Das Mädchen mit dem Fingerhut

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Mädchen mit dem Fingerhut' von Michael Köhlmeier
4.5
4.5 von 5 (2 Bewertungen)

Irgendwo in einer großen Stadt, in Westeuropa. Ein kleines Mädchen kommt auf den Markt, hat Hunger. Sie versteht kein Wort der Sprache, die man hier spricht. Doch wenn jemand „Polizei“ sagt, beginnt sie zu schreien. Woher sie kommt? Warum sie hier ist? Wie sie heißt? Sie weiß es nicht. Yiza, sagt sie, also heißt sie von nun an Yiza. Als Yiza zwei Jungen trifft, die genauso alleine sind wie sie, tut sie sich mit ihnen zusammen. Sie kommen ins Heim und fliehen; sie brechen ein in ein leeres Haus, aber sie werden entdeckt. Michael Köhlmeier erzählt von einem Leben am Rande und von der kindlichen Kraft des Überlebens – ein Roman, dessen Faszination man sich nicht entziehen kann.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:144
EAN:9783446250550

Rezensionen zu "Das Mädchen mit dem Fingerhut"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Mär 2016 

    Ein Kind auf der Flucht

    Das Mädchen mit dem Fingerhut ist eines der auf sich allein gestellten Kinder, die irgendwie zu überleben versuchen. Yiza, sie nennt sich so, weil sie ihren Namen nicht kennt, hat immer mal wieder einen „Beschützer“ so wie Onkel Bogdan, der sie zum Betteln schickt, oder einige Frauen, für die sie in Müllcontainer klettert und die guten Sachen herausfischt. Sie verliert Bogdan, lebt allein auf der Straße, wird aufgegriffen, kommt in ein Heim und wäre fast geborgen, wenn sie da nicht auf Schamhan trifft, der ihre Sprache spricht und sie flieht zusammen mit ihm und Arian aus dem Heim. Sie leben von Betteln und Stehlen, kennen Hunger und Kälte, schlafen im Wald oder in Scheunen. Vermutlich kommen sie aus dem Südosten, Balkan wäre eine Möglichkeit und das Schicksal hat sie in eine westliche Großstadt gespült.
    Köhlmeier berichtet ganz emotionslos und distanziert von diesen Schicksalen, die es häufiger gibt, als man sich denkt. Dadurch wird diese kleine Geschichte viel eindringlicher, denn jeder Leser selbst wird die Bilder im Kopf haben. Die Kälte ist nicht nur der Jahreszeit geschuldet, Kinder wie Yiza bleiben oft unsichtbar, unser Blick gleitet über sie hinweg. Das Leben auf der Straße wird sie prägen und die kühle Distanz der Menschen. Es wird Yiza auch nicht gelingen Vertrauen aufzubauen, deshalb zieht sie die Flucht mit Schamhan und Arian der Sicherheit und Wärme des Kinderheims vor.
    Köhlmeiers Buch ist nur schmal vom Umfang, aber gewichtig im Inhalt. Das Schicksal der Kinder, von denen Yiza nur eines ist - man denke nur an die augenblickliche Flüchtlingsdebatte, die die Not der Balkanländer fast völlig ausblendet – bekommt hiermit eine eindringliche Stimme.
    Ein Wort nur zum Umschlag, große, melancholische Augen blicken ins Leere. Ich finde, das setzt den Inhalt sehr schön um.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Feb 2016 

    Durch alle Maschen...

    Heimatlos und ohne Herkunft - so irrt ein kleines Mädchen durch die winterlichen Straßen einer nicht näher bezeichneten Stadt in Westeuropa. Nicht einmal einen Namen scheint sie zu haben, Yiza nennt sie sich selbst, hat niemanden zu dem sie gehört, eine Sprache zwar, doch keinen, der sie versteht. Sie versucht zu überleben, streift herum und stopft sich gierig in den Mund, was sie an Nahrung geschenkt bekommt, versucht sich an warmen Plätzen zu verstecken und wird schließlich von der Polizei aufgegriffen.

    Doch was eine Chance sein könnte, da in dem kleinen Kinderheimeim mit der freundlichen Schwester, schläg Yiza in den Wind. Als ein großer Junge sie fragt, ob sie mit ihm und einem Freund kommen will, bejaht sie sofort - denn dieser Junge ist der einzige, der ihre Sprache spricht. Und so reißen die drei aus, mitten im Winter, ohne einen wirklichen Plan. Kälte, Hunger, Verzweiflung nagen an ihnen, doch sie sind zusammen. Die Menschen, denen sie begegnen, sind vereinzelt zu einer freundlichen Geste bereit, ansonsten übersehen sie die drei Kinder. Wohin mag der Weg führen?

    In nüchterner, knapper Sprache und kurzen Sätzen, die die Sprachlosigkeit der verlorenen Kinder deutlich machen, hält Michael Köhlmeier unserer Gesellschaft einen Spiegel vor, wie er aktueller nicht sein könnte. Vieles bleibt im Unklaren - wo die Kinder herkommen, weshalb sie ohne ihre Familie leben, in welchen Land sie sich befinden - und steht deshalb für die zahllosen Flüchtlingskinder, die derzeit in Westeuropa einströmen. Täglich wird in den Nachrichten auf diese Problematik hingewiesen, Politiker und alle, die es immer schon gewusst haben, diskutieren sich die Köpfe heiß - doch was hinter der Flucht des einzelnen steht, und gerade auch das Schicksal der Kinder: das geht in der Masse unter.

    Trotz der Nüchternheit der Erzählung durchwebt eine leise Melancholie die Sätze, und das offene Ende lässt mich ein wenig ratlos zurück. Aber ist nicht auch das passend zur derzeitigen gesellschaftlichen Situation? Und sind letztlich nicht immer die Kinder die Leidtragenden?

    © Parden