Das Vermächtnis unsrer Väter: Roman

Rezensionen zu "Das Vermächtnis unsrer Väter: Roman"

  1. Alles ganz normal...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Mär 2020 

    Ein Mann tötet seine Frau, seinen Sohn und danach sich selbst. All das geschah vor 20 Jahren auf Litta, einer abgeschieden Insel der Hebriden. Nur Thommy, der zweite Sohn hat dieses Verbrechen überlebt. Nach dieser langen Zeit kehrt Thomas zurück auf die Insel, zu seinem Onkel Malcolm.
    Und mit Thomas kommen auch die Erinnerungen an die Ereignisse der Vergangenheit zurück.
    „Hätte Katrina überlebt, hätte sie hinterher gesagt, was Menschen in solchen Fällen immer sagen: dass es ein Tag gewesen sie wie jeder andere. Alles ganz normal.“
    Es sind oft die ersten Sätze, die mich an ein Buch binden. Wenn dieser erste Satz so tief in den Kern einer Geschichte eindringt, erst recht. Alles ganz normal: Eine normale Familie, Mutter, Vater, zwei Söhne. Nach außen hin. Was unter der Oberfläche verborgen ist, lässt sich erahnen, wenn man genau hinschauen möchte. Nur wer will schon hinsehen, ganz genau.
    Es ist ein raues, karges Umfeld auf dieser Insel Litta. Ein abgeschiedener Ort, jeder Mensch für sich gesehen eine kleines Ebenbild dieser Insel. Als Thomas eines Tages vor der Tür seines Onkels steht, weiß niemand, warum er eigentlich zurückgekommen ist. Ganz vorsichtig, wie ein brüchiges Stück Papier, herausgerissen aus einem Lebensbuch, entfaltet die Autorin diese Geschichte. Dabei kommt sie diesen unnahbaren Charakteren langsam und behutsam näher, betrachtet sie von allen Seiten.
    Die schottische Autorin Rebecca Wait hat mit diesem kleinen Roman „Das Vermächtnis unsrer Väter“ eine Geschichte erzählt von Schuld, Verdrängung, von in Verstoß geratenen Erinnerungen, von Verantwortung sich selbst gegenüber und gegenüber derer, die man liebt. Sie erzählt von dem Kind Thommy, dem die Vergangenheit eine Last aufgeladen hat. Von Thomas, der als Erwachsener noch immer schwer an dieser Last zu tragen hat. Aber sie erzählt auch von Katrina, der Mutter, deren Welt geschrumpft ist, als sie ein Leben mit einem Mann teilte, der Kontrolle für Liebe hielt. All das muss uns die Autorin erzählen, weil die Menschen, die es betrifft, nie gelernt haben über die Unfassbarkeit des Geschehens zu sprechen.
    Rebecca Wait hat mit diesem kleinen Roman Herzensbuch für mich geschrieben. Ein Buch, in dem so wenig miteinander gesprochen und trotzdem so viel erzählt wird. Stellvertretend für seine Protagonisten lässt sich das Buch umarmen und ins Herz schließen.

  1. So schrecklich und doch so alltäglich

    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Feb 2020 

    Manchmal stößt man durch Zufall auf Romane, die weniger bekannt, nichtsdestotrotz aber sehr lesenswert sind. So ging es mir mit „Das Vermächtnis unsrer Väter“ von Rebecca Wait. Erschienen ist dieser 336-seitige, nachdenklich stimmende psychologische Roman im September 2019 bei Kein & Aber.
    Es ist ein Tag wie jeder andere, als John zu seiner Schrotflinte greift und fast seine ganze Familie und sich selbst auslöscht. Der einzig Überlebende: sein Sohn Tommy, der etwas später seine Heimat, die fiktive Hebrideninsel Litta, verlässt. Zwanzig Jahre später kehrt er zurück und reißt damit auf dem kleinen Eiland alte Wunden auf.
    Hätte das Unfassbare verhindert werden können? Welche Schuld haben Verwandte, Freunde, Bekannte auf sich geladen?
    Was treibt einen Menschen zu solch einer Tat? Welchen Anteil hat die Veranlagung? Welchen die Sozialisation?
    Und schließlich: Wie lebt es sich als einziger Überlebender nach einem solchen Schicksalsschlag?
    Dieses alles sind Fragen, denen die Autorin nachspürt – freilich ohne, und das macht das Buch so glaubhaft, zu einer befriedigenden Antwort zu gelangen.
    Niemand empfängt ihn mit offenen Armen, als Tommy nach langjähriger Abwesenheit zurückkehrt. Sein Onkel, Malcolm, empfängt ihn distanziert, doch keineswegs feindselig. Hilflosigkeit ist wohl das beste Wort, diese erste Begegnung seit langem zu beschreiben. Angeregt durch diese erneute Begegnung, reflektiert er seine eigene Rolle. Anders indes die ehemalige Nachbarin, Fiona. Sie verhehlt nicht, dass sie Tom am liebsten sofort wieder loswürde. Doch was ist es, was sie treibt? Schlummert tief in ihr nicht doch ein schlechtes Gewissen? Der Roman lässt keinen Zweifel daran, dass vieles noch nicht aufgearbeitet wurde. Und vor allem ist da die Furcht der Inselbewohner/innen, doch etwas übersehen zu haben.
    Auch Johns und Tommys Kindheit lässt die Autorin immer wieder in gedanklichen Rückblenden Revue passieren. Der zweite Teil dieses dreiteiligen Romans ist gar Tommys Mutter, Katrina, gewidmet. Alle Beteiligten hatten es nicht leicht im Leben. Doch reicht dieses allein aus, das Unglaubliche zu erklären?
    Tommy selbst hadert seit seinem Kindheitstrauma mit seinem Leben. Immer wieder bemerkt er Züge der Unbeherrschtheit an sich, die er auch von seinem Vater kennt. Diese machen ihm Angst. Woher rühren sie? Sein Aufenthalt auf Litta schließlich weckt Erinnerungen in ihm, die ihm den Eindruck vermitteln, selbst die Tat seines Vaters provoziert zu haben. Und dann ist da noch die Frage: Warum hat ausgerechnet er überlebt?
    Es sind vor allem die nicht vorhandenen Antworten auf die Fragen, die diesen Roman lesenswert machen, zum Nachdenken anregen und ihn von der schnellen Meinungsmache, die in unserer Gesellschaft herrscht, unterscheiden. Manchmal stehen wir mitten im Alltag vor dem Unfassbaren … und wissen einfach keinen Rat.
    Mit der kleinen fiktiven Hebrideninsel hat Wait eine eindrucksvolle, stimmige Kulisse geschaffen: Die Landschaft ist karg, das Klima unwirtlich, die Menschen sind einsilbig und kämpfen ums Überleben. Dieses Drama vor gerade diesem Hintergrund macht das Buch noch einmal so ergreifend.
    Rebecca Wait hat ihren Roman in einer klaren, ruhigen Sprache ohne jeden Pathos verfasst. Vor allem dieses Alltägliche, die ruhigen Töne machen das Geschehen m.E. bedrückend. Die Dialoge zwischen Malcolm und Tommy versinnbildlichen die Sprachlosigkeit, die eine solche Tragödie bei den Betroffenen hinterlässt. Die unterschiedlichen Perspektiven regen die Leserschaft dazu an, sich mit den Charakteren zu identifizieren und in sich zu gehen: Wo sehe ich persönlich das Ausschlaggebende? Kann man es überhaupt festmachen?
    Wer meint, schnelle Antworten auf schwierige Frage bekommen zu müssen, wird mit diesem Buch nicht glücklich werden. Ebenfalls Liebhaber/innen offensichtlich dramatischer Szenen werden wenig Freude habe. Wer es aber eher still mag, auch einmal über sehr unangenehme Themen des menschlichen (Zusammen-)Lebens nachdenken möchte und die Konfrontation mit der rauen Wirklichkeit nicht scheut, sollte auf jeden Fall zu diesem Buch greifen.