Der blinde Mörder: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der blinde Mörder: Roman' von Margaret Atwood
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5 von 5 (2 Bewertungen)

Kanada, in den 1930er Jahren: Laura, fünfzehnjährige Tochter eines Fabrikanten, verfällt einem Gewerkschaftsagitator. Doch auch für ihre Schwester Iris verkörpert er das romantische Ideal eines Mannes. Als Laura einige Jahre später von seinem Tod erfährt, begeht sie Selbstmord. Zurück bleibt ein Manuskript mit dem Titel »Der blinde Mörder«, das Laura postum berühmt macht. Aber ist sie wirklich die Autorin? Iris versucht Jahre später, sich rückblickend Klarheit über die Geschehnisse zu verschaffen.

Format:Taschenbuch
Seiten:704
EAN:9783492313483

Rezensionen zu "Der blinde Mörder: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Aug 2019 

    Tragikomische Familiengeschichte

    „Lauras Meinung nach ist Gott wie ein Radiosender, und wir sind defekte Radios, […]“ (S. 501)

    Es gibt Bücher und Autor*innen, die man auf Grund der unüberschaubaren Menge an selbigen gar nicht alle kennen kann. Zum Glück gibt es aber einige, an guter und/ oder mit einem Literaturpreis ausgezeichneter Literatur (in diesem Fall der Booker Prize) interessierte Nerds, die in regelmäßigen Abständen mit Büchern um die Ecke kommen, die ich selbst nie auf dem Schirm hatte.

    Doch Bildungslücken sind dazu da, geschlossen zu werden und so ließ ich mich spontan zu einer Leserunde zu Margaret Atwood´s „Der blinde Mörder“ ein und (das Fazit vorab): ich bin begeistert!

    Trotz seiner knapp 700 Seiten und der arg kleinen Schrift hat sich das Buch flüssig und wie von selbst gelesen. Das liegt zum Teil an der stetig anziehenden Spannungsschraube der (Lebens-)Geschichte von Iris Chase, aus deren Sicht der ganze Roman geschrieben ist, aber auch an der Schreibweise der Mrs. Atwood, die ein feines Gespür für Humor, für philosophische Gedanken (beides nachzulesen in den diese Rezension einrahmenden Zitaten), aber auch für Gesellschaftskritik (häufig zwischen den Zeilen und wenn offen, dann niemals plakativ!) hat.

    Wenn man es genau betrachtet, bietet „Der blinde Mörder“ wie ein Überraschungsei (Spannung, Spaß und Schokolade *g*) drei Geschichten: die Lebensgeschichte von Iris, den Roman „Der blinde Mörder“ (ja, es geht in der Tat um einen Roman dieses Namens) sowie innerhalb des „blinden Mörders“ eine teils kuriose Science-Fiction-Story. Der Sinn hinter der Story hinter der Story hinter der Story erschließt sich nicht auf den ersten Blick und die geneigte Leserschaft muss (fast) bis zum grandiosen Finale warten, bis alle Puzzleteile an ihrem Platz sind, alle Geschichten einen Sinn ergeben – großartig, wie und was Mrs. Atwood hier „komponiert“ hat. Sie führt den Leser bewusst auf falsche Fährten und wenn man denkt „Ich weiß die Lösung“ – peng, kommt eine Wendung, die man nicht vermutet und alles ist für die Katz *g*. Hier erinnert mich Margaret Atwood an ihre von mir hoch geschätzte Kollegin Agatha Christie, in deren Krimis ich aufgegeben habe, mitzuraten, wer der Mörder ist, weil am Ende eh alles anders kommt, als man denkt.

    Von mir bekommt „Der blinde Mörder“ eine definitive Leseempfehlung und es wird garantiert nicht das letzte Buch von Margaret Atwood gewesen sein, was ich lese bzw. gelesen habe. 5*

    „Das Foto spricht von Glück, die Geschichte nicht. Glück ist ein von Glas umschlossener Garten: es gibt keinen Weg hinein oder hinaus. Im Paradies gibt es keine Geschichten, weil es keine Reisen gibt. Verlust und Bedauern und Unglück und Sehnsucht – sie treiben die Geschichte voran, auf ihrem gewundenen Weg.“ (S. 686)

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Aug 2019 

    Menschliche Abgründe

    Mit dieser Rezension möchte ich mich einem Buch widmen, welches mich in letzter Zeit beschäftigt hat, welches mir die Zeit extrem versüßt hat, welches mich schwer begeistern konnte. Nun ist das bei Frau Atwood sicher nicht schwer! Ich kannte von ihr bisher nur "Die Giftmischer" und "Der Report der Magd". "Die Giftmischer" hatte ich mir mal vor einiger Zeit zugelegt, eine gute Freundin hatte von Frau Atwood geschwärmt und ich war neugierig. Und ich wurde nicht enttäuscht. Die scharfe Zunge und der bitterböse Humor der Margaret Atwood konnten mich definitiv begeistern. Eigentlich hätte ich danach sofort alles weitere von ihr lesen wollen/sollen. Aber es gibt so viele interessante und wunderbare Bücher und Autoren. Und die verfügbare Zeit ist begrenzt. Nun gut, es verging einige Zeit und in diesem Jahr konnte ich das so wunderbare Buch "Der Report der Magd" genießen. Erzählkunst vom Feinsten und ein Buch, welches man definitiv gelesen haben muss! Und damit platzierte sich Frau Atwood auf der Liste meiner Lieblingsautoren noch einige Stellen höher. Ich habe mir nun vorgenommen von dieser Autorin nach und nach alles zu lesen. Von daher war dann die Zeit für das Buch "Der blinde Mörder" recht rasch gekommen. Ein Buch, welches im Jahre 2000 den Booker Prize bekam und welches vom Magazin "Time" in einer Liste der 100 besten englischsprachigen Romane aufgenommen wurde, Romane, die zwischen 1923 und 2005 veröffentlicht wurden. Und das ist nach der Lektüre dieses Buches in meinen Augen vollkommen gerechtfertigt. Ich will nicht sagen, dass "Der blinde Mörder" besser ist als "Der Report der Magd". Beide Bücher kann man sicher nicht miteinander vergleichen. Im Report herrscht eine Düsternis, die die Leserin auch etwas erdrückt und erschreckt. Und noch mehr erschreckt die Düsternis des Romans durch ihre etwaige Nähe zur Realität. In "Der blinde Mörder" begeisterte mich dieses Verwobene; es werden mehrere Geschichten erzählt, die nach und nach zueinander finden, den Leser aber immer wieder neue Theorien aufstellen lassen und einen immensen Sog erzeugen. So ein Konstrukt zu erfinden/zu ersinnen/zu erstellen, da kann man einfach nur den Hut vor Frau Atwood ziehen und tosenden Applaus spenden. Chapeau!!!

    Doch um was geht es eigentlich in diesem Roman? Iris Griffen, geborene Chase, schaut als alte Frau auf ihr Leben und das Leben der Familie Chase. Der nicht chronologisch aufgebaute Roman ist eine mäandernde Familiengeschichte und auch ein historischer Roman/ein Sittengemälde, genauso ist das Buch aber auch ein Blick auf die Stellung der Frau in vergangener Zeit und damit eine Gesellschaftskritik. Dies ist sicher etwas, was Frau Atwood gut kann, die Stellung der Frau gut ausloten und gleichzeitig auch eine berührende Kritik an dieser Stellung erschaffen. Genauso kann Frau Atwood aber auch wunderbar Menschen beobachten und ihre Handlungen sezieren, hier in diesem Buch so wunderbar gelungen im Beschreiben des Miteinanders der Schwestern Iris und Laura Chase in jüngeren Jahren und ebenso gut gelungen im Beschreiben der alten Iris Chase, in ihren Sichten auf die Vergangenheit und dem Umgehen mit dem Älterwerden, dem eigenen Verblassen. Ja, und natürlich geht es auch um die Liebe und ihre Irrungen und Wirrungen, die Fabrikantentöchter Iris und Laura Chase und der Gewerkschaftsagitator Alex Thomas tanzen umeinander herum. Und es geht um ein Manuskript, "Der blinde Mörder" von Laura Chase, ein sehr parabelhaftes Fantasy- und Science-Fiction-Stück und um die Frage, wer dieses Manuskript schlussendlich wirklich geschrieben hat.

    Ich gebe eine unbedingte Leseempfehlung!