Das Marterl

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Marterl' von Johannes Laubmeier
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Inhaltsangabe zu "Das Marterl"

Die Erinnerung hat ihre eigenen Gesetze. Je länger etwas zurückliegt, desto stärker tritt es einem vor Augen. So geht es dem Erzähler mit seiner Kindheit in der niederbayerischen Kleinstadt A., die abrupt endete, als sein Vater bei einem Unfall starb. Um neu beginnen zu können, muss er sich der Vergangenheit stellen, den Wundern und Schrecken, den Torheiten und der Verklärung. Das Marterl erzählt von den innersten Fragen unseres Daseins, einfühlsam, poetisch und mit feinem Humor. Nach Jahren der Abwesenheit fährt der Erzähler zurück in den Ort seiner Kindheit in Niederbayern. In der kleinen Stadt, die ihm erscheint, als wolle sie mit Folklore, Starkbierfesten und den Denkmälern bedeutsamer Männer die Zeit anhalten, versucht er, sich an seinen Vater zu erinnern. Und an den Verkehrsunfall, bei dem der Vater vor zehn Jahren starb. Doch ein Ort hat nie nur eine Gegenwart. Zwischen die Geschichte des Erzählers drängt sich das Leben eines Jungen. Die Angst vor einem Monster in einem Berg und ein fliegender Bär. Eine Liebe zur Blasmusik und die zu einer Frau. Kann die Erinnerung helfen, mit der Endlichkeit fertigzuwerden? Kann eine Heimkehr jemals gelingen oder muss sie vielleicht ein Mythos bleiben? So wie der Meeresforscher mit Taucherbrille und Regenjacke an einem niederbayerischen Bahnhof.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:288
Verlag: Tropen
EAN:9783608501681

Rezensionen zu "Das Marterl"

  1. Verlust

    Das Jahr 2009 markiert für Johannes den „Nullpunkt einer Zeitrechnung“ (S. 249). Der tödliche Motorradunfall seines Vaters treibt ihn weg vom Ort des Unglücks, seiner Heimatregion, den dort lebenden Menschen und allem, was ihn an seinen Verlust erinnern könnte. Zehn Jahre später kehrt er zurück in seine niederbayrische Heimatstadt, um zu verstehen, was damals geschah, was mit ihm seither geschehen ist. Zaghaft begibt er sich auf die Suche nach Verlorenem, knüpft Kontakte zu Menschen, die ihm weiterhelfen könnten.
    In der Gegenwart begleiten wir Johannes durch die Stadt, das Haus und den Garten seiner Kindheit. Er lässt sich treiben, beobachtet, registriert Veränderungen, erzählt Historisches aus der Umgebung. Die atmosphärischen Beschreibungen lassen die Landschaft und die Bauwerke vor dem inneren Auge entstehen. Besonders gut gelingt es dem Autor, die Empfindungen einzufangen, die mit einer solchen Rückkehr ins Vertraute und doch teilweise fremd Gewordenem verbunden sind.
    Die Episoden aus der Vergangenheit lassen sich deutlich an der Veränderung der Erzählperspektive erkennen. Es wird in der dritten Person Singular von dem Jungen erzählt, der er einmal war. Erlebnisse mit dem Vater beim Wandern, gemeinsame Spaziergänge mit dem Hund tauchen ebenso auf wie Erinnerungen an die Großeltern, Schulstreiche, die Auftritte mit der Ska-Punk-Band und vieles mehr. Wir erfahren auch die Geschichte rund um den als Tiefseetaucher verkleideten Jungen auf dem Titelbild.
    Die sich abwechselnden Kindheits- und auch Erwachsenenperspektiven sind auf ihre jeweilige Art sehr authentisch. Die kindliche Perspektive hat mich oft schmunzeln, manchmal auch mitleiden lassen, immer mein Herz erwärmt. Auch den philosophischen Gedankengängen, dem Schmerz und der Verlorenheit des erwachsenen Ich-Erzählers konnte ich gut folgen.
    In den Text verwoben sind englische Verse des us-amerikanischen Dichters Charles Olson, die Johannes seelischen und emotionalen Zustand gut widerspiegeln. Filmreif sind auch die Szenen diverser Bierfeste, die im niederbayrischen A. als Volksfest gefeiert werden und die der bereits nicht mehr ganz so kindliche Junge in der Vergangenheit und natürlich auch der erwachsene Johannes in der Gegenwart miterleben. Diese Abschnitte brechen für einen kurzen Moment den schwermütigen Grundton des Romans auf und liefern erstaunliche Erkenntnisse bezüglich „bayrischer Kultur“.
    „Das Marterl“ ist ein gelungenes autofiktionales Debüt, das mich in seiner melancholischen, leisen, poetischen und authentischen Art sehr berührt hat.

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  1. Der Schrecken der Vergangenheit

    Als sein Vater 2009 mit seinem Motorrad tödlich verunglückte, endete für Johannes Laubmeier mehr als nur seine schon etwas in die Jahre gekommene Kindheit. Er lässt auch A. hinter sich, diese 12.000-Seelen-Kleinstadt in der Nähe von Regensburg, seine Freund:innen, seine Liebe, seine Erinnerungen. Zehn Jahre später kehrt er zurück und stellt sich nicht nur diesem ungeheuerlichen Schrecken der Vergangenheit, sondern auch den vielen inneren und äußeren Konflikten und dem Schmerz, die der abrupte Abschied damals mit sich brachte...

    "Das Marterl" von Johannes Laubmeier ist der Debütroman des 1987 in Regensburg geborenen Schriftstellers und Journalisten, der kürzlich im Tropen-Verlag erschienen ist. Laubmeier schreibt darin so souverän und empathisch, dass man sich kaum vorstellen kann, ein literarisches Debüt zu lesen. Wobei man den Begriff "Roman" ein wenig weiter umfasst interpretieren sollte, denn in seiner Gesamtheit ist "Das Marterl" wahrscheinlich eher der Autofiktion zuzuordnen. Was daran biografisch und was fiktional ist, bleibt das Geheimnis des Autors und der Fantasie der Leserschaft überlassen.

    Laubmeier erzählt in zwei unterschiedlichen Perspektiven. Zwischen die 2019 spielende Rückkehr mit Ich-Erzähler Johannes mischen sich immer wieder Kindheitserinnerungen des als "Jungen" betitelten Protagonisten, die sich auf das größtenteils sehr liebevolle Verhältnis zwischen ihm und seinem Vater beziehen. Besonders daran ist, dass man die Unterschiede nicht nur am plötzlich auktorialen Erzähler erkennt, sondern die Texte auch stilistisch deutlich differieren. Während sich der erwachsene Johannes auf die Spurensuche seines Vaters und seiner Vergangenheit begibt und dabei immer wieder auch klug und berührend philosophisch-existenzielle Fragen einfließen lässt, ist man in den Kindheitsepisoden ganz nah am Jungen, man spürt seine Unsicherheit und Naivität, man lacht und weint mit ihm.

    Sehr gelungen ist in diesem Zusammenhang übrigens die Coverauswahl, die ein Originalfoto des Jungen Johannes zeigt - geschossen von seinem Vater Hans, als dieser von Frau und seinem als Tiefseetaucher verkleideten Sohn vom Bahnhof abgeholt wird. Liest man diese Szene und legt sich den Schutzumschlag direkt neben das Buch, so erkennt man jedes kleinste Detail und taucht so nahezu unmittelbar in die Handlung ein. Als sei man selbst ein Tiefseetaucher, auf der Suche nach der so lange zurückliegenden Kindheit oder gar nach dem verlorenen Vater. Bewegend und besonders.

    Insgesamt strahlt "Das Marterl" eine große Melancholie aus, verharrt dabei aber nicht ausschließlich in Traurigkeit, sondern erlaubt Johannes und seinen Leser:innen auch immer wieder heitere und unbeschwerte Momente. Wenn sich Klosterschüler Johannes und seine Freunde beispielsweise auf den Weg machen, um die Leiche eines verstorbenen Abtes zu sehen. Oder wenn sie ihre eigene Skapunk-Band gründen und dabei den Konflikt mit den patriotischen Jugendlichen der "Danubius Buam" suchen.

    "Das Marterl" ist außerdem ein mutiges Buch, denn auf der einen Seite erfordert es überhaupt Mut, sich der Trauer und dem Verlust auf so persönliche Art zu stellen. Hinzu kommt jedoch, dass Johannes Laubmeier nichts beschönigt und nichts verherrlicht. Denn das ganze Ausmaß der Tragik um den Tod des Vaters und Johannes' inneren Konflikt wird den Leser:innen schrittweise und behutsam erst nach und nach wirklich klar.

    Gerade zu Beginn des Romans fühlte ich mich stark an das im letzten Jahr erschienene und ebenfalls sehr gelungene "Niemehrzeit" von Christian Dittloff erinnert, in dem der Autor den Spuren seiner kurz hintereinander verstorbenen Elternteile folgte. Wobei Laubmeier stärker als Dittloff auf die eigene Kindheit blickt und er auch dadurch im Buch mehr Raum einnimmt als Dittloff, der sich noch deutlicher auf die Elternfiguren konzentrierte. Gern hätte ich in diesem Zusammenhang tatsächlich noch die ein oder andere Kindheitsepisode mehr gelesen, denn gerade im Bereich zwischen dem Zehnjährigen, der sich gemeinsam mit der Großmutter die Trauerfeier für Lady Di ansieht und dem jugendlichen Punkrocker klafft doch eine recht große Lücke. Ein kleiner Kritikpunkt eines insgesamt überzeugenden und lesenswerten Debüts.

    "Das Marterl" ist ein philosophisches Trauerbuch, ein warmherziger und fantasievoller Rückblick auf die Kindheit. Ehrlich, überraschend und klug.

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