Rolle darin.“
    Leichter wird es für das Paar auch nicht, als Tochter Selma mit ihren beiden kleinen Kindern zu Besuch kommt. Selma ist eine schwierige Person, fühlt sich ständig unverstanden und zurückgesetzt. Das Verhältnis zwischen Rahel und ihrer Tochter war von jeher schwierig. Rahel hat das Gefühl, als Mutter versagt zu haben. So wie ihre Mutter schon keine richtige Beziehung zu ihr aufbauen konnte.
    Mit Sohn Simon gestaltet sich das Zusammentreffen einfacher. Auch wenn die Eltern seinen Ehrgeiz und seine Disziplin kritisch sehen und mit seiner Berufsentscheidung, einer Laufbahn bei der Bundeswehr, fremdeln.
    Nicht nur die ehelichen und familiären Probleme belasten Rahel. Sie litt zeitlebens darunter, nicht zu wissen, wer ihr Vater ist. Und hier scheint sie Indizien zu finden, die das Geheimnis auflösen könnten.
    Daniela Krien beschreibt anschaulich und in vielen kleinen Szenen die Schwierigkeiten und Probleme einer Ehe, die in die Jahre gekommen ist. Das gelingt ihr sehr gut. Beide, Rahel und Peter, wollen noch nicht aufgeben und am Ende scheint es Hoffnung für ihre weitere Beziehung zu geben.
    Das alles wird, zwar nicht in der Ich- Perspektive, doch trotzdem streng aus Rahels Position geschildert. Dabei ist sie keineswegs sympathisch. Zu ich- bezogen, zu selbstgerecht, zu wenig empathisch kommt sie rüber. Für Peters Situation hat man mehr Verständnis, obwohl sein Rückzug zu rigoros erscheint. Außerdem wirken beide Figuren, Rahel Ende Vierzig, Peter Mitte Fünfzig, in ihren Ansichten wesentlich älter als sie tatsächlich sind. Z.B. in Fragen der Kindererziehung vertritt Rahel Positionen, die man eher bei der Generation der 80jährigen vermuten würde und Peter bringt wenig Verständnis für seine jungen Studenten auf.
    Viele der im Roman angesprochenen Themen, wie die Corona- Krise, der Klimawandel, die Genderdiskussion, das Rollenverständnis usw. sind voll aus dem Leben gegriffen und sehr aktuell. Gekonnt werden diese in die Geschichte eingebaut, ohne dass die Autorin dabei in die Tiefe geht.
    Sprachlich hat mich der Roman wirklich überzeugt. Mit wenigen Sätzen skizziert Daniela Krien Szenen und Figuren und schafft Atmosphäre. Sie arbeitet mit Bildern und Symbolen die für die seelische Verfassung der Figuren stehen, so z. B. der Tonengel mit dem abgebrochenen Flügel, die Spinnweben an einer Figur. Ansonsten ist die Sprache einfach, nüchtern und trotzdem einfühlsam.
    „ Der Brand“ ist ein unterhaltsamer und lesenswerter Roman, der zwar nachdenklich macht und zur Reflexion einlädt, doch nicht ganz an das letzte Buch der Autorin herankommt.

  1. Wie findet man wieder einen Zugang zueinander?

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 27. Aug 2021 

    Wie findet man wieder einen Zugang zueinander?

    Rahel und Peters Ehe läuft nicht mehr rund. Rahel hoffte, das ein gemeinsamer Urlaub die beiden wieder annähert. Doch durch einen Brand können sie nicht mehr in das geplante Domizil. Als die langjährige Freundin Ruth um Hilfe bittet, da ihr Mann Viktor einen Schlaganfall hatte, nimmt Rahel an und das Paar zieht für wenige Wochen auf den Hof in der Uckermark.
    Peter genießt es, dort die Tiere zu versorgen, doch die intime Nähe, die Rahel wieder erwecken wollte, bleibt erstmal aus.
    Doch nach und nach lernen wir das Paar besser kennen. Wir erfahren den Grund des Rückzuges von Peter, und auch Rahel muss Federn lassen, die Beziehung zu ihren Kindern, vor allem die zur Tochter, wird noch wichtig. Selma war laut Rahel schon immer schwierig und ist es wohl immer noch. Die Erziehung der Enkel wird kritisiert, was verständlicherweise heikel ist. Doch hat Rahel immer alles richtig gemacht?

    Der Roman spielt zur Zeit der Pandemie und lässt durch Rückblicke auch viele Schlüsse zur DDR-Zeit zu. Alles in allem war alles schlüssig und gut konzipiert, dennoch sprang der Funke bei mir nicht über. Ich konnte Rahel nicht ganz Ernst nehmen, mit ihren Ansprüchen an andere, denen sie selbst aber nicht annähernd gerecht wurde. Teilweise war ich sogar wütend wie unfair sie sich ihrem Mann gegenüber verhielt.

    Gefallen haben mir allerdings die kleinen Anspielungen die die Autorin macht. Ein Engel aus Ton, dessen Flügel abgebrochen ist bietet beispielsweise einigen Raum um tiefere Überlegungen anzustellen.
    Aber nicht nur Rahel und Peter und deren Tochter Selma haben Probleme in diesem Roman. Auch Ruth und Viktor müssen erkennen, dass das Leben sich verändert.Viktor ist Künstler und Rahel war seit ihrer Kindheit häufig dort. Nun bringt die Krankheit alles durcheinander.

    Am Ende findet jeder seinen Platz und fast alles ist geklärt. Einiges wird immer über den Dingen stehen und nicht alle Fragen lassen sich beantworten. Wie im echten Leben!

  1. Wenn die Leidenschaft verloren geht

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Aug 2021 

    Seit 29 Jahren schon sind Rahel Wunderlich und ihr Mann Peter verheiratet. Ihre Kinder Selma und Simon sind mittlerweile ausgezogen. Die 49-jährige Psychotherapeutin und der 55-jährige Uniprofessor schätzen und achten einander noch immer. Aber die Stimmung zwischen den beiden ist seit Längerem angespannt. Und dann fällt auch noch der geplante Urlaub auf einer Wanderhütte aus. Stattdessen werden sie gebeten, sich drei Wochen lang um einen Hof in der Uckermark zu kümmern. Kann das gutgehen?

    „Der Brand“ ist ein Roman von Daniela Krien.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus drei Teilen, die in nach den Wochentagen benannte Kapitel untergliedert sind. Erzählt wird im Präsens in chronologischer Reihenfolge aus der Sicht von Rahel. Die Handlung umfasst vorwiegend die drei Wochen in der Uckermark und spielt im Corona-Sommer 2020. Der Aufbau ist schlüssig und gut durchdacht.

    In sprachlicher Hinsicht ist der Roman eindrucksvoll. Der Schreibstil ist bildstark und sehr atmosphärisch. Der Autorin versteht ihr Handwerk. Ihr gelingt es, mit wenigen Worten viel zu transportieren.

    Die Ausgestaltung der Figuren ist für mich ein Manko des Romans. Im Fokus der Geschichte stehen Rahel und Peter. Die Protagonistin ist alles andere als sympathisch. Sie wirkt egoistisch, rücksichtslos und selbstgerecht. Ihre Gedanken und Gefühle kommen gut zum Ausdruck. Auch Peter ist kein ganz einfacher Charakter, war mir aber wesentlich näher. Die übrigen Personen werden ebenfalls mit psychologischer Tiefe und recht ambivalent dargestellt. Insbesondere die Hauptcharaktere fallen allerdings zu klischeehaft aus. Zudem verhält sich Rahel so, als wäre sie deutlich älter als 49.

    Inhaltlich ist die Geschichte viel facettenreicher und komplexer als gedacht. Die ehelichen Probleme durchziehen zwar den gesamten Roman. Darüber hinaus gibt es aber eine Menge weiterer Themen wie das Älterwerden, Kindererziehung, Generationenkonflikte, Liebe und Leidenschaft, Ehebruch und gesellschaftliche Veränderungen. Einiges wird nur angerissen, anderes etwas vertieft. Ich wurde mehrfach zum Nachdenken angeregt. Die Pandemie wird ebenfalls thematisiert, spielt aber keine entscheidende Rolle.

    Auf 270 Seiten bleibt das Erzähltempo gemächlich. Dennoch ist die Geschichte durchweg kurzweilig und unterhaltsam. Immer wieder blitzt außerdem ein Fünkchen Humor auf und lässt beim Lesen daher keine zu düstere Stimmung aufkommen.

    Das Gemälde auf dem Cover ist zwar hübsch. Allerdings braucht es schon etwas Fantasie, um einen Bezug zum Inhalt zu erkennen. Der symbolträchtige Titel, den man unterschiedlich auslegen kann, erschließt sich eher.

    Mein Fazit:
    „Der Brand“ von Daniela Krien ist ein durchaus lesenswerter Roman, der vor allem auf sprachlicher Ebene überzeugen kann. Aufgrund kleinerer Schwächen wurden meine sehr hohen Erwartungen aber nicht in Gänze erfüllt.

  1. Drei Generationen und eine in die Jahre gekommene Ehe

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Aug 2021 

    Rahel und Peter sind seit fast 30 Jahren verheiratet und leben bürgerlich situiert in einer renovierten Altbauwohnung. Die Corona-Pandemie hat ihnen viele Einschränkungen abverlangt, so freuen sie sich seit langem auf den unmittelbar bevorstehenden Wanderurlaub in den Bergen. Völlig kurzfristig erreichen Rahel zwei Nachrichten: Erstens ist das gebuchte Ferienhaus abgebrannt, zweitens brauchen Ruth und Viktor, enge Freunde ihrer bereits verstorbenen Mutter, Hilfe: Viktor hat einen Schlaganfall erlitten und Ruth bittet nun Rahel und Peter, den kleinen Bauernhof während des anstehenden Reha-Aufenthalts zu versorgen. Rahel sagt ohne Rücksprache mit ihrem Mann zu.

    Aus der Perspektive Rahels bekommen wir nun eine dezidierte Zustandsbeschreibung ihrer Ehe. Die beiden unterschiedlichen Charaktere haben sich offenbar auseinandergelebt, abgesehen von Alltäglichem sprechen sie wenig miteinander. Für Rahel wiegt zudem schwer, dass Peter nicht mehr mit ihr schlafen will, wofür es aber auch Gründe gibt. Sie versucht immer wieder, körperliche Nähe herbeizuführen, worauf er ablehnend reagiert. Rahel reflektiert ihre Beziehung: „So wie Peter die Gurke schneidet, sorgfältig und in beinahe exakt große Stücke, so geht er alles an. Zwischen Plan und Ausführung besteht keine Differenz; Worte und Taten stimmen verlässlich überein.“ (S. 54) Es ist diese Verlässlichkeit, in die sie sich einst verliebte. Heute empfindet sie das eher als langweilig.

    Rahel ist keine sympathische Protagonistin. Sie wirkt selbstgerecht und geht mit den Menschen ihres Umfeldes hart ins Gericht. Obwohl sie als Psychotherapeutin arbeitet, scheint sie wenig Feingefühl und Empathie zu besitzen, zudem verachtet sie schwache Zeitgenossen. Wir erfahren einiges aus Rahels Vergangenheit. Ihre Mutter hatte wechselnde Liebhaber, sie zogen von Ort zu Ort. Einzig Ruth und Viktor schenkten dem Mädchen Geborgenheit. Als Rahel jedoch selbst Mutter wurde, fühlte sie sich so überfordert, dass sie Tochter Selma während der ersten Lebensjahre zur Schwiegermutter abgab, was Rahel noch heute mit Gewissensbissen erfüllt. Ist darin der Grund für das schlechte Verhältnis zwischen ihr und Selma begründet?

    Daniela Krien ist eine brillante Beobachterin. Die ländliche Idylle mit See, Blumengarten und Hoftieren wird sehr ausdrucksvoll geschildert, die Charaktere wirken lebensecht, komplex und authentisch. Krien erzählt Geschichten aus dem Leben anhand alltäglicher Begebenheiten, baut an vielen Stellen Situationskomik ein und nutzt eine treffende, hintersinnige Symbolik. Man muss schmunzeln, wenn Rahel z. B. eine Statur in Viktors Atelier entdeckt, deren Schambereich Spinnweben zieren oder wenn der flugunfähige Storch männlich stolz über den Hof schreitet.

    Krien verdeutlicht uns den Zustand dieser Familie anhand von Rückschauen, Gesprächen und Situationen. Es geht nicht nur um die Ehe von Rahel und Peter, sondern auch um die von Selma und ihrem Mann Vincent sowie um die von Ruth und Viktor. Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen. Bei den Jungen leidet die Partnerschaft durch die Erziehung der Kinder, die Alten spüren die Gebrechen des Alters und den nahenden Tod. Rahel und Peter sind im Dazwischen angelangt, sie müssen sich neu austarieren, gegenseitige Erwartungen unter einen Hut bringen und eine neue gemeinsame Basis finden. Sehr dosiert arbeitet die Autorin auch mit (teils verdrehten) Klischees. Sie breitet ein dreiwöchiges Kammerspiel unterschiedlicher Emotionen aus, das sehr fesselnd zu lesen ist.

    Im Verlauf der Lektüre werden zahlreiche aktuelle Themen angesprochen, der Umgang mit Corona ist nur eins davon. Es geht um Rollenbilder, Wurzeln, familiäre Verflechtungen, Generationenkonflikte, um Midlife-Crisis, Sexualität, Religion, das Älterwerden, Sterbehilfe und vieles andere.

    Daniela Krien hat ein Gespür, das Besondere im Zwischenmenschlichen zu platzieren und dazugehörige Gefühlslagen einfühlsam zu beschreiben. Ich schätze den unaufgeregt-dichten und niveauvollen Schreibstil, der zum Nachdenken anregt, aber auch humorvolle Seiten hat.

    Mit ihrem neuen Roman hat mich Daniela Krien wieder einmal überzeugt. Leseempfehlung!

  1. Wenn aus Liebe Alltag wird

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Aug 2021 

    Rahel und Peter sind 30 Jahre verheiratet, als Psychotherapeutin und Uni-Professor wohlsituiert, aber die Beziehung ist in die Jahre gekommen. Eigentlich haben sie sich nicht mehr viel zu sagen, die Gespräche sind kurz, immer freundlich, aber distanziert. Rahel vermisst zudem die körperliche Nähe, der sich Peter seit Jahren immer deutlicher entzieht. Ein Urlaub soll eine Veränderung anstoßen.

    Die gewählte einsame Berghütte steht wegen des titelgebenden Brandes nicht mehr zur Verfügung, so reisen sie in die Uckermark in das Haus einer mütterlichen Freundin Rahels. Die bat um Hilfe für Haus und Garten, da sie ihren Mann, einen bekannten Künstler, zur Reha begleiten will. Dann taucht auch noch Tochter Selma mit den Kindern auf, die ihre Probleme mitbringt.

    Daniela Krien, über die ich schon sehr viel Positives gehört und gelesen habe, erzählt die Geschichte einer Ehe und zweier Menschen, die sich im Lauf der Jahre unterschiedlich entwickelt haben. Obwohl ihre Protagonisten im besten Alter sind (49 und 55), wirken sie viel älter und eingefahrener auf mich. Beide scheinen von den gesellschaftlichen Entwicklungen überfordert. Rahel als Psychotherapeutin sieht alle ihre Patienten nur noch negativ und ihre Probleme rechnet sie dem Zeitgeist und überzogenen Ansprüchen zu. Peter zieht sich nach einem Vorfall bei einer seiner Vorlesungen ganz zurück.

    Von der Charakterzeichnung konnten mich weder Peter noch Rahel überzeugen. Besonders Rahel fand ich unsympathisch und oberflächlich. Allerdings ist Kriens Sprachstil sehr schön zu lesen und sie erzählt in nur scheinbar einfachen Worten, man muss schon sehr genau lesen um die Zwischentöne zu erfassen.

    Es ist mein erstes Buch der Autorin und nach all den positiven Besprechungen ihres früheren Schaffens, war ich sehr gespannt auf das Buch. Der Roman hat mir insgesamt gut gefallen, aber auch nicht mehr. Da kommt ein bisschen Gesellschaftskritik, ein bisschen Ossi-Wessi-Gefühl, ein bisschen Ehekrise. So bleibt auch zum Ende der Fortbestand der Beziehung unentschieden.
    3,5 Sterne

  1. Sommerwind

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Aug 2021 

    Der geplante und durchorganisierte Urlaub platzt und beinahe scheint es so als wäre damit auch ihre langjährige Ehe perdu. Doch als ihre mütterliche Freundin Ruth mitteilt, Viktor habe einen Schlaganfall erlitten und sie wolle mit ihm in die Reha, sagt Rahel sofort zu, auf dem Hof der beiden einzuhüten. Ihr Mann Peter ist überrascht und etwas lustlos. Drei Wochen liegen vor Rahel und Peter, in denen sie auf sich selbst zurückgeworfen werden. Nur ein paar Stunden von Dresden entfernt liegt das Anwesen, auf dem es zwar viel zu tun gibt, in einer Gegend, in der man nicht viel unternehmen kann. Können Rahel und Peter wieder einen Weg zu einer wenigstens freundschaftlichen Co-Existenz finden.

    Ein Ehepaar in einem mittleren Alter, in dem es für Paare mitunter heißt, gehen oder bleiben. Können Rahel und Peter die unverhoffte Auszeit in Brandenburg nutzen, um ihrer Ehe wieder eine Basis zu geben. Was würden ihre beiden Kinder sagen, wenn die Eltern sich trennten? Selma war für Rahel eher ein Problemkind, während Simon einfach seinen Weg geht. Doch Selma ist es, die selbst eine Familie gegründet hat. Rahel, deren Mutter ihr nie gesagt hat, wer ihr leiblicher Vater ist, muss mit dieser Leerstelle leben.

    Auf sanften Schwingen gleitet Rahel durch den Urlaub. Als Leser ist man etwas unschlüssig, ob hier die sommerliche Ruhe in eine Ehe einkehrt oder ob eine gewisse Melancholie, die über allem liegt, dazu führt, dass die Ehegatten den Schritt zur Trennung gehen. Mal angedeutet, mal klar herausgestellt, wird Rahels Vergangenheit und die ihrer Ahnen beleuchtet. Wieso ist sie so? Die Vergangenheit kann sicher einiges erklären, aber nicht alles entschuldigen. Es entsteht der Eindruck, dass der Fokus etwas mehr auf der weiblichen Sichtweise liegt. Besonders auf Rahels Blickwinkel, die ihrem Mann wieder näherkommen möchte und auch ihre Sehnsucht nach einem Vater stillen möchte. Ein stilles kleines Büchlein, das trotz oder gerade wegen seiner ruhigen Darstellung eines ländlichen Sommers zum Nachdenken und selbst Reflektieren einlädt.

  1. "Was tun, wenn die Liebe älter wird"

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Aug 2021 

    Rahel, aus deren personaler Erzählperspektive das Geschehen geschildert wird, hat in den Sommerferien mit ihrem Ehemann Peter, mit dem sie seit fast 30 Jahren verheiratet ist, ein Hütte in den Bergen gemietet. Alles ist vorbereitet:
    "Den Papierkram in der Praxis (sie ist Psychotherapeutin) hat sie erledigt, (...). In ihrer Stammbuchhandlung hat sie ein Buch auf Empfehlung gekauft und eines von Elizabeth Strout, das schon lange auf ihrer Wunschliste stand - eine hochgelobte Mutter-Tochter-Geschichte." (7)

    Mit dem Roman von Strout ist "Die Unvollkommenheit der Liebe" gemeint, ein Titel, der auch zum derzeitigen Verhältnis zwischen Rahel und Peter passt. Der Aufenthalt in den Bergen sollte ihnen einen Neustart ermöglichen, doch die Hütte brennt ab. Zufällig meldet sich kurz darauf Ruth, eine Freundin von Rahels verstorbener Mutter Edith. Zu Ruth und deren Mann Victor hat Rahel zeitlebens ein sehr gutes Verhältnis gehabt, deren Haus in der Uckermark ist für sie immer ein Zufluchtsort gewesen.

    "Bei ihnen in Dorotheenflede kam ihr Leben zur Ruhe. Ediths rastloses Dasein, das Rahel und ihrer Schwester Tamara eine Kindheit mit wechselnden Stiefvätern, etlichen Umzügen kreuz und quer durch Dresden und verschiedenen Schulen beschert hatte, war wie ein Sturm auf hoher See gewesen, und obwohl auch Dorotheenfelde kein dauerhafter Hafen wurde, so hatte es hier doch immerhin heilsame Flauten gegeben." (15)

    Da Victor einen Schlaganfall gehabt hat und kurzfristig einen Rehaplatz erhalten hat, bittet Ruth Rahel und Peter auf ihr Haus aufzupassen und die Tiere zu versorgen. Rahel sagt zu, ohne Peter zu fragen. Ein Verhaltensmuster, das eines der Probleme aufzeigt, die zwischen ihnen herrschen - Rahels Dominanz.

    Sie ist die lebenslustigere, aktivere der beiden und kann es kaum ertragen, dass Peter nicht mehr mit ihr schläft. So bezieht jeder ein eigenes Zimmer in Dorotheenfeld und Peter bietet an, sich um die Tiere - ein Pferd, mehrere Katzen sowie einen flugunfähigen Storch, zu kümmern. Damit er nicht mit Rahel reden muss? Gleichzeitig spiegeln die Tiere das Verhalten der Figuren wider, die in der ländlichen Einsamkeit miteinander auskommen müssen.

    Rahel entdeckt in Victors Atelier, der im Verband Bildender Künstler der DDR gewesen ist und in den Nullerjahren ein Comeback erlebt hat, Zeichnungen von sich als Kind sowie von ihrer Mutter. Der Gedanke, Victor könne ihr Vater sein, drängt sich auf. Ihre unstete Mutter Edith hat nie verraten, wer Rahels Vater gewesen ist.

    Schließlich bittet Rahel Peter um ein Gespräch und es stellt sich heraus, dass der Bruch aufgrund ihrer Illoyalität entstanden ist. Peter hatte in seinem Literaturseminar eine Konfrontation mit einem nicht-binären Menschen (Olivia P.) und war der Situation nicht gewachsen, ebensowenig wie dem anschließenden medialen Shitstorm.

    "Die ganze Sache mit Olivia P., das Spießrutenlaufen an der Uni, der Hass, die Vulgarität, das alles habe ihn zutiefst erschüttert, und als er angeschlagen nach Hause gekommen sei, sei er von ihr verhöhnt worden, und etwas in ihm sei zerbrochen. (...) Und das Begehren ... hat einfach aufgehört." (57)

    Wird es wieder zurückkehren?

    Zu allem Überfluss kündigt sich Selma, ihre Tochter mit ihren zwei Kindern an.

    "Wenn Selma nur nicht so wäre, wie sie ist. Egal, wie viel Aufmerksamkeit und Liebe sie ihrer Tochter schenkt- Selma braucht mehr." (61)

    Der Besuch gestaltet sich schwierig, nicht nur wegen unterschiedlicher Erziehungsfragen - dürfen Kinder unter dem Tisch essen? - sondern auch deshalb, weil es in Selmas Ehe ebenfalls kriselt. Andererseits führen die gemeinsamen Probleme dazu, dass Rahel und Peter sich annähern. Wird es Peter gelingen erneut Nähe zuzulassen, kann Rahel sich zurücknehmen und seine Bedürfnisse akzeptieren? Wird es ihr gelingen die Beziehung zu ihrer Tochter zu verbessern? Und kann Rahel die Frage nach ihrer Herkunft lösen?

    Krien zeichnet ein realistisches Bild der verschiedenen Beziehungen - nicht ohne Humor. Sie spielt mit den Geschlechterstereotypen und stellt sie dadurch in Frage.

    "Männern wird immer vorgeworfen, wir wären triebgesteuert, aber so langsam habe ich das Gefühl, dass ihr Frauen uns auch in dieser Hinsicht überholt." (105)

    Peter repräsentiert den gelehrten Universitätsprofessor, der die heutige Jugend nicht mehr versteht, sich aus der Gesellschaft zurückzieht, auf Teilhabe verzichtet, dadurch aber die Möglichkeit versäumt, mit der Zeit zu gehen, sich anzupassen und trotzdem seine Meinung darzulegen.

    "(...) du hast ein Idealbild vom umfassend gebildeten Studenten einer längst vergangenen Epoche, als Studieren die Ausnahme und nicht die Regel war." (139)

    Jammern allein kann keine Lösung sein. Trotzdem sind die Figuren nicht unsympathisch, man kann ihre Gefühle und Befindlichkeiten nachvollziehen, wenn auch nicht alles gutheißen.

    Krien erzählt von einem Ehepaar in der Mitte ihres Lebens, die eine Neuorientierung suchen und sich dabei nicht verlieren wollen. Ein lesenswerter Roman, nicht nur für Paare in der Midlifecrisis.

    Vielen Dank dem Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

  1. Wieviel hält Liebe aus?

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jul 2021 

    Auf das Erscheinen dieses Romans hatte ich mich so sehr gefreut, doch was bekam ich? So viel mehr als ich erwartet hatte.

    In der Geschichte geht es um ein Ehepaar in ihren 50ern, die schon seit fast 30 Jahren liiert sind. Der Alltag hat sich in das Leben geschlichen und die Leidenschaft verdrängt. Was tun, wenn die Unzufriedenheit immer mehr zunimmt? Aufgeben oder weiter machen?

    Ein beobachtender Erzähler führt uns durch die Handlung, so dass wir nah an allen Figuren dran sind. Dadurch bekommen wir die Gelegenheit von außen das Pärchen zu betrachten und uns unsere eigenen Gedanken zu deren Situation zu machen. Wie würde man in derselben Situation handeln? Wie die eigenen Kinder beraten?

    Mir hat am Roman vor allem die Figurenkonstellation gefallen, da das Pärchen ähnlich alt meinen Eltern ist und ich mich mit deren Kindern und ihren Problemen identifizieren konnte. Das hatte für mich etwas von: mitten aus dem Leben gegriffen.

    An Rahel gefiel mir, dass sie die Initiative ergreift und etwas im Leben des Paares ändern möchte und die Situation nicht einfach hinnimmt. Immer wieder klopft sie vorsichtig die Gefühlswelt ihres Mannes ab. So etwas können nur die wenigsten, denn den meisten reißt bereits nach kürzester Zeit der Geduldsfaden und sie geben auf. Auch ihre Selbstreflexion bezüglich ihrer Wahrnehmung der eigenen Kinder, fand ich sehr ergreifend.

    An der Figur von Peter fand ich spannend, wie ein Ereignis aus dem Berufsleben eine Beziehung erschüttern und aus der Bahn werfen kann. Ohne Kommunikation und Arbeit wird keine Beziehung Jahrzehnte halten und das finde ich sehr schön, dass der Roman dies aufzeigt.

    Am Schreibstil Daniela Kriens mag ich vor allem, dass er so unaufgeregt ist und dennoch so viel Emotionen transportiert, dass man sich in die Figuren so enorm einfühlen kann.

    Fazit: Ein Roman über das Wunder der Liebe, den ich nur jedem ans Herz legen kann. Für mich ganz klar ein Lesehighlight im Jahr 2021. Spitzenklasse!

  1. Die Wunderlichkeiten einer Ehe

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Jul 2021 

    !ein Lesehighlight!

    Klappentext:

    „Rahel und Peter sind seit fast 30 Jahren verheiratet. Sie sind angekommen in ihrem Leben, sie schätzen und achten einander, haben zwei Kinder großgezogen. Erst leise und unbemerkt, dann mit einem großen Knall hat sich die Liebe aus ihrer Ehe verabschiedet. Ein Sommerurlaub soll bergen, was noch zwischen ihnen geblieben ist, und die Frage beantworten, wie und mit wem sie das Leben nach der Mitte verbringen wollen.“

    Daniela Krien zählt für mich mittlerweile zu meinem festen Literatur-Stamm. Ihre Bücher besitzen enorme Kraft, genauso ihr aktuelles Buch „Der Brand“.

    Die feinen, bedeutungschwangeren Details zwischen den Zeilen, ihre detaillierte Verwendung von Metaphern, ihre Beobachtungsgabe lassen diese Geschichte förmlich explodieren.

    In einer Ehe wird man wunderlich, genau wie im Alter. So geht es auch den Hauptprotagonisten im Buch: Familie Wunderlich besteht aus Rahel und Peter, verheiratet und am Rand des ehelichen Verfalls, da die Infragestellung dieser nun präsent ist. Krien legt gekonnt Doppeldeutigkeiten und ich liebe diese zu entschlüsseln! Wer hier aufmerksam liest, bekommt ein echtes Buch-Highlight! Die Reise in den „vermeintlichen“ Urlaub (das hüten eines Hauses von Freunden in der Uckermark) soll nun die Wahrheit ans Licht bringen bzw. den beiden die Möglichkeit geben, über ihre „Probleme“ zu sprechen, jeder soll sich Luft machen, es knallhart herausbrüllen….Krien versucht ihre Protagonisten in eine Richtung zu stupsen und bringt dem Leser gewollt ungewollt einen gewissen Spannungsbogen. Diese Geschichte ist keine reine Beziehungskiste sondern zeigt tiefgründig und emotional, wie verletzlich und gebrechlich die Liebe, die Ehe und das Leben ist. Man beendet diese wahrlich bewegende und bedrückende Geschichte und bekommt Gedanken was die eigene Ehe betrifft…Ja, wir werden in einer Ehe wunderlicher, aus einem Schwelbrand kann ein großer Brand entstehen und alles zerstören was man mühevoll aufgebaut hat - Will man das? „Ehe“ bedeutet große Anstrengung und Führung beider Ehepartner und Daniela Krien macht dies hier in jedem Satz deutlich. Ihre Wortwahl könnte besser nicht sein - klar, deutlich, treffsicher und auch elegant führt sie den Leser hier durch eine Krise der heftigen Art. Krien hat ein extrem feines psychologisches Gespür und verpackt dies mit perfekten Worten!

    Ich vergebe 5 von 5 Sterne, aber fest steht, diese Ansicht hätte weitaus mehr verdient!