Das schwarze Herz des Verbrechens: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das schwarze Herz des Verbrechens: Roman' von Marcelo Figueras
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Gebundenes Buch
Argentinien im Juni 1956: Ein Dutzend Männer wird von der Polizei aus einer Wohnung entführt und hingerichtet. Monate später stößt der Journalist Rodolfo Walsh auf die Spur eines Überlebenden; nach minutiösen Recherchen veröffentlicht er den Tatsachenroman "Das Massaker von San Martín". Die Geschichte ist in Südamerika eine Sensation und macht Walsh zum Helden des argentinischen Widerstands. Marcelo Figueras erzählt diese wahre Begebenheit als spannungsgeladenen Thriller: wie der legendäre Journalist Walsh selbst zum Detektiv wird und mit der Rekonstruktion des Verbrechens seinen literarischen Durchbruch erzielt. Perfekt komponierter Krimi und Reportage in einem: ein Meisterstück.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:464
EAN:9783312010660

Rezensionen zu "Das schwarze Herz des Verbrechens: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 07. Jul 2019 

    Die Wandlung des Rodolfo Walsh

    Ein interessanter Roman, den ich hier gelesen habe, keine vollkommene Fiktion, es geht hier um den realen Schriftsteller Rodolfo Walsh. Dieses Buch ist eine Hommage an ihn. Rodolfo Walsh kommt in der Mitte der 50er Jahre an Informationen zu ihn erschreckenden Vorgängen. Er fängt an Nachforschungen zu betreiben und gelangt über diese an neue Informationen, die zeigen wie Diktaturen arbeiten und gleichzeitig Walsh entsetzen und auch verändern. Er gerät selbst in Gefahr und sein Leben/seine Arbeit/seine Arbeitsweise werden verändert. Und gleichzeitig verändern die Geschehnisse auch die Art des Schreibens von Walsh ungemein, sie verändern seine Ansichten über das politische Leben in Argentinien und diese Veränderung seiner politischen Ansichten bewirken bei ihm ein publik machen seines Wissens über die erschreckenden Vorgänge. Er möchte aber auch gehört/erhört werden und über diesen Wunsch überarbeitet/überdenkt er seine Schreibweise und verbessert sich dadurch ungemein. Nicht nur der Wunsch zu schreiben ist nun in Walsh's Blick, sondern auch der Wunsch sich in seine Gegenüber zu versetzen/diese zu verstehen und auch der Wunsch, dass seine Leser ihn als Autor verstehen. Dieses Buch ist ein fiktionaler aber auch realer Blick auf den Entstehungsprozess zu Walsh's Werk "Operatión masacre", auf deutsch unter dem Titel "Das Massaker von San Martín" erschienen, gleichzeitig ist es aber auch ein intensiver und tiefer Blick in Walsh's Seele. Ein schöner, interessanter und spannender Blick!

    "Nur ein Schwachsinniger ist fähig, sich nicht nach dem Frieden zu sehnen. Aber der Friede ist nicht um jeden Preis zu akzeptieren." S. 385

    Im Epilog wird ein Blick auf das Ende des Rodolfo Walsh geworfen. Durch die Geschehnisse in den 50er Jahren vollkommen verändert, bleibt Walsh politisch aktiv, hat ein wachsames Auge auf nicht hinnehmbares politisches Geschehen. Am 25. März 1977 wird er erschossen, er war gerade dabei einen Brief zu verbreiten, "Einen offenen Brief eines Schriftstellers an die Militärjunta", dieser sollte an verschiedene Redaktionen argentinischer Tageszeitungen gehen.:

    "15000 Verschwundene, 10000 Gefangene, 4000 Tote, Zehntausende, die aus dem Land vertrieben worden sind - dies sind die nackten Zahlen des Terrors. Als die herkömmlichen Gefängnisse überfüllt waren, verwandelten Sie die größten militärischen Einrichtungen des Landes in regelrechte Konzentrationslager, zu denen kein Richter, kein Rechtsanwalt, kein Journalist, kein internationaler Beobachter Zugang hat. Die Anwendung des Militärgeheimnisses, für die Untersuchung all der Fälle als unumgänglich erklärt, macht die Mehrzahl der Verhaftungen de facto zu Entführungen, was Folter ohne jede Einschränkung und Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil ermöglicht."

    Was für ein Mut! Aber er hatte auch mittlerweile sehr viele Gründe wütend zu sein. Auch er wurde inzwischen ein Opfer des Systems, nicht nur weil er Einschränkungen in seiner Arbeit/in seinem Leben hatte, nicht nur weil er sich verstecken musste, vorsichtig sein musste, mit der Angst entdeckt und verhaftet/ermordet zu werden leben musste, nicht nur weil er in ständiger Angst um die Menschen, die ihn nahe standen leben musste, nicht nur weil er mit den Opfern der Diktatur konfrontiert wurde, sondern auch weil eine seiner Töchter, Victoria, 1976 von der Diktatur umgebracht wurde.

    Das Nachwort des Autors macht wieder etwas beklommen und zeigt, dass manches nicht vergeht und wenn man mit offenen Augen nach Lateinamerika schaut, sieht man dies auch heute.

    Interessant an der Schreibe des Figueras fand ich hier, dass sie mich sehr an die Detektivgeschichten von Hammett/Chandler erinnert hatte. Ein politischer Roman, der im Stil der Detektivgeschichten geschrieben ist, bedeutet eine interessante Wahl des Autors in meinen Augen, besonders bei der Schwere des Themas macht es dieses lesbarer und auch fassbarer.