Das Wetter hat viele Haare

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Wetter hat viele Haare' von Renate Silberer
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3 von 5 (1 Bewertungen)

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:176
EAN:9783218010818

Rezensionen zu "Das Wetter hat viele Haare"

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 12. Sep 2017 

    Leben in Splittern...

    Eine Beziehung eskaliert, ein Kind wird geboren, eine Spurensuche beginnt: 11 Erzählungen kreisen um die Familien- und Lebensgeschichten der zwei Paare Annemarie und Manfred, Hanni und Karli. Realistische, oft auch traumartige Momentaufnahmen beleuchten Aspekte ihrer Biografien und folgen den Spuren der Erinnerung. Die Geschichten gleichen Mosaiksteinen: Sie zeigen die Figuren in unterschiedlichen Konstellationen ihres Lebens, erzählen von innerem Aufruhr, ihrem Scheitern, ihrem Aufbegehren und bewegenden Ereignissen. Am Ende entsteht ein neues Bild, zusammengesetzt aus den Splittern der Vergangenheit.

    Ich lasse mich immer wieder gerne auf Neues und Unbekanntes ein, und da mir hier das Cover (das Weltall in Scherben oder Splittern) sehr gefiel und der ungewöhnliche Titel mich neugierig machte, freute ich mich, als ich die Möglichkeit erhielt, hier mitzulesen. Der Klappentext sowie die Leseprobe zeigten mir bereits, dass mich der Schreibstil von Renate Silberer sehr ansprechen würde.

    11 Erzählungen erwarten den Leser hier, erzählt aus wechselnden Perspektiven - Geschichten von Paaren, Kindheitserinnerungen, Freundschaften, gescheiterten Beziehungen, Krisen. So unzusammenhängend, wie die Erzählungen zunächst erscheinen, hängen sie auf eine besondere Art dennoch zusammen. Denn die Personen tauchen in verschiedenen Konstellationen immer wieder auf, als Geschwister, als Freunde, als Paare, als Eltern. Und erzählen Splitter ihrer Vergangenheit, treffen sich in ihren Erinnerungen. Ein gemeinsamer Nenner ist, dass hier jeder irgendwie unglücklich und unvollständig ist, auf der Suche, in psychischen und emotionalen Ausnahmezuständen. Jeder ist vereinzelt und wird von den anderen nicht wahrgenommen, nicht gesehen, nicht gehört, oft auch nicht ernst genommen.

    Die Art der Erzählung variiert dabei von Kapitel zu Kapitel teilweise ganz erheblich. So waren meine Empfindungen zu den einzelnen Erzählungen auch ganz unterschiedlich. Im ersten Kapitel beispielsweise war ich sehr angetan von dem Schreibstil. Nicht anklagend oder voller Selbstmitleid, was die Schilderung der Schicksale anbelangt, und doch kam etwas Dunkles, Schweres rüber. Verknappt wirkte hier die Erzählung auf mich und doch schwang auch vieles zwischen den Zeilen mit. Und manche Sätze wirkten auf mich sehr poetisch und ansprechend:

    "Umgeben von Mutterhaut und Knochen blickte ich auf ihren Mund (...) Alles die Mutter, ich konnte mich nicht in ihr finden." (S. 11)

    Andere Kapitel waren dagegen eher verwirrend für mich. Dort domnierten dann abgebrochene und unvollständige Sätze, Reales vermischte sich mit Traumartigem und Surrealem, oftmals geriet der Text sehr symbolbefrachtet, aber auch unverständlich, z.T. selbst für den erzählenden Hauptcharakter. So etwas überfordert mich, und ich fühle mich dabei eher unwohl als dass ich die Schreibkunst oder die möglicherweise ausgefeilte Symbolik bewundern könnte. Wenn Texte zu symbolbefrachtet sind, das Surreale überhand nimmt und alles nur noch eine Frage der Interpretation wird, verliere ich persönlich ein wenig die Freude am Lesen. Zwischenzeitlich hatte ich dementsprechend zunehmend Schwierigkeiten mit dem Buch.

    Gegen Ende konnte ich mich mit dem Erzählband aber wieder versöhnen. Es gab dort kaum noch surreale Szenen, die Sätze wurden vollständiger, das Geschehen zunehmend in der Realität verankert. Die lyrischen Passagen haben mir dabei besonders gefallen.

    Renate Silberer zeigt in ihrem Prosadebüt eine große Experimentierfreude. Je nach Gemütszustand passt sie die Erzählweise an, die die Gedankenwelt so im Grunde spiegelt. Eine interessante Mischung, die mich allerdings nicht durchgängig begeistern konnte.

    © Parden