Das Ministerium des äußersten Glücks: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Ministerium des äußersten Glücks: Roman' von Arundhati Roy
3.5
3.5 von 5 (2 Bewertungen)

Auf einem Friedhof in der Altstadt von Delhi wird ein handgeknüpfter Teppich ausgerollt. Auf einem Bürgersteig taucht unverhofft ein Baby auf. In einem verschneiten Tal schreibt ein Vater einen Brief an seine 5-jährige Tochter über die vielen Menschen, die zu ihrer Beerdigung kamen. In einem Zimmer im ersten Stock liest eine einsame Frau die Notizbücher ihres Geliebten. Im Jannat Guest House umarmen sich im Schlaf fest zwei Menschen, als hätten sie sich eben erst getroffen – dabei kennen sie einander schon ein Leben lang.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:560
Verlag: S. FISCHER
EAN:9783100025340

Rezensionen zu "Das Ministerium des äußersten Glücks: Roman"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Feb 2020 

    Jenseits von Bollywood

    Dieses Buch ist kompliziert und großartig. Man muss ein bisschen beißen, bis man ankommt.
    Es erzählt von Indien in allen Spielarten. Ein buntes Land, ein wunderliches Land mir allerlei Gestalten der schrägsten Sorte, aber auch ein Land mit unglaublich vielen Problemen. Hier geben sich Traditionen und Toleranz die Hand an jeder Ecke. Indien ist ein einziger Widerspruch.

    Zunächst meint man, die Geschichte des Hermaphroditen Aftab zu lesen, der als Junge aufwächst und lieber eine Frau wäre. Nach und nach stellt man dann fest, dass Aftabs Geschichte nur der Rahmen ist für eine viel größere Geschichte, die bis heute nicht zu Ende erzählt ist.
    Man blickt ausführlich in das Leben von nahezu jedem, dem man hier begegnet und erhält so Streiflichter Indiens. Es geht um tragische Schicksale, verwirkte Leben, Not aus unterschiedlichsten Gründen, Randexistenzen und es geht um Kaschmir, das schon seit Jahrzehnten um Unabhängigkeit kämpft, wo der Kampf immer erbitterter wird, je länger er dauert.

    Der Erzählstil ist eigen und wunderbar, humorvoll, poetisch, ironisch, voller höchst indischer Wortschöpfungen und ungewohnten Bildern, die durchaus blumig sein können und dennoch Grauenhaftes beschreiben. Ab und an findet man hier eine Tragödie im Nebensatz.
    Das Lesen erfordert höchste Aufmerksamkeit.

    Ich habe eine Weile gebraucht, um mich mit diesem Buch anzufreunden, auch wenn man direkt von diesem außergewöhnlichen Schreibstil gefesselt ist. Vermutlich müsste ich es auch gleich noch einmal lesen, um wirklich alles zu verstehen. Das Thema ist unglaublich komplex.

    „Das Ministerium des äussersten Glücks“ ist ein beeindruckendes Kunstwerk, unterhaltend, berührend und unglaublich aufschlussreich. Natürlich lässt sich ein Land mit so vielschichtigen Problemen, unterschiedlichsten Naturellen und verzwickten politisch-religiös-traditionellen Befindlichkeiten nicht richtig fassen. Aber nach dem Lesen dieses Buches hat man einen Eindruck davon, wie das indische Leben jenseits von Bollywood aussieht.
    Ein großes Buch, absolute Leseempfehlung.

  1. bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 27. Jan 2020 

    ... Puh...schwierig, schwierig...

    Arundathi Roy’s zweiter Roman, ein 543 Seiten langer Abriss der Geschichte des modernen Indiens, ist ein politischer, kritischer, provokativer und aktueller Roman, in dem es v. a. um den Kaschmirkonflikt und um die Kasten- und Glaubenskämpfe in Indien geht.

    Das Wissen, die Erfahrung und die Empörung der Autorin springen dem Leser entgegen. Man wird mit einem Bombardement an Gewalt, Gräuel und Ungerechtigkeiten konfrontiert.

    Eingebettet sind diese Themen in die erschreckenden und interessanten, teilweise auch berührenden Geschichten von Anjum, einem Hermaphroditen, der als Sohn geboren wird, als Frau ein selbstbestimmtes Leben führt und eine kleine Parallelwelt auf einem Friedhof gründet und vier Studienfreunden, v. a. Tilo, die von ihrer leiblichen Mutter adoptiert wurde.

    Man liest Dutzende von schrecklichen Geschichten über Folter und Misshandlung, wird mit komplexen politischen Themen bombardiert und atmet auf, wenn die Autorin kurzzeitig zu einer leichter lesbaren und besser verständlichen Liebes- oder Familiengeschichte wechselt.

    Es fiel mir nicht immer leicht, den zahlreichen Erzählfäden zu folgen und die Charaktere blieben mir bis zuletzt ziemlich fremd. Den Romanfiguren fehlte es meines Erachtens an Tiefe und Vielschichtigkeit und ich „wurde nicht warm“ mit ihnen.

    Die Autorin kommt häufig vom Hölzchen aufs Stöckchen und insgesamt wirken die Handlungsstränge auf mich überfrachtet. Überbordende Fülle und rasante Geschwindigkeit führten dazu, dass ich mich oft verloren fühlte und immer wieder überlegte, ob ich den Roman abbrechen sollte. Aber Hoffnung, Neugierde und Ehrgeiz, das Begonnene zu beenden hielten mich davon ab. Wenn man, wie ich, dazu neigt, alles verstehen zu wollen, dann ist die Lektüre stellenweise fast unerträglich. Wahrscheinlich müsste man sich intensiv einlesen, um Roys Andeutungen, schaurige Anekdoten und Aphorismen sowie sämtliche politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen.

    Eine Aussage auf Seite 356 ließ mich innehalten. Auf einem Notizzettel von Tilo steht, dass sie gern eine dieser kultivierten Geschichten schreiben würde, in denen zwar nichts passiere, aber es trotzdem viel gebe, worüber man schreiben könne so etwas sei in Kashmir nicht möglich, es sei nicht kultiviert, was hier passiere. Es gebe zu viel Blut für gute Literatur.

    Ich dachte mir, dass die m. E. für ihr kämpferisches Engagement bewundernswerte politische Aktivistin, Kritikerin und Autorin auf diesem Notizzettel wahrscheinlich ihre eigenen Gedanken niedergeschrieben hat.
    Hat sie vermutet, befürchtet oder erkannt, dass in ihrem Roman zu viel Blutiges passiert und er deshalb nicht mehr zur sog. „gute Literatur“ gezählt werden kann?

    Für mich war das Buch im Großen und Ganzen eine Enttäuschung - überfrachtet und z. T. sprunghaft und verwirrend - es war für mich letztlich so chaotisch wie das Land, von dem ich in meinem letzten Urlaub einen Eindruck bekommen habe.

    Obwohl es auch Textstellen gab, die mir sprachlich gefielen, weil sie lebhafte Bilder und Szenen in mir auslösten wie z. B. „Den ganzen Morgen war ein heißer Wind durch die Straßen gepeitscht und hatte Staub, Kronkorken und Beedi-Kippen vor sich her und gegen Windschutzscheiben und in die Augen von Fahrradfahrern getrieben … die Hitze flirrte auf den Straßen wie eine Bauchtänzerin. Die Menschen warteten auf das Gewitter, das auf jeden Sandsturm folgte, aber es kam nicht. Ein Feuer wütete durch eine Ansammlung von Hütten am Flussufer, verwüstete im Nu mehr als zweitausend. Dennoch blühte der Indische Goldregen in einem trotzigen Gelb.“ Welch“ schöne und poetische Beschreibung! Ich hätte gern mehr davon gehabt.

    Was mich bei der Lektüre begleitet hat, war der Eindruck, dass die Autorin ihren politischen und gesellschaftlichen Kampf auf literarischer Ebene fortführen wollte. Sie hat den Roman damit gnadenlos überfrachtet. Sie hat ihn mit Tragödien vollgestopft und das war mir zu viel. Ich hatte das Gefühl, dass eine Tragödie nach der anderen abgehandelt wird.

    „Das Ministerium des äußersten Glücks“ ist ein sehr komplexer Roman, in dem ich Einiges über Indien lernte und der sehr viel Ausdauer, „Mut zur Lücke“ und Konzentration von mir forderte und weder vergnüglich noch unterhaltsam war, den ich jedoch letztlich unbedingt zu Ende lesen wollte. Und am Ende war ich dann froh, durchgehalten zu haben, weil es eben doch eine neue und interessante Leseerfahrung war.