Das Verschwinden der Erde: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Verschwinden der Erde: Roman' von Julia Phillips
4.2
4.2 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Verschwinden der Erde: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:376
EAN:9783423282581

Rezensionen zu "Das Verschwinden der Erde: Roman"

  1. Drama in einem abgehängten Landstrich

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Feb 2021 

    Als erstes fällt die ungewöhnliche Struktur des Romans auf. Dreizehn Kapitel erzählen Ereignisse aus der Sicht jeweils einer anderen Person, jedes Kapitel ist übertitelt mit dem Monatsnamen, insgesamt unfasst der Zeitraum ein Jahr. Immer sind es Frauen oder Mädchen, die im Mittelpunkt stehen; alle durch Verwandtschaft, Freundschaft oder beruflich miteinander verbunden. Und ungewöhnlich ist schließlich auch das Setting: die Halbinsel Kamtschatka im äußersten Osten Russlands. Eine prachtvolle Vulkanlandschaft, aber wenig erschlossen. Wegen der besonderen Lage - auf dem Landweg ist die Halbinsel nur schwer erreichbar - diente Kamtschatka zu Sowjetzeiten als Militärstützpunkt. Gegenwärtig ist es ein strukturschwaches, dünn besiedeltes Gebiet. Die wenigen indigenen Menschen, die hier noch leben, werden oft als Leute zweiter Klasse behandelt. Kaum jemand hat große Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, und die größten Verlierer scheinen die Frauen zu sein.

    In "August", dem Eingangskapitel, verschwinden vom Strand bei Petropawlowsk, der größten Stadt der Halbinsel, die russischen Schwestern Sofija und Aljona. Eine Zeugin will sie noch bei einem Unbekannten im Auto gesehen haben - die Leserin weiß: die Kinder wurden entführt. Die (eher schleppend vorangetriebenen) Ermittlungen und die Auswirkungen des Vorfalls sind aber nur der Aufhänger für das, worüber die Autorin erzählt: gescheiterte Lebensentwürfe, vergebliches Bemühen, Vorurteile, Langeweile und - immer wieder - die Verantwortungslosigkeit der Männer, vor allem der Väter. Die geballte Ladung toxischer Männlichkeit muss die Leserin über sich ergehen lassen, und Verständnis für die Freunde, Ehemänner, Väter jener geschilderten Frauen und Mädchen wird - bis auf wenige Ausnahmen - von der Autorin weder gezeigt noch eingefordert. Die Frauen müssen alleine klarkommen, und sie tun es auch; im großen und ganzen.

    Die kunstvolle Verwobenheit der einzelnen Kapitel, die fortschreitend immer neue Frauen in den Fokus rücken und zugleich die Geschichte früherer Hauptpersonen nebenher weitererzählen, ist bestechend, bringt aber mit sich, dass jeder geschilderte Lebenskonflikt den gleichen Raum und Stellenwert erhält: die junge Russin beim Campingausflug, deren Freund hinreißend schön und sexy, aber nun mal nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, beschäftigt uns ebenso lang und intensiv wie die Krankenschwester, die zum zweiten Mal Witwe wird, und die allein lebende Wissenschaftlerin, die verzweifelt nach ihrem Hund sucht. Es wird viel Alltägliches erzählt und viel Erschütterndes und tief Bewegendes. Die Autorin, die zehn Jahre an dem Buch gearbeitet und mehrmals eingehend an Ort und Stelle recherchiert hat, widmet auch dem indigenen Volk der Ewenen intensive Aufmerksamkeit, macht die untergehende Welt der Menschen fühlbar, die ihre traditionelle Lebensweise weiterverfolgen, obwohl sie immer mehr zur örtlichen Folklore verkommt. Auch die Landschaft wird mit eindringlichen Schlaglichtern geschildert - die Berge und heißen Quellen, die Wälder (sogar ein Bär tritt auf) und die Unsicherheit, die das Leben in diesem Land intensiver Vulkanaktivität mit sich bringt.

    Fazit: Ein lesenswerter Roman aus einem fremdartigen Land, einfühlsame Schilderung großer und kleiner Konflikte; die Sprache klar und präzise mit gelegentlichen poetischen Wendungen.

    ".... Endlich konnten Kamtschatkas Einwohner ihr eigenes Land erkunden. Katjas Familie war nördlich bis nach Esso gereist, um die Ureinwohner und ihre Rentierherden zu sehen, nach Westen, um die Krater zu besichtigen, und in den Süden, um Kaviar aus den nicht mehr bewachten Seen zu holen. Sie verbrachte ihre Jugend in der kurzen, unbekümmerten Phase zwischen kommunistischem Stillstand und Putins Aufstieg, und obwohl sie in die Rolle einer Grenzkontrolleurin hineingewachsen war, die Einfuhren inspizierte und Vorladungen aussprach, steckte in ihr noch immer das postsowjetische Kind. Ein Teil von ihr sehnte sich nach der Wildnis. Katja wurde eins mit der Dunkelheit."

  1. Kamtschatka und seine Frauen – Traurig schön

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Feb 2021 

    “Das Verschwinden der Erde” von Julia Phillips entführt uns in eine ungemein abgelegene Gegend der Erde: nach Kamtschatka, einer Halbinsel mit phänomenaler Natur am östlichen Rand Russlands, tausende Kilometer entfernt von dem Teil der Erde, der gemeinhin für Russland steht und von dem aus auch dieser abgelegene Teil bestimmt und regiert wird, trotz der Distanz und Andersartigkeit. Julia Phillips hat selbst einige Male diese Gegend besucht und möchte in ihrem Buch dem Leser diese Gegend näher bringen.
    Sie versucht das, indem sie episodenhaft über eine Reihe von Frauen, die ihr Leben auf dieser Halbinsel verbringen und gestalten, berichtet. Zusammengehalten und zu einem Ganzen gemacht werden diese Episoden durch eine Klammer in Form eines Ereignisses, das die Bewohner Kamtschatkas aufgerüttelt hat: zwei Mädchen sind verschwunden. Zuletzt gesehen am „Strand“ der Hauptstadt Petropawlowsk bleiben alle Bemühungen, sie wiederzufinden, über Monate hinweg ohne Erfolg. Dieses Verschwinden und die Suche kommen in der ein oder anderen Form in jeder der Episoden am Rande vor. Aber das Geschehen bewegt sich teilweise auch sehr weit von diesem Kern des Geschehens weg. Die Episoden, die im Monatsabstand ein Frauenschicksal in den Blick nehmen, zeigen den Lesern auf, mit welchen Sehnsüchten und Hoffnungen und mit welchen Niederlagen und Unglücken die Frauen in den Siedlungen dieser Region - Russinnen und Angehörige der Ureinwohner – ihr Leben gestalten. Die Grundstimmung ist dabei eher düster und von einem melancholischen Sehnen nach dem besseren Leben und dem Ausbrechen geprägt. Auch von einem nostalgischen Nachhängen den vermeintlich besseren Tagen der Sowjetunion, als Ausbrechen in Teilen vielleicht auch etwas einfacher schien, war doch die Staatsmacht und Moskau damals wohl wesentlich präsenter und erschien damit fürsorglicher ihrem fernen Staatsteil gegenüber. So erscheint die Nostalgie im Gesamtkontext durchaus etwas verständlich:

    Doch als sich das Land veränderte, ging Kamtschatka mit ihm unter. Eine ganze Zivilisation kam abhanden. Walentina tat ihre Tochter leid, so wie alle Kinder, die nun ohne die Liebe des Mutterlandes aufwuchsen.

    Nur: wo und für wen ist Ausbrechen wohl schwerer realisierbar als für Frauen in einer so männlich dominierten und durch die Natur so sehr isolierten Gegend? So bleiben die Sehnsüchte unrealisiert und die Träume im Verborgenen. Die Frauen leben weiterhin in ihrem Leben, in dem sie umgeben sind von einer im Roman deutlich herausgearbeiteten „Schäbigkeit“ der Umgebung sowie von einer spektakulären, mächtigen Landschaft. Julia Phillips macht sehr weitgehend Kamtschatka zur eigentlichen Heldin ihres Romans. Das Leben in dieser Gegend und seine wichtigsten Charakteristiken und Eigenschaften werden in der Gesamtschau der Episoden sehr plastisch und erkennbar. Das geht bis hin zum Geruch in den Straßen und dem Hafen von Petropawlowsk sowie dem Geruch, den auch die Menschen dieser Gegend aufgesogen haben und ausströmen. Indem sie auf eine durchgehende Handlung mit einer klaren Hauptfigur verzichtet, kann die Hauptheldin Kamtschatka richtig zu Tage treten und entfaltet werden.
    Zurück zur Hauptgeschichte rund um das Verschwinden der zwei Mädchen kehrt die Romanhandlung in den letzten beiden Monatsepisoden. Nach monatelanger mehr oder weniger intensiver und professioneller Suche und Polizeiarbeit erhält die Mutter der Mädchen ganz zufällig auf einer Sonnwendfeier einen Hinweis, der, als sie ihm selbständig nachgeht, tatsächlich eine Spur ihrer Töchter ergibt, doch ob diese tatsächlich zum Auffinden der Töchter finden kann, erfährt der Leser im Roman nicht mehr. Diese Frage bleibt offen und unbeantwortet. Aber: die Autorin lässt den Leser mit einem Hoffnungsschimmer zurück, so wie sich alle Frauen in diesem Roman irgendwie noch Hoffnungen auf etwas Anderes, Neues, Besseres machen, trotz ihrer gefühlten melancholischen Trostlosigkeit.
    Mein Fazit:
    Der Roman trifft eine ganz besondere Stimmungslage, und vermag diese sehr überzeugend zu gestalten und mit dem besonderen „Setting“ des Romans in der Weltabgeschiedenheit Kamtschatkas in Einklang zu bringen.
    Und ein ganz individuelles Fazit:
    Kamtschatka steht schon seit vielen Jahren auf meiner Bucket-List. Schaffe ich es wirklich einmal, diese ganz besondere Gegend zu bereisen, dann werde ich den Menschen dort mit einer ganz besonderen Haltung begegnen, zu der mir dieses Buch verholfen hat.
    Das ist doch etwas und führt zu vier fetten Sternen!

  1. Größtenteils deprimierend

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Feb 2021 

    Kurzmeinung: Die Sprache ist nicht ausgefeilt (genug) und von daher gewöhnungsbedürftig.

    Die Autorin Julia Phillips hat sich für ihren Episodenroman, der sich über ein Jahr hin erstreckt und dessen zwölf Kapitel nach den Monaten eines Jahres benannt sind, August fortlaufend bis Juli, plus dem dreizehnten Kapitel Silvester, ein besonderes Setting ausgesucht, nämlich die sibirische Halbinsel Kamtschatka.

    Sie erzählt von dem Leben in diesem abgelegenen Landstrich. Die Sowjets haben Kamtschatka übernommen, es wurde zwangsbesiedelt mit Russen, die die Kultur der Ureinwohner überlagern und die Überlegenheit der Besatzungsmacht demonstrieren. Das fängt bei der Sprache an, die in der Schule nicht gelehrt wird und „früher“ sogar verboten war und führt stracks in der Chancenlosigkeit, einen Job zu bekommen oder zu halten, wenn man Kinder hat. Die Frauen sind eindeutig benachteiligt. Die ursprüngliche Kultur des Landes, das Nomadenleben, wird in den Städten verspottet, die rituellen Tänze des Volks sind ein Nischenprodukt und und dienen zur touristischen Unterhaltung.

    Julia Phillips weiß, wovon sie redet, sie hat ein Studienjahr in der kamtschatkischen Hauptstadt Petropawlowsk-Kamtschatski verbracht.Das macht ihren Roman wertvoll und authentisch.

    In ihrem Roman „Das Verschwinden der Erde“, dessen Titel freilich dem Leser sich nicht ohne die Phantasie zu Hilfe zu nehmen, erschließt, konzentriert sich die Autorin fast ausschließlich auf die Darstellung von Frauenleben. Sie schildert in zahlreichen Abwandlungen deren Abhängigkeiten von ihren Ehemännern, Geliebten und Freunden. Vorgesetzten. Die Frauen scheinen chancenlos. Selbst die stärksten unter ihnen, müssen tiefgreifende Verluste hinnehmen. Der Roman weist durchgehend eine triste und depressive Stimmung auf. Obwohl die Landschaft bergig und sehr schön sein muss, umwerfend schön sogar, haben die wenigsten Gelegenheit sie zu genießen. Das Land scheint rückständig und sowohl vom gesellschaftlichen wie auch vom wirtschaftlichen Fortschrift abgehängt.

    In der Eingangsepisode werden zwei junge Mädchen entführt. Eine Weile spricht man darüber in den sporadisch stattfindenden gesellschaftlichen Zusammenkünften, die Polizei reißt sich nicht gerade ein Bein aus, um den Fall zu klären.

    Der Kommentar:

    Das Buch ist leicht zu lesen und erlaubt einen Einblick in ein entlegenes und vergessenes Land. Seine kurzen Hauptsätze lassen den Lesefluss oft stocken und erscheinen abgehackt, die Sprache ist modern gesetzt. Das ist Geschmackssache. Dem einen gefällts, dem anderen nicht. (Mir nicht).

    Fazit: Das starke Plus des Romans ist sein Setting und die Gesamtkomposition. Die 13 Erzählungen haben einmal mehr und einmal weniger Kraft. Ein weiteres Plus sind die Karte der Halbinsel und das Personenverzeichnis.

    Kategorie: Belletristik
    Verlag dtv, 2021

  1. Ein Rätsel und viel Geschichte in der Geschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Jan 2021 

    Dieses Buch ist berührend und eindrucksvoll, allerdings auch nicht ganz einfach.
    Zwei Mädchen verschwinden in der Kleinstadt Petropawlowsk auf der Halbinsel Kamtschtka. Sie waren nachmittags Strand, sind sie ertrunken? Eigentlich war es viel zu kalt zum Baden. Eine Spaziergängerin hat zwei Mädchen und einen Mann im Auto gesehen.

    Das ist der rote Faden, um den herum hier kunstvoll ein kompliziertes Gespinst gewoben wird. In Episoden lernt man die unterschiedlichsten Menschen kennen, die offensichtlich nichts miteinander zu tun haben, dann aber doch ganz am Rande eine lose Verbindung besitzen.
    Und während das Rätsel um die verschwundenen Mädchen in großen Kurven eingekreist wird, erfährt man von zahlreichen anderen Schicksalen. Es ist, als wäre man bei all diesen Menschen zu Besuch, lernt sie und ihre Sorgen gut kennen, fühlt mit ihnen.
    Julia Phillips schafft es tatsächlich, dass man in nur einem Kapitel eine ganze Welt kennenlernt, die eigen ist aber interessant. Man möchte wissen, wie es weitergeht, verlässt diese Szene aber und springt in das nächste, ebenso fesselnde, Schicksal. Und ab und zu bekommt man dann in einem ganz anderen Zusammenhang nochmal einen Hinweis auf Bekanntes aus einem ganz anderen Blickwinkel.
    Das ist sehr verzwickt, aber fesselnd und genial. Mein einziger Kritikpunkt: Das Buch muss durch diesen Aufbau den direkten Vergleich mit „Dort Dort“ aushalten und da fällt es stilistisch ein wenig ab.
    Und auch wenn man letztendlich einem Verbrechen auf der Spur ist, bekommt man doch einen Eindruck vom Leben in Kamtschtka, einer russischen Halbinsel kurz vorm Ende der Welt, gleich neben der Arktis, wo die Bevölkerung ein buntes Gemisch aus indigenen Ureinwohnern und weißen Russen bildet, mit allen dazugehörigen Konflikten und Vorurteilen. Es gibt noch immer im hohen Norden Ewenen, Tschuktschen, Korjaken oder Aleuten mit Traditionen, die trotz aller Sowjetisierungsversuche noch gelebt, bewundert oder auch belächelt werden.

    Dieses Buch ist ein Erlebnis. Es bietet ein Rätsel und viele Geschichten in der Geschichte, ein Verbrechen mit Aufklärung und dazu noch ganz viel altes und neues Russland, eiskalt, melancholisch, auch tragisch, viele Gefühle, viel Verzweiflung aber auch ein kleines bisschen Hoffnung.

  1. Ein beachtliches Debüt

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Jan 2021 

    Julia Phillips‘ Debüt „Das Verschwinden der Erde“ hat ein großes Echo gefunden. Immer wieder sehe ich Besprechungen und Interviews und ganz offensichtlich hat das Buch auch einen hohen Werbeetat bekommen. Der Verlag hat einige Pressestimmen abgedruckt und so bezeichnet es die Los Angeles Review of Books als „ausgeklügelten und kraftvoller literarischenThriller“. Das weckt ganz bestimmte Vorstellungen und ich fürchte, das wird einige Leser enttäuschen.

    Die Autorin wählte die Kamtschatka als Setting für ihren Roman. In einzelnen Kapiteln, die nach Monaten geordnet sind, erzählt sie vom Verschwinden zweier kleinen Mädchen und was das bei den Bewohnern auslöst. Jedes Kapitel widmet sich einem Personenkreis, der irgendwie und weit verzweigt auch damit zu tun hat, ob es eine Zeugin ist, Nachbarn oder nur Bewohnern der Hauptstadt oder kleiner dörflicher Siedlungen weit im Norden. Im letzten Kapitel bekommen auch die Betroffenen eine Stimme. Manche dieser Figuren treten auch als Randfiguren in anderem Zusammenhang in Erscheinung, so dass sich allmählich ein Muster herausschält.

    Auffällig ist das Zusammenleben zwischen Russen, die auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in der Kamtschatka geblieben sind und den Ureinwohnern der Halbinsel. Beide Bevölkerungsgruppen scheinen sich argwöhnisch gegenüber zu stehen, auch wenn es immer wieder mal Verbindungen gibt. So ist zum Beispiel Ksjuscha, die es aus ihrem Dorf an die Uni geschafft hat und die mit dem übergriffigen Russen Ruslan befreundet und sogar stolz darauf ist, dass er sie auf Schritt und Tritt überwacht. Zwar fühlt sie manchmal dieses emotionale Gefängnis, aber so richtig ausbrechen möchte sie nicht, auch wenn ein indigener Volkstänzer ihr Interesse weckt. Auch bei anderen Frauenfiguren fällt mir diese Schicksalsergebenheit auf und Ausbrüche kommen nur in Form von vermehrten Wodkakonsum oder halbherzigen Fluchten vor, doch spürt man eine innere Stärke und Kraft.

    Die Zerrissenheit der Menschen, ihre innere Isolation wird dem Leser auch zwischen den Zeilen überdeutlich. Das hat vielleicht mit dieser einsamen, arktischen Halbinsel zu tun, die lange das Territorium sowjetischer Spione und für Besucher gesperrt war.
    Trotz der Struktur des Romans lässt sich das Buch leicht lesen, hat mich in Bann gezogen und berührt. Kein überflüssiges Wort, keine überflüssige Nebenhandlung, alles hat Bedeutung und fügt sich zum Ende, ohne das die Autorin einen fertigen Schluss anbietet. Auch nach der letzten Seite bleibe ich noch in dieser Geschichte und lasse meinen Gedanken freien Lauf.