Das wirkliche Leben: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das wirkliche Leben: Roman' von Dieudonné, Adeline
4.5
4.5 von 5 (12 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das wirkliche Leben: Roman"

Eine Reihenhaussiedlung am Waldrand, wie es viele gibt. Im hellsten der Häuser wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Familie. Alles normal. Wären da nicht die Leidenschaften des Vaters, der neben TV und Whisky vor allem den Rausch der Jagd liebt. In diesem Sommer erhellt nur das Lachen ihres kleinen Bruders Gilles das Leben des Mädchens. Bis eines Abends vor ihren Augen eine Tragödie passiert. Nichts ist mehr wie zuvor. Mit der Energie und der Intelligenz einer mutigen Kämpferin setzt das Mädchen alles daran, sich und ihren Bruder vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Von Sommer zu Sommer spürt sie immer deutlicher, dass sie selbst die Zukunft in sich trägt, wird immer selbstbewusster – ihr Körper aber auch immer weiblicher, sodass sie zusehends ins Visier ihres Vaters gerät.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
Verlag:
EAN:9783423282130

Rezensionen zu "Das wirkliche Leben: Roman"

  1. Das gallische Dorf

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Jul 2020 

    Das ist ein Buch, von dem ich gar nicht gedacht hätte, dass es so bei mir einschlägt. Kindlich, leicht und locker, genauso wirkt dieses Buch, wenn es vor mir liegt. Vor allem das pinke Kaninchen strahlt etwas lockeres und fluffiges aus. Oder wird man hier in die Irre geführt. Denn der Klappentext klingt gar nicht fluffig. Wenn man dieses Buch dann liest, verliert es schnell das Lockere und Fluffige, entwickelt es einen Sog, der mitreißt, der dich dieses Buch nicht mehr weglegen lässt. Und im Hintergrund lauert beim Lesen ein Grauen, dass mich erschauern lässt, ab und zu kommt es vor und schockiert, tief und schmerzhaft, manchmal kommt es völlig unerwartet, manchmal wartet man förmlich auf das grauenhafte Geschehen. Ein junges Mädchen erzählt, ein von der Liebe zu ihrem Bruder erfülltes Mädchen erzählt. Sie erzählt vom älter werden, sie erzählt vom erwachsen werden, vom erwachsen werden müssen. Dabei strahlt die Erzählerin aber eine innere Stärke und Lebendigkeit aus, die unheimlich berührt. Durch einen richtig heftigen Sog kann man dieses Buch nicht mehr weglegen, denn man will wissen, wohin führt diese Handlung. Und trotz der gewählten, auch etwas eigenwilligen Erzählweise wirkt dieser Coming of age Roman anders; etwas düsteres, brutales, rohes, brachiales wird verbunden mit einer kindlichen Sichtweise in einer kleinen und langweiligen Örtlichkeit, verstörend passt hier wohl am besten. Thematisch ist dieses Buch von Adeline Dieudonné wirklich heftig, Kinder, die dem Grauen gegenüber stehen, hilflos und machtlos, die das wirkliche Leben wieder haben wollen, dieses wirkliche Leben mit aller Kraft ihrer Fantasie wieder beleben wollen, die sehen müssen, wie der Vater die Mutter schlägt, sich in eine Bestie verwandelt, die sich selbst in einer latenten Gefahr befinden und manchmal wird diese Gefahr auch wirklich/wahr/real. Ertragbar macht dieses Buch, dass dieser Horror vordergründig immer nur kurz anwesend ist, eher latent im Hintergrund lauert. Doch man spürt was er macht/ was er bewirkt. Und ist zutiefst schockiert. Weiß man doch, dass dieses Buch zwar Fiktion ist, aber solch ein Horror im realen Leben zu finden ist. Eigentlich sind die Kinder hilflose Opfer. Doch die Erzählstimme erkennt, dass sie kein Opfer sein will und verändert sich dementsprechend. Was wie ein Streifen Hoffnung wirkt. Ich kann dieses Buch wirklich empfehlen. Aber Vorsicht! Dieses Buch ist nichts für empfindsame Gemüter!

  1. Gilles' Lachen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Jun 2020 

    „Gilles war in jenem Sommer sechs, ich war zehn.“

    Eine kleine Reihenhaussiedlung am Waldrand. Alles hat seine Ordnung. Im schönsten und größten Haus wohnt die namenlose Erzählerin mit ihrem kleine Bruder Gilles und den Eltern. Doch es ist keine liebevolle Familie. Der Vater ist ein brutaler Mann. Wenn er nicht gerade die Mutter misshandelt, trinkt er, hängt vor dem Fernseher ab oder geht seinem grotesken Faible für die Jagd nach. Die Mutter hat sich aufgegeben, ihr Dasein gleicht einer „Amöbe“. Die beiden Kinder entgehen dem tristen Alltag beim Spielen auf einem nahegelegenen Schrottplatz und Streifzügen durch den benachbarten Wald. Es ist Gilles' magisches Lachen, das „alle Wunden heilen kann“. Doch eines Tages werden die Kinder Zeugen eines tragischen Unfalls. Völlig alleingelassen mit der Verarbeitung dieses traumatischen Ereignissen, treibt es die Familie auf eine Katastrophe zu.
    Die belgische Autorin Adeline Dieudonné schreibt in ihrem Debütroman über „Das wirkliche Leben“, und das tut sie mit einer messerscharfen, bildhaften Sprache. Ihre sehr junge Icherzählerin hinterlässt trotz der Distanziertheit der Erzählung einen tiefgehenden Eindruck bei mir. Es ist ein Buch über das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie, über eine Kindheit und Jugend geprägt von einem toxischen Weltbild des Vaters. Es ist geht um Kinder, die ohnehin schon schwer zu verkraftendes Leben haben, die aber durch ein schreckliches Ereignis völlig auf sich gestellt aus der Bahn geworfen sind.
    „Geschichten sind dazu da, alles hineinzupacken was uns Angst macht. Denn so können wir uns sicher sein, dass es nicht im wirklichen Leben passiert.“
    So versucht das Mädchen ihren kleinen Bruder immer zu beruhigen. Bis sie es eines Tages nicht mehr schafft, ihn zu erreichen, sein wunderbares Lachen verstummt. Es beginnt eine Zeit, in der die Magie (der Kindheit) nicht mehr wirkt, wo nur mehr Wissenschaft zu helfen scheint. Und das Mädchen stürzt sich in einen Eifer des Lernens. Nur das hält sie aufrecht, bestärkt sie darin, Vergangenes wieder gut machen zu können.
    Das wirkliche Leben dieser Kinder ist ein Leben mit Gewalt, Misshandlung, Einsamkeit ohne einen wirklichen Ausweg. Wenn die Personen, die dich eigentlich lieben und beschützen sollten, die dich aber physisch, psychisch, verbal und brachial quälen und im Stich lassen, wird dieses Leben wirklich, wird es zu einer Normalität. Wer von den Eltern keinen Schutz zu erwarten hat, was kann man dann von Fremden erwarten?
    „Kinder brauchen bis zu acht Anläufe, bevor ein Erwachsener ihnen glaubt.“ , hört man von ExpertInnen, die im Kinderschutz tätig sind. Manche geben schon früher auf. Während der Praxis des Wegschauens dreht sich die Spirale der Gewalt weiter.
    Der Schluss des Buches trifft mitten ins Herz und beinhaltet bei aller Wirklichkeit ein kleines bisschen Magie.

  1. Blicke in den Abgrund!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Jun 2020 

    Das ungewöhnliche Cover hat mich auf das Buch aufmerksam werden lassen. Da ich Erzählungen über starke weibliche Figuren sehr mag, begann ich neugierig mit der Lektüre.

    In der Geschichte geht es um ein namenloses Mädchen, die als Ich- Erzählerin fungiert und aus dem Leben mit ihrem gewalttätigen Vater berichtet. Bei einem schrecklichen Ereignis werden sowohl ihr kleiner Bruder Gilles als auch sie traumatisiert. Mit allen Mitteln versucht sie dennoch in die Zukunft zu blicken. Wird ihr dies gelingen und kann sie aus diesem teuflischen Familienkreis ausbrechen?

    Das namenlose Mädchen hat mich bereits auf den ersten Seiten für sich einnehmen können. Sie kümmert sich aufopferungsvoll um ihren Bruder, ist pfiffig und erkennt Zusammenhänge bald besser als ein Erwachsener. Sie ist zwar hochbegabt, hat dies aber zu keiner Zeit als besonderes Merkmal herausstechen lassen. Mich hat vor allem ihre Tapferkeit beeindruckt. Ich konnte mich sehr gut in sie einfühlen und es hat mir weh getan was sie aushalten muss in ihrer Familie.

    Gilles war mir hingegen sehr unheimlich. Ich verstehe, dass er durch das Ereignis einen seelischen Schaden davon getragen hat und die häusliche Gewalt sein übriges dazu beiträgt, aber deswegen muss man noch lange nicht so werden wie er, schon gar nicht als Kind. An seinem Beispiel sieht man leider sehr gut, dass Umgang den Menschen formt.

    Eigentlich hätte auf dem Cover Thriller anstatt Roman stehen müssen, denn beim Lesen hat es mich ungemein gegruselt und es hat mir teils seelische Schmerzen verursacht die Taten vom Vater und auch Gilles lesen zu müssen.

    Ansonsten ist das Geschriebene so eindringlich, dass einen das Buch regelrecht einsaugt und man nicht mehr aufhören kann.

    Ich hatte ja wirklich das Gefühl, dass es ganz böse ausgehen wird, aber das zum Schluss dann doch noch ein Silberstreif am Himmel ist, das hat mich beruhigt, denn sonst wäre mir das in Summe zu düster gewesen.

    Das Ende war überraschend, ging mir persönlich aber etwas zu glatt. Ich kann mir schlichtweg nicht vorstellen dass Ermittlungen so schnell eingestellt werden als wäre nichts gewesen.

    Fazit: Ein Roman mit Gänsehautpotential, den ich gern empfehle. Gelungen!

  1. Chapeau! Ein must read!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Jun 2020 

    Kann man die Zeit zurückdrehen, um die Ereignisse ungeschehen zu machen?

    Der Roman ist ein beschwörendes, nachdrückliches und gleichzeitig unaufdringliches Plädoyer für Mut, Optimismus, Ehrgeiz, Beharrlichkeit, Durchhaltevermögen und Wehrhaftigkeit, aber auch für Neugierde, Wissbegierde und unermüdliches Lernen.

    Gleichzeitig übt er unausgesprochene Kritik an tatenloser und feiger Unterwerfung, stupider Wissensvermittlung, ignorantem Wegschauen, Sadismus und Gewalt.

    ——

    Ein mächtiger, angsteinflößender, jähzorniger, gewalttätiger und unberechenbarer Vater mit einem Faible für Jagd, Whisky und Fernsehen.

    Eine schwache, eingeschüchterte und unscheinbare Mutter, die wie eine Maschine ihre Funktion erfüllt und ihrem Mann nur die Stirn bietet, wenn es um ihre geliebten Zwergziegen geht. Sie ist „Eine schlaffe, leere Hülle ohne eigene Ziele und Wünsche.“ (Pos. 1087, Kindle)

    Ein 10-jähriges intelligentes Mädchen, das ihren kleinen Bruder beschützt und selbst von dessen Lachen und von der Liebenswürdigkeit und den Geschichten ihrer freundlichen und warmherzigen Nachbarin Monica lebt.

    Ein 6-jähriger Junge, der sich an seine Schwester klammert und der im Verlauf des Romans eine erschütternde Entwicklung und Verwandlung durchmacht.

    Das ist kurz und knapp die Beschreibung einer Familie, die im schönsten und größten Haus in einer hässlichen Reihenhaussiedlung am Rand des sog. Galgenwäldchens lebt und die wir 5 Jahre lang begleiten.

    Es ist eine Familie, in der Zärtlichkeiten, Gespräche und der Austausch über Gefühle keine Rolle spielen und die in kühler, liebloser, distanzierter und angespannter Atmosphäre vor sich hin lebt.

    Die Geschwister lieben es, ganze Nachmittage auf dem Autofriedhof zu verbringen und dort zu spielen.
    Selbst die Angst vor dem grimmigen Schrotthändler kann sie nicht davon abhalten.

    Und wenn abends der Eismann in ihre Straße kommt, dann laufen sie zusammen hin und kaufen sich ihren Nachtisch.

    Wir lernen die Ich-Erzählerin kennen. Sie ist ein starkes, mutiges, beharrliches aber völlig überfordertes Mädchen, das mit seinen Sorgen und Nöten alleine zurechtkommen muss und Trost, Beruhigung und Halt in der Welt ihrer Phantasie und in originellen Ideen findet.

    Dann, eines Tages ereignet sich ein Unfall, der den 6jährigen Gilles verstummen, erstarren und verhaltensauffällig werden lässt, weshalb seine Schwester, angetrieben von Liebe und Schuldgefühlen, einen Plan ersinnt, ihr Ziel beharrlich, eifrig und ehrgeizig verfolgt und über sich hinaus wächst...

    Immer wieder werden wir mit Gewaltszenen, sowie brutalen und erschütternden Passagen konfrontiert. Eine bedrohliche Atmosphäre liegt über dem Ganzen.

    Aufgrund der eindrücklichen und bildhaften Sprache und des fesselnden Inhalts fliegt man gebannt und gespannt durch das Buch und durchlebt Erschütterung, Enttäuschung, Verzweiflung und Wut der Ich-Erzählerin mit.

    Das rasante Erzähltempo wird zeitweise unterbrochen durch zeitlupenartiges Fokussieren von Ereignissen.
    Adeline Dieudonné streift oder überspringt Belangloses und stoppt bei wichtigen Ereignissen, die sie dann detailliert und mit schönen Vergleichen und Metaphern seziert und beschreibt.

    Ich kann nicht umhin, einige wunderschöne Passagen zu zitieren:

    „Ihr Gehirn war einfach im Energiesparmodus.“ (Pos. 978, Kindle)

    „Bei Professor Pawlović stopfte ich mich regelrecht mit Wissen voll und verdaute es so schnell, dass ich gleich wieder Hunger auf mehr hatte.“ (Pos. 1195, Kindle)

    „Auch ihre Sprache war zackig und präzise. Nichts Schwammiges, nichts Überflüssiges war zu hören.“
    Die Autorin beschreibt hier den Austausch zweier Jungen.
    Als ich diesen Satz gelesen habe, dachte ich, dass er haargenau auf die Ausdrucksweise der Autorin zutrifft.
    Es scheint, als sei er ein Leitsatz beim Schreiben des Buchs gewesen.

    Eine weitere Passage möchte ich zitieren, um daran zu demonstrieren, dass man Manches ganz langsam und bedächtig lesen sollte, weil es einem auf der Zunge zergeht:
    „Und mir ging auf, dass die Angst mich seit der Nacht im Wald nie verlassen hatte. Sie war wie ein Aasgeier, der einem verletzten Tier folgte und die ganze Zeit über mir gekreist war. Ich hatte so getan, als merkte ich es nicht aber die Angst hatte mich nicht verlassen, sondern sich ganz tief in meine Eingeweide geschraubt.“ (Pos. 1953, Kindle)

    Und jetzt noch ein letztes Schmankerl: „Jede Sekunde, die ich ihn sah, nagte ich in meinen Tagträumen ab wie einen Knochen, bis auch das letzte Fitzchen Fleisch abgelöst war.“ (Pos. 1969, Kindle)

    Für mich ist „Das wirkliche Leben“ ein radikaler, wuchtiger und gewaltiger Roman mit einer fesselnden und brillanten Erzählweise voller Energie und Sprungkraft, die ich in dieser Form noch nicht erlebt habe.

    Trotz großer Zeitsprünge hat man nicht das Gefühl etwas zu verpassen. Die Autorin erzählt unglaublich intensiv und eindrücklich und man kann wunderbar in das Innenleben der Protagonistin eintauchen.

    Der Roman strotzt vor Entwicklung. Nicht nur, dass sich die beiden Hauptprotagonisten, die Geschwister, verändern und entwickeln.
    Auch der Roman und die Autorin selbst scheinen sich rasant zu entwickeln.
    Der Roman wird immer eindringlicher und packender und die Autorin läuft zur Höchstform auf.

    Dieses Romandebüt der 1982 geborenen Adeline Dieudonné ist definitiv nichts für schwache Nerven und gleichzeitig ein must read!

    Es ist nicht verwunderlich, dass es mit 14 Literaturpreisen ausgezeichnet wurde.

  1. Anders als erwartet

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Jun 2020 

    Anders als erwartet

    Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonné

    In diesem Roman geht es um ein zu Beginn zehnjähriges Mädchen, dessen Namen wir als Leser nie erfahren. Ein Mädchen, das in einer Familie groß wird, die geprägt wird von den Launen des Vaters. Der Vater jagt leidenschaftlich gern, hat sogar ein eigenes Zimmer, in dem die ausgestopften Jagdtrophäen ausgestellt sind. Für das Mädchen und ihren jüngeren Bruder Gilles ein absolutes Tabu.
    Gilles und das Mädchen haben am Anfang des Romans eine sehr innige Bindung, die zwei verbringen viel Zeit zusammen, streifen durch die angrenzenden Wälder. Doch nach einem schrecklichen Unfall, den die beiden Kinder miterleben müssen, verändert sich Gilles. Das Geschmeiß, wie es das Mädchen nennt, hat Besitz von ihm ergriffen. Als diese Veränderung in Gilles stattfindet, wird er mehr und mehr für den Vater interessant. Das Mädchen sieht die Gefahr und möchte alles daransetzen, um ihren Bruder zu retten. In ihrer kindlichen Naivität, ausgerüstet mit dem einzigen was sie hat, ihrem herausragenden Verstand, versucht sie eine Zeitmaschine zu bauen.

    Dies ist das Grundgerüst der Geschichte, die natürlich noch einige andere Facetten aufgreift. Unter anderem geht es auch um die Mutter, die sich sehr devot verhält und ihrem Mann nichts entgegen setzten kann. Es geht auch um die beginnenden Gefühle eines jungen Mädchens dem anderen Geschlecht gegenüber. Das Hauptaugenmerk liegt für mich allerdings eher darin, wie das Mädchen sich mit der Situation arrangiert. Sie will für sich und ihren Bruder etwas anderes, lässt sich nicht in die Opferrolle drängen und zeigt, dass auch Kinder Helden sein können. Hört sich vielleicht etwas abgedroschen an, aber genau dies scheint die Autorin als Botschaft im Gepäck zu haben, für das, entsprechend der Zielgruppe des Romans, jüngere Publikum.
    Die Zeitreiseidee des Mädchens gab mir bis zum Ende Rätsel auf. Ein weiterer Pluspunkt der Habdlung, da er zum Schluss sehr viel Spielraum für die eigenen Schlussfolgerungen zu lässt.
    Die Sprache ist eher schlicht gehalten, mir erschien sie nicht funkelnd, wie auf dem Klappentext angepriesen, allerdings passt der Stil gut zur Handlung.
    Einige Passagen sind sehr von Gewalt geprägt, doch sie werden recht neutral beschrieben, das ist gut so, denn ein detailreiches ausschmücken wäre definitiv zu viel gewesen.
    Nun stelle ich mir die Frage wie ich diesen Roman bewerten soll! Er ist anders, hat eine tolle Message für den Leser, aber er hat mich oft auch etwas irritiert. Volle 5 Sterne möchte ich daher nicht vergeben und beschränke mich auf 4 Sterne.

  1. Der Schrei der Hyäne

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Jun 2020 

    In einer französischen Reihenhaussiedlung am Waldrand: Mit ihrem jüngeren Bruder Gilles und den Eltern wohnt ein zehnjähriges Mädchen zusammen. Nach außen wirkt die Familie ganz normal, obwohl der Vater einen bedenklichen Hang zu Whisky und die Jagd auf Großwild hat. Doch die Geschwister halten zusammen - bis zu dem Tag, als eine Tragödie vor den Augen der beiden passiert.

    „Das wirkliche Leben“ ist der Debütroman von Adeline Dieudonné.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus vielen kurzen Kapiteln. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge in der Ich-Perspektive aus der Sicht des Mädchens, allerdings mit erheblichem zeitlichen Abstand.

    Der Schreibstil ist nüchtern und direkt, aber auch anschaulich und atmosphärisch dicht. Auffallend sind die ungewöhnlichen Metaphern, die ich teils als sehr gelungen, teils als etwas unpassend empfunden habe. Schon nach wenigen Kapiteln entwickelt die Geschichte einen starken Sog, sodass ich das Buch nur ungern zur Seite gelegt habe.

    Der Fokus liegt auf den vier Familienmitgliedern. Die Gedanken und Gefühle des namenlosen Mädchens lassen sich sehr gut nachvollziehen. Sie ist einerseits kindlich und naiv, aber andererseits zugleich mutig und intelligent. Auch von ihrem Bruder und den Eltern entsteht ein deutliches Bild. Obwohl das Verhalten von Vater und Mutter krass ist, wirken die Figuren nicht unglaubwürdig.

    Inhaltlich ist der Roman nichts für schwache Gemüter. Dass Gewalt eine große Rolle spielt, wird schon nach wenigen Seiten klar. Auch im weiteren Verlauf schockiert die Geschichte und macht betroffen. Doch es geht nicht nur um Grausamkeiten, sondern auch um die Liebe und den Zusammenhalt zwischen Geschwistern, das Erwachsenwerden und den Kampf um Emanzipation.

    Bis zum Schluss herrscht eine unterschwellige Spannung, die immer stärker wird. Die Handlung kann mit einigen Wendungen überraschen, ist im letzten Drittel allerdings stellenweise etwas übertrieben. Das Ende konnte mich jedoch wieder überzeugen.

    Die ungewöhnliche Optik des deutschen Covers weckt Aufmerksamkeit, könnte aber falsche Erwartungen wecken. Gut gefällt mir, dass der sehr treffende Originaltitel („La vraie vie“) ins Deutsche wörtlich übersetzt wurde.

    Mein Fazit:
    „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné ist ein Roman, der zwar nicht ohne Schwächen ist, aber mich dennoch beeindruckt und berührt hat. Eine empfehlenswerte und außergewöhnliche Lektüre.

  1. Gewaltspirale...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Mai 2020 

    Eine Reihenhaussiedlung am Waldrand, wie es viele gibt. Im hellsten der Häuser wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Familie. Alles normal. Wären da nicht die Leidenschaften des Vaters, der neben TV und Whisky vor allem den Rausch der Jagd liebt.

    In diesem Sommer erhellt nur das Lachen ihres kleinen Bruders Gilles das Leben des Mädchens. Bis eines Abends vor ihren Augen eine Tragödie passiert. Nichts ist mehr wie zuvor. Mit der Energie und der Intelligenz einer mutigen Kämpferin setzt das Mädchen alles daran, sich und ihren Bruder vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Von Sommer zu Sommer spürt sie immer deutlicher, dass sie selbst die Zukunft in sich trägt, wird immer selbstbewusster – ihr Körper aber auch immer weiblicher, sodass sie zusehends ins Visier ihres Vaters gerät.

    Dies ist wieder einer der Romane, denen man mit einer Rezension kaum gerecht werden kann. Das beginnt schon damit, dass sich die Erzählung kaum klar einem Genre zuordnen lässt.

    Ein Jugendbuch ist es nur bedingt (höchstens für ältere Jugendliche, vielleicht ab 15 Jahren). Ein Familienroman - nun ja, im weitesten Sinne schon, aber es ist schon eine besondere Familie und weit entfernt von 'Wir haben uns alle lieb'. Eine Coming-Of-Age-Geschichte - joah, auch das irgendwie, denn das Mädchen, um das sich die Handlung dreht, wird im Verlauf der Erzählung älter und entwickelt sich vom Kind zur puberierenden Jugendlichen. Ein Thriller - hm, einige Passagen, v.a. gegen Ende des Romans, muten durchaus so an. Ein Märchen - tatsächlich tauchen hier immer wieder Elemente dieser Erzählform auf. Ein Alptraum - DAS in jedem Fall...

    Denn tatsächlich muss hier eine klare Triggerwarnung ausgesprochen werden. Wer mit Tierquälerei und Szenen von Gewalt und Misshandlung nicht umgehen kann, dem sei von der Lektüre abgeraten.

    Oh Mann, ich vergebe hier fünf Sterne, was sagt das jetzt über mich aus?!

    "Es gibt Leute, die verdüstern euch den Himmel, stehlen euer Lachen oder setzen sich mit ihrem ganzen Gewicht auf eure Schultern, um euch am Flliegen zu hindern. Von solchen Leuten haltet euch bloß fern." (S. 19)

    Tatsächlich fällt es mir schwer in Worte zu fassen, was mich an dem Roman so fasziniert hat. In erster Linie ist es wohl die Art des Schreibens - der Aufbau der Erzählung, der Schreibstil, die verrückten Metaphern, die Bildhaftigkeit, der stete Wechsel von heftigen Szenen und unerwartetem Humor, die Verbindung von Animalischem und Zartem, der Sog, dem man sich beim Lesen, warum auch immer, nicht entziehen kann...

    Erzählt wird das Geschehen ausschließlich aus Sicht des bis zum Ende namenlosen Mädchens, das zu Beginn gerade einmal zehn Jahre alt ist. Verstörend, wie sie ihre Familie schildert: der Vater, Großwildjähger und Trophäensammler, ein Riese mit breiten Schultern wie ein Abdecker, die Mutter eine Amöbe. Bedrohung und Chancenlosigkeit, das wird gleich zu Beginn klargestellt. Einziger Lichtblick ist der kleine Bruder Gilles mit seinem Milchzahnlachen.

    Doch das Lachen vergeht Gilles auf einen Schlag, als er und seine Schwester Zeuge eines Unfalls werden. Gilles beginnt sich zu verändern, und das Mädchen sucht verzweifelt nach einer Möglichkeit, um sein Milchzahnlachen zurückzuholen. Eine Zeitmaschine soll es richten, wofür das Mädchen zunächst viel Fantasie aufwendet und später noch mehr Lerneifer. Wenn sie nur erst die physikalischen Zusammenhänge versteht, so glaubt sie, kann sie den Unfall - und alles was danach passierte - ungeschehen machen.

    "Denn das Leben war nun einmal eine Ladung Fruchtpüree in einem Mixer und man musste aufpassen, in dem Strudel nicht von den Klingen nach unten gezogen und zerkleinert zu werden." (S. 74)

    Gewalt zieht sich durch die gesamte Erzählung, das Gefühl der Bedrohung wächst mit jeder Seite. Der Vater ein Tyrann, der sich anfangs mit seinen Gewaltausbrüchen auf die Mutter konzentriert, doch als das Mädchen älter wird, gilt es auch ihr die Rolle als sich unterzuordnendes weil weibliches Wesen zu verdeutlichen. Und auch der Bruder sucht ein Ventil in gewalttätigem Verhalten. Jeder in der Familie ist ein Einzelkämpfer, allein das Mädchen will an seinem Verantwortungsgefühl Gilles gegenüber festhalten. Doch die Gewaltspirale droht alles in den Abgrund zu ziehen...

    "Ich hingegen wusste, dass der Anblick von Blut allein ihm nicht genügen würde. Er musste es selbst zum Fließen gebracht haben. Mit seiner Faust oder mit einer 22-Millimeter-Kugel." (S. 112)

    Die Charaktere kommen durch die distanzierte Erzählweise nicht wirklich nahe, und doch werden subtil Gefühle transportiert. Die Einsamkeit des Mädchens, die Verzweiflung, Angst, Panik, Wut, aber auch der Trotz und der unbedingte Wille, nicht auch zum Opfer zu werden - das alles ist nahezu greifbar. Allein die nahezu sachliche Fesstellung des Mädchens, als ihr plötzlich klar wird, dass auch sie nun zur Beute ihres Vaters geworden ist - Gänsehaut...

    Gewalt und Spannung nehmen mit jeder Seite zu, und weder das Mädchen noch der Leser kann sich dem entziehen. Ein anwidernd-faszinierender Sog ließ mich zunehmend atemlos durch die Seiten jagen bis zum Ende, das... Nein, das wird natürlich nicht verraten.

    Verstörend, ein Schlag in die Magengrube, ein Sog, der einen erst mit der letzten Seite entlässt - gleichzeitig distanziert und aufwühlend. Ein Romandebüt, das es in sich hat!

    © Parden

  1. Der Blumenwalzer, der unser ganzes Leben verändern sollte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Mai 2020 

    "Gilles kam jeden Abend zu mir ins Bett gekrochen. Mein Gesicht in seinen Haaren vergraben, konnte ich seine Albträume in den Nächten beinahe hören. Was hätte ich alles dafür gegeben, die Zeit zurückdrehen zu können, bis zu dem Moment, als ich das Eis bestellt hatte." (Buchauszug)
    In einer Reihenhaussiedlung am Waldrand wohnt ein 10-jähriges Mädchen mit ihrer Familie. Alles könnte so normal sein, wäre da nicht die einzige Leidenschaft ihres Vaters für Whisky, TV und das jagen. Von seinen Großwildsafaris, für die er selten genug Geld hatte, bringt er regelmäßig Trophäen mit nach Hause, für die er eigens ein Zimmer eingerichtet hat. In einer solch bedrückenden Atmosphäre zu leben ist nicht einfach, weshalb sie mit Gilles meist zum Autofriedhof spielen geht und sie sich freuen wenn abends der Blumenwalzer des Eismanns ertönt. Doch dann geschieht eines Tages eine unfassbare Tragödie. Fortan ist nichts mehr wie zuvor, den diese Bilder haben sich in ihre Augen gebrannt.

    Meine Meinung:
    Die Geschichte die Adeline Dieudonné in diesem Buch beschreibt, hat mich mitgenommen in eine Umgebung voller Angst, Gewalt und Bedrohung. Der Schreibstil ist einfach, reduziert, sehr bildhaft, ich hatte öfters sogar das Gefühl, das beim Lesen der Film dazu ablief. Zudem gibt es einige Szenen, mit unbeschreiblichen Bildern voller unfassbarer Poesie, gleichzeitig aber auch kindlich gut umschrieben. So beschreibt sie zum Beispiel ihre Mutter als eine "Amöbe", weil sie so unscheinbar, farblos und ängstlich auf sie wirkt. Ihre Aufgaben beschränken sich mehr oder minder aufs Kochen und selbst das kann sie nicht besonders gut. Lediglich ihren Ziegen widmet sie alle Zeit und schenkt ihnen ihre ganze Liebe. Ihr Vater dagegen ist ein "Koloss", breite Schultern wie ein Abdecker und Hände wie ein Riese. Der gewalttätige Vater scheint seine Probleme regelrecht in sich hineinzufressen, bis er dann wieder einmal auf eine Großwildjagd gehen muss oder gar explodiert und auf die Mutter losgeht. Nur bei der Jagd scheint er seine Wut loswerden zu können, in dem er sich eine neue Trophäe schießt. Selbst im Hochzeitsfoto ihrer Eltern sucht sie vergebens nach Liebe, Bewunderung, Freude oder einem Lächeln. Das 10-jährige Mädchen im Buch bleibt leider namenlos, doch nicht blass, den ihr Wille ist unfassbar stark. Selten habe ich so ein Kind erlebt, das so um ihren Bruder und ihr eigenes Leben kämpft. Der 6-jährige glückliche, fröhliche Bruder Gilles wirkt nach dem Unglück apathisch, kraftlos und stumm, sodass sie Angst hat in seinen Augen jene Tragödie explosionsartig ablaufen zu sehen. Von der Hyäne einer Jagdtrophäe, die hier als eine Art Tod steht, wird er quasi angezogen. Weil sie sich die Schuld für die Tragödie gibt, möchte sie am liebsten alles ungeschehen machen. Doch die Zeit vergeht und die Sorgen, Ängste und Probleme nehmen weiter zu und sie wird immer mehr in die Opferrolle gedrängt wie ihre Mutter. Das einzige, was mir weniger gefallen hat, sind die sexuellen Gefühle für ihren verheirateten Nachbarn, wo sie doch sonst eher so konservativ erzogen war. Trotzdem bleibt das Mädchen für mich sehr mutig, entschlossen und äußerst fokussiert auf das einzige Ziel ihren Bruder zu retten. Das Ende kam dann explosionsartig und hat mich wirklich schockiert und unfassbar zurückgelassen. Dabei lässt die Autorin einem den Raum zum Revue passieren und nachdenken. Der Bestseller bekam verdient 14 Literaturpreise und die Filmrechte in 20 Ländern. Für mich ist es ebenfalls ein starkes, sprachgewaltiges und ungewöhnliches Buch und ich bin gespannt, wie dieses filmisch umgesetzt wird. Von mir gibt es darum 5 von 5 Sterne dafür.

  1. Ein beeindruckendes Debüt, aber nichts für schwache Nerven

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Mai 2020 

    Dieses Buch ist besonders. Allein der außergewöhnlich gestaltete Einband erweckt Aufmerksamkeit, es ist grell, macht neugierig.
    Die Geschichte wird retrospektiv aus der Ich-Perspektive erzählt. Dabei wird versucht, die kindliche Gedankenwelt in Worte zu fassen und nachvollziehbar zu machen. Man hat es absolut nicht mit „kindlichem Geplapper“ zu tun (eine Befürchtung, die ich zunächst hatte), sondern mit einer ausdrucksstarken, vielseitigen Sprache.

    Die Kindheit der namenlosen Ich-Erzählerin ist grausam. Der Vater ist ein herzloser Tyrann: „Mein Vater war ein Koloss. Er hatte breite Schultern wie ein Abdecker. Und Hände wie ein Riese. Hände, die den Kopf eines Kükens ebenso leicht abschlagen konnten wie den Kronkorken einer Flasche Cola.“ (S. 8) Die Mutter ist das Opfer seiner Launen, seine Attacken verlaufen meist brutal und blutig. Die Tochter vergleicht die Mutter mit einer Amöbe. Der kleine Bruder Gilles ist vier Jahre jünger als die Erzählerin und ihr ganzes Glück: „Meine Liebe zu ihm war die reinste Form der Liebe, die es auf dieser Welt gibt. Wie Mutterliebe. Eine Liebe, die keine Gegenleistung erwartet und durch nichts zerstört werden kann.“ (S. 13) Die Kinder werden regelmäßig Zeugen von Gewalt gegen die Mutter, die resigniert hat und ihrem Mann nichts entgegen setzen kann und will. Ihre Aufgabe liegt in der Zubereitung eintöniger Mahlzeiten. Darüber hinaus gilt ihr liebevolles Interesse ihren Ziegen – ein verstörendes Verhalten.

    Als die Erzählerin 10 Jahre alt ist, geschieht etwas Schreckliches: sie und ihr Bruder werden Zeugen eines tragischen Unglücksfalles, der ein Menschenleben kostet. Ab diesem Zeitpunkt ist nichts mehr so, wie es war. Insbesondere Gilles ist fortan traumatisiert, zieht sich in sich zurück und spricht nicht mehr. Die Eltern scheinen das veränderte Verhalten des Sohnes nicht zu merken, die Erzählerin beschäftigt es umso mehr. Sie tut alles, um ihrem Bruder sein einmaliges Lachen zurückzugeben und gegen „das Geschmeiß“ in seinem Kopf, das von ihm Besitz ergriffen hat, vorzugehen. Es ist tragisch zu beobachten, wie verzweifelt das Mädchen nach Lösungen sucht. Sie flüchtet sich in eine phantastische Welt, träumt davon, zurück in die Vergangenheit reisen zu können, um den Unfall ungeschehen zu machen, der zur tiefen Spaltung der Geschwister geführt hat. Sie möchte ihren Bruder zurück. Gilles wendet sich indessen immer mehr dem Vater zu, er geht mit ihm jagen und wird immer gemeiner. Kein Wunder, dass die Erzählerin entsetzlich leidet.

    Die Situation wird immer unerträglicher, spitzt sich zu. Das Mädchen lässt sich nicht brechen, sie ist kein Opfer. Was sie nicht ändern kann, erträgt sie und sucht sich Rettungsinseln außerhalb der Familie: „Denn das Leben war nun einmal eine Ladung Fruchtpüree in einem Mixer und man musste aufpassen, in dem Strudel nicht von den Klingen nach unten gezogen und zerkleinert zu werden.“ (S. 74) Die Erzählerin entwickelt sich weiter. Sie lernt fleißig, nimmt Jobs zum Babysitten an. Wir begleiten sie über einen Zeitraum von fünf Jahren.

    Die Ambivalenz der Gedankenwelt des Mädchens fasziniert: Auf der einen Seite kindliche, naive Phantasien, auf der anderen Seite Reife, Vorausplanung und Abgeklärtheit. Der Gewalttätigkeit des Vaters, die den Leser zutiefst schockiert, begegnet sie mit Routine und Selbstverständlichkeit.

    Das Buch ist nichts für zarte Nerven. Wiederholt gibt es blutige Szenen. Schreibstil und Handlung sind faszinierend. Die Autorin flechtet bewusst märchenhaft anmutende Motive in ihren Roman hinein. Gut und Böse sind scharf voneinander getrennt. Sie präsentiert eine kraftvolle, tapfere Heldin, die ihrem schwierigen Umfeld trotzt, aber auch fast verzweifelt auf der Suche nach Liebe ist. Die Handlung entwickelt eine unglaubliche Spannung bis hin zu einem großen Showdown am Schluss.
    Es werden deutliche Worte und eine extrem bildhafte Sprache verwendet, in die zahlreiche Metaphern einfließen. Ich gestehe, dass mir einige davon besonders im ersten Viertel des Romans zu wuchtig, zu gewollt erschienen. Später wurde es für mein Empfinden besser, das mag aber auch daran liegen, dass mich die Handlung regelrecht mitgerissen hat.

    „Das wirkliche Leben“ ist ein beeindruckendes Debüt über familiäre Gewalt, dessen Protagonistin an keiner Stelle die Hoffnung verliert. Das Ende passt zur Geschichte, beantwortet nicht alle Fragen und war für mich stimmig. Insofern empfehle ich das Buch von Herzen für Leser/innen ab circa 16 Jahren. Man kann es hervorragend in aufgeschlossenen Lesekreisen diskutieren.

  1. Häusliche Gewalt spannend inszeniert

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Mai 2020 

    Kurzmeinung: Wichtiges Thema spannend aufbereitet. Für mich jedoch ein nicht immer zusammenpassendes Sammelsurium von phantastischen Elementen.

    Ein traumatisierendes Geschehen, eine Explosion, deren Zeugen sie werden, verändert das ohnehin nicht gerade leichte Leben eines Geschwisterpaars. Der Junge ist zu diesem Zeitpunkt sechs, das Mädchen zehn. Die ganze Familie lebt und leidet mit und unter einem despotischen Vater. Erzählt wird aus der Sicht des Mädchens aus der Rückschau.

    Die Erzählerin ist eine kleine Intellektuelle, die sich der Gewaltspirale, in der sie sich befindet, bewusst ist und sich abgrenzt. Das geschieht durch eine schnoddrige mit Zynismen durchschossene Sprache samt überbordenden Vergleichen sowie dem Aufbau einer Fantasiewelt, in der das Mädchen mehr hofft als wirklich glaubt, sich zeitlich durch den Bau einer Zeitmaschine zurückversetzen zu können, vor den Zeitpunkt der Explosion. Eine solche Illusion lässt sich jedoch nicht ewig aufrechterhalten. Jedesmal wenn die Erzählerin wieder eimal einer Fluchtmöglichkeit vor der schlimmen Realität beraubt wird, steigert das Buch die Spannung! Bruder und Schwester wählen unterschiedliche Wege, um mit der Situation klarzukommen. Die diesbezüglichen Schilderungen, Tierquälereien, etc., mögen einem nicht gefallen, aber sie sind eine Möglichkeit. Nicht die beste. Aber eine, die für die Betroffenen greifbar sind.

    Statt die übliche Betroffenheitsschiene auszuwalzen, hat sich die Autorin für eine steile Spannungskurve in ihrem Buch entschieden, selbst auf Kosten unwahrscheinlicher Wendungen. So wird die Autorin diejenige Klientel in ihr literarisches Boot holen, die es angeht, nämlich die jungen Erwachsenen, die sich damit auseinandersetzen sollen, was häusliche Gewalt ist, wie sie sich auswirkt und ob sie zu überwinden ist. Oft genug sind sie in der einen oder anderen Form selber betroffen. Dass das Buch so spannend gestaltet ist, ist seine Stärke. Deshalb kommt es auch gut an.

    Fazit: Für ein Jugendbuch, ab fünfzehn, ist „Das wirkliche Leben“ ein großartiger Roman, der die Thematik der häuslichen Gewalt spannend und langeweilefrei aufbereitet; für mich als Erwachsene ist das Sammelsurium an Einfällen oft zu kurios. Und was das Buch im „Literarischen Quarett“ vom Mai 2020 zu suchen hatte, ist mir schleierhaft.

    Kategorie: Junge Erwachsene: 5 Punkte
    Kategorie: Belletristik. Anspruchsvolle Literatur: 3 Punkte.

    Verlag: dtv, 2020

  1. Lieblingsbuchpotential

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Mai 2020 

    Dieses Buch überrascht auf vielfache Weise.
    Zunächst einmal ist der Erzählstil sehr ungewöhnlich, erfrischend, plastisch, voller origineller Vergleiche, mit einigem Humor aber auch Einfühlungsvermögen.
    Mit einem lachenden und einem weinenden Auge liest man hier von einem Mädchen, das sich nicht unterkriegen lässt, obwohl ihr Elternhaus ihr große Probleme bereitet. Sie entwickelt eine höchst skurrile Idee, der Situation zu entfliehen und verfolgt ihren Plan mit höchstem Einsatz.
    Hier gibt es Brutalität und auch Schicksalsschläge und Verstörendes zu verdauen, dieses Buch trifft, macht aber bei aller Tragik auch Mut. Immer wieder trifft sie originelle Menschen, die ihr helfen und das mutet fast eine bisschen märchenhaft an. Da kommt die gute Fee, wenn es am finstersten ist, aber es wird so präsentiert, dass wir wundervoll finden, was jedem anderen Autor als Kitsch angekreidet würde.

    Dieses Buch ist warmherzig und brutal, witzig und traurig, kitschig und originell, ein sehr reales Märchen, das ich unbedingt weiterempfehle.

  1. Jäger und Gejagte

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Apr 2020 

    Der abendliche Besuch des Eismanns mit seinem Wagen in der Siebzigerjahre-Fertighaussiedlung am Wald ist ein wiederkehrender Höhepunkt im ansonsten bedrückenden Alltag der namenlosen Ich-Erzählerin und ihres jüngeren Bruders Gilles. Doch der Traum vom Eis mit Sahne wird zum Alptraum, als an einem Sommerabend die Sahnemaschine explodiert und das Gesicht des freundlichen Verkäufers zerfetzt. Ein Ereignis, das alles verändert, und nicht das letzte Gesicht, das in dieser Geschichte zerstört wird.

    Ein Trauma und seine Folgen
    Vielleicht hätte das traumatische Erlebnis in einer funktionierenden Familie aufgefangen werden können, der sechsjährige Gilles wäre nicht versteinert und hätte sein Milchzahnlächeln behalten. So aber fühlt sich die zehnjährige Schwester verpflichtet, den geliebten Bruder zu retten und ihm sein Lächeln zurückzugeben. Stattdessen nimmt die Leere in seinen Augen beständig zu:

    "Da begriff ich, dass die Druckwelle der Explosion einen Zugang zu Gilles‘ Kopf freigelegt und das Monster, das unter unserm Dach hauste, diesen Zugang genutzt hatte, um sich in meinem kleinen Bruder einzunisten."

    „Das Monster“ ist die ausgestopfte Hyäne im Trophäenzimmer des Vaters, eines passionierten Großwildjägers, der die ängstliche Mutter vor den Augen der Kinder brutal misshandelt. Ist er nicht auf Jagdreise, ist sie seine Beute.

    Die Zeit zurückdrehen
    In der Ich-Erzählerin reift ein fantasievoller Plan zu Gilles‘ Rettung vor seinen Dämonen. Eine Zeitmaschine könnte nicht nur den Tod des Eismanns, sondern auch die Gewaltexzesse des Vaters ungeschehen machen:

    "Da rief ich mir ins Gedächtnis, dass das, was ich da sah, letztlich nicht von Bedeutung war – weil ich schon bald mit meiner Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen würde. In meiner neuen Zukunft, in meinem wirklichen Leben würde all das nicht geschehen."

    Während der Bruder mit zunehmendem Alter seine Aggressionen an wehrlosen Tieren austobt und zusehens unter den Einfluss des Vaters gerät, muss die Ich-Erzählerin sich von der unmittelbaren Umsetzung ihres Planes verabschieden. Sie wendet sich stattdessen der Physik zu, die ihre große Leidenschaft wird. Aber auch hier lauert Gefahr:

    "… denn allmählich begriff ich, dass das kleinste bisschen Ambition meinerseits ihn [den Vater] feindselig stimmte. Er erwartete von mir, dass ich wie meine Mutter wurde. Eine schlaffe, leere Hülle ohne eigene Ziele und Wünsche."

    Zunehmend wird auch sie zur Beute des Vaters und zum Ziel seiner sadistischen Einfälle. Anders als die Mutter ist sie jedoch nicht bereit, die Opferrolle widerspruchslos anzunehmen:

    "Tief in meinem Innern wuchs etwas heran, das größer, das gewaltiger war als ich. […] Dieses Tier wollte meinen Vater verschlingen. Und all die, die mir Böses tun wollten. Und es brüllte so laut, dass es die Finsternis zerriss. Ich war keine Beute mehr. Damit war Schluss. Und auch kein Raubtier. Ich war ich und dieses Ich war durch nichts totzukriegen."

    Gewalt und innere Stärke
    Das Romandebüt der 1982 geborenen belgischen Dramaturgin und Theaterschauspielerin Adeline Dieudonné, ein Verkaufserfolg in Frankreich, wartet mit schockierend brutalen, für mich teilweise kaum erträglichen Gewaltszenen auf. Andererseits haben mich die innere Stärke der Protagonistin, ihr unbändiges Streben nach einem besseren Leben und der ungeschminkt-sachlich wirkende Bericht über fünf Horrorjahre sehr beeindruckt.