Das Volk der Bäume

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Volk der Bäume' von Hanya Yanagihara
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Volk der Bäume"

Gebundenes Buch
Der junge Arzt Norton Perina kehrt mit einer unfassbaren Entdeckung von der Insel Ivu'ivu zurück: Hat er wirklich ein Mittel gegen die Sterblichkeit gefunden? Eine uralte Schildkrötenart soll die Formel des ewigen Lebens bergen. So kometenhaft er damit zur Spitze der Wissenschaft aufsteigt, so rasant vollzieht sich die Kolonisierung und Zerstörung der Insel. Mit gnadenloser Verführungskraft zieht Hanya Yanagihara uns hinein in den Forscherrausch im Urwald und lässt uns auch dann nicht entkommen, als Perina dort eine weitere Entdeckung macht: seine fatale Liebe zu Kindern. Wie betrachten wir eine Lebensleistung, wenn sich das Genie als Monster entpuppt? Ein brillant geschriebener, gefährlicher Dschungel von einem Roman.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:480
Verlag: Hanser Berlin
EAN:9783446262027

Rezensionen zu "Das Volk der Bäume"

  1. Ein beeindruckendes Konstrukt!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Sep 2020 

    Hier habe ich ein Buch gelesen, welches es mir inhaltlich nicht leicht gemacht hat!

    Ein wirklich unsympathischer Hauptcharakter gibt Einblicke in seine Gedankenwelt. Der Arzt Norton Perina macht eine ungeheuer wichtige Entdeckung, ist also auf wissenschaftlichen Gebiet eine Koryphäe, menschlich dagegen zeigt Perina einige unschöne Züge, die sich gen Ende bis ins Unermessliche Steigern, ekelerregend sind. Und hier möchte ich vorwarnen, es geht um Kindesmissbrauch, nicht jeder Leser möchte so etwas lesen. Mit der Zeichnung des Hauptcharakters wird in diesem Buch eine Frage gestellt. was ist wichtiger bei einem Menschen, das Gute oder das Schlechte? Doch kann man beides gemeinsam bewerten? Oder muss man hier nicht trennen? Einerseits eine Koryphäe und andererseits ein Straftäter!

    Gleichzeitig ist dieses Buch ein Bericht, wie die westliche Welt mit anderen Kulturen umgeht/umgegangen ist. Der Schutz einer anderen Kultur oder der Schutz der Tier- und Pflanzenwelt war der westlichen Welt lange vollkommen egal, erst nach und nach regten sich andere Geister, dennoch dauert eine Veränderung im Denken lange, wie man auch momentan beim Klimaschutz beobachten kann. In diesem Bericht wird dem Leser genauso die Frage nach seiner Bewertung des Geschehens gestellt. Besonders gut gelungen fand ich hierbei die Beschreibung des Lebens auf Ivu'Ivu, einer fiktiven mikronesischen Insel, deren Bewohner/ihre Kultur dennoch recht real gezeichnet ist, in ihrer Art manchmal an reale Kulturen erinnert. Oft habe ich bei der Lektüre an werke der Ethnographie aus der Zeit der Entdeckungen denken müssen. Der große westliche Beobachter und sein Blick auf eine andere Welt/auf eine andere Kultur mit der Brille der eigenen Wert- und Moralvorstellungen. Nicht immer korreliert so etwas.

    Genauso interessant wie die Thematik ist auch der Stil des Buches. Die autobiographische Betrachtung von Perinas Leben durch ihn selbst, gespickt mit Beobachtungen und Meinungen eines Freundes von Perina machen dieses Buch zu etwas Besonderem, teilweise zwar etwas schwierig zu lesen, ich finde zum Beispiel, dass die Fußnoten sich nicht über mehrere Seiten hätten erstrecken dürfen. Aber auch das habe ich schon anderswo genauso gesehen. Die Schreibe Hanya Yanagiharas ist aber derartig intensiv und die Thematik so ungeheuer vielschichtig, dass man förmlich gezwungen ist 5 vollkommen verdiente Sterne zu vergeben. Genauso wie die Schreibe Yanagiharas derartig real rüberkommt, dass man sehr geneigt ist alles Geschriebene zu glauben. Dennoch ist dieses Buch eine Fiktion, die aber auf einem wahren Fall basiert, dem Fall von Gajdusek!

  1. Terra incognita

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 31. Mär 2019 

    Norton Perina ist Arzt, Forscher, Wissenschaftler, Nobelpreisträger. Auf einer mikronesischen Insel erforschte er den Mythos der Unsterblichkeit. Eine unbekannte Schildkrötenart soll den Schlüssel zum ewigen Leben bergen. Es sind die „Träumenden, die von dem Schildkrötenfleisch gegessen haben und hunderte Jahre alt werden, während ihre geistige Verfassung demenzartig abbaut. Wochen-, monatelang verbringt Perina mit dem Anthroplogen Paul Tallent und dessen Assistentin Esme auf der einsamen Insel, lernt deren Gebräuche und Initiationsriten kennen. Mit der Zeit adoptiert Perina insgesamt 45 Kinder von der Insel. Als alter Mann wird er wegen Vergewaltigung und Unzucht mit Minderjährigen zu zwei Jahren Haft verurteilt.
    Hanya Yanagihara hat für ihren Erstling Das Volk der Bäume die Geschichte von Daniel Carlton Gajdusek, der auf Papaua Neuguinea die Prionkrankheit erforscht und unzählige Kinder der Eingeborenen adoptiert hat, zum Vorbild genommen.
    Das Buch beginnt mit der Verurteilung Perinas. Während der Zeit in Haft verfasst Perina seine Memoiren. Es ist die zunächst langweilige Selbstbeweihräucherung eines blasierten Studenten und Doktoranden, dem der Zufall zu dem Forschungsauftrag führt, der Perinas Leben verändern wird. Perina ist herablassend, präpotent, dabei ein äußerst unzuverlässiger Erzähler.
    Mir hat dieses Buch einiges an Durchhaltevermögen abverlangt. Hanya Yanagiharas Beschreibungen der Terra incognita sind opulent, ausufernd, bildgewaltig. Perina selbst scheint emotionslos und nahezu angeödet.
    „O Gott, dachte ich, kann sich denn nichts in diesem Dschungel verhalten, wie es soll? Müssen sich Früchte bewegen und Bäume atmen und Süßwasserflüsse nach Ozean schmecken? Warum muss alles so überdeutlich darauf hinweisen, dass Verzauberung hier Realität ist?“ lässt sie Perina schreiben. Ich dachte so ähnlich. Eigentlich wollte ich nur weg von dieser Insel, voller widerwärtiger, mit Parasiten gefüllter Früchten, abscheulicher Beschreibungen von geplagten Kreaturen und primitiver Riten. Dabei wird im Text unzählige Male auf Indexverweise zurückgegriffen. Irgendwann habe ich mir das Blättern nach fiktiven Quellenangaben gespart.
    Genie oder Monster, diese Frage kann man bei diesem Buch nicht unvoreingenommen begegnen. Perina zerstört zum Zwecke der Forschung eine ursprüngliche Zivilisation, vergewaltigt Mensch und Natur. Vielleicht ist es, weil das Buch aus der Sicht des Täters, des Zerstörers der ursprünglichen Zivilisation, des Kinderschänders, geschrieben ist, dass es mich nicht erreichen konnte.
    Martin Pesl schrieb in seiner Rezension im Falter: „Man liest weiter, nicht so sehr, weil einen die Details rund um das ohnehin fiktive Baumvolk interessieren, sondern weil man verdammt noch mal endlich wissen will, wo der Typ eigentlich ang’rennt ist.“ Danke, besser kann man es nicht ausdrücken.