Der Abstinent: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Abstinent: Roman' von Ian McGuire
4.25
4.3 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Abstinent: Roman"

Manchester, 1867. Im Morgengrauen hängen die Rebellen. Die englische Polizei wirft ihnen vor, die ›Fenians‹, irische Unabhängigkeitskämpfer, zu unterstützen. Eine gefährliche Machtgeste seines Vorgesetzten, findet Constable James O’Connor, der gerade aus Dublin nach Manchester versetzt wurde. Einst hieß es, er sei der klügste Mann der Stadt gewesen. Das war, bevor er seine Frau verlor, bevor er sich dem Whiskey hingab. Mittlerweile rührt er keinen Tropfen mehr an. Doch jetzt sinnen die ›Fenians‹ nach Rache. Der Kriegsveteran Stephen Doyle, amerikanischer Ire und vom Kämpfen besessen, heftet sich an O’Connors Fersen. Ein Kampf beginnt, der O’Connor tief hineinzieht in einen Strudel aus Verrat, Schuld und Gewalt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:336
EAN:9783423282727

Rezensionen zu "Der Abstinent: Roman"

  1. Ein Zyklus von Rache und Schuld⁣

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Apr 2021 

    Wie der undurchdringliche Nebel quasi aus den Zeilen wabert, du den Geschmack des nahen Chemiewerks bitter auf der Zunge schmeckst und sie vor dir siehst, die verstohlenen, argwöhnischen Blicke der Iren, die keinen Grund haben, dir zu vertrauen. Der Hass und die Angst auf beiden Seiten des Konflikts packen dich an der Kehle, du bist mittendrin, in dieser Zeit, an diesem Ort. Die Atmosphäre ist zum Schneiden dicht.⁣

    Und du erkennst: hier gibt es keine Gewinner, nur einen Zyklus der Gewalt, der immer nur mehr Opfer fordert. Das ist großartig geschrieben, auch wenn es manchmal schwer zu ertragen ist, wie elend und düster die Welt ist, die Ian McGuire beschreibt – insbesondere weil der Nordirlandkonflikt keineswegs lange vorbei und schon vergessen ist.⁣

    Gerade jetzt, im Jahr 2021, wo fraglich scheint, ob der Brexit die Stabilität des Karfreitagabkommens weiter untergraben wird, rührt der Roman an einen Konflikt, der leider immer noch aktuell ist. “Der Abstinent” ermöglicht Leser:innen einen Einblick in dessen konfliktgeladene, blutige Geschichte.⁣

    Rache ist hier nicht süß, für niemanden.⁣

    Die Spannung entsteht meines Erachtens vor allem daraus, dass du den Protagonisten, James O’Connor und Stephen Doyle, hilflos dabei zusiehst, wie sie versuchen, in diesem Strudel von Rache und Gegenrache die Oberhand zu behalten oder wenigstens nicht zu ertrinken. Wie sie kämpfen, gewinnen und verlieren – und doch hätten sie beide so viel Potential für ein besseres Leben. Immer wieder dachte ich: Nein, nein, tu das nicht!⁣

    James O’Connor ist in meinen Augen der Sympathieträger des Romans. Er ist der titelgebende Abstinent: früher war er Polizist in Irland, aber nach dem Tod seiner Frau und seines Kindes wurde er zum Säufer und quasi nach Manchester abgeschoben, wo er nun versucht, Fuß zu fassen. Seit er in England ist, trinkt er nicht mehr, aber seine Dämonen sitzen ihm stets geifernd im Nacken. Immer wieder nehmen seine Gedanken jedoch einen geradezu philosophischen Ton an – obwohl er Ire ist und die Unterdrückung der Iren ihn daher mit Zorn erfüllt, heißt er die Gewalttaten der ›Fenians‹ nicht gut. Freunde macht er sich damit auf beiden Seiten nicht.⁣

    Über den Hintergrund seines Widersachers möchte ich noch nicht zu viel verraten, weil der sich auch im Buch erst so nach und nach erschließt. Nur so viel: Doyle ist das Produkt eines harten Schicksals, das sehr viel erklärt, wenn auch nicht alles entschuldet. Jetzt mag er ein eiskalter Killer sein, aber als Leserin kam ich nicht umhin, dem Jungen, der er einst war, Mitgefühl und Verständnis entgegen zu bringen. Im Grunde ist er eine tragische Gestalt.⁣

    Die Geschehnisse sind schlüssig, glaubhaft – und beklemmend. O’Connor und Doyle sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Der eine hätte leicht so werden können wie der andere, wäre sein Leben nur minimal anders verlaufen. Sie sind komplexe, vielschichtige Figuren, die beiden Seiten des Konflikts eine überzeugende Stimme geben, so dass du dich dessen Schrecken kaum entziehen kannst.⁣

    Trotz aller Schrecken und Düsternis ist es ein unterhaltsames Buch, ein echter Pageturner. Ich habe die 336 Seiten binnen zwei Tagen gelesen, weil die Sogwirkung der Geschichte mich schon nach wenigen Kapiteln gepackt hatte. Das macht Spaß, weil es so gut geschrieben ist, so überaus prägnant und lebendig, auch wenn die Dinge, die passieren, meist nur wenig Grund zur Freude bieten.⁣

    Ein Blick in die Rezensionen verrät: das Ende polarisiert. Ich wusste, dass viele Leser:innen die Auflösung der Geschichte bemängeln, aber nicht warum – daher las ich mit Spannung, aber auch banger Unruhe der letzten Seite entgegen. Über das Ende kann ich leider nicht sprechen, ohne schon zu viel zu verraten, daher nur dies: danach brauchte ich erstmal eine Pause, musste mir das eine Weile gründlich durch den Kopf gehen lassen.⁣

    Und jetzt? Finde ich das Ende schlüssig, realistisch, bitter. Man muss es sicher nicht unbedingt mögen, aber es passt ins Gesamtbild, ist eines von vielen möglichen Resultaten der Ereignisse.⁣

    Ja, ich glaube, ich mag es – und mag es gleichzeitig nicht. Ich hätte mir etwas anderes gewünscht, aber ein Roman ist eben auch kein Wunschkonzert. Wenn ich jedoch das Gesamtbild betrachte, dann ist “Der Abstinent” für mich ein echtes Highlight, auch mit genau diesem Ende.⁣

    Fazit:⁣

    Ian McGuire beschwört das Jahr 1867 herauf. Wir sind in England, nicht in Irland, und dennoch ist der Nordirlandkonflikt das zentrale Motiv des Romans. Constable James O’Connor, erst vor kurzem aus Irland nach England versetzt, und der amerikanische Ire Stephen Doyle finden sich auf verschiedenen Seiten dieses Konflikts wieder: O’Connor heißt die Gewalttaten der irischen Unabhängigkeitskämpfer genauso wenig gut wie die Unterdrückung seiner Landsleute, während Doyle extra aus Amerika hergeholt wurde, um die Engländer auf blutige Art das Fürchten zu lehren. Zwischen den beiden entbrennt ein erbitterter Kampf.⁣

    Ich fand vor allem Schreibstil und Atmosphäre auf düstere Art unwiderstehlich, doch auch die beiden Hauptcharaktere ließen mich schnell nicht mehr los. Der Roman ist ein bestechend aussagekräftiger Einblick in die Geschichte eines Konflikts, der sich bis in die Gegenwart zieht. Verrat, Rache, Armut, Schuld, es ist ein deprimierendes Bild, dass McGuire vor den Augen der Leser:innen auferstehen lässt, doch leider auch ein realistisches – und ein spannendes.

  1. Düstere Zeiten für Iren in England

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Apr 2021 

    Obwohl die große Hungersnot in Irland schon 20 Jahre zurück liegt, ist der Hass auf die Briten weiterhin groß, die der irischen Insel in jener Zeit keinerlei Hilfe zukommen ließen. So versuchen auch in Manchester, wohin der alkoholkranke irische Polizist James O'Connor 1867 versetzt wird, die Fenians, eine geheime irische Unabhängigkeitsbewegung, die britische Regierung durch Attentate zu schwächen. O'Connor soll seine Landsleute mit Hilfe von Spitzeln ausspionieren, doch schon bald ist er das Ziel eines amerikanischen Iren, der die Spitzel und O'Connor ausschalten soll.
    James O'Connor, die Hauptfigur dieses Buches, ist vom Schicksal schwer geschlagen. Nach dem Tod seiner Frau begann er zu trinken und nur durch seine Versetzung nach Manchester kam er einem Rauswurf zuvor. Doch das Leben dort ist schwer, denn als irischer Polizist in England ist er weder bei seinen Kollegen noch bei seinen Landsleuten gut angesehen.
    Es ist ein düsterer Hintergrund vor dem diese Geschichte spielt und der Autor erspart seinen Leserinnen und Lesern nichts. Ausdrucksvoll und deutlich beschreibt er die erbärmlichen Verhältnisse, in denen die meisten Menschen leben und wie die Verachtung der Briten die Wut und den Zorn der Iren noch mehr heraufbeschwört und sich in Gewalt entlädt. O'Connor versucht zu vermitteln und das Schlimmste zu verhindern, doch es fehlt ihm an Kraft und Unterstützung.
    Obwohl in diesem Buch eigentlich James O'Connor im Vordergrund steht, weiß man nach dem Lesen Einiges mehr über den englisch-irischen Konflikt, der so viele Jahre andauerte und ohne Vergebung nie endgültig beendet sein wird. Vielleicht ist Letzteres auch der Grund für das doch etwas ungewöhnliche Ende.
    Düster, aber eine lesenswerte Lektüre!

  1. Irisches Duell

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Apr 2021 

    Das Erscheinen der deutschen Übersetzung "Der Abstinent" von Ian McGuires neuestem Roman trifft zeitlich mit beängstigenden Nachrichten über Unruhen in Nordirland zusammen. Seit dem Karfreitagsabkommen vom 10. April 1998 einigermaßen befriedet, werden sie nun, exakt 23 Jahre später, von militanten protestantisch-loyalistischen Gruppierungen erneut angeheizt. Aktuelle Gründe sind die Unzufriedenheit über den Bexit-Sonderstatus Nordirlands und eine Nicht-Ahndung von Corona-Verstößen während der Beisetzung eines ehemaligen IRA-Terroristen durch Politiker der katholisch-republikanische Sinn-Fein-Partei.

    Nationalismus und Terrorismus
    Viel weiter in die Geschichte des Konflikts zurück reicht Ian McGuires düsterer historischer (Kriminal-)Roman. Er beginnt nach der großen irischen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts und unmittelbar nach dem Scheitern des Aufstands von 1867 unter Federführung der Fenians, einer geheimen Bruderschaft im Kampf für die irische Unabhängigkeit und Vorgängerorganisation der IRA. Ausgangspunkt für die fiktive Handlung ist ein historisch verbürgtes Ereignis vom 22.11.1867: die Hinrichtung der drei sogenannten "Manchester Martyrs", Mitglieder der Fenians, für den Mord an einem Polizisten.

    Zwei Iren auf verschiedenen Seiten
    James O’Connor, 34-jähriger Ire, Polizist aus Dublin, arbeitet seit neun Monaten als Constable in Manchester, vorrangig als Kontaktmann für Fenian-Spitzel. Nach dem Tod seines Sohnes, dann vor etwa eineinhalb Jahren seiner Frau, war er dem Alkohol verfallen, lebt nun aber abstinent und nutzt in Manchester seine letzte Chance. Als Ire ist er dem Spott der neuen Kollegen ausgesetzt, sie sticheln, provozieren und misstrauen ihm. Er sitzt zwischen allen Stühlen. Seine Warnung vor einer öffentlichen Hinrichtung stößt bei seinen Vorgesetzten auf Ablehnung:

    "Die Soldaten zu holen, war ein Fehler, denkt O’Connor. Gewalt wird das Problem mit den Fenians nicht lösen, und der Anblick der Truppen lässt die Leute glauben, wir befänden uns im Krieg. Solche Machtdemonstrationen führen zu nichts Gutem, man gießt nur Öl ins Feuer. Akribische Ermittlungen und Fingerspitzengefühl, das wird diesen Kampf entscheiden, nicht protzig zur Schau gestellte Grausamkeit. Doch Protz und Grausamkeit sind den Engländern nun mal am liebsten." (S. 15/16)

    Kurz nach der Hinrichtung trifft der junge amerikanische Bürgerkriegsveteran Stephen Doyle in Manchester ein. Er ist gebürtiger Ire wie O’Connor, hat wie dieser Armut, Verlust und Gewalt erlebt, und soll im Auftrag einflussreicher amerikanischer Iren die Bruderschaft unterstützen. Sein vorrangiges Ziel ist das Aufspüren und Liquidieren von Verrätern, aber auch ein denkwürdiger Anschlag ist geplant. James O’Connor und Stephen Doyle werden zu Kontrahenten auf Leben und Tod.

    Sehr lesenswert
    "Der Abstinent" ist der dritte Roman des 1964 geborenen britischen Literaturwissenschaftlers und Autors Ian McGuire und folgt auf "Nordwasser", 2016 für den Man Booker Prize nominiert. Beide Romane sind geprägt von kompromissloser Brutalität und Gewalt, "Nordwasser" noch deutlich mehr, aber nie um ihrer selbst oder um der Spannung Willen. Das scharf beobachtete, sparsam im Präsens beschriebene, überaus packende Duell der beiden Männer vor der rußigen und schmutzigen, lauten und übelriechenden Kulisse einer frühindustriellen Stadt hat mich gepackt und begeistert. Bis nach Pennsylvania führt der mörderische Kampf und findet einen äußerst ungewöhnlich erzählten Ausgang.

    Überrascht hat mich eine editorische Notiz im Impressum: „Auf Seite 313 beleidigt Stephen Doyle einen Schwarzen rassistisch.“ Wenn solche Hinweise üblich werden – welches Buch, vor allem welcher Klassiker, kann dann zukünftig noch ohne Warnhinweis erscheinen?

  1. Blutiger Kleinkrieg

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Apr 2021 

    Ich habe mit großer Begeisterung „Nordwasser“ gelesen und war mir sicher, mit diesem Buch ein weiteres Highlight zu erwischen. Ich habe mich geirrt.
    Es ist wirklich erstaunlich, wie man ein spannendes und ungewöhnliches Thema so klein halten kann.

    Ich hatte noch nie von „Fenians“ gehört, einer irischen Untergrundbewegung, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts durch Terror- und Sabotageakte gegen die englische Vorherrschaft auflehnte. Hier sind wir live dabei, 1867 in Manchester, nur ist es erst einmal gar nicht so einfach, sich einzuleben.

    Unser Held ist Constable James O´Connor, der aus traurigen Gründen von Dublin nach Manchester versetzt wurde, um der dortigen Polizei zu helfen, Rebellen aufzuspüren. Also: Ein Ire, der für die Engländer Iren jagt und ein Netz aus irischen Spionen dazu einspannt.
    Die Rebellen wiederum bekommen Unterstützung von Übersee. Stephen Doyle, Sohn irischer Auswanderer, kommt aus Amerika und soll den Fenians das Kämpfen beibringen. Also: Ein amerikanischer Ire, der in England für Irland kämpft und polizeilich gesucht wird, bevor er überhaupt etwas getan hat.
    Die Situation ist verzwickt und man ringt mit dem Überblick, weil man sich mit lauter Ausnahmen beschäftigt, bevor man das Thema verstanden hat.

    Ist das geklärt, wird es zwar leichter, aber nicht spannender. Ein größeres Intrigennetz durchzieht ganz Manchester. Wer ist Freund und wer Feind? Wer soll sich noch auskennen, wenn alle Iren entweder für die eine oder andere Seite spionieren, manchmal auch für beide und wen interessiert das? Ich hätte viel lieber etwas über die Gesamtsituation erfahren, als den Ganovenkrieg in Manchester im Detail zu verfolgen, der sich zum Ende hin auch noch zur Privatfehde zweier Männer entwickelt.

    Auch sprachlich kommt dieses Buch nicht an „Nordwasser“ heran. Ian McGuire kann meisterhaft Ambiente beschreiben und Atmosphäre schaffen, nur kommt das hier nicht so sehr zum Tragen. Dieses Buch ist dialoglastig und die Dialoge recht einfach. Harte Kerle unterhalten sich, das ist kein literarischer Hochgenuss.

    Ich bin sehr enttäuscht von diesem Buch. Was ein interessantes Stück Geschichte hätte sein können ist hier eher ein blutiger Kleinkrieg.
    Schade.