Das perfekte Grau

Buchseite und Rezensionen zu 'Das perfekte Grau' von Salih Jamal
4.8
4.8 von 5 (5 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das perfekte Grau"

Das ist die Geschichte von Novelle, Rofu, Mimi und von mir. Rofu hat nur ein Ohr und ist über das Meer gekommen. Aus Afrika. Mimi ist Engländerin. Sie hat ihren Mann umgebracht, nun versteckt sie sich unter Perücken und hinter dunklen Brillen. Novelle ist noch sehr jung. Sie liebt Mangas und die Sauferei. Manchmal fährt sie einfach aus der Haut oder sie hört Stimmen. Den komischen Namen hat sie von ihrer Mutter. Als unsere Geschichte damals losging, wusste ich das alles noch nicht. Ich, ich heiße Ante, aber alle nennen mich Dante. Wegen des Infernos. Ich bin, genau wie die anderen, auch auf der Flucht. Ich glaube, vor mir selbst. Alles fing damit an, dass zwei Polizisten wegen Mimi in dem Hotel, in dem wir gearbeitet hatten, auftauchten. Ich könnte jetzt noch erzählen, wie Novelle verschwunden und wieder aufgetaucht ist, was wir in Berlin getrieben haben oder wie wir Erleuchtung beim Pilgern nach Altötting erlangten. Aber darum geht es in der Geschichte ja eigentlich gar nicht. Es geht nämlich darum, dass wenn wir schon vor irgendwem oder irgendetwas fliehen, wir uns besser nicht vor unseren Dämonen wegducken sollten. Weil man sonst immer ein Geflüchteter bleiben wird und niemals wo ankommt. Und es geht auch um Heimat, die wie eine Haut ist.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
Verlag:
EAN:9783991200017

Rezensionen zu "Das perfekte Grau"

  1. Traumata und Wurzeln

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Apr 2021 

    Salih Jamal habe ich schon mit „Orpheus“ kennenlernen dürfen und damals hatte mich dieser Autor immens begeistern können. Die Sprache des Autors hat mich bei "Orpheus" so mitgenommen, mitgerissen und absolut begeistert. Auch der Aufbau, diese Verbindung von Sprache und Musik empfand ich einzigartig. Dann hörte ich, dass Salih Ja-mal ein neues Buch herausbringt. Ich habe mich unheimlich gefreut und gleichzeitig auch etwas Angst gehabt. Denn schafft dieser Autor mich wieder so zu begeistern. Oder wankt der von mir errichtete Thron? Denn das gleiche Niveau von „Orpheus“ zu erreichen, ist unheimlich schwer und kann durchaus auch nicht funktionieren. Nun denn, das Buch wartete einige Zeit bei mir zu Hause auf seine Zeit. Und irgendwann kam diese und ich kann sagen:
    auch mit "Das perfekte Grau" schafft es Salih Jamal mich zu begeistern. Anders diesmal, etwas tiefer und weniger reißerisch. aber definitiv bin ich begeistert. Denn diese intensive und poetische Sprache schafft das fast sofort. Und thematisch schafft es Salih natürlich auch mich wieder zu begeistern. Diesmal geht es um Freundschaft und um Wurzeln und um Traumata, es geht um Wege aus dem eigenen Horror, es geht ums Suchen und ums Finden, es geht um das Leben, dieses so wunderschöne Leben, unser Sein, Hier und Jetzt. Dieses Buch ist traurig und schön, es berührt und es zeigt Ressourcen auf. Ressourcen, die wir alle haben. Man muss sie nur finden und Salih Jamal bietet in seinem Buch "Das perfekte Grau" Wege. Wege, die mich begeistert haben! Und Wege, die viele erreichen sollen! Deswegen wünsche ich diesem Buch viele Leser. Denn die in „Das perfekte Grau“ enthaltene Botschaft ist jetzt nicht so die besonders neue und/oder besonders ungewöhnliche Kunde. Aber manchmal verstecken sich manche Dinge vor den Suchenden, und um zu Findenden zu werden, muss man einiges zurechtrücken, Lasten stemmen, Gebirge fallen lassen. Und dies tut Salih in seinem neuen Buch. Besonders das etwas offen gelassene Ende ist richtig gut gelungen. Aber eigentlich finde ich es gar nicht so offengelassen. Jeder Leser darf ja wahrnehmen was sie/er möchte.

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  1. Ein Jahreshighlight!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Feb 2021 

    Das ist die Geschichte von Novelle, Rofu, Mimi und von mir. Rofu hat nur ein Ohr und ist über das Meer gekommen. Aus Afrika. Mimi ist Engländerin. Sie hat ihren Mann umgebracht, nun versteckt sie sich unter Perücken und hinter dunklen Brillen. Novelle ist noch sehr jung. Sie liebt Mangas und die Sauferei. Manchmal fährt sie einfach aus der Haut oder sie hört Stimmen. Den komischen Namen hat sie von ihrer Mutter. Als unsere Geschichte damals losging, wusste ich das alles noch nicht. Ich, ich heiße Ante, aber alle nennen mich Dante. Wegen des Infernos. Ich bin, genau wie die anderen, auch auf der Flucht. Ich glaube, vor mir selbst.

    Vier Charaktere, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Gemeinsam ist ihnen, dass sie an einem gottverlassenen Ort an der Ostsee aufeinandertrafen, wo sie alle in einem heruntergekommenen Hotel arbeiten. Alle vier, auch das eine Gemeinsamkeit, sind vor irgendetwas auf der Flucht. Rofu vor den unmenschlichen Bedingungen in seiner Heimat und nach unglaublichen Erlebnissen auch auf dem gefährlichen Weg nach Deutschland, Mimi vor der Polizei nach dem Mord an ihrem Mann, Novelle vor ihrer Vergangenheit als Kind, die sie am liebsten für immer abstreifen würde, und Dante - ja, Dante... Er flieht vor allem, was nach einem Festlegen, einer Verantwortung, einem Stillstand im Leben ausschaut.

    Ehrlich gesagt, bekam ich einen kleinen Schrecken als ich merkte, dass Dante gerade jener Charakter aus Salih Jamals erstem Buch war ("Briefe an die grüne Fee"), mit dem ich seinerzeit richtige Schwierigkeiten hatte. Meine Rezension dazu fiel auch entsprechend kritisch aus. Aber Menschen entwickeln sich weiter - auch Autoren und eben Charaktere in Büchern. Zum Glück. Geblieben ist bei Dante eine gewisse Unverbindlichkeit, die Sehnsucht nichts zu verpassen, der Wunsch, sich gesellschaftlichen Zwängen möglichst zu entziehen. Aber er ist weicher geworden, toleranter und für mich als Leserin zugänglicher.

    Das war mir wichtig zu erwähnen, aber im Grunde gibt es hier nur kleine Anspielungen auf die 'Briefe an die grüne Fee', und es ist nicht von Bedeutung, diesen Roman zu kennen, bevor man sich an 'Das perfekte Grau' begibt.

    Dante fungiert hier als Ich-Erzähler und führt durch die Geschichte, aber die anderen Charaktere haben ebenso alle ihre Bedeutung. Mit ihren so unterschiedlichen Lebensgeschichten wirft Salih Jamal ein ganzes Feuerwerk an Themen in die Runde, und anfangs hatte ich Sorge, dass es ein Zuviel sein könnte. Aber dem Autor gelingt der Balanceakt: viel zum Nachdenken für den Leser, Betroffenheit eingeschlossen, dann aber die gemeinsame Geschichte, die Entwicklung aufzeigt. Flucht als gemeinsames Thema - gleichzeitig aber auch die Sehnsucht, endlich irgendwo anzukommen...

    Bislang klingt das Geschriebene hier eher sachlich. Ehrlich gesagt schwirrt mir der Kopf. Lange habe ich mich vor der Rezension gedrückt, immer wieder einen Anfang gesucht und dann doch wieder alles verworfen. Wenn mich ein Roman derart berührt, habe ich das Gefühl, dem auch in meiner Rezension gerecht werden zu müssen. Aber es überfordert mich auch. Denn dieser Roman hat mich auf vielen Ebenen berührt. Manchmal gibt es das Richtige zur rechten Zeit, dann passt einfach alles. Und hier war das so. Mag sein, dass es in einer anderen Lebensphase anders gewesen wäre - und doch gibt es bislang vor allem begeisterte Rezensionen.

    Was ist das nun überhaupt für ein Roman? Ein kurzer, definitiv, mit seinen gerade einmal 240 Seiten. Aber gleichzeitig auch ein langer, da hier so vieles in vielen übereinandergeschichteten Ebenen geschieht und angerissen wird. Die Charaktere sind keine Helden, im Gegenteil, sie treffen teilweise grenzwertige Entscheidungen. Und doch sind sie alle auf ihre Art tapfer und stellen sich letztendlich den wichtigen Fragen des Lebens. Und diese betreffen doch auch jeden Menschen, so auch den Leser.

    Aus der Notgemeinschaft im Hotel entwickelt sich unerwartet ein Roadtrip, eine ungeplante Reise, bei der immer wieder Unerwartetes geschieht, aber auch der Augenblick gelebt wird, was ungemein schön ist. Überhaupt: schön. Da wäre noch der Schreibstil. Salih Jamal gelingt es, in einer verknappten Sprache auch zwischen den Zeilen so viel zu transportieren, dass einem schwindelig werden kann. Klar und brutal zuweilen, dann wieder zart und angedeutet, oft poetisch.

    In der Leserunde zu diesem Roman zeigte sich, dass es vielen so erging, dass sie beeindruckt waren. Unzählige Zitate wurden erwähnt, und ja, auch mein Buch ist voller Eselsohren und Bleistifteinträge. Wie?!, schreit hier vielleicht manch einer auf. Aber im Grunde gleicht dies einem Ritterschlag. Denn dieses Buch ist meins, mit Haut und Haar. Und ist bereits zweimal gelesen worden, das Hörbuch wird folgen.

    Ich merke, dass ich trotz aller Bemühungen nicht wirklich beschreiben kann, wie es mir mit diesem Roman erging. Der melancholische Ton der Erzählung hat mich getroffen. Die Schicksale berührt. Die philosophischen Anklänge zum Nachdenken gebracht. Das offene Ende nicht losgelassen. Poetisch und zart, brutal und aufwühlend, humorvoll und berührend. Ein Roman, der an die Seele geht. Und so viele schöne Passagen, dass sie gar nicht alle zitiert werden können.

    Ein Jahreshighlight im Januar? Ja, unbedingt! Und ich wünsche dem Buch zahlreiche Leser. Jeder, der sich im Leben Fragen stellt, Wünsche offen hat, Sehnsüchte hegt: hier werden Krusten aufgebrochen.

    Das Buch ist gleichzeitig schwer und unglaublich leicht, derb und zart, zum Lachen und zum Weinen und zum Nachdenken sowieso. Lesen!!!

    © Parden

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  1. Lesenswert

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Jan 2021 

    Dieses Buch fängt da an wo die Grüne Fee aufhört. Da ich alle Bücher von Salih Jamal liebe, musste ich dieses Buch selbstverständlich auch lesen. Auch dieses Buch hat mich sehr tief bewegt und ich musste es erst mal sacken lassen.

    Alle vier sind vor etwas geflohen und ihr Weg führte ins Hotel an der Ostseeküste. Die Menschen sind so unterschiedlich, so auch diese vier und die Gründe ihrer Flucht. Dante, aus seiner Sicht wird die Geschichte erzählt, ist auf der Flucht vor sich selbst. Tofu ist auf dem Sudan geflüchtet, ihn plagt die schuld. Novelle ist das beste Beispiel dafür, wie man an einem Kindheitstrauma zerbrechen kann. Sie versteckt sich hinter ihrem großen und losen Mundwerk. Hingegen ist Mimi sehr reserviert, kühl und zurückhaltend. Doch auch sie hat ein Geheimnis.

    „Es ist egal, wovor du flüchtest. Vor den Dämonen einer Vergangenheit, vor Gewalt, Unfreiheit oder dem Tod. Vor dem Alter, der Justiz oder vor Durst und unstillbarem Hunger. Alle, die weglaufen, um das Land ihrer Sehnsucht zu finden, bezahlen den Preis ihrer Herkunft auf Raten.“ (S.22)

    Die vier haben unterschiedliche Gründe warum sie fliehen, doch im Endeffekt den gleichen Wunsch: anzukommen. Nach und nach finden sie zu sich selbst und vor allem auch die Gründe warum sie fliehen, denn manchmal will man sich damit nicht auseinander setzen.

    Es ist ist eine Geschichte ,die gleichzeitig brandaktuell ist, andererseits ist sie zeitlos. Denn es gibt immer Menschen auf der Flucht. Die Themen in diesem Buch sind wichtig, schwierig und gewiss nichts für schwache Nerven. Um so schöner ist es, dass es trotzdem Hoffnung gibt. Trotz der verkorksten Schicksalsschlägen gibt es trotzdem Hoffnung ,dass sie ankommen werden und glücklich werden und das macht mich glücklich.

    Jedes Wort ,das Salih Jamal benutzt hat, hat einen Grund. Jeder Satz hat solch eine Tiefe, dass ich bereits nach der ersten Seite Gänsehaut hatte. Ich werde diesem Buch nicht gerecht. Denn es ist grandios und einfach nur herzzerbrechend. Lest es, bitte, es wird euere Welt verändern und euch Hoffnung geben.

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  1. „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie"

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Jan 2021 

    Goethes Faust I: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum “

    Was bedeutet graue Theorie? Die Beschäftigung mit Theorien ist Zeitverschwendung und nur das Leben wertvoll. Was ist dann das perfekte Grau?

    „Es ist egal, wovor du flüchtest. Vor den Dämonen einer Vergangenheit, vor Gewalt, Unfreiheit oder dem Tod. Vor dem Alter, der Justiz oder vor Durst und unstillbarem Hunger. Alle, die weglaufen, um das Land ihrer Sehnsucht zu finden, bezahlen den Preis ihrer Herkunft auf Raten.“ (S.22)

    Inhalt
    Dante, Novelle, Mimi und Rofu sind auf der Flucht und auf der Suche nach sich selbst. Sie wollen vergessen, hoffen auf Vergebung und wünschen sich einfach einen besseren Ort. Sie arbeiten zufällig alle in einem Hotel am Meer und lernen sich kennen und finden trotz aller Unterschiede zueinander. Doch dann glaubt Mimi, dass zwei Polizisten im Hotel abgestiegen sind, um sie zu suchen, wegen ihrer Tat in der Vergangenheit. Mimi will fliehen, doch die Freunde lassen sie nicht alleine. Gemeinsam begeben sie sich auf die Flucht.

    Sprache und Stil
    Jeder der vier Protagonisten trägt ein besonderes Schicksal aus der Vergangenheit mit sich.
    Dante, der fast einen Sprung von einem Hochhaus aus Liebeskummer gewagt hätte, es aber dann doch nicht tat, hat stattdessen sein „altes“ Leben hinter sich gelassen. Rofu hat nur noch ein Ohr und flüchtete unter traumatischen Bedingungen auf einem Schlauchboot aus Afrika über das Mittelmeer nach Deutschland. Novelle wurde von ihrem Vater missbraucht und hört Stimmen. Mimi, die Engländerin, hat ihren Ehemann vergiftet.
    Diese Flucht ist nicht nur eine weitere Flucht, sondern wird auch eine Reise zu sich selbst. Im Verlauf ihrer gemeinsamen Zeit kommen sie sich näher und erzählen mehr und mehr über sich selbst.
    Die Geschichte wird aus Sicht Dantes erzählt. Dante, der von sich selbst sagt, dass „er Stillstand und Langeweile noch nie aushalten konnte.“ (S.7)
    Salih Jamal verfasst seinen Roman in einer sehr poetischen Sprache. Er beschreibt Landschaften und Städte, Menschen und Ereignisse eindrucksvoll. Seine Worte sind gewählt, er nutzt Metaphern, die fantasievolle Befindlichkeiten der Charaktere aufzeigen.

    „Ich spürte mein fast erloschenes Lebensverlangen, und wie neue Träume in mir anbrandeten und Unrat hinterließen. Wenn es still und dunkel war, donnerten rastlose Gedanken durch meinen Kopf. Wie bei einem Bahnhof fuhren Erinnerungen ein und nahmen alle Fragen, die ich schon längst für beantwortet hielt, wieder mit, um neue zu hinterlassen, die hektisch auf versteckten Fahrplänen nach besseren Antworten suchten.“ (S.14)

    Die melancholische Stimmung wird trotz aller Probleme immer wieder durch hoffnungsvolle Momente und auch durch den feinen Humor des Autors durchbrochen. Doch auch auf direkte brutale Formulierungen, die jeweils genau zu den beschriebenen Situationen passen, verzichtet der Autor nicht. Hinzu kommen Zitate, die mit dazu beitragen, einen außergewöhnlichen, stimmgewaltigen Roman zu erschaffen.

    Fazit

    "Es ist nicht die Physik, die die Erde dreht. Es sind die Träume, die alles bewegen und uns zum Leben drängen." (S.11)

    Salih Jamal nimmt in seinem Roman „Das perfekte Grau“ zu politischen und gesellschaftlichen Themen deutlich Stellung. Seine Geschichte ist hochaktuell und zeigt letztendlich, dass wir alle Suchende und Flüchtende sind. Es ist ein Roman über vier Außenseiter und ihre Freundschaft, die auf der Suche nach sich selbst sind.

    Zitat von Salih Jamal zur Rezension:
    Es ist schön, dass neben den vielen anderen schönen Stimmen auch der politische und gesellschaftliche Bezug erkannt wird. Wenn man alle Farben mischt, dann haben wir am Ende ein perfektes Grau.

    https://www.facebook.com/groups/490185771562130, 18.01.2021.

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  1. Die perfekte Imperfektion

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Jan 2021 

    In einem abgehalfterten Hotel irgendwo in einem Seebad an der Ostseeküste treffen vier Menschen aufeinander. So wie der Ort, so wie das Haus haben Dante, Rofu, Novelle und Mimi schon bessere Tage gesehen.

    Sie alle verbindet eine Flucht. Flucht aus der Heimat, vor der eigenen Herkunft, vor einem Regime, vor gewalttätigen Angehörigen, den Behörden. Für Rofu, Mimi und Novelle scheint die Flucht in dem Seebad eine Endstation, gefunden zu haben. Für Dante, der vor sich selbst fliegt, ein ungleich schwierigeres Unterfangen.

    Rofu stammt aus dem Sudan, hat die Flucht über das Mittelmeer nach Europa geschafft. Er lebt mit der Schuld dessen, der weggefangen ist, der überlebt hat. In dem Hotel hat er eine Stelle als Küchenhilfe gefunden. Die junge Novelle zerbricht an einem Kindheitstrauma, ihre Haut ist übersät von Tätowierungen, ihr Mundwerk laut und unflätig. Doch im Innersten ist sie schwer verletzt, braucht immer mehr an Aktion und Reaktion, um sich selbst spüren zu können. Mimi ist die älteste in der Runde, elegant, reserviert. Ihre kühle Zurückhaltung verbirgt allerdings auch ein dramatisches Ereignis. Dante, der uns diese Geschichte aus seiner Perspektive erzählt, ist ein Rastloser, ein Zyniker, der sich allem entzieht, was Nähe bedeuten könnte. Er sich selbst gegenüber unsicher, kaschiert dies gerne unter großspurigen Humor.

    „Das perfekte Grau, ist für jeden immer etwas anderes. Sogar für einen Selbst, wenn man auf sich zurückblickt.“

    Egal ob man zurückblickt oder in die Zukunft sehen mag, wir werfen einen Schatten. Die perfekte Imperfektion, zwischen schwarz und weiß gibt es viele Töne.
    Ganz viele unterschiedliche Töne schlägt auch Salih Jamal in diesem Buch an. Wir erleben die Menschlichkeit in allen Facetten: grob und laut bis hin zur filigranen Verwundbarkeit. Der Autor spielt mit Worten und Bildern, wir erkennen seine unglaubliche Liebe zur Literatur und Sprache.

    Flucht bedeutet immer, jemanden oder etwas zurückzulassen, und damit immer auch ein Stück von sich selbst. Flucht bedeutet, ein Leben im Verborgenen zu führen, versteckt, unsichtbar. Doch kann es kein Ankommen geben ohne einen Aufbruch. Ankommen ist die Rückkehr zur Sichtbarkeit. Die vier Protagonisten – Dante, Rofu, Mimi und Novelle - lernen einander ganz genau zu sehen. Ihre Freundschaft ist ihr neues Zuhause.

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