Das synthetische Herz: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das synthetische Herz: Roman' von Chloé Delaume
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5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das synthetische Herz: Roman"

Adélaïde Berthel ist sechsundvierzig und frisch geschieden. Ein längst überfälliger Schritt, ihr Eheleben war zuletzt eine Ödnis, sie braucht einen Neuanfang. Es wird sicher nicht lange dauern, bis sie wieder in festen Händen ist. Allerdings entpuppt sich der Beziehungsmarkt als brutales Schlachtfeld. Die meisten Männer sind verheiratet – oder sie suchen nach etwas Jüngerem. Adélaïde Berthel muss sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass Frauen ihres Alters nicht mehr die besten Karten haben. Besessen von der Idee, möglichst schnell einen Partner zu finden, schlittert sie zielsicher von einer Katastrophe zur nächsten. Gleichzeitig macht sie sich Vorwürfe, dass sie mit ihrem Singlestatus nicht so souverän umgeht, wie man es eigentlich von einer modernen, unabhängigen Frau erwarten könnte. Aber die Statistiken sprechen gegen sie. Es gibt mehr Frauen als Männer, und Männer sterben zuerst …

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:160
Verlag: Liebeskind
EAN:9783954381432

Rezensionen zu "Das synthetische Herz: Roman"

  1. 5
    22. Feb 2022 

    Frauen in der Gesellschaft

    Während ich vor Kurzem den Roman „Das synthetische Herz“ von Chloé Delaume gelesen habe, fiel mein Blick auf einen Kommentar der französischen Tagesszeitung Le Monde, der auf dem Buchumschlag dieses Romans zu finden ist.
    „Eine hochkomische Gesellschaftsposse, die einem noch lange nachgeht.“
    Mein spontaner Gedanke zu diesem Ausspruch: Das kann doch nur ein Mann von sich gegeben haben!

    Denn aus der Sicht einer Leserin ist dieser Roman definitiv nicht „hochkomisch“, was die Qualität dieses Buches keinesfalls schmälert. Sicherlich wird der Roman „(einem) einer noch lange nachgehen“, was aber nicht an der Komik liegt, sondern an der schwierigen Antwort auf die Frage: „Wie sieht ein erfülltes Frauenleben aus?“ Es ist also ein Buch, das Frau nachdenklich stimmt – den einen oder anderen Mann hoffentlich auch.

    Ein übergeordneter Erzähler erzählt die Geschichte von Adélaïde, zu Beginn des Buches 46 Jahre alt, frisch geschieden und soeben in eine eigene Wohnung in Paris gezogen. Sie lebt das erste Mal seit etlichen Jahren, diversen Beziehungen und Ehen allein. Adélaïde ist Pressemitarbeiterin eines Verlages – dieser Aspekt sorgt im Übrigen für ein gewisses Maß an Komik, denn Leser, die als Blogger, Journalist oder Verlagsmensch unterwegs sind, wird einiges am Berufsleben von Adélaïde bekannt vorkommen.
    Adélaïdes optimistische Aufbruchsstimmung nach ihrer Scheidung schlägt schnell ins Gegenteil um. Denn bereits nach wenigen Tagen stellt sie fest, dass sie mit 46 Jahren „unsichtbar“ geworden ist. Das Spiel der Partnersuche findet ohne sie statt. Fatal für eine Frau wie Adélaïde, die nicht allein leben kann und will. Denn
    „Adélaïde Berthel ist eine Frau wie viele andere. Sie braucht es, dass man sie liebt, um zu spüren, dass sie existiert.“
    Also versucht sie, sich wieder zurück ins Spiel zu bringen. Dabei erhält sie Unterstützung von ihren vier Freundinnen, die ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen, sie trösten, sie aber auch kritisieren. Diese vier Frauen verkörpern die unterschiedlichsten Frauentypen: berufstätige Ehefrau und Mutter – exzentrische Single-Schriftstellerin – lesbische Kunstprofessorin – Tinder-affine Bankerin.
    Der Roman beschreibt den Entwicklungsprozess von Adélaïde. Anfangs steht ihre Angst vor dem Alleinsein und ihrer Besessenheit, einen Mann finden zu müssen im Mittelpunkt. Diese Angst macht sie kompromissbereit und sie trifft auf Männer, die sie sich schönredet. Und egal wie viele Frösche sie küsst, Frosch bleibt Frosch und den Prinzen gibt es nicht.
    Aber gibt es ihn vielleicht doch? Denn der auktoriale Erzähler lässt alle Möglichkeiten offen. Er erzählt Adélaïdes Geschichte als Chronik ihrer Entwicklung und erweist sich gleichzeitig als Visionär, der prophezeit, wie sich ihr Leben entwickeln wird oder entwickeln könnte. Dadurch zeigt er die unterschiedlichsten Möglichkeiten und Lebensentwürfe auf, die sich für eine Frau in unserer Gesellschaft ergeben und die am Ende zu einem erfüllten Leben beitragen könnten. Frau hat es selbst in der Hand.
    Auch wenn in meinem Text etliche Trigger auftauchen, die den Verdacht nahelegen, dass es sich hierbei um ein seichtes Frauenromänchen halten könnte, ist dem nicht so. Ich gebe zu, dass eine Protagonistin ihrer Altersklasse, die krampfhaft auf der Suche nach dem Prinzen ist und dabei von illustren Freundinnen unterstützt wird, eine Steilvorlage für die Einordnung in ein triviales Genre bietet. Doch „Das synthetische Herz“ ist alles andere als trivial.
    Es ist ein origineller, nachdenklich stimmender, manchmal auch komischer Roman, der einen wunden Punkt bei Frauen unserer Gesellschaft trifft. Denn die Angst vor dem Alleinsein und die Zweisamkeit als ultimative Lebensform anzustreben, ist uns Frauen anerzogen. Es bedarf Bücher wie diesem, die uns in dieser Gelähmtheit wachrütteln.
    Die Autorin hat für „Das synthetische Herz“ in 2020 den Prix Medicis erhalten, ein französischer Literaturpreis, der an junge vielversprechende und originelle Autoren sowohl französischer als auch fremdsprachiger Literatur vergeben wird. Zu Recht! Ich bin sicher, da geht noch mehr und freue mich auf das, was von Chloé Delaume noch kommen wird.

    © Renie

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