Deine kalten Hände: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Deine kalten Hände: Roman' von Han Kang
3.6
3.6 von 5 (10 Bewertungen)

Ein großer Roman über die Einsamkeit der menschlichen Existenz.

Eines Tages verschwindet der Bildhauer Jang Unhyong beinahe spurlos. Er hinterlässt seine faszinierenden Gipsabdrücke von Händen und Körpern – und ein bewegendes Tagebuch, das seine lebenslange Suche nach Nähe und Wahrhaftigkeit in aller Welt voller Masken schildert.
»Han Kang erzählt zugleich mit großer Brutalität und großer Poesie – eine Mischung, die nur wenigen Schriftstellern gelingt.« Stern.

»Man kann sich dieser Stimme nicht entziehen.« Independent.

Von der Autorin des internationalen Bestsellers »Die Vegetarierin«.

Autor:
Format:Kindle Edition
Seiten:300
EAN:

Rezensionen zu "Deine kalten Hände: Roman"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 03. Apr 2019 

    Seltsame Geschichte

    Eine seltsame Geschichte

    Deine kalten Hände von Han Kang

    Als der Bildhauer Jang Unhyong verschwindet, begibt sich seine Schwester auf die Suche. Anhand Aufzeichnungen ihres Bruders will sie herausfinden, was in ihm vorging. Dies bleibt ohne Erfolg gekrönt, so landen die Schriftstücke bei einer entfernten Bekannten ihres Bruders, ihr letzter Versuch Antworten zu finden.

    Durch diese Aufzeichnungen erfährt der Leser einiges aus der Kindheit des Bildhauers, der Hüllen von den Gliedmaßen vieler Frauen erstellte. Die gesamte Zeit suchte ich nach Gründen für seine Obsession, einige waren sicherlich auch in der Kindheit zu finden. Seine Mutter brachte es nicht fertig mit den Augen zu lächeln, eine Formulierung des jungen U, die Sinn ergibt, wenn man die genaueren Umstände kennenlernt.
    Die Frauen, mit denen er während seiner Karriere zu tun bekommt, haben alle Probleme, genau dort scheint der Reiz für ihn zu liegen. Nur warum? Will er ihnen helfen, will er das warum verstehen? Oder sucht er sich einfach nur selbst, in seiner eigenen Unvollkommenheit?
    Was mich gestört hat ist der Aspekt, dass die Modelle alle nur mit ihrem Anfangsbuchstaben benannt werden, auch der Bildhauer selbst wird so abgekürzt. Auf mich wirkte es immer sehr unpersönlich, genau darauf schiebe ich es auch, dass ich zu keinem der Protagonisten eine echte Beziehung aufbauen konnte. Sicher muss man nicht immer mit den Personen mitleiden, aber ein gewisses Gefühl sollte schon aufkommen.
    Der Roman wirkte stellenweise sehr provokant durch seine Direktheit. Tabus scheint es keine zu geben, der Leser wird mitgenommen in die tiefsten Tiefen der Frauen, reißt dort aber nur kurz etwas an und geht zur nächsten Episode über. Die Abschnitte gehen nicht sanft ineinander über, oft wirkte es so, als ob man als Leser einfach in den nächsten Bereich katapultiert wird. Erst nimmt L einen großen Raum ein, verschwindet aus Us Leben, taucht wieder auf, um dann aus heiterem Himmel von E ersetzt zu werden. Ein Karussell der Gefühle, eine Achterbahn der Ereignisse, die sich mir nicht ganz erschlossen hat.
    Wenn ich meine Beschreibung des Romans so lese, wirkt sie sehr negativ. Ich habe vielleicht einfach etwas anderes gesucht, als die Autorin zeigen wollte. Nichts desto trotz war es eine Erfahrung, wie ich sie vorher beim lesen noch nicht gesammelt habe. Ein Erzählstil der mich verwundert und gefordert hat.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Mär 2019 

    Hinter der Maske

    Der koreanische Bildhauer Jang Unhyong ist eines Tages verschollen. In seiner künstlerischen Arbeit hat er Gipsabdrücke von Händen und Körpern angefertigt. Dadurch ist er der Schriftstellerin H. aufgefallen, die mit ihm auch einmal ein Gespräch geführt hat. In dem Versuch seiner Schwester, den Mann zu finden, gelangt H. an sein bewegendes Tagebuch. Es dokumentiert seine lebenslange Suche nach Nähe und Wahrhaftigkeit in einer Welt voller Masken.

    „Deine kalten Hände“ ist ein ungewöhnlicher Roman von Han Kang.

    Meine Meinung:
    Der Roman beginnt mit einem langen Prolog, der in sieben Kapitel unterteilt ist. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht der Schriftstellerin H. Dann folgt – nach einem Vorwort – das Tagebuch des Bildhauers, ebenfalls aus der Ich-Perspektive geschrieben. Es besteht aus drei Teilen, die wiederum in mehrere Abschnitte, jeweils mit Überschriften markiert, untergliedert sind. Der Roman endet mit einem Epilog, wieder aus der Sicht der Schriftstellerin, mit vier kurzen Kapiteln. Der Aufbau wirkt gut durchdacht und einleuchtend.

    Der Schreibstil ist besonders. Er scheint einerseits schnörkellos und recht nüchtern, andererseits aber geradezu poetisch und voll von Symbolen. Die Sprache hat mich fasziniert, verlangt dem Leser allerdings eine hohe Aufmerksamkeit ab. Der Einstieg in die Geschichte gelang mir ohne Probleme.

    Der Roman beschränkt sich auf wenige Charaktere. Im Vordergrund steht natürlich der Künstler, über den man am meisten erfährt. Jedoch fiel es mir schwer, aus ihm und den anderen Protagonisten schlau zu werden. Alle Figuren erscheinen recht kühl und bleiben merkwürdig auf Distanz, was sich zum Beispiel darin äußert, dass der Name der Schriftstellerin nur abgekürzt wird. Es ist schwierig, Sympathie für die Personen zu empfinden, obwohl es sich um reizvolle Charaktere handelt.

    Die Grundthematik des Romans finde ich sehr interessant. Es geht um die Einsamkeit der menschlichen Existenz und die Suche nach der Wahrheit. Was verbergen die Menschen hinter ihrer Maske, hinter ihrer Hülle? Was ist Schein, was ist Sein? Mit diesen Fragen setzt sich der Bildhauer auch künstlerisch auseinander.

    In seiner Kindheit erlebt der Künstler Neid, Eifersucht und Verrat, was ihn zum Außenseiter werden lässt. Die Schilderungen dazu konnten mich bewegen. Allerdings lässt der Roman auch vieles offen – für meinen Geschmack zu viel, denn so blieb mir einiges unverständlich.

    Das Nachwort der Autorin fällt leider ziemlich kurz aus und trägt recht wenig zum Verständnis der Lektüre bei. Es gibt aber Einblicke in den Schreibprozess, was ich interessant finde.

    Das Cover wirkt sehr künstlerisch, was thematisch gut zum Roman passt. Der deutsche Titel ist treffend gewählt.

    Mein Fazit:
    „Deine kalten Hände“ von Han Kang ist ein Roman, zu dem ich keinen vollständigen Zugang finden konnte. Der Inhalt ist verstörend, aber auch aufwühlend und zum Nachdenken anregend. Meinen hohen Erwartungen wurde das Buch leider nicht in Gänze gerecht. Doch wegen seiner Besonderheit halte ich es dennoch für lesenswert.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Mär 2019 

    faszinierend unverständlich

    "Ich verstehe dich nicht. Aber ich mag dich trotzdem."
    Das würde ich dem Roman "Deine kalten Hände" der Koreanerin Han Kang sagen, wäre dieses Buch ein Mensch - also im übertragenen Sinne. Denn dieser Roman steckt voller Symbolik und fordert dem Leser einiges an Abstraktionsfähigkeit ab. Ich habe mich bemüht, ich habe den Roman sehr gern gelesen, aber die Symbolik und der emotionslose Protagonist haben mich am Ende doch an meine Grenzen gebracht. Dennoch habe ich den Sprachstil der koreanischen Autorin sehr genossen, so dass es mir ein Leichtes war, diesen Roman zügig und gern zu lesen. Verrückt!

    Bei „Deine Kalten Hände“ handelt es sich um eine Geschichte in einer Geschichte. Die Autorin wählt einen autobiografischen Einstieg. Der Bildhauer Jang, ein flüchtiger Bekannter von ihr, ist verschwunden. Dies erfährt sie von seiner Schwester, die sich mit seinen Aufzeichnungen, in denen die Autorin namentlich erwähnt wird, an sie wendet. Die Schwester hat die Hoffnung, dass Han Kang ihr bei der Aufklärung des Geheimnisses um das Verschwinden ihres Bruders helfen kann.

    Die Autorin liest also Jangs Aufzeichnungen und mit ihr der Leser. Ob Jang am Ende wieder aus der Versenkung auftauchen wird, ist für die Geschichte unerheblich. Wichtig ist, als welcher Mensch sich der Bildhauer anhand der Notizen dem Leser präsentiert (bzw. nicht präsentiert).

    "Ich hatte die unklare Ahnung, dass diese Ruhe in seinen Augen kein friedliches Inneres widerspiegelte, sondern sich wie ein dünnes Häutchen über etwas Unheimlichem spannte."

    Die Aufzeichnungen beschreiben zunächst Jangs Kindheit. Er wächst in einer wohlhabenden Familie auf. Bezeichnend ist die Lieblosigkeit, der er ausgesetzt ist. Insbesondere seine Mutter ist eine Meisterin darin, nach Außen das Bild der liebevollen Mutter zu präsentieren, ihrem Sohn gegenüber jedoch Gefühlskälte an den Tag zu legen.
    Mit den Jahren entdeckt Jang sein künstlerisches Talent. Er hat Erfolg als Bildhauer. Seine Kunst ist sehr speziell. Er fertigt Gipsabdrücke von menschlichen Körperteilen an, bis hin zu Masken von Gesichtern. Über seine Kunst versucht er, seine Kindheit zu verarbeiten und das, was sie aus ihm gemacht hat: Einem Menschen, der beobachtet. Der seinen Mitmenschen mit Freundlichkeit begegnet, aber nie etwas von sich Preis gibt. Seine Modelle sind durch die Bank weg Frauen. Insbesondere die Geheimnisvollen haben es ihm angetan. Das Aussehen spielt keine Rolle. Er versucht, hinter die Geheimnisse dieser Frauen zu kommen. Die Skulpturen, die er dabei von ihnen anfertigt, haben symbolischen Charakter.

    "Wenn ich spürte, dass jemand etwas verbarg, entstanden bei mir Sympathie und eine Art Faszination für die betreffende Person, und zwar umso stärker, je weniger fassbar das Geheimnis war."

    Und gerade diese Symbolik, die einen großen Raum in dieser Geschichte einnimmt, macht diesen Roman zu einem sehr unbequemen. Einerseits ist es großartig, wenn man beim Lesen gefordert wird, also nicht nur vom Autor mit einer Geschichte berieselt wird, sondern auch reflektieren muss. Aber andererseits kann Symbolik auch frustrieren, insbesondere, wenn man sie nicht versteht, so sehr man sich auch anstrengt. Die Autorin gewährt dem Leser unendlich viel Raum für Spekulationen, was des Guten zuviel war. Da ich den Anspruch hatte, hinter die Symbolik des Romans zu steigen, war ich nie mit meinen Erklärungsansätzen zufrieden.

    Dennoch hat dieser Roman eine unglaubliche Faszination auf mich ausgeübt. Wie der Titel "Deine kalten Hände" schon andeutet, geht es in dieser Geschichte frostig zu. Frostig, nicht im Sinne von Niedrigtemperaturen sondern im Sinne von Gefühlskälte. Jang scheint nicht in der Lage zu sein, Emotionen zu zeigen. Er beginnt zwar mit dem einen oder anderen seiner Modelle eine Beziehung. Dennoch scheint seine Hingabe zu der jeweiligen Frau eher in seinem Interesse an deren Geheimnis begründet zu sein. Er gibt nichts von sich Preis, lässt die Frauen nicht an sich heran, und den Leser erst recht nicht. Er ist ein netter Kerl. Aber das, was er von sich zeigt ist nur Fassade. Diese Distanz durchzieht den Roman von Anfang bis zum Ende. Das macht ihn zu einer sehr unbequemen Lektüre. Schließlich will man den Protagonisten verstehen. Man muss ihn nicht mögen. Aber zumindest möchte man in der Lage sein, ihn zu charakterisieren. Das funktioniert hier nicht. U. bleibt ein Fremder.

    "Das Leben ist eine Hülle, die sich über einem Abgrund wölbt, und wir leben darauf wie maskierte Akrobaten. Mal hassen wir, mal lieben wir, und manchmal brüllen wir vor Wut. Über unseren Kunststücken vergessen wir, dass wir vergänglich sind und sterben müssen."

    Im krassen Gegensatz zu dieser unbequemen Geschichte, steht die Sprache, in der sie erzählt wird. Han Kang ist eine große Poetin. Die Sprache, die sie verwendet ist wunderschön und geht mitten ins Herz. Man könnte fast sagen, dass das, was der Geschichte und dem Protagonisten an Emotionen fehlt, sich tausendfach in dem unglaublichen Sprachstil wiederfindet.

    Daher komme ich zu folgender Erkenntnis:
    Scheinbar muss man nicht alles verstehen, was man liest, solange es gut geschrieben ist. Und "Deine kalten Hände" ist mehr als gut geschrieben.

    © Renie

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 10. Mär 2019 

    Da hilft auch kein Handwärmer

    Scheinbar ist dieses Jahr von „kalter“ Literatur geprägt. Oder liegt es an der Jahreszeit? Egal, mit „Deine kalten Hände“ von Han Kang habe ich nun zwei Bücher in Folge gelesen, die mich von der in ihnen eiskalt herrschenden Handlung nicht wirklich oder nur zum Teil begeistern konnten. Es war in diesem Roman noch nicht mal die Schreibweise, die mich kalt gelassen hat (die war sogar teilweise sehr poetisch), nein – es lag schlicht an der Handlung, die mich bis kurz vorm Schluss nicht wirklich gepackt hat.

    Ein Bildhauer verschwindet spurlos, hinterlässt eine Art Tagebuch, was eine flüchtige Bekannte zu lesen bekommt. So weit so okay. Es hätte auch eine spannende Spurensuche werden können, hätte Han Kang ihrem Roman nicht diese „kalte“ Distanziertheit verliehen, die es den Leserinnen und Lesern schwermacht, irgendeinem Charakter ihrer Geschichte „näher“ zu kommen.

    Während ich bei Kafka und anderen Autor*innen keine Schwierigkeiten habe, einem Charakter emotional näher zu kommen, der sich mir nur mit „K.“ vorstellt, sind „L.“, „E.“ usw. bei Han Kang mir bis relativ zum Schluss fremd geblieben. Ich kann nicht mal genau sagen, woran genau es gehakt hat, aber wie die Schriftstellerin „H.“ habe ich mir nicht nur einmal die Frage nach dem „Warum?“ gestellt. Wollte Han Kang eine „Hommage“ an die Hand schreiben? Man könnte es vermuten, wenn man folgendes Zitat liest:

    „Alle Handlungen […], alles geschieht mit den Händen. Sie sind sozusagen das Symbol für den handelnden Menschen.“ (S. 190)

    Aber den Roman darauf zu beschränken, wäre falsch. Han Kang versucht auf Missstände aufmerksam zu machen, die überall auf der Welt vorherrschen: „Du bist nur erfolgreich, wenn du schön bist.“ Diese Erfahrung darf/ muss E. in ihrem Leben machen. Das gelesene schockiert und trotzdem lässt es einen emotional kalt zurück. Auch L. hat tragisches erlebt – ihre Geschichte wird im 3. Abschnitt betrachtet. Hier konnte ich beim Lesen ansatzweise etwas empfinden und trotzdem war alles seltsam distanziert und unterkühlt.

    Vielleicht war es die Absicht von Han Kang, auf literarische nüchtern-kalte und doch (teilweise) hochpoetische Weise ihren Leserinnen und Lesern die „Kälte“ der Gesellschaft (nicht nur der koreanischen) aufzuzeigen, um sie so zu einem „Umdenken“ zu bringen. Wenn es so ist, ist es ihr leider nur bedingt gelungen. Ich kann also (vorläufig) nur eine bedingte Leseempfehlung aussprechen und vergebe 3*.

    „Das Leben ist eine Hülle, die sich über einem Abgrund wölbt, und wir leben darauf wie maskierte Akrobaten. Mal hassen wir, mal lieben wir, und manchmal brüllen wir vor Wut. Über unseren Kunststücken vergessen wir, dass wir vergänglich sind und sterben müssen.“ (S. 299)

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Mär 2019 

    Auf der Suche nach Nähe und Wahrhaftigkeit...

    Als der Bildhauer Jang Unhyong spurlos verschwindet, hinterlässt er eine Vielzahl außergewöhnlicher Gipsabdrücke von Händen und Körpern. Und ein Tagebuch, in dem er seine Suche im Leben und in der Kunst schildert: nach einer von Eifersucht, Neid und Verrat geprägten Kindheit wird er zum Außenseiter und nähert sich Menschen nur in seiner Kunst. Als er einer jungen Studentin begegnet, die, stark übergewichtig, unter ihrem Körper leidet, sind es ihre Hände, die ihn faszinieren und von denen er zahllose Gipsabdrücke anfertigt. Nur langsam öffnet sich die junge Frau ihm und lässt einen Blick hinter die Maske ihres deformierten Körpers zu. Bald schon ist der Künstler getrieben von der Sehsucht, ihr nahe zu kommen...

    Nachdem ich 'Die Vegetarierin' und 'Das Menschenwerk' von Han Kang vor einiger Zeit gelesen habe, war ich neugierig auf den neuesten Roman der südkoreanischen Autorin. Anfangs war ich etwas irritiert, denn wenn ich eines gelernt habe, dann die Tatsache, dass Han Kangs Schreiben in jedem Fall eines kennzeichnet: Verstörung. Dies war hier beim Lesen jedoch nur rudimentär der Fall, was mich verwunderte. Als ich schließlich erfasste, dass sie diesen Roman bereits 2002 veröffentlicht hatte - also deutlich vor den anderen beiden genannten Werken -, klärte sich die Verwirrung. Es wirkt tatsächlich wie ein Roman 'davor', beispielsweise aufgrund von deutlich weniger surrealen Szenen.

    In eine kurze Rahmenhandlung eingebunden, wird die Erzählung um den Bildhauer chronologisch präsentiert, entsprechend der Einträge von Jang Unhyong in dessen Tagebuch. In meist recht kurz gehaltenen Kapiteln wechseln Zeit und Ort, wobei das Atelier des Künstlers schon eine dominante Stellung einnimmt. Wie auch in ihren anderen Romanen, wählt Han Kang hier einen distanzierten Schreibstil, klar und wenig poetisch, so dass der Leser die Figuren zwar genau betrachten kann, ihnen aber zu keinem Zeitpunkt wirklich nahe kommt. Dies wirkt phasenweise befremdlich und kühl, pointiert damit andererseits aber deutlicher die eigentliche Fragestellung des Romans.

    Han Kang beschränkt sich in dieser Erzählung auf wenige Charaktere, wobei der Bildhauer Jang Unhyong im Mittelpunkt steht. Andere Figuren werden namentlich nicht erwähnt, sondern mit P., L. und E. abgekürzt, ebenso wie die Schriftstellerin H., die als Ich-Erzählerin der Rahmenhandlung fungiert. Von klein auf erkennt Unhyong, dass die Menschen stets ihr wahres Wesen hinter einer Maske verstecken - alles ist mehr Schein als Sein. Hände drücken oft mehr aus als das Gesicht eines Menschen, weshalb der Bildhauer eine Zeitlang fasziniert von diesen Körperteilen ist und Gipsabdrücke von ihnen fertigt. Aber auch Hände können Wahrheiten verbergen, und Unyhongs Suche gilt dem wahren Kern eines Menschen und damit der wahren Nähe zu ihm. Eine große Einsamkeit begleitet ihn dabei zeitlebens, denn die Wahrhaftigkeit will sich ihm einfach nicht zeigen.

    Die Handlung selbst ist meist wenig aufregend, die inneren Vorgänge sind da weitaus spannender. Die Fragestellung: 'Wer sind wir wirklich - wer die anderen?' durchzieht den Roman und beschäftigt nicht nur den Bildhauer Unhyon, sondern lässt auch mich als Leser nicht kalt. Und auch die Autorin bekennt in ihrem Nachwort:

    "Der Roman (...) veränderte meinen Blick, meine Art zu hören und zu lieben. Still brachte er meine Seele an Orte, an denen sie noch nie gewesen war." (S. 312)

    Ein früher Roman der südkoreanischen Autorin Han Kang, der auf ihr wirkliches Können hindeutet, allerdings noch weniger Spuren der Verstörung aufweist als die späteren Werke. Eine Erzählung, durch die ich mühelos gleiten konnte, deren existenzielle Fragestellung mich beim Lesen beschäftigte und die ich trotz aller Distanziertheit wirklich mochte.

    © Parden

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Mär 2019 

    Die Dunkelheit dieser Körperhüllen

    Wie ein Leitmotiv zieht sie sich durch das Buch: die Maske, die Hülle, die Schale.

    Der Bildhauer Jang Unhyong ist besessen davon. Sie prägt sein ganzes künstlerisches Werk, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne: er zeigt Gipsabdrücke menschlicher Körper und damit den Inbegriff des Oberflächlichen. Ohne Interpretation oder emotionale Suggestion seinerseits präsentieren sich seine Skulpturen dem Zuschauer und lösen dennoch einen starken, oft verstörenden Widerhall aus.

    Was zeigt ein Mensch dem anderen von sich selbst? Wie viel davon ist wahrhaftig und wie viel nur schöner Schein? Jang Unhyong misstraut nicht nur seinen Mitmenschen, sondern wähnt sich selbst gänzlich hohl und leer.

    Nur Oberfläche. Nur Maske. Keine Substanz.

    Die Ursachen seiner Obsession liegen in Jang Unhyongs Kindheit. Als kleiner Junge beobachtete er seine Eltern mit scharfem Blick und sah, was anderen verborgen blieb: die leere Schönheit seiner Mutter, die hohle Herzlichkeit seines Vaters – emotionale Kälte verborgen hinter gesellschaftlicher Konvention. Als Leser spürt man den Nachhall dieser Kälte auf jeder Seite.

    Ein Großteil der Handlung wird als Auszug aus Unhyongs Tagebüchern erzählt, und das liest sich oft vage unbehaglich, auf diffuse Art unangenehm.

    Wie ein ständiger Misston, der eine instinktive emotionale Ablehnung auslöst, wie das Quietschen von Fingernägeln auf einer Kreidetafel.

    Die Menschen, denen der Bildhauer im Laufe der Handlung begegnet und die eine Rolle in seinem Leben spielen, sind ebenfalls gefangen in diesem Zerrbild von Schein und Sein. Selbst die schönste Fassade wirkt so grundlegend falsch, so erbärmlich, dass man als Leser kaum glauben kann, dass nur Unhyong dies bemerkt.

    “Mir war klar geworden, dass sich die Wahrheit immer in einem von mir selbst gesteckten Rahmen bewegte. Was mir tatsächlich passierte und welche Gefühle ich dabei hatte, spielte überhaupt keine Rolle. Ich musste nur auf die von außen geforderte Weise reagieren und mit den eigenen Gefühlen klarkommen, sei es durch Geduld, Verdrängen oder Vergeben. Letzten Endes war ich so oder so gezwungen, das Vorgefallene selbst zu verarbeiten, unabhängig davon, ob ich im Namen der Wahrheit handelte oder nicht.”
    (Zitat)

    Interessanterweise wird den meisten Charakteren ein Name verwehrt, sie werden auf einen Anfangsbuchstaben reduziert:

    Da ist zum Beispiel H., die Schriftstellerin, die Unhyong nach dem Grund seiner Arbeit fragt und ihn dadurch zum Führen des Tagebuchs veranlasst – obwohl er die Frage zunächst als kindisch abtut.

    Die wichtigste Frauengestalt des Buches ist in meinen Augen die stark übergewichtige L., deren weiche Hände Unhyong so verzaubern, dass er zahllose Abdrücke von ihnen nimmt. Mit ihr beginnt er eine zunehmend obsessive Liebesbeziehung, und sie verkörpert am deutlichsten die Gratwanderung zwischen Maske und wahrem Ich, denn ihr Äußeres und ihr Inneres passen nie zusammen.

    Das Triumvirat der weiblichen Charaktere wird von E. vervollständigt. Diese erscheint zunächst wie die in jeder Hinsicht perfekte Frau, hat sich diese Perfektion jedoch bis zur Selbstaufgabe antrainiert. Bei Unhyong und einem seiner Bekannten löst sie Gefühle von Verschmutzung und Übelkeit hervor, ohne dass sie dies begründen könnten.

    Die Frage, ob ich dieses Buch mochte, lässt sich nicht leicht beantworten.

    Es ist unbequem, sperrig, gelegentlich abstoßend, oft verstörend. Seine Figuren sind nicht liebenswert, die Geschichte macht keinen Spaß und ist auch nicht auf herkömmliche Art spannend. Dennoch bietet es eine hochinteressante Studie seiner wichtigsten Charaktere und ihrer Abgründe – ein Spiel mit Identität und Erwartung, das in meinen Augen nie trivial oder langweilig wird.

    Bisher habe ich zwei Bücher der Autorin gelesen, “Menschenwerk” und “Deine kalten Hände”. Beide sind nicht die Art von Lektüre die man zur Unterhaltung liest, dann zuschlägt und vergisst. Tatsächlich glaube ich, dass die Bücher von Han Kang dieser viel zitierten Anforderung Franz Kafkas an die Literatur Genüge tun:

    “Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.”

    Was bleibt also am Ende – und muss so ein Buch überhaupt eine Botschaft haben?

    Han Kang reißt den Charakteren nur für wenige kurze Augenblicke die Masken herunter, ihre Einsamkeit und emotionale Verkümmerung hat eine Aura der Unvermeidlichkeit an sich. Und vielleicht muss man mehr darüber gar nicht sagen.

    Nur den großartigen Schreibstil, der auch bei poetischen, zarten Bildern keine Gleichgültigkeit zulässt, möchte ich noch erwähnen.

    FAZIT

    Der Bildhauer Jang Unhyong ist bekannt für seine Gipsabdrücke von Körpern und Gesichtern. Die Leere dieser Hüllen spiegelt wider, wie verloren er sich fühlt in einer Welt der Masken, und wie überzeugt er von seiner eigenen inneren Leere ist.

    Als er verschwindet, nimmt sich die Schriftstellerin H. im Auftrag seiner Schwester seine Tagebuchaufzeichnungen vor und erfährt von seinen Beziehungen zu zwei Frauen, die beide auf ihre eigene Art die Unvereinbarkeit zwischen dem innersten Sein und dem äußeren Schein verkörpern.

    So wunderbar die Sprache daherkommt, so schwer verdaulich ist oft der Inhalt. Die Charaktere und ihre Geschichte verstören, ekeln manchmal sogar an, machen es dem Leser alles andere als leicht – und dennoch würde ich das Buch jetzt schon als Jahreshighlight bezeichnen.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 27. Feb 2019 

    Das Gegenteil von Warum

    In Han Kangs neuem Roman „Deine kalten Hände“ sind nicht nur die Hände kalt sondern eigentlich alle vorkommenden Figuren. Er hinterlässt bei mir nach der Lektüre ein Gefühl von: Niemals Korea! Und so kann ich nur hoffen, dass der Roman nicht wirklich ein Abbild des Landes ist, das sich da im fernen Asien so rauschhaft entwickelt.
    Worum geht es?:
    Eine junge Schriftstellerin (zunächst die Ich-Erzählerin) trifft auf ein Kunstwerk, das sie tief berührt, weil es als direkter und unmittelbarer Abdruck des menschlichen Körpers erstellt wurde und durch diese Unmittelbarkeit auf sie eine ganz besondere Wirkung ausübt. Als sie kurz darauf auch den Künstler kennen lernt, stellt sie ihm die eigentlich ganz natürliche und auch nahe liegende Frage nach dem Warum dieser Technik. Nach einer oberflächlichen Antwort des Künstlers trennen sich ihre Wege wieder und die Geschichte könnte hier schon beendet sein.
    Aber wir erfahren indirekt, dass diese normale Warum-Frage den Künstler wohl so irritiert und aufgewühlt hat, dass er sie zum Anlass nimmt, einen Bericht zu schreiben über einen Teil seines Lebens. Im weiteren Verlauf des Romans besteht er dann aus diesem Bericht, den die Schriftstellerin liest, weil die Schwester des Künstlers sich dadurch Aufschluss erhofft über das überraschende Verschwinden ihres Bruders. Der Künstler wird zum Ich-Erzähler und startet seinen Bericht mit einer Warnung an die Leser, dass sie vermutlich enttäuscht werden, denn:
    „Ich weiß nicht, was ich von jetzt an schreiben werde. Aber eines weiß ich: Diese Dokumente sind keinesfalls die Antwort auf das Warum, vielmehr wird man das Gegenteil erfahren.“
    Ich fragte ich mich als Leserin an dieser Stelle: Was kann denn das nur sein: das Gegenteil von Warum? Und war gespannt und neugierig. Was ich dann aber zu lesen bekam, hat mich nur tief enttäuscht, denn zum Ende des Buches, nachdem wir über zwei Beziehungen des Künstlers mit Frauen erfahren haben, die er nur mit Anfangsbuchstaben bezeichnet und zu denen er trotz Beziehung eigentlich gar keine Gefühle aufbaut, konnte ich leider nur den Schluss ziehen, dass als das "Gegenteil von Warum?" hier Han Kang die absolute Sinn- und Zwecklosigkeit des Tuns und Handelns gepaart mit der daraus folgenden Beziehungslosigkeit der Personen herausarbeitet. Und so konnte ich zu dem Buch eben auch keine Beziehung aufbauen und habe unbewegt, unberührt und kalt distanziert gelesen bis zum Schluss. Und stelle am Ende die Frage: "Warum?" nur hat die Schriftstellerin mir diese Geschichte erzählen wollen?
    Ich ringe mich zu 3 Sternen durch.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 25. Feb 2019 

    Ein Buch, das mich nicht ganz überzeugt hat

    Ein Roman über einsame, ernste und traurige Menschen

    Leider hat mir das Buch nicht durchgehend gefallen, obwohl die Autorin schon gut schreiben kann, aber hier hat sie mich auf den letzten 150 Seiten nicht mehr überzeugen können. Ich habe mich schwer getan, da die Spannung und das Interesse, das mich anfangs gepackt hat, nicht zu halten war. Viel zu viel wurde über Gibpsabdrücke gesprochen, dass ich am Ende gar nicht mehr wusste, was ich zu Beginn alles gelesen hatte.

    Die Handlung
    Die Handlung müsste schnell erzählt sein.

    Eine Schriftstellerin bekommt ein Tagebuch eines Bildhauers namens Jang Unhyong zugetragen, mit der Bitte, es schriftstellerisch zu bearbeiten. Das Tagebuch besitzt den Titel Ihre kalten Hände.
    Jang Unhyong fertigt von seinen Probandinnen verschiedene Abdrücke des menschlichen Körpers ab. Es ist nicht irgendein Körper. Je unästhetischer der Leib eines Menschen für Jang ist, desto mehr fühlt er sich von der Person angezogen. Obwohl sich die Schriftstellerin überhaupt nicht für Bildhauerei interessiert, bleiben ihre Blicke vor den Abdrücken hängen, als sie diese im Theater zum ersten Mal zu sehen bekommt.

    Das Ziel seiner Arbeit ist, hinter die menschliche Fassade zu schauen. Was verbirgt sich symbolisch gesehen unter der Haut eines Menschen? Yang arbeitet an dem menschlichen Körper, als habe er eine Zwiebel vor sich.

    Obwohl sich die Schriftstellerin erst verweigert hat, das Tagebuch zu bearbeiten, konnte sie schließlich doch nicht anders, als es sich zur Brust zu nehmen, vermehrt auch, da der Künstler zusammen mit einer anderen Person verschollen ist.

    Das Buch ist sehr symbolträchtig, aber die Autorin verrät ganz viel, was diese Bilder bedeuten könnten. Aber es bleibt trotzdem noch viel Raum für eigene Interpretationen.

    Welche Szene hat mir gar nicht gefallen?
    Ich fand es ganz schrecklich, als der kleine Jang beschuldigt wurde, das Geld seiner größeren Schwester gestohlen zu haben, da angeblich nur er hätte wissen können, wo die Schwester das Geld aufbewahrt habe. Jang wurde von dem Vater mit dem Gürtel solange ausgepeitscht, bis er zugegeben hatte, dass er das Geld entwendet habe …

    Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
    Mir hat gut gefallen, dass Jang L. ein wenig innere Heimat hat zukommen lassen, auch wenn der Ausgang mit ihr desaströse Züge bekam.

    Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
    Keine

    Welche Figur war mir antipathisch?
    Mir hat E. überhaupt nicht gefallen. Sie schien mit elf Fingern geboren zu sein, und macht daraus ein großes Drama, da sie angibt, in ihrer Schulzeit von den Mitschüler*innen deswegen mit einem Spitznamen, der wie ein Stigma auf sie gewirkt haben muss, gemobbt worden zu sein.

    Meine Identfikationsfigur
    Keine

    Cover und Buchtitel
    Mir hat das Cover von Anfang an nicht gefallen. Aber da mich asiatische Schriftsteller*innen faszinieren, wollte ich das Buch trotzdem lesen. Der Buchtitel hält, was er verspricht.

    Zum Schreibkonzept
    Der Prolog war schon gewöhnungsbedürftig. Selten habe ich einen zu lesen bekommen, der sich über mehrere Kapitel hinzog. Insgesamt sind es hier elf. Anschließend geht es mit einem Vorwort weiter, bevor der erste Teil des Buches beginnt. Zusammengenommen umfasst das Buch auf den 313 Seiten drei Teile und endet mit einem mehrteiligen Epilog. Auf der allerletzten Seite ist ein Nachwort zu entnehmen. Ich fand das alles ein wenig zu geballt.

    Im Prolog spricht die Schriftstellerin in der Ichperspektive, im Vorwort gibt die Autorin das Wort an Jang weiter, der bis zum Ende des dritten Teils die Geschichte aus seiner Sicht wiedergibt.

    Im ersten Teil geht es erst mal autobiografisch mit Jang Unhyong weiter. Jang gibt Einblicke in seine Herkunft und Kindheit. Hier wird deutlich, weshalb er den Beruf zu einem Bildhauer seiner Art ergriffen hat.

    Im zweiten Teil ist Jang bereits erwachsen, und macht Bekanntschaft mit der jungen L., die über 90 Kilo wiegt. Die vielen Kilos hat L. sich schon in der Jugend angefressen gehabt, um sich vor ihrem Stiefvater zu schützen, der sie sexuell missbraucht hatte. In dem Körperabdruck von L. möchte Yang für sich einen Sarg daraus machen, in dem er sich bestatten lassen möchte, wenn für ihn eines Tages die letzte schlagen wird.

    Im dritten Teil lernt Jang E. kennen, eine Frau, die mit elf Fingern geboren wird. E. ist auch eine Figur, zu der sich Yang hingezogen fühlt.

    Den Schluss fand ich gut, denn hier wurden wieder alle Fäden zusammengeführt. Die Schriftstellerin kommt an dieser Stelle erneut zu Wort, sodass sich der Anfang mit dem Ende fügt.

    Meine Meinung
    Bis zum Ende des zweiten Teils fand ich das Buch psychologisch fundiert erzählt. Im dritten Teil flachte es zunehmend ab. Die Figur E. hat aus meiner Sicht nicht mehr reingepasst, sodass ich mich gefragt hatte, ob die Autorin sich die Zusammenhänge hier aus den Fingern gesaugt hat? Die Thematik plätscherte so vor sich hin. Außerdem haben mich die viel zu vielen Gespräche über die Gipsabdrückte vom Wesentlichen abgelenkt. Viele Details gingen mir verloren, die ich mir gedanklich in den ersten beiden Teilen erworben hatte.

    Mein Fazit
    Ein Roman über einsame Figuren, ein Roman, in dem der Künstler Jang sich mit seinen Probandinnen symbiotisch zu verbinden versucht. Die Ursache dazu ist in der Kindheit zu suchen.

    Auch wenn ich dem Roman keine volle Punktzahl erteilen möchte, besitzt die Autorin auf jeden Fall großes Potenzial zu schreiben. Vielleicht hätte sie sich mit dieser Geschichte noch etwas Zeit lassen sollen, oder es wäre gut gewesen, wenn sie ihr Buch nach dem zweiten Teil mit einem runden Abschluss beendet hätte.

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 24. Feb 2019 

    Schein und Sein

    Han Kang gilt als wichtige literarische Stimme Koreas. Ihre Romane „Die Vegetarierin“ und „Menschenwerk“ sind bereits in deutscher Sprache erschienen.
    Bereits das Cover zu „Deine kalten Hände“ befremdet: Es zeigt den Kopf einer hübschen jungen Frau, deren Gesicht auf ihren Händen ruht. Blumenranken wachsen an ihrem Körper entlang; dort, wo das rechte Auge sein müsste, befindet sich ein großes Loch…

    Im Prolog des Buches erzählt eine Ich-Erzählerin H. (das könnte das Alter Ego der Autorin Han Kang sein) über ihre Begegnungen mit dem Werk des Künstlers Jang Unhyong, das sie zu verschiedenen Gelegenheiten wahrnahm und dessen Intensität sie tief beeindruckte. Unhyong erstellt Gipsabdrücke von Körpern und Körperteilen, die er mitunter symbolträchtig und verstörend modelliert und ausgestaltet. Bei der Premierenfeier einer Freundin lernt H. den Künstler persönlich kennen und fragt ihn, warum er Abdrücke von Menschen nimmt. Er weicht zwar aus, jedoch wird diese Frage zu einem zentralen Thema des Romans.

    Fünf Monate nach dem Zusammentreffen wird die Autorin von der Schwester des Künstlers angerufen und bekommt ein eigenartiges Manuskript zugeschickt mit dem Titel „Ihre kalten Hände“, das Unhyong hinterlassen hat, nachdem er spurlos verschwunden war. Es endet mit den Worten: „Ich weiß nicht, was ich von jetzt an schreiben werde. Aber eines weiß ich: Diese Dokumente sind keinesfalls die Antwort auf das Warum, vielmehr wird man das Gegenteil erfahren.“ (S. 28)

    Die weiteren 270 Seiten befassen sich mit den autobiografischen Aufzeichnungen des Künstlers. Im Ersten Teil wird seine Kindheit in einem sehr kalten Elternhaus beschrieben. Die Eltern waren nicht in der Lage, Gefühle zu zeigen und völlig unberechenbar in ihren Reaktionen. Dadurch empfand Jang das Gesicht seiner Mutter früh als Maske und wünschte sich, hinter die Fassade blicken zu können. Da ihm dies nicht gelang, lernte er, die Erwartungen seiner Umwelt zu erfüllen, um nicht mehr anzuecken oder Groll auf sich zu ziehen. Auch versuchte er, seine eigenen Gefühle komplett zu verbergen.

    Im Zweiten Teil berichtet Unhyong über seine Bekanntschaft zu L., die ihn trotz ihrer übermäßigen Leibesfülle fasziniert, insbesondere ihr Gesicht und ihre Hände. Er bittet sie, für ihn Modell zu sitzen und fertigt nach und nach zahlreiche Formen ihrer wunderschönen Hände an.
    „Ich war mir schon immer dessen bewusst, dass ich anders als andere begriff und dachte. Was andere für echt hielten, zweifelte ich hartnäckig an, und womit sich alle zufriedengaben, reichte mir nicht aus. Dafür entdeckte ich Schönheit, wo sonst niemand welche fand.“ (S. 86)
    Die Freundschaft zwischen diesen beiden Menschen, die bisher viel Schmerz und Enttäuschung von ihren nächsten Angehörigen erfahren hatten, hat mich an vielen Stellen berührt. Gerade weil beide so verwundet sind, können sie sich aber nicht nachhaltig helfen. Dennoch wird L. eine ganz wichtige Person in Unhyongs Leben, die sein Werk, aber auch sein Denken und Fühlen nachhaltig beeinflusst.

    Im Dritten Teil lernt der Künstler eine weitere Frau kennen, die erfolgreiche Innenarchitektin E.. Sie ist eine Frau, die auf der Oberfläche selbstbewusst und stark scheint, im Inneren aber keine Nähe zulassen kann, von Schatten belastet ist und deren Gesicht in Windeseile zur Maske erstarrt. Auch diese Beziehung weist schicksalhafte Züge auf.

    Es sind diese drei einsamen Seelen, deren Geschichte nach und nach offengelegt wird. Die großen Themen des Romanes sind Schein und Sein, Außen und Innen. Was zeigt die Oberfläche eines Menschen wirklich? Was ist Maskerade? Was liegt unter der Außenhaut verborgen? Diese Themen werden nicht nur im Rahmen der Handlung verarbeitet, sondern auch im künstlerischen Schaffen Unhyongs.

    Das ist zutiefst anspruchsvoll und verstörend.

    Die Autorin verfügt über einen klaren Sprachstil. Viele bedeutungsschwere Sätze muss man mehrfach lesen und möchte sie sich herausschreiben. Dafür hier zwei Beispiele:
    „So war das mit der Zeit: Sie ließ Fleisch und die Eingeweide der Erinnerungen allmählich faulen, löschte Spuren aus, und schließlich blieben ein paar Handvoll weißer Knochen übrig.“ (S. 125)
    „Ich erträume mir nichts, also kann ich auch nicht enttäuscht werden. Ich habe zu niemandem ein vertrautes Verhältnis, also kann ich auch von niemandem verletzt werden.“ (S. 288)

    Im abschließenden kurzen Epilog wird der anfangs aufgenommene Handlungsfaden wieder aufgenommen, so dass sich ein Ganzes ergibt.

    Fazit:
    Der Sprachstil der Autorin hat mir gut gefallen. Sie zeichnet die Figuren klar und deutlich, beschreibt deren Biografie und die daraus resultierenden Charakterzüge. Allerdings sind alle Protagonisten dermaßen kalt und unnahbar gezeichnet, dass sie dem Leser nicht nahe kommen können. Mit zunehmender Lektüre fiel es mir schwer, die Zusammenhänge zu erfassen und die Symbolik, insbesondere im Werk Unhyongs, einzuordnen. Manche Szenen gerieten in meinen Augen zu wuchtig und zerstörerisch, die möglicherweise dahinter stehende Bedeutung hat sich mir nicht erschlossen. Ein Buch über einsame Seelen, das große Interpretationsspielräume lässt, mich jedoch nicht durchgängig erreichen konnte.

    Deshalb leider von mir nur eine eingeschränkte Lese-Empfehlung.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Feb 2019 

    Warum?

    Der Bildhauer Jang Unhyong ist von Kindheit an angezogen vom Verborgenen. Seine Skulpturen sind Gipsabdrücke von Händen und Körpern. Doch eines Tages verschwindet er spurlos. Er hinterlässt ein Manuskript über sein Leben, seine Faszination und Begierden.

    Ausgehend von der Frage "Warum?" Warum schafft er seine Kunstwerke auf diese besondere Weise, fragt sich der Bildhauer. "Warum ist die Mitte meines Lebens so absolut hohl?" (S. 27) Es ist keine so ungewöhnliche Frage, die sich der Bildhauer stellt. Von Kindheit war er umgeben von Menschen, die eine Maske trugen. Die Mutter, die nach außen immer ein Lächeln trägt, innen aber kalt und lieblos war. Der immer schweigende strenge Vater. Schon als Kind ist Unhyong ein Beobachter, will den Menschen genau betrachten, sein Inneres sehen. "Jedes Mal, wenn ich mir diese verborgenen Details vorstellte, bebte mein junger Körper vor Aufregung. Ich brannte darauf, sie zu sehen. Ich wollte den Menschen die verletzliche Hülle abziehen, um ihr Inneres zu sehen."(S. 34)

    Zwei Frauen prägen Unhyong: Der Bildhauer lernt L. kennen, eine junge extrem übergewichtige Frau, von deren titelgebenden Händen er fasziniert ist. Der sozial sehr zurückgezogene Bildhauer beendet seine selbstgewählte Einsamkeit. Er und L. bilden eine Zweckgemeinschaft, die an L‘s selbstzerstörerischem Verhalten scheitert. Auch später ist der Bildhauer zu keiner gewöhnlichen zwischenmenschlichen Bindung fähig. Es ist die Gier nach menschlichen Abdrücken, die ihn antreibt. Auch E., deren Gesicht zwar wunderschön aber gleichzeitig kalt und wie maskiert wirkt, verbirgt etwas.

    Han Kang hat Deine kalten Hände schon 2002 verfasst, 2019 ist es nun erstmals in deutscher Sprache erschienen. Vieles in diesem Buch erinnert an ihr Werk Die Vegetarierin (2007, deutsch 2016). Auch hier gibt es Frauen die ein sehr spezielles Verhalten zeigen und ein Künstler versucht, sie und ihren Körper zu vereinnahmen.

    Die Sprache der Autorin ist poetisch, präzise und verwirrend gleichermaßen. In ihrem Text steckt unendlich viel an Symbolik: Welchen Abdruck im Leben hinterlässt ein Mensch. Was tut er, um die Leere in seinem Inneren zu füllen. Was passiert hinter den Masken und was fühlt der Mensch, wenn ihm diese Maske schmerzhaft abgezogen wird. Vieles bleibt zum Schluss rätselhaft und offen.