Denk ich an Kiew: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Denk ich an Kiew: Roman' von Erin Litteken
4.35
4.4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Denk ich an Kiew: Roman"

1929. Behütet und geliebt wächst Katja in einem Dorf bei Kiew auf. Ihre Familie ist nicht reich, kann sich aber von ihrer eigenen Hände Arbeit ernähren. Bis Stalins Handlanger die Dorfbewohner zwingen, dem Kollektiv beizutreten. Wer sich weigert, wird mitgenommen und nie wieder gesehen. Anfangs gibt es für Katja dennoch auch glückliche Stunden. Sie ist in den Nachbarssohn verliebt und ihre Schwester in dessen Bruder. Doch schon bald muss Katja sich jeden Tag Mut zusprechen, um weiterzumachen angesichts des Schreckens um sie herum. Jahrzehnte später entdeckt Cassie im Haus ihrer Großmutter in Illinois ein Tagebuch. Nie hat diese über ihre ukrainische Herkunft gesprochen. Seit einiger Zeit aber verhält sie sich merkwürdig. Sie versteckt Lebensmittel und murmelt immer wieder einen Namen, den keiner aus ihrer Familie je gehört hat: Alina ...

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
Verlag: Lübbe
EAN:9783785728321

Rezensionen zu "Denk ich an Kiew: Roman"

  1. Schmerzhafte Erinnerungen

    Manche Erinnerungen sind zurecht im Gedächtnis tief vergraben, sind sie doch einfach zu schmerzhaft, um dauernd präsent zu sein. So ergeht es auch Katarina ((Katja genannt), deren Geschichte ab 1929 in der Ukraine die Lesenden sehr bewegt. Ob es die Zwangseinführung der Kolchosen, der Holodomor (3 – 7 Millionen Ukrainer ließ Stalin dabei verhungern), die Indoktrination schon der Kinder oder die sinnlosen Morde und Deportationen waren - diese tragischen Teile der ukrainischen Geschichte bewegten sehr und wühlten auf.

    Beim parallelen Handlungsstrang, der 2004 in den USA spielt, und von ‚Bobby‘, der Katja als 92-Jährige erzählt, gönnte ich Cassy und Birdie (Enkeltochter und Urenkeltochter) von Herzen die Entwicklungen, mir war aber dies alles zu vorhersehbar. Ich hätte gern darauf verzichtet, erkannte aber darin die Mahnung, in den Familien zu kommunizieren und die jungen Generationen über ihre Vorfahren nicht im Dunkeln zu lassen. (Mein Mann und ich haben jeweils unsere Ahnen mit den jeweils dazugehörenden, uns bekannten Episoden aufgeschrieben, damit unsere Nachfahren bei Interesse alles auch noch nachlesen können.)

    Sehr dankbar bin ich der Autorin für die Aufklärung über den Holodomor und die Erklärungen der ukrainischen Kultur mit den zahlreichen Ritualen zu Hochzeiten, zu Bestattungen und jährlichen Festtagen. Ich sah den reich bestickten ‚Rushnyk‘ mit seinen zahlreichen Symbolen vor mir und bei der Beschreibung der Kulinarik wie z.B. der Blintze oder Wariniki lief mir das Wasser im Munde zusammen.

    Vier Sterne gebe ich gerne diesem wichtigen Roman und empfehle ihn sehr gerne weiter!

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  1. Heute wie damals?

    Aktuell boomt es ja nur so vor Literatur über die Ukraine und über die einstigen Sowjetstaaten und so war ich doch sehr neugierig auf das Buch, ohne zu ahnen was mich eigentlich erwartet.

    Die Handlung wird über zwei Erzählstränge dem Leser nahe gebracht, denn zum einen begleiten wir Cassie in Amerika, die nach dem Tod ihres Mannes wieder ins Leben finden muss 2004. Zum anderen erleben wir das Schicksal von Cassies Oma Bobby, die in der Ukraine lebt und leidet und erfahren ihr Schicksal ab 1930.

    Während mich der Vergangenheitspart enorm fesselte, tat der Part in der Gegenwart dies nicht unbedingt, weil es sich nicht immer glaubhaft las, eher wie ein Film. Und dennoch waren diese Unterbrechungen nötig, brachten sie doch Ruhe rein bei all dem Schrecklichen was man aus der Vergangenheit liest und erfährt.

    Auch wenn sich der Roman durch den Schreibstil angenehm leicht lesen lässt, so ist der Inhalt alles andere als angenehm und man kann den Roman eben nicht mal eben durchsuchten, sondern muss immer wieder innehalten und verarbeiten.

    Je mehr man liest, desto deutlicher wird der Kontrast zwischen dem Leben von Cassie (welches sich auch mit dem Leben von Westeuropäern vergleichen lässt) und Bobby und man ist als Leser froh in einer ruhigeren Zeit in Deutschland leben zu dürfen ohne andauernde Bedrohung für das eigene Leben.

    Den Begriff Holodomor hatte ich vorher nie gehört, werde ihn aber jetzt nie wieder vergessen. Mir ist klar, dass Hunger kein angenehmes Gefühl ist, aber mir war nicht bewusst wozu einen dieser treiben kann.

    Fazit: Die Lektüre berührt und stimmt nachdenklich. So etwas brauchen wir in der heutigen Zeit.

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  1. Und leben – trotz allem

    Ein Schicksalsschlag hat Cassie aus der Bahn geworfen. Sie ist gerade noch in der Lage, ihre Tochter Birdie zu versorgen. Da erleidet ihre Großmutter Bobby einen Unfall und Cassies Mutter Anna drängt darauf, dass Cassie zu Bobby zieht. Das würde beiden helfen. Bobby hat nie über ihre Vergangenheit gesprochen, doch nun zeigt sie seltsame Verhaltensweisen. Außerdem spricht sie von einer Alina. Cassie hat diesen Namen noch nie gehört. Sie möchte ihrer Großmutter gerne helfen.
    Katja lebt mit ihrer Familie in dem kleinen Dorf Sonyaschnyky. Sie haben ihr Auskommen bis zu dem Tag, als Stalins Handlanger sie ins Kollektiv zwingen wollen. Ihr Besitz wird ihnen genommen und sie sollen für die Gemeinschaft arbeiten. Man nimmt ihnen erst ihr Land, ihr Vieh, ihre Ernte und die Saat, dann ihr Werkzeug und fordert immer höhere Steuern. Unvorstellbarer Hunger macht sich breit und das kleinste Vergehen wird entweder mit dem Tod oder durch Deportation nach Sibirien geahndet. Anfangs war Katja noch glücklich mit ihrem Pawlo, doch die Not wird immer schlimmer und immer mehr Menschen sterben. Auch Katja muss Verluste ertragen und bald weiß sie nicht mehr, wie sie weiterleben soll.
    Natürlich habe ich schon vom Holodomor gehört, doch es ist etwas anderes, wenn dieses Schreckliche am Schicksal von Menschen festgemacht wird. Auch wenn es in diesem Buch um fiktive Personen geht, so gab es doch ungeheuer viele Menschen, die das wirklich erlebt haben. Es ist schwer zu ertragen, wenn man darüber liest, und so habe ich das Buch auch öfter weglegen müssen.
    Auch Cassie hat ihr Päckchen zu tragen, doch neben dem Schicksal von Katja und ihrer Familie in der Ukraine ist dieser Teil des Romans eher etwas seicht.
    Trotzdem verbindet Katja und Cassie auch einiges. Beide müssen sie mit dem Verlust fertig werden und sich ins Leben zurückkämpfen; beide haben ein schlechtes Gewissen, dass sie ihr Leben weiterleben wollen. Ich konnte mit Katja und ihrer Familie fühlen, aber auch mit Cassie und ihrer Tochter. Bobby vergisst in der Gegenwart vieles, doch den Hunger und die Not von damals hat sie nicht vergessen und so versteckt sie wieder Lebensmittel. Es ist ihr aber nicht möglich, über das Erlebte zu sprechen und so bleibt nur ihr Tagebuch in ukrainischer Sprache, um Cassie von früher zu berichten.
    Ganz schrecklich fand ich es, dass die Menschen, mit den man in einer Gemeinschaft gelebt hat und befreundet war, sich dann plötzlich so schäbig verhalten haben, schlimmer noch als die Bolschewiki selbst. Schwer zu ertragen sind auch die Prallelen zur jetzigen Zeit, denn wieder wird den Menschen im Krieg alles genommen. Wieder schaut die Welt zu.
    Die Grausamkeiten in diesem Roman sind schwer zu ertragen und doch ist es wichtig, nicht zu vergessen. Ich kann diesen erschütternden Roman nur empfehlen.

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