Das Seelenhaus: Roman

Rezensionen zu "Das Seelenhaus: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Okt 2017 

    Grauenerregend, schonungslos, düster - Leben in Island 1830

    Agnes Magnúsdóttir war der letzte Mensch, der in Island 1830 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Vorgeworfen wurde ihr Mord an zwei Männern, gemeinsam verübt mit Fridrik, einem jungen Mann und seiner Verlobten Sigga. Nach ihrer Verurteilung wird Agnes auf den Hof eines Dienstmannes gebracht, wo sie bis zur Vollstreckung ihres Todesurteils in Haft bleiben soll. Von dieser Zeit erzählt 'Das Seelenhaus' und wer sich nun eine spannende, krimiähnliche Geschichte erhofft, dürfte enttäuscht werden.
    Die Familie des Dienstmannes ist gegen die Unterbringung Agnes', hat aber keine Möglichkeit sich zu wehren. Sie dulden die Verurteilte und versuchen sie zu ignorieren, doch nach und nach entsteht zu einzelnen Familienmitgliedern ein Vertrauensverhältnis. Durch Gespräche mit dem Pfarrer, die die Totgeweihte führt, erfahren auch sie, welches Leben Agnes führte bis zu dem Mord an den zwei Männern.
    Auch wenn dieses Verbrechen im Zentrum des Romanes steht: Schwerpunkt des Buches sind die Darstellung der Lebensverhältnisse und -bedingungen, die in Island zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschten. Dies gelingt zum Einen durch die Schilderung des Lebens der Familie, bei der Agnes untergebracht ist; zum Andern durch die Verurteilte selbst, die in einem wunderbar poetischen Ton erzählt bzw. sich erinnert, wie ihr Leben verlaufen ist. Für heutige Verhältnisse scheint es unvorstellbar, wie Menschen so existieren konnten: in Torfhäusern, undicht, ständig feucht, beengt, dunkel. Fensterrahmen waren zum Schutz und um für etwas Licht zu sorgen, mit Fisch- oder Schafsblasen verhängt. Die frühen und langen Winter waren ein steter Kampf ums Überleben. Agnes, die als uneheliches Kind zum untersten Rand der Gesellschaft gehörte, war als Magd (wie auch alle anderen Mägde und Knechte) kaum mehr als eine Leibeigene. Es war ein erbärmliches Leben in einer hartherzigen Zeit in einem gnadenlosen Land.
    Ein wirklich beeindruckender Roman, der gekonnt Fiktion mit historischer Realität vermischt.

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Sep 2014 

    Ein schweres Leben

    Die Isländerin Agnes wurde zusammen mit Sigga und Fridrik zum Tote verurteilt. Da man erst auf die Bestätigung des dänischen Königs warten muss, sollte sie in dieser Zeit bei einem Dienstmann und seiner Familie leben und sich als Magd nützlich machen. Die Familie ist alles andere als begeistert und hat Angst vor dieser Mörderin, aber im Laufe der Zeit gewöhnt man sich in der Enge des kleinen Torfhäuschens, wo alle zusammen in einem Raum schlafen, aneinander. Und dann beginnt Agnes zu erzählen. Von ihrem Leben und von der Nacht des Mordes. Und der Tag des Todes rückt unaufhaltsam näher...

    "Zuerst verstand ich nicht, warum diese Leute, Männer wie Frauen, bewegungslos dastanden und mich schweigend anstarrten. Schließlich begriff ich, dass sie gar nicht mich anstarrten. Ich, das waren zwei tote Männer. Ich, das war ein brennender Hof. Ich war ein Messer. Ich war Blut." (Seite 45)

    Agnes Magnusdottir war die letzte Person, die in Island hingerichtet wurde. Die Autorin hat aus den spärlichen Zeugnissen und Dokumenten eine Geschichte gewebt, wie sie hätte sein können. Man weiß also genau, wie das Buch "Das Seelenhaus" enden wird und trotzdem war ich tief bewegt und konnte die Tränen nicht zurück halten. Das liegt zum Teil auch an dem großartigen und lebendigen Schreibstil der Autorin, an dem harten Leben in Island, an den wundervollen Charakteren und an einer unglaublichen Geschichte.

    "Sie wissen nichts von mir. Und ich schweige. Ich will mich vor der Welt verschließen, ich will mein Herz verhärten und an den Dingen festhalten, die mir noch nicht genommen sind. Ich darf nicht zulassen, dass ich vergehe. In meinem Innersten werde ich an mir festhalten und dort all die Dinge bewahren, die ich gesehen und gehört und gefühlt habe." (Seite 39)

    Die Autorin erzählt eine Geschichte von großen Entbehrungen und einem sehr harten Leben. Eine Geschichte von Zusammenhalt, Familie und Wärme. Aber auch eine Geschichte von Einsamkeit, Andersartigkeit und ausgeschlossen sein. Agnes war eine sehr intelligente Frau, die gerne las und die alten Sagas erzählte. Das war den Leuten ein Dorn im Auge, denn eine Frau sollte nicht so klug sein. Schon sehr früh war sie auf sich alleine gestellt und musste hart arbeiten. Vertrauen konnte sie niemanden und als sie es dann doch einmal tat, war das ihr Todesurteil.

    "Wir legten Worte sorgfältig übereinander, stapelten ein Wort lückenlos auf das andere. So bauten wir zwei Türme und entfachten auf ihren Spitzen Leuchtfeuer, wie sie entlang der Straße stehen, um bei schlechtem Wetter den Weg zu weisen. Wir konnten einander erkennen, allem Nebel, aller erstickenden Gleichförmigkeit des Lebens zum Trotz." (Seite 250)

    Diese Geschichte hat mich sehr tief bewegt und ich bin froh, sie gelesen zu haben. Die Menschen in Island hatten ein sehr schweres Leben. Sie lebten in kleinen Torfhütten, in denen im Winter innen die Wände mit Eis überzogen waren. Sie konnten sich glücklich schätzen, wenn sie jeden Tag satt wurden und hatten wirklich nur das aller nötigste. Die Autorin hat es geschafft, mir dieses Leben bildhaft vor Augen zu führen.

    Auch die Charaktere der Geschichte sah ich sehr lebhaft vor mir. Die hübsche etwas selbstgefällige Lauga, ihre Schwester Steina, die nicht die Hellste und die Schnellste ist, die Mutter Margaret, die ihrer Familie ein gutes Leben ermöglichen möchte, ihr Mann, der tut was er kann um der Familie ein klein wenig Luxus zu gönnen und wenn es nur eine Tasse Kaffee ist. Der junge Pfarrer, der sich vorgenommen hat Agnes auf den rechten Pfad zu bringen und Agnes selbst. Diese starke und mutige Frau. Sie alle waren sehr lebendig und authentisch und ich fühlte mit ihnen.

    "Hat Steina je so gegen das Gewicht eines Knechts kämpfen müssen? Hat Steina je abwägen müssen, ob sie einem Bauer erlaubt, unter ihre Röcke zu kommen, um dann den Zorn seiner Frau zu erdulden, die sie zwingen wird die niedrigste Arbeit zu verrichten, oder ob sie sich dem Bauern verweigert, auf die Gefahr hin, bei Schnee und Nebel vor die Tür gesetzt zu werden, mit niemandem, der einem Obdach gewährt?" (Seite 203)

    "Das Seelenhaus" ist ein Buch das man nicht mal schnell zwischendurch lesen kann und es wirkt noch lange nach. Ich werde noch sehr oft an Agnes und ihr Leben denken und ihre Geschichte wird mich noch eine Weile begleiten. Darum vergebe ich 5 von 5 Punkten und eine Leseempfehlung für Menschen, die sich für das Schicksal anderer interessieren und mehr über das Leben im Island des 19. Jahrhunderts wissen möchten. Ein tief bewegendes Buch.

    © Beate Senft