Das wirkliche Leben: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das wirkliche Leben: Roman' von Dieudonné, Adeline
4.4
4.4 von 5 (8 Bewertungen)

Eine Reihenhaussiedlung am Waldrand, wie es viele gibt. Im hellsten der Häuser wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Familie. Alles normal. Wären da nicht die Leidenschaften des Vaters, der neben TV und Whisky vor allem den Rausch der Jagd liebt. In diesem Sommer erhellt nur das Lachen ihres kleinen Bruders Gilles das Leben des Mädchens. Bis eines Abends vor ihren Augen eine Tragödie passiert. Nichts ist mehr wie zuvor. Mit der Energie und der Intelligenz einer mutigen Kämpferin setzt das Mädchen alles daran, sich und ihren Bruder vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Von Sommer zu Sommer spürt sie immer deutlicher, dass sie selbst die Zukunft in sich trägt, wird immer selbstbewusster – ihr Körper aber auch immer weiblicher, sodass sie zusehends ins Visier ihres Vaters gerät.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
Verlag:
EAN:9783423282130

Rezensionen zu "Das wirkliche Leben: Roman"

  1. Anders als erwartet

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 04. Jun 2020 

    Anders als erwartet

    Das wirkliche Leben von Adeline Dieudonné

    In diesem Roman geht es um ein zu Beginn zehnjähriges Mädchen, dessen Namen wir als Leser nie erfahren. Ein Mädchen, das in einer Familie groß wird, die geprägt wird von den Launen des Vaters. Der Vater jagt leidenschaftlich gern, hat sogar ein eigenes Zimmer, in dem die ausgestopften Jagdtrophäen ausgestellt sind. Für das Mädchen und ihren jüngeren Bruder Gilles ein absolutes Tabu.
    Gilles und das Mädchen haben am Anfang des Romans eine sehr innige Bindung, die zwei verbringen viel Zeit zusammen, streifen durch die angrenzenden Wälder. Doch nach einem schrecklichen Unfall, den die beiden Kinder miterleben müssen, verändert sich Gilles. Das Geschmeiß, wie es das Mädchen nennt, hat Besitz von ihm ergriffen. Als diese Veränderung in Gilles stattfindet, wird er mehr und mehr für den Vater interessant. Das Mädchen sieht die Gefahr und möchte alles daransetzen, um ihren Bruder zu retten. In ihrer kindlichen Naivität, ausgerüstet mit dem einzigen was sie hat, ihrem herausragenden Verstand, versucht sie eine Zeitmaschine zu bauen.

    Dies ist das Grundgerüst der Geschichte, die natürlich noch einige andere Facetten aufgreift. Unter anderem geht es auch um die Mutter, die sich sehr devot verhält und ihrem Mann nichts entgegen setzten kann. Es geht auch um die beginnenden Gefühle eines jungen Mädchens dem anderen Geschlecht gegenüber. Das Hauptaugenmerk liegt für mich allerdings eher darin, wie das Mädchen sich mit der Situation arrangiert. Sie will für sich und ihren Bruder etwas anderes, lässt sich nicht in die Opferrolle drängen und zeigt, dass auch Kinder Helden sein können. Hört sich vielleicht etwas abgedroschen an, aber genau dies scheint die Autorin als Botschaft im Gepäck zu haben, für das, entsprechend der Zielgruppe des Romans, jüngere Publikum.
    Die Zeitreiseidee des Mädchens gab mir bis zum Ende Rätsel auf. Ein weiterer Pluspunkt der Habdlung, da er zum Schluss sehr viel Spielraum für die eigenen Schlussfolgerungen zu lässt.
    Die Sprache ist eher schlicht gehalten, mir erschien sie nicht funkelnd, wie auf dem Klappentext angepriesen, allerdings passt der Stil gut zur Handlung.
    Einige Passagen sind sehr von Gewalt geprägt, doch sie werden recht neutral beschrieben, das ist gut so, denn ein detailreiches ausschmücken wäre definitiv zu viel gewesen.
    Nun stelle ich mir die Frage wie ich diesen Roman bewerten soll! Er ist anders, hat eine tolle Message für den Leser, aber er hat mich oft auch etwas irritiert. Volle 5 Sterne möchte ich daher nicht vergeben und beschränke mich auf 4 Sterne.

  1. Der Schrei der Hyäne

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 03. Jun 2020 

    In einer französischen Reihenhaussiedlung am Waldrand: Mit ihrem jüngeren Bruder Gilles und den Eltern wohnt ein zehnjähriges Mädchen zusammen. Nach außen wirkt die Familie ganz normal, obwohl der Vater einen bedenklichen Hang zu Whisky und die Jagd auf Großwild hat. Doch die Geschwister halten zusammen - bis zu dem Tag, als eine Tragödie vor den Augen der beiden passiert.

    „Das wirkliche Leben“ ist der Debütroman von Adeline Dieudonné.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus vielen kurzen Kapiteln. Erzählt wird in chronologischer Reihenfolge in der Ich-Perspektive aus der Sicht des Mädchens, allerdings mit erheblichem zeitlichen Abstand.

    Der Schreibstil ist nüchtern und direkt, aber auch anschaulich und atmosphärisch dicht. Auffallend sind die ungewöhnlichen Metaphern, die ich teils als sehr gelungen, teils als etwas unpassend empfunden habe. Schon nach wenigen Kapiteln entwickelt die Geschichte einen starken Sog, sodass ich das Buch nur ungern zur Seite gelegt habe.

    Der Fokus liegt auf den vier Familienmitgliedern. Die Gedanken und Gefühle des namenlosen Mädchens lassen sich sehr gut nachvollziehen. Sie ist einerseits kindlich und naiv, aber andererseits zugleich mutig und intelligent. Auch von ihrem Bruder und den Eltern entsteht ein deutliches Bild. Obwohl das Verhalten von Vater und Mutter krass ist, wirken die Figuren nicht unglaubwürdig.

    Inhaltlich ist der Roman nichts für schwache Gemüter. Dass Gewalt eine große Rolle spielt, wird schon nach wenigen Seiten klar. Auch im weiteren Verlauf schockiert die Geschichte und macht betroffen. Doch es geht nicht nur um Grausamkeiten, sondern auch um die Liebe und den Zusammenhalt zwischen Geschwistern, das Erwachsenwerden und den Kampf um Emanzipation.

    Bis zum Schluss herrscht eine unterschwellige Spannung, die immer stärker wird. Die Handlung kann mit einigen Wendungen überraschen, ist im letzten Drittel allerdings stellenweise etwas übertrieben. Das Ende konnte mich jedoch wieder überzeugen.

    Die ungewöhnliche Optik des deutschen Covers weckt Aufmerksamkeit, könnte aber falsche Erwartungen wecken. Gut gefällt mir, dass der sehr treffende Originaltitel („La vraie vie“) ins Deutsche wörtlich übersetzt wurde.

    Mein Fazit:
    „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné ist ein Roman, der zwar nicht ohne Schwächen ist, aber mich dennoch beeindruckt und berührt hat. Eine empfehlenswerte und außergewöhnliche Lektüre.

  1. Gewaltspirale...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Mai 2020 

    Eine Reihenhaussiedlung am Waldrand, wie es viele gibt. Im hellsten der Häuser wohnt ein zehnjähriges Mädchen mit seiner Familie. Alles normal. Wären da nicht die Leidenschaften des Vaters, der neben TV und Whisky vor allem den Rausch der Jagd liebt.

    In diesem Sommer erhellt nur das Lachen ihres kleinen Bruders Gilles das Leben des Mädchens. Bis eines Abends vor ihren Augen eine Tragödie passiert. Nichts ist mehr wie zuvor. Mit der Energie und der Intelligenz einer mutigen Kämpferin setzt das Mädchen alles daran, sich und ihren Bruder vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Von Sommer zu Sommer spürt sie immer deutlicher, dass sie selbst die Zukunft in sich trägt, wird immer selbstbewusster – ihr Körper aber auch immer weiblicher, sodass sie zusehends ins Visier ihres Vaters gerät.

    Dies ist wieder einer der Romane, denen man mit einer Rezension kaum gerecht werden kann. Das beginnt schon damit, dass sich die Erzählung kaum klar einem Genre zuordnen lässt.

    Ein Jugendbuch ist es nur bedingt (höchstens für ältere Jugendliche, vielleicht ab 15 Jahren). Ein Familienroman - nun ja, im weitesten Sinne schon, aber es ist schon eine besondere Familie und weit entfernt von 'Wir haben uns alle lieb'. Eine Coming-Of-Age-Geschichte - joah, auch das irgendwie, denn das Mädchen, um das sich die Handlung dreht, wird im Verlauf der Erzählung älter und entwickelt sich vom Kind zur puberierenden Jugendlichen. Ein Thriller - hm, einige Passagen, v.a. gegen Ende des Romans, muten durchaus so an. Ein Märchen - tatsächlich tauchen hier immer wieder Elemente dieser Erzählform auf. Ein Alptraum - DAS in jedem Fall...

    Denn tatsächlich muss hier eine klare Triggerwarnung ausgesprochen werden. Wer mit Tierquälerei und Szenen von Gewalt und Misshandlung nicht umgehen kann, dem sei von der Lektüre abgeraten.

    Oh Mann, ich vergebe hier fünf Sterne, was sagt das jetzt über mich aus?!

    "Es gibt Leute, die verdüstern euch den Himmel, stehlen euer Lachen oder setzen sich mit ihrem ganzen Gewicht auf eure Schultern, um euch am Flliegen zu hindern. Von solchen Leuten haltet euch bloß fern." (S. 19)

    Tatsächlich fällt es mir schwer in Worte zu fassen, was mich an dem Roman so fasziniert hat. In erster Linie ist es wohl die Art des Schreibens - der Aufbau der Erzählung, der Schreibstil, die verrückten Metaphern, die Bildhaftigkeit, der stete Wechsel von heftigen Szenen und unerwartetem Humor, die Verbindung von Animalischem und Zartem, der Sog, dem man sich beim Lesen, warum auch immer, nicht entziehen kann...

    Erzählt wird das Geschehen ausschließlich aus Sicht des bis zum Ende namenlosen Mädchens, das zu Beginn gerade einmal zehn Jahre alt ist. Verstörend, wie sie ihre Familie schildert: der Vater, Großwildjähger und Trophäensammler, ein Riese mit breiten Schultern wie ein Abdecker, die Mutter eine Amöbe. Bedrohung und Chancenlosigkeit, das wird gleich zu Beginn klargestellt. Einziger Lichtblick ist der kleine Bruder Gilles mit seinem Milchzahnlachen.

    Doch das Lachen vergeht Gilles auf einen Schlag, als er und seine Schwester Zeuge eines Unfalls werden. Gilles beginnt sich zu verändern, und das Mädchen sucht verzweifelt nach einer Möglichkeit, um sein Milchzahnlachen zurückzuholen. Eine Zeitmaschine soll es richten, wofür das Mädchen zunächst viel Fantasie aufwendet und später noch mehr Lerneifer. Wenn sie nur erst die physikalischen Zusammenhänge versteht, so glaubt sie, kann sie den Unfall - und alles was danach passierte - ungeschehen machen.

    "Denn das Leben war nun einmal eine Ladung Fruchtpüree in einem Mixer und man musste aufpassen, in dem Strudel nicht von den Klingen nach unten gezogen und zerkleinert zu werden." (S. 74)

    Gewalt zieht sich durch die gesamte Erzählung, das Gefühl der Bedrohung wächst mit jeder Seite. Der Vater ein Tyrann, der sich anfangs mit seinen Gewaltausbrüchen auf die Mutter konzentriert, doch als das Mädchen älter wird, gilt es auch ihr die Rolle als sich unterzuordnendes weil weibliches Wesen zu verdeutlichen. Und auch der Bruder sucht ein Ventil in gewalttätigem Verhalten. Jeder in der Familie ist ein Einzelkämpfer, allein das Mädchen will an seinem Verantwortungsgefühl Gilles gegenüber festhalten. Doch die Gewaltspirale droht alles in den Abgrund zu ziehen...

    "Ich hingegen wusste, dass der Anblick von Blut allein ihm nicht genügen würde. Er musste es selbst zum Fließen gebracht haben. Mit seiner Faust oder mit einer 22-Millimeter-Kugel." (S. 112)

    Die Charaktere kommen durch die distanzierte Erzählweise nicht wirklich nahe, und doch werden subtil Gefühle transportiert. Die Einsamkeit des Mädchens, die Verzweiflung, Angst, Panik, Wut, aber auch der Trotz und der unbedingte Wille, nicht auch zum Opfer zu werden - das alles ist nahezu greifbar. Allein die nahezu sachliche Fesstellung des Mädchens, als ihr plötzlich klar wird, dass auch sie nun zur Beute ihres Vaters geworden ist - Gänsehaut...

    Gewalt und Spannung nehmen mit jeder Seite zu, und weder das Mädchen noch der Leser kann sich dem entziehen. Ein anwidernd-faszinierender Sog ließ mich zunehmend atemlos durch die Seiten jagen bis zum Ende, das... Nein, das wird natürlich nicht verraten.

    Verstörend, ein Schlag in die Magengrube, ein Sog, der einen erst mit der letzten Seite entlässt - gleichzeitig distanziert und aufwühlend. Ein Romandebüt, das es in sich hat!

    © Parden

  1. Der Blumenwalzer, der unser ganzes Leben verändern sollte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Mai 2020 

    "Gilles kam jeden Abend zu mir ins Bett gekrochen. Mein Gesicht in seinen Haaren vergraben, konnte ich seine Albträume in den Nächten beinahe hören. Was hätte ich alles dafür gegeben, die Zeit zurückdrehen zu können, bis zu dem Moment, als ich das Eis bestellt hatte." (Buchauszug)
    In einer Reihenhaussiedlung am Waldrand wohnt ein 10-jähriges Mädchen mit ihrer Familie. Alles könnte so normal sein, wäre da nicht die einzige Leidenschaft ihres Vaters für Whisky, TV und das jagen. Von seinen Großwildsafaris, für die er selten genug Geld hatte, bringt er regelmäßig Trophäen mit nach Hause, für die er eigens ein Zimmer eingerichtet hat. In einer solch bedrückenden Atmosphäre zu leben ist nicht einfach, weshalb sie mit Gilles meist zum Autofriedhof spielen geht und sie sich freuen wenn abends der Blumenwalzer des Eismanns ertönt. Doch dann geschieht eines Tages eine unfassbare Tragödie. Fortan ist nichts mehr wie zuvor, den diese Bilder haben sich in ihre Augen gebrannt.

    Meine Meinung:
    Die Geschichte die Adeline Dieudonné in diesem Buch beschreibt, hat mich mitgenommen in eine Umgebung voller Angst, Gewalt und Bedrohung. Der Schreibstil ist einfach, reduziert, sehr bildhaft, ich hatte öfters sogar das Gefühl, das beim Lesen der Film dazu ablief. Zudem gibt es einige Szenen, mit unbeschreiblichen Bildern voller unfassbarer Poesie, gleichzeitig aber auch kindlich gut umschrieben. So beschreibt sie zum Beispiel ihre Mutter als eine "Amöbe", weil sie so unscheinbar, farblos und ängstlich auf sie wirkt. Ihre Aufgaben beschränken sich mehr oder minder aufs Kochen und selbst das kann sie nicht besonders gut. Lediglich ihren Ziegen widmet sie alle Zeit und schenkt ihnen ihre ganze Liebe. Ihr Vater dagegen ist ein "Koloss", breite Schultern wie ein Abdecker und Hände wie ein Riese. Der gewalttätige Vater scheint seine Probleme regelrecht in sich hineinzufressen, bis er dann wieder einmal auf eine Großwildjagd gehen muss oder gar explodiert und auf die Mutter losgeht. Nur bei der Jagd scheint er seine Wut loswerden zu können, in dem er sich eine neue Trophäe schießt. Selbst im Hochzeitsfoto ihrer Eltern sucht sie vergebens nach Liebe, Bewunderung, Freude oder einem Lächeln. Das 10-jährige Mädchen im Buch bleibt leider namenlos, doch nicht blass, den ihr Wille ist unfassbar stark. Selten habe ich so ein Kind erlebt, das so um ihren Bruder und ihr eigenes Leben kämpft. Der 6-jährige glückliche, fröhliche Bruder Gilles wirkt nach dem Unglück apathisch, kraftlos und stumm, sodass sie Angst hat in seinen Augen jene Tragödie explosionsartig ablaufen zu sehen. Von der Hyäne einer Jagdtrophäe, die hier als eine Art Tod steht, wird er quasi angezogen. Weil sie sich die Schuld für die Tragödie gibt, möchte sie am liebsten alles ungeschehen machen. Doch die Zeit vergeht und die Sorgen, Ängste und Probleme nehmen weiter zu und sie wird immer mehr in die Opferrolle gedrängt wie ihre Mutter. Das einzige, was mir weniger gefallen hat, sind die sexuellen Gefühle für ihren verheirateten Nachbarn, wo sie doch sonst eher so konservativ erzogen war. Trotzdem bleibt das Mädchen für mich sehr mutig, entschlossen und äußerst fokussiert auf das einzige Ziel ihren Bruder zu retten. Das Ende kam dann explosionsartig und hat mich wirklich schockiert und unfassbar zurückgelassen. Dabei lässt die Autorin einem den Raum zum Revue passieren und nachdenken. Der Bestseller bekam verdient 14 Literaturpreise und die Filmrechte in 20 Ländern. Für mich ist es ebenfalls ein starkes, sprachgewaltiges und ungewöhnliches Buch und ich bin gespannt, wie dieses filmisch umgesetzt wird. Von mir gibt es darum 5 von 5 Sterne dafür.

  1. Ein beeindruckendes Debüt, aber nichts für schwache Nerven

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Mai 2020 

    Dieses Buch ist besonders. Allein der außergewöhnlich gestaltete Einband erweckt Aufmerksamkeit, es ist grell, macht neugierig.
    Die Geschichte wird retrospektiv aus der Ich-Perspektive erzählt. Dabei wird versucht, die kindliche Gedankenwelt in Worte zu fassen und nachvollziehbar zu machen. Man hat es absolut nicht mit „kindlichem Geplapper“ zu tun (eine Befürchtung, die ich zunächst hatte), sondern mit einer ausdrucksstarken, vielseitigen Sprache.

    Die Kindheit der namenlosen Ich-Erzählerin ist grausam. Der Vater ist ein herzloser Tyrann: „Mein Vater war ein Koloss. Er hatte breite Schultern wie ein Abdecker. Und Hände wie ein Riese. Hände, die den Kopf eines Kükens ebenso leicht abschlagen konnten wie den Kronkorken einer Flasche Cola.“ (S. 8) Die Mutter ist das Opfer seiner Launen, seine Attacken verlaufen meist brutal und blutig. Die Tochter vergleicht die Mutter mit einer Amöbe. Der kleine Bruder Gilles ist vier Jahre jünger als die Erzählerin und ihr ganzes Glück: „Meine Liebe zu ihm war die reinste Form der Liebe, die es auf dieser Welt gibt. Wie Mutterliebe. Eine Liebe, die keine Gegenleistung erwartet und durch nichts zerstört werden kann.“ (S. 13) Die Kinder werden regelmäßig Zeugen von Gewalt gegen die Mutter, die resigniert hat und ihrem Mann nichts entgegen setzen kann und will. Ihre Aufgabe liegt in der Zubereitung eintöniger Mahlzeiten. Darüber hinaus gilt ihr liebevolles Interesse ihren Ziegen – ein verstörendes Verhalten.

    Als die Erzählerin 10 Jahre alt ist, geschieht etwas Schreckliches: sie und ihr Bruder werden Zeugen eines tragischen Unglücksfalles, der ein Menschenleben kostet. Ab diesem Zeitpunkt ist nichts mehr so, wie es war. Insbesondere Gilles ist fortan traumatisiert, zieht sich in sich zurück und spricht nicht mehr. Die Eltern scheinen das veränderte Verhalten des Sohnes nicht zu merken, die Erzählerin beschäftigt es umso mehr. Sie tut alles, um ihrem Bruder sein einmaliges Lachen zurückzugeben und gegen „das Geschmeiß“ in seinem Kopf, das von ihm Besitz ergriffen hat, vorzugehen. Es ist tragisch zu beobachten, wie verzweifelt das Mädchen nach Lösungen sucht. Sie flüchtet sich in eine phantastische Welt, träumt davon, zurück in die Vergangenheit reisen zu können, um den Unfall ungeschehen zu machen, der zur tiefen Spaltung der Geschwister geführt hat. Sie möchte ihren Bruder zurück. Gilles wendet sich indessen immer mehr dem Vater zu, er geht mit ihm jagen und wird immer gemeiner. Kein Wunder, dass die Erzählerin entsetzlich leidet.

    Die Situation wird immer unerträglicher, spitzt sich zu. Das Mädchen lässt sich nicht brechen, sie ist kein Opfer. Was sie nicht ändern kann, erträgt sie und sucht sich Rettungsinseln außerhalb der Familie: „Denn das Leben war nun einmal eine Ladung Fruchtpüree in einem Mixer und man musste aufpassen, in dem Strudel nicht von den Klingen nach unten gezogen und zerkleinert zu werden.“ (S. 74) Die Erzählerin entwickelt sich weiter. Sie lernt fleißig, nimmt Jobs zum Babysitten an. Wir begleiten sie über einen Zeitraum von fünf Jahren.

    Die Ambivalenz der Gedankenwelt des Mädchens fasziniert: Auf der einen Seite kindliche, naive Phantasien, auf der anderen Seite Reife, Vorausplanung und Abgeklärtheit. Der Gewalttätigkeit des Vaters, die den Leser zutiefst schockiert, begegnet sie mit Routine und Selbstverständlichkeit.

    Das Buch ist nichts für zarte Nerven. Wiederholt gibt es blutige Szenen. Schreibstil und Handlung sind faszinierend. Die Autorin flechtet bewusst märchenhaft anmutende Motive in ihren Roman hinein. Gut und Böse sind scharf voneinander getrennt. Sie präsentiert eine kraftvolle, tapfere Heldin, die ihrem schwierigen Umfeld trotzt, aber auch fast verzweifelt auf der Suche nach Liebe ist. Die Handlung entwickelt eine unglaubliche Spannung bis hin zu einem großen Showdown am Schluss.
    Es werden deutliche Worte und eine extrem bildhafte Sprache verwendet, in die zahlreiche Metaphern einfließen. Ich gestehe, dass mir einige davon besonders im ersten Viertel des Romans zu wuchtig, zu gewollt erschienen. Später wurde es für mein Empfinden besser, das mag aber auch daran liegen, dass mich die Handlung regelrecht mitgerissen hat.

    „Das wirkliche Leben“ ist ein beeindruckendes Debüt über familiäre Gewalt, dessen Protagonistin an keiner Stelle die Hoffnung verliert. Das Ende passt zur Geschichte, beantwortet nicht alle Fragen und war für mich stimmig. Insofern empfehle ich das Buch von Herzen für Leser/innen ab circa 16 Jahren. Man kann es hervorragend in aufgeschlossenen Lesekreisen diskutieren.

  1. Häusliche Gewalt spannend inszeniert

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Mai 2020 

    Kurzmeinung: Wichtiges Thema spannend aufbereitet. Für mich jedoch ein nicht immer zusammenpassendes Sammelsurium von phantastischen Elementen.

    Ein traumatisierendes Geschehen, eine Explosion, deren Zeugen sie werden, verändert das ohnehin nicht gerade leichte Leben eines Geschwisterpaars. Der Junge ist zu diesem Zeitpunkt sechs, das Mädchen zehn. Die ganze Familie lebt und leidet mit und unter einem despotischen Vater. Erzählt wird aus der Sicht des Mädchens aus der Rückschau.

    Die Erzählerin ist eine kleine Intellektuelle, die sich der Gewaltspirale, in der sie sich befindet, bewusst ist und sich abgrenzt. Das geschieht durch eine schnoddrige mit Zynismen durchschossene Sprache samt überbordenden Vergleichen sowie dem Aufbau einer Fantasiewelt, in der das Mädchen mehr hofft als wirklich glaubt, sich zeitlich durch den Bau einer Zeitmaschine zurückversetzen zu können, vor den Zeitpunkt der Explosion. Eine solche Illusion lässt sich jedoch nicht ewig aufrechterhalten. Jedesmal wenn die Erzählerin wieder eimal einer Fluchtmöglichkeit vor der schlimmen Realität beraubt wird, steigert das Buch die Spannung! Bruder und Schwester wählen unterschiedliche Wege, um mit der Situation klarzukommen. Die diesbezüglichen Schilderungen, Tierquälereien, etc., mögen einem nicht gefallen, aber sie sind eine Möglichkeit. Nicht die beste. Aber eine, die für die Betroffenen greifbar sind.

    Statt die übliche Betroffenheitsschiene auszuwalzen, hat sich die Autorin für eine steile Spannungskurve in ihrem Buch entschieden, selbst auf Kosten unwahrscheinlicher Wendungen. So wird die Autorin diejenige Klientel in ihr literarisches Boot holen, die es angeht, nämlich die jungen Erwachsenen, die sich damit auseinandersetzen sollen, was häusliche Gewalt ist, wie sie sich auswirkt und ob sie zu überwinden ist. Oft genug sind sie in der einen oder anderen Form selber betroffen. Dass das Buch so spannend gestaltet ist, ist seine Stärke. Deshalb kommt es auch gut an.

    Fazit: Für ein Jugendbuch, ab fünfzehn, ist „Das wirkliche Leben“ ein großartiger Roman, der die Thematik der häuslichen Gewalt spannend und langeweilefrei aufbereitet; für mich als Erwachsene ist das Sammelsurium an Einfällen oft zu kurios. Und was das Buch im „Literarischen Quarett“ vom Mai 2020 zu suchen hatte, ist mir schleierhaft.

    Kategorie: Junge Erwachsene: 5 Punkte
    Kategorie: Belletristik. Anspruchsvolle Literatur: 3 Punkte.

    Verlag: dtv, 2020

  1. Lieblingsbuchpotential

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Mai 2020 

    Dieses Buch überrascht auf vielfache Weise.
    Zunächst einmal ist der Erzählstil sehr ungewöhnlich, erfrischend, plastisch, voller origineller Vergleiche, mit einigem Humor aber auch Einfühlungsvermögen.
    Mit einem lachenden und einem weinenden Auge liest man hier von einem Mädchen, das sich nicht unterkriegen lässt, obwohl ihr Elternhaus ihr große Probleme bereitet. Sie entwickelt eine höchst skurrile Idee, der Situation zu entfliehen und verfolgt ihren Plan mit höchstem Einsatz.
    Hier gibt es Brutalität und auch Schicksalsschläge und Verstörendes zu verdauen, dieses Buch trifft, macht aber bei aller Tragik auch Mut. Immer wieder trifft sie originelle Menschen, die ihr helfen und das mutet fast eine bisschen märchenhaft an. Da kommt die gute Fee, wenn es am finstersten ist, aber es wird so präsentiert, dass wir wundervoll finden, was jedem anderen Autor als Kitsch angekreidet würde.

    Dieses Buch ist warmherzig und brutal, witzig und traurig, kitschig und originell, ein sehr reales Märchen, das ich unbedingt weiterempfehle.

  1. Jäger und Gejagte

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Apr 2020 

    Der abendliche Besuch des Eismanns mit seinem Wagen in der Siebzigerjahre-Fertighaussiedlung am Wald ist ein wiederkehrender Höhepunkt im ansonsten bedrückenden Alltag der namenlosen Ich-Erzählerin und ihres jüngeren Bruders Gilles. Doch der Traum vom Eis mit Sahne wird zum Alptraum, als an einem Sommerabend die Sahnemaschine explodiert und das Gesicht des freundlichen Verkäufers zerfetzt. Ein Ereignis, das alles verändert, und nicht das letzte Gesicht, das in dieser Geschichte zerstört wird.

    Ein Trauma und seine Folgen
    Vielleicht hätte das traumatische Erlebnis in einer funktionierenden Familie aufgefangen werden können, der sechsjährige Gilles wäre nicht versteinert und hätte sein Milchzahnlächeln behalten. So aber fühlt sich die zehnjährige Schwester verpflichtet, den geliebten Bruder zu retten und ihm sein Lächeln zurückzugeben. Stattdessen nimmt die Leere in seinen Augen beständig zu:

    "Da begriff ich, dass die Druckwelle der Explosion einen Zugang zu Gilles‘ Kopf freigelegt und das Monster, das unter unserm Dach hauste, diesen Zugang genutzt hatte, um sich in meinem kleinen Bruder einzunisten."

    „Das Monster“ ist die ausgestopfte Hyäne im Trophäenzimmer des Vaters, eines passionierten Großwildjägers, der die ängstliche Mutter vor den Augen der Kinder brutal misshandelt. Ist er nicht auf Jagdreise, ist sie seine Beute.

    Die Zeit zurückdrehen
    In der Ich-Erzählerin reift ein fantasievoller Plan zu Gilles‘ Rettung vor seinen Dämonen. Eine Zeitmaschine könnte nicht nur den Tod des Eismanns, sondern auch die Gewaltexzesse des Vaters ungeschehen machen:

    "Da rief ich mir ins Gedächtnis, dass das, was ich da sah, letztlich nicht von Bedeutung war – weil ich schon bald mit meiner Zeitmaschine in die Vergangenheit reisen würde. In meiner neuen Zukunft, in meinem wirklichen Leben würde all das nicht geschehen."

    Während der Bruder mit zunehmendem Alter seine Aggressionen an wehrlosen Tieren austobt und zusehens unter den Einfluss des Vaters gerät, muss die Ich-Erzählerin sich von der unmittelbaren Umsetzung ihres Planes verabschieden. Sie wendet sich stattdessen der Physik zu, die ihre große Leidenschaft wird. Aber auch hier lauert Gefahr:

    "… denn allmählich begriff ich, dass das kleinste bisschen Ambition meinerseits ihn [den Vater] feindselig stimmte. Er erwartete von mir, dass ich wie meine Mutter wurde. Eine schlaffe, leere Hülle ohne eigene Ziele und Wünsche."

    Zunehmend wird auch sie zur Beute des Vaters und zum Ziel seiner sadistischen Einfälle. Anders als die Mutter ist sie jedoch nicht bereit, die Opferrolle widerspruchslos anzunehmen:

    "Tief in meinem Innern wuchs etwas heran, das größer, das gewaltiger war als ich. […] Dieses Tier wollte meinen Vater verschlingen. Und all die, die mir Böses tun wollten. Und es brüllte so laut, dass es die Finsternis zerriss. Ich war keine Beute mehr. Damit war Schluss. Und auch kein Raubtier. Ich war ich und dieses Ich war durch nichts totzukriegen."

    Gewalt und innere Stärke
    Das Romandebüt der 1982 geborenen belgischen Dramaturgin und Theaterschauspielerin Adeline Dieudonné, ein Verkaufserfolg in Frankreich, wartet mit schockierend brutalen, für mich teilweise kaum erträglichen Gewaltszenen auf. Andererseits haben mich die innere Stärke der Protagonistin, ihr unbändiges Streben nach einem besseren Leben und der ungeschminkt-sachlich wirkende Bericht über fünf Horrorjahre sehr beeindruckt.