Das Traumbuch: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Traumbuch: Roman' von Nina George
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4 von 5 (3 Bewertungen)

Können uns falsche Entscheidungen glücklich machen? Das Leben besteht aus der Summe stündlicher Entscheidungen. Doch welche sind richtig? Welche führen zu Glück, Liebe, Freundschaft – welche zu Verzweiflung und Einsamkeit? Mit dieser existenziellen Frage ringen die Verlegerin Eddie, der Kriegsreporter Henri und der hochsensible Teenager Sam, als Henri nach einem Unfall ins Koma fällt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:416
Verlag: Knaur HC
EAN:9783426653852

Rezensionen zu "Das Traumbuch: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Apr 2017 

    Zwischen Tod und Leben

    Handlung:

    »Ich liebe dich, ich will dich, für immer und darüber hinaus, für dieses und für alle anderen Leben.«
    »Ich dich nicht.«

    Manchmal sind es die dramatischen Ereignisse, oft sind es aber auch die unbedachten Entscheidungen, die zu Wendepunkten im Leben werden; die Weichen werden neu gestellt, und danach gibt es kein Zurück mehr. Ein einziges kleines Wort hätte für Henri Skinner alles verändern können: wie wäre sein Leben verlaufen, hätte er stattdessen mit »Ich dich auch« geantwortet?

    Das Buch beginnt damit, dass Henri sich aufmacht, seinen 13-jährigen Sohn Sam zum allerersten Mal zu treffen - aber auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt rettet er ein Leben, wird daraufhin selber schwer verletzt und fällt ins Koma.

    46 Tage lang erlebt er im halb-bewussten Dämmerzustand unzählige Variationen seines Lebens, in jeder davon hat Henri an einem bestimmten Wendepunkt eine andere Entscheidung getroffen. Währenddessen sitzen zwei Menschen hoffnungsvoll an seinem Bett: die Liebe seines Lebens, Eddie, der er mit seinem 'Ich dich nicht' das Herz gebrochen hat, und sein hochsensibler Sohn Sam, der sich immer danach gesehnt hat, seinen Vater kennenzulernen und jetzt Angst hat, zu spät zu kommen.

    Meine Meinung:

    Nina George beschäftigt sich hier mit grundlegenden existentiellen Fragen: mit nichts Geringerem als der Suche nach dem Sinn des Leben, der Angst vor dem Tod, dem Zweifel daran, ob man die Welt auf seine eigene Art zu einem besseren Ort gemacht hat, der lähmenden Furcht, man könne sein Leben verschwendet haben... Aber sie schreibt darüber nicht aus philosophischer Distanz oder klingt wie eines dieser beschaulichen Geschenkbüchlein, sondern erzählt eine Geschichte, die berührt und zum Nachdenken anregt und trotzdem mitten aus dem Leben gegriffen scheint.

    Allerdings enthält das Buch auch eine Prise Phantastik, eine Spur Märchen, einen Hauch von Poesie. Ein Neurologe würde beim Lesen vielleicht milde lächelnd den Kopf schütteln und sagen: Nonsens, ein Komapatient ist gar nicht fähig zu solch komplexen Gedanken, und andere Leben träumen kann er schon mal gar nicht... Das ist Wunschdenken. Das ist Realitätsflucht.

    Ich konnte mich jedoch wunderbar darauf einlassen, denn Nina George lässt alles, was geschieht, vollkommen plausibel klingen, und dennoch originell und fantasievoll und einzigartig.

    Ein Großteil des Buches spielt sich in den Köpfen der drei Hauptcharaktere ab, die sich alle kaum aus Henris Krankenzimmer fortbewegen. Aber das funktioniert und es ist trotzdem spannend, weil sie außergewöhnliche Menschen sind, die lebendig und vielschichtig geschildert werden und auf ihre jeweilige Art sehr liebenswert sind.

    Henri war früher Kriegsreporter, und auch nachdem er diese Karriere an den Nagel hing, blieb er ein Getriebener, der nirgends wirklich zur Ruhe kam.

    Eddie ist Verlegerin und ihr kleiner Verlag hat sich spezialisiert auf Phantastik - nicht Fantasy, wie sie rigoros betont. Keine Zwergen, Elfen, Vampire und so weiter. Dafür aber alles, "was nur drei Schritte neben unserer Wirklichkeit sein könnte".

    Sam ist 13 und schon Mitglied der Mensa,dem internationalen Netzwerk für Hochbegabte. Er ist Synästhetiker: Zahlen haben für ihn nicht nur eine Farbe, sondern auch eine Persönlichkeit, er kann Lügen sehen und Gefühle schmecken. Bei Menschen im Koma kann er fühlen, ob sie gerade nah an der Oberfläche sind oder ganz weit weg.

    Später kommt noch ein weiterer Charakter hinzu: die 12-jährige Maddie, die ein Stockwerk über dem Zimmer von Henris Vater im Wachkoma liegt. Sam verirrt sich eines Tages dort hinein und weiß direkt: ohne dieses Mädchen will er nicht mehr sein, nie mehr.

    Das hätte furchtbar kitschig werden können, war aber unglaublich rührend. Überhaupt werden die Beziehungen zwischen diesen vollkommen unterschiedlichen Menschen intensiv und überzeugend beschrieben.

    Was mich aber am meisten an diesem Buch begeistert hat, war der lyrische Schreibstil, der großartige Metaphern und Bilder findet und dabei mit einer ungeheuren Eindringlichkeit Emotionen vermittelt, ohne jemals ins Pathos abzudriften. Ob es jetzt gerade lustig ist oder traurig, es ist immer authentisch und glaubhaft - und gleichzeitig irgendwie drei Schritte neben der Wirklichkeit.

    Fazit:

    Drei Menschen kommen in einem Krankenzimmer auf der Komastation zusammen: Henri, Eddie und Sam. Henri ist der Koma-Patient, Eddie die Liebe seines Lebens und Sam sein 13-jähriger Sohn. Nur, dass Henri Eddie schon vor Jahren vergrault hat und Sam noch nie begegnet ist...

    Die Autorin erzählt eine Geschichte der leisen Töne, in der es um die Entscheidungen geht, die unser Leben verändern. Was wäre wenn...? Henri erlebt im Koma sein Leben immer wieder neu, während Eddie und Sam versuchen, ihn ins Leben zurückzuholen. Und das ist trotz der Thematik nicht deprimierend, sondern bezaubernd wie ein Märchen und auch in traurigen Szenen immer behutsam positiv. Der Schreibstil ist von einer ganz eigenen, außergewöhnlichen Schönheit.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Feb 2017 

    Wo bist du?

    Der 13jährige Sam hat seinen Vater Henri nie kennengelernt, etwas, das er unbedingt ändern will. Er schreibt ihm, doch der Vater taucht nicht auf. Sam erfährt, dass sein Vater einen schweren Unfall hatte und im künstlichen Koma liegt. Jeden Tag besucht Sam seinen Vater und im Krankenhaus trifft er auf Eddie, die früher mit Henri zusammen war. Eddie, die Henri nie ganz loslassen konnte, obwohl er ihr das Herz gebrochen hat. Gemeinsam betreuen sie Henri im Krankenhaus und haben Hoffnung, dass er bald wieder gesund wird. Doch als sich die Ärzte entschließen, Henri aus dem künstlichen Koma zu wecken, erleidet er einen Herzstillstand, nach dem er dann tatsächlich ins Koma fällt.

    Was geschieht, wenn man so zwischen Leben und Tod ist? Gibt es da überhaupt irgendetwas? Wer kann das so genau sagen? Ist es eher ein traumloser Schlaf, wie an- und ausgeknipst, wie eine Narkose? Oder betritt man eine andere Welt, die da ist, der man aber nicht entfliehen kann? Wie viel Kraft und Willen braucht es, um zurück zu kommen. Können die Liebsten merken, wenn man da ist und doch nicht da? Wie schwer fällt es, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen? Fragen, über den Tod und das Sterben, denen man nicht entrinnen kann. Jeder erlebt den Moment, in dem ein lieber Mensch stirbt. Manchmal früher, manchmal später, aber keinem bleibt die Erfahrung erspart. Welche Vorstellung von dem davor, dem danach oder dem dazwischen hat man oder möchte man haben. Dem Toten schließlich sieht man an, dass die Seele nicht mehr da ist. Hat sie sich in nichts aufgelöst oder bleibt sie und kann sie etwas mitnehmen?

    Gefühlvoll und mitreißend beschreibt Nina George die Zeit nach Henris Unfall jeweils aus der Perspektive der beteiligten Personen. Sie malt deren Gedanken, Wünsche, Gefühle und Hoffnungen. Der 13jährige Sam ist eine ganz besondere Persönlichkeit, außerordentlich intelligent und empfindsam. Man wünscht sich, ein wenig so zu sein wie er. Man wünscht sich, so kämpfen zu können wie er. Man wünscht sich eine zweite Chance für Eddie und Henri. Man saugt den Inhalt der Seiten des Buches auf. Man spürt den Schmerz und die Hoffnung. Eigentlich möchte man, dass jeden Tag die Sonne scheint. Man bleibt ergriffen und nachdenklich zurück.

    4,5 Sterne

  1. bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 18. Jun 2016 

    Die Welten dazwischen

    Inhalt
    Henri Skinner springt wagemutig von einer Brücke in die Themse, um ein Mädchen zu retten. Als er sie an Land gezogen hat, schwankt er auf die Fahrbahn und wird von einem vorbeifahrenden Auto erfasst. Eigentlich ist er auf dem Weg zu seinem Sohn Sam, an dessen Schule ein Vater-Sohn-Tag stattfindet und der seinen Vater eingeladen hat. Sam, ein 13jähriger Synästhetiker und hoch begabter Schüler ist seinem Vater noch nie begegnet und dies sollte die erste Gelegenheit sein, sich kennen zu lernen. Statt dessen sieht Sam seinen Vater im Krankenhaus, wo er im Koma liegt. Heimlich besucht er ihn täglich, nachdem er entdeckt hat, dass sein Vater das Armbändchen trägt, das er ihm vor langer Zeit geschenkt hat. Im Krankenhaus trifft Sam auf Madeline, ein 12jährige Tänzerin, die sich ins Koma geflüchtet hat, nachdem sie bei einem Unfall ihre gesamte Familie verloren hat. Auch Edwina, Eddi genannt, besucht Henri. Er hatte sie vor zwei Jahren verlassen, nachdem sie ihm ihre Liebe gestanden hat und er nicht in der Lage war damit umzugehen. Trotzdem hat er sie in einer Patientenverfügung als zuständige Ansprechperson benannt. Sie nimmt die Verantwortung an und unterschreibt die Verfügung, die es ihr ermöglicht, über sein Leben zu entscheiden.
    Interessant ist die Erzählweise des Romans, der abwechselnd aus der Ich-Perspektive von Eddi, Sam und auch von Henri erzählt wird, der nach einem misslungenen Aufwachversuch in ein "tieferes" Koma fällt. Und als Hörer/innen erleben wir mit, wie er zwischen den Welten dahingleitet, wie er sich weigert zu sterben und dabei seinem Vater begegnet. Wie er all die Leben durchlebt, die hätten sein können, wenn er an entscheidenden Wegkreuzungen die richtige Entscheidung gefällt hätte.
    Was wäre gewesen, wenn sich er und Sams Mutter Marie-Claire nach dem One-Night-Stand nicht auseinander gegangen wären? Was wäre gewesen, wenn er Eddi seine Liebe gestanden hätte?
    Zu diesen seltsam anmutenden Träumen passt es, dass Eddi Fantastik-Literatur verlegt. Sie freundet sich mit Sam an und erzählt ihm von einem Roman, in dem der Protagonist mehrere Türen zu unterschiedlichen parallelen Leben öffnet. Genauso wie Henri in seinen Komaträumen zwischen den parallelen Leben gefangen ist. Sam, der als Synästhetiker die Menschen auf andere Art und Weise erleben kann, bemüht sich währenddessen auch um Madeleine und versucht ihr in seinen Träumen einen Weg zurück aus dem Koma zu weisen.
    Ob es beiden gelingt, wieder aufzuwachen?

    Bewertung
    Der Roman bewegt sich in einem Grenzbereich der Realität, über den wir sehr wenig wissen. Die Autorin hat die Erfahrungen, die Koma-Patienten machen, in ihrem Roman "verarbeitet", doch dass sie wie Henri Skinner bewusst Entscheidungen treffen können, gehört wohl eher in den Bereich der Fantastik (oder Esoterik). Aber das ist für den Roman auch gar nicht so relevant, in dem die richtigen und auch die falschen Entscheidungen des Lebens im Mittelpunkt stehen. Wie hätte sich das Leben verändert, wenn ich in dieser einen Situation anders gehandelt hätte? Wie wäre mein Leben verlaufen, wenn ich an der einen Wegkreuzung den anderen Weg gewählt hätte?
    Was beeinflusst unser Leben und warum treffe ich bestimmte Entscheidungen in diesem Moment?
    Das sind Fragen, die in Henris Träumen eine Rolle spielen und die die Hörenden selbst über ihr Leben reflektieren lassen. Das ist das Positive des Romans- das "Fantastische" hat mich eher abgeschreckt, ebenso wie die teilweise sehr emotionale, etwas überfrachtete Sprache des Romans.
    Das Hörbuch ist zu empfehlen, da die unterschiedlichen Perspektiven von jeweils einem Sprecher sehr überzeugend gelesen werden.
    Insgesamt ein Roman, der gut unterhält und den ein oder anderen Denkanstoß gibt, jedoch nicht lange im Gedächtnis verweilen wird.