Das Scheitern Mitteleuropas 1918-1939

Rezensionen zu "Das Scheitern Mitteleuropas 1918-1939"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Feb 2020 

    Vorprogrammiertes Scheitern

    In seinem Buch stellt der österreichische Historiker Walter Rauscher die Geschichte der Nachfolgestaaten des ehemaligen Habsburgerreiches sowie die des Deutschen Reiches in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen dar. Sowohl Kriegsende als auch die Friedensbedingungen der Pariser Vorortverträge stellten die Weichen in eine Richtung, die beinahe unvermeidlich auf die nächste Katastrophe zusteuerte.

    Mit dem Zerfall des Vielvölkerstaates der Habsburgermonarchie eröffnete sich für viele Völker die Chance einer nationalen Souveränität, doch die Gemengelage in Mitteleuropa brachte es mit sich, dass so ziemlich überall nationale Minderheiten existierten. Die jeweilige Staatsnation war nirgends in der Lage, diesen Minderheiten angemessene Autonomierecht zuzugestehen, sodass Dauerkonflikte vorprogrammiert waren. Im Grunde wiederholten die Staaten damit die Fehler der K.u.K.-Monarchie. Doch anders als dieser Flächenstaat, der in wirtschaftlicher Hinsicht einigermaßen funktionierte, führte die Kleinstaaterei zur Entstehung ökonomisch kaum lebensfähiger Gebiete, die aufgrund der alten und neuen Animositäten auch wenig zur Zusammenarbeit bereit waren. Insofern kann man regelrecht von einem Dahindümpeln der südosteuropäischen Staaten sprechen.

    Mit Ausnahme der Tschechoslowakei gelang es nirgends, eine stabile Demokratie zu etablieren, über kurz oder lang führte die Entwicklung zu autoritären Regierungen. Der von Italien und dem Deutschen Reich ausgehende Faschismus hatte offensichtlich eine Ausstrahlung auf andere Staaten (dies zeigt im Übrigen auch die im Buch aufgrund der Beschränkung auf Mitteleuropa nicht behandelte Entwicklung in Westeuropa). Am ende kam es also, wie es kommen musste, Hitler entfesselte mit seinen Verbündeten, zu denen einige der im Buch vorgestellten Staaten gehörten, den Zweiten Weltkrieg.

    Das alles liest sich sehr flüssig und anregend, der Verursacher all dieser Entwicklungen ist für Rauscher auch schnell ausgemacht, der übersteigerte Nationalismus. Damit hat er prinzipiell recht, allerdings erscheint mir der Titel des Buches sowie die Beschränkung auf die Zwischenkriegszeit etwas irreführend. Denn nicht Mitteleuropa ist gescheitert, sondern ganz Europa. Und das längst vor 1918. Der übersteigerte Nationalismus führte geradewegs in den Ersten Weltkrieg und war nach dessen Verheerungen und der gegenseitigen Hasspropaganda noch längst nicht obsolet. Es wäre beinahe auch ahistorisch zu erwarten, dass nach dieser langen Vorgeschichte so etwas wie eine "Schwamm-Drüber"-Mentalität einen völligen Neuanfang unter besseren Vorzeichen ermöglicht hätte. Zudem darf man auch nicht vergessen, dass vor allem in den im Ersten Weltkrieg unterlegenen Staaten die alten Eliten keineswegs gewillt waren, den Status quo zu akzeptieren. Insofern ist es bitter auszusprechen, aber offensichtlich hatte der Frieden in Europa in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts keine realistische Chance.