Dein ist das Reich: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Dein ist das Reich: Roman' von Katharina Döbler
4
4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Dein ist das Reich: Roman"

Die Familienerzählungen, die vom ländlichen Bayern an die Südsee führten, waren so behaftet mit Unglück und Nostalgie, dass sie, die Nachgeborene, sie stets von sich wies. Zumal die Großeltern auf der falschen Seite standen: Sie waren Kolonialisten, und zwar überzeugte. Doch jetzt will die Enkelin mehr wissen, sichtet die Spuren, die der Kolonialismus und zwei Kriege in ihrer Familie hinterlassen haben. Immer deutlicher entrollt sich vor ihr die exotische Welt Neuguineas, in die ihr Großvater Johann als abenteuerlustiger Missionar auszog, um die Heiden im „Kaiser-Wilhelmsland“ zu bekehren. Eine vermeintliche Südsee-Idylle, geprägt von Bigotterie und Chauvinismus, in der sich die Wege vierer eigensinniger Menschen – ihrer Großeltern – schicksalhaft kreuzen. Klug und mit feinem Humor zeichnet die Erzählerin des Romans nach, wie die große Weltgeschichte über das kleine Leben der Familie hinwegfegt.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:480
Verlag:
EAN:9783546100090

Rezensionen zu "Dein ist das Reich: Roman"

  1. Keine einfache Lektüre

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 03. Aug 2021 

    Die Erzählerin dieser Geschichte „Ich“ geht beim Sichten des Nachlasses ihrer Großmutter Linette der Familiengeschichte nach. Die Großeltern gingen einst nach Neu Guinea und bauten dort eine deutsche Kolonie auf. Sie wollten die Ungläubigen bekehren, doch niemand fragt die Menschen dort, ob sie bekehrt werden wollten. Es musste zu Konflikten kommen. Die Einheimischen halten nicht viel von den Kolonisten, die viel verlangen und den Menschen die Identität und Kultur rauben. Die Missionare sind deutschtümlerisch, rassistisch, unbeugsam und fromm. Das Leben in der exotischen Welt hat auch seine Schattenseiten, denn das Klima und Krankheiten machen den Deutschen zu schaffen.
    Auch wenn dies eine fiktive Geschichte ist, so hat die Autorin Katharina Döbler doch viel Autobiografisches in den Roman einfließen lassen. Dieser Roman hat es mir nicht leicht gemacht.
    Es gibt eine ganze Reihe von Personen, und der Stammbaum am Anfang des Buches ist hilfreich, damit man den Überblick behält. Sprachlich hat mir der Roman mir gut gefallen, doch der Schreibstil war mir zu distanziert. Die Geschichte an sich konnte mich nicht wirklich packen. Vielleicht lag es daran, dass mir das Denken und Handeln der Protagonisten nicht gefiel, ja oft kaum auszuhalten war, und für mich niemand sympathische Züge hatte. Neben vielem anderen kann zum Beispiel nicht nachvollziehen, wie man seine Kinder in Deutschland zurücklassen kann, um wieder nach Neu Guinea zurückzukehren.
    Am Ende fehlt mir die kritische Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte durch die Erzählerin.
    Ich denke, dass man sich auf diese Geschichte einlassen muss. Interessant ist es, mehr über diese Aspekte der deutschen Geschichte zu erfahren. Trotzdem hat mich das Buch nicht ganz überzeugt.

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  1. Deutsche Missionare in Neuguinea – ihre Mission und ihr Ende

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Mai 2021 

    Dieses Buch ist ein Knaller. Diese Formulierungen, diese Schreibe hauen mich richtig um. Katharina Döbler trifft mit ihrer Art der Schreibe genau meinen Nerv. Dabei ist dieses Buch nicht ganz einfach geschrieben. Katharina Döbler erzählt die Geschichte ihrer Familienangehörigen, dabei webt sie aber immer wieder ihre eigenen Gedanken in die Geschichte mit ein und man muss wirklich sehr aufpassen, von wem das Geschriebene jetzt herkommt. Dabei schreibt sie nicht nur, dieses Buch ist autobiographisch, zeigt die Geschichte der Familie Döbler, beruht auf wahren Begebenheiten. Aber nicht die ganze Geschichte. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem missionarischen Handeln der Familie Döbler in Neuguinea. Dabei beschreibt Katharina das Handeln der Missionare recht sarkastisch, beschreibt aber auch das Leben der Einwohner Neuguineas recht anschaulich, erwähnt verschiedene Gruppen der über tausend verschiedenen papuanischen und melanesischen Stämme, verdeutlicht ihr Leben, vor den Missionaren und mit diesen, verdeutlicht die Konflikte und die falschen Interpretationen südseeischen Lebens seitens der deutschen Missionare. Die ja auch Menschen mit recht eingeengten Lebenssichten sind, was uns auch heute noch begleitet. Leider!!! Dabei landen die verschiedenen Mitglieder der Familie auch an verschiedenen Stellen der Insel und beschreiben dabei auch verschiedene Gruppen der Bewohner, bewohnen dabei aber auch von verschiedenen Mächten kolonisierte Gebiete in Neuguinea. Dabei fehlt natürlich auch das politische Kalkül nicht. Das Buch ist ein Plädoyer gegen den Kolonialismus, gegen die Missionierung und für die Menschlichkeit! Ein wichtiges und richtiges Buch! Zeigt es doch auch den deutschen Kolonialismus und das Erstarken der Nationalsozialisten in der damaligen Zeit und es verdeutlicht den Charakter dieser politischen Gruppierung. Und dieses Buch zeigt hervorragend die Natur des Menschen, den Wolf in all seiner schillernden Art! Ein Buch, dem ich viele viele Leser wünsche und das eigentlich genau zur richtigen Zeit kommt!!!

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  1. Fesselnder Familienroman über das Leben in den Kolonien

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Mai 2021 

    Mit diesem Roman hat Katharina Döbler im Wesentlichen die Familiengeschichte ihrer Großeltern zu Papier gebracht. Ausgangspunkt sind die Erzählungen ihrer Großmutter Linette über ihre in „Kaiser-Wilhelms-Land“ verbrachten Jahre, das eine deutsche Kolonie in Neuguinea war: „Bis dahin war ich nie auf den Gedanken gekommen, ihre Erzählungen an irgendeiner Art von Wirklichkeit zu messen. Sie waren die Märchen meiner Kindheit, die auf dem langsamen Fluss ihrer hohen, leisen Stimme dahinzogen, unerklärlich, schrecklich und schön.“ (S. 8)

    Der Roman berichtet vorwiegend chronologisch über die Jahre 1913 bis 1948 und ist in vier Teile gegliedert. Im Mittelpunkt stehen vier junge Leute aus der fränkischen Provinz: Johann, Heiner, Marie und Linette. Die Depression hat ihren Familien vieles abverlangt, die Zeiten sind schwer, nachgeborene Kinder haben kaum Aussicht auf Erbschaft oder Berufsausbildung. Aus dieser Situation heraus erhoffen sich die Vier Perspektiven für ein besseres Leben.

    Die evangelische Diakonie in Neuendettelsau sucht Missionare und Pflanzer zum Einsatz in den deutschen Kolonien in Neuguinea. Johann Hensolt und Heiner Mohr sehen das als Chance und lassen sich anwerben. Johann ist von Idealismus getrieben, er möchte Gottes Wort als Missionar in die Welt tragen. Heiner hat eher pragmatische Gründe und sieht sein Talent für die Landwirtschaft. Beide reizen die Möglichkeiten in der Neuen Welt.

    Heiner geht als erster und erarbeitet sich den Posten als Verwalter auf einer Kokos-Plantage, er bringt den „Wilden“ deutsche Gründlichkeit und Effektivität bei. Johann reist über die Inseln, um die indigenen Völker zu christianisieren. Die Diakonie legt viel Wert darauf, dass die jungen Männer auch eine Gefährtin an ihrer Seite haben. Es wirkt unkonventionell, wie die beiden Männer zu ihren Ehefrauen kommen: Bei Heiner ist es ein Arrangement, bei Johann ist es Liebe und Gottvertrauen. Die Grenzen für Frauen in jenen Zeiten sind weit enger gesteckt als für Männer. Insofern ist es ernüchternd mitzuerleben, wie berechtigte weibliche Ambitionen durch Eheschließung beendet werden und sich die Frauen fremden Interessen beugen müssen.

    Der Roman beschreibt die Erlebnisse der beiden Familien Hensolt und Mohr in Neuguinea mit Höhen und Tiefen. Man erfährt sehr viel über das Leben in den Kolonien, über die Schwierigkeiten, die die Menschen vor Ort hatten. Das fremde Klima, die wunderschöne, geheimnisvolle Landschaft, verschiedenartige Volksstämme, Sprachbarrieren, Krankheiten, die dominante Reichskolonialverwaltung… – über allem der Glaube an Gottes Wort, an die Missionierung der Ungläubigen und an die weiße Herrenrasse… Es ist herausfordernd, sich mit der abstrusen Denkungsart der damaligen Kolonialherren auseinanderzusetzen, die im krassen Gegensatz zum heutigen Selbstverständnis steht.

    Die Autorin zeigt bewusst anhand verschiedener Charaktere die Ausprägungen des Kolonialismus, die die historischen Tatsachen möglichst realistisch wedergeben sollen: Es gibt Rassismus, Ausbeutung, Vorurteile und Mythen über Kannibalismus; aber auch Freundschaft, Respekt sowie gutgemeinte Unterstützung, die allerdings nicht darüber hinweg täuschen dürfen, dass sich alle Weißen als überlegenes Volk betrachten. Döbler zeigt die Gewissenskonflikte der Protagonisten ebenso wie zeitkritische eigene Reflexionen. Der Leser bekommt ein gutes Gespür dafür, was die Kolonialisierung alles in Unordnung gebracht hat und wie stark die bleibenden Folgen sind. Das geht weit über Glaubensfragen hinaus. Wirtschaftliche Interessen spielen eine wichtige Rolle, die Gier der Kolonialverwaltungen wächst, Gott scheint vielfach nur Fassade für Ausbeutung und das Streben nach Reichtum zu sein. Die Überheblichkeit der Weißen ist beispiellos: „Dass er und die anderen Weißen dort Gäste waren, kam ihm gar nicht in den Sinn. Wie die meisten Missionare hatte er kaum einen Begriff von den Sitten, gegen die sie andauernd verstießen. Sie hielten sich an die göttlichen Gebote, da konnte nichts falsch sein.“ (S. 95) Zudem tummeln sich neben den Deutschen auch Holländer und Briten auf den Inseln – mit jeweils unterschiedlichen Zielen. Die indigene Bevölkerung ordnet sich zwar überwiegend dem mächtigen Anutu (Gott)und seinen Helfershelfern unter, es kommt aber auch zu Widerstand und Gewalt.

    Die Jahre in den Kolonien wirken in der Familie der Schriftstellerin generationenübergreifend nach, sie haben auch der nachfolgenden Generation Trennung, Schmerz und Traumata beschert, unter denen sie leidet: „Neuguinea war für mich ein mythologischer Ort im Bett meiner Mutter. Es war das Paradies, das bekanntlich im Jenseits liegt, der Garten Eden, den man nicht betreten konnte, weil ein bewaffneter Engel davorstand. Aber meine Mutter stahl sich heimlich hinein, im Nebel mit schlechtem Gewissen. Wenn sie abtauchte in ihr Neuguinea, mussten wir Kinder sagen, sie ist krank, sie ist gerade nicht bei Kräften, sie braucht Schonung, sie ruht sich aus…“ (S. 55) Man kann nur ahnen, welche Folgen das für die Erzählerin selbst hatte.

    Über Jahre hinweg muss die Autorin an diesem Buch gearbeitet und akribisch recherchiert haben. Neben überlieferten Anekdoten und Geschichten („Überlieferungen, das weiß ich heute, bestehen zum großen Teil aus Verschwiegenem.“ (S. 12)) hat sie Erinnerungsstücke, Briefe, Dokumente und Fotografien zusammengetragen, die sie in den Roman einbindet. Diese Einschübe machen deutlich, dass hier wahre Begebenheiten im Mittelpunkt stehen, die fiktional aufgearbeitet wurden. Alles wird zusammengetragen und in den Kontext zur Weltgeschichte gestellt. Der Erzählstil lässt Erlebnisse und Figuren sehr authentisch wirken. Die Ich-Erzählerin ergänzt das Vergangene und erläutert ihre Quellen. Sie schont auch die eigenen Ahnen nicht, die zum Teil Unterstützer der Nazis waren. Das Ganze ist ungemein fesselnd.

    „Dein ist das Reich“ ist kein reiner Unterhaltungsroman. Katharina Döbler verfolgt aus meiner Sicht einen literarisch-biografischen Ansatz. Das Buch erfordert ein aufmerksames Lesen. Mich hat der Roman fasziniert, ich habe viel über den Kolonialismus aus der persönlichen Perspektive der Protagonisten erfahren. Das Buch regt zu weiteren themenbezogenen Recherchen an. Gelungen ist auch die haptische Ausstattung des Verlages mit augenfälligem Cover, einer Landkarte als Vorsatzblatt und dem hilfreichen Familienstammbaum.

    Ein sehr lesenswerter Roman!

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