Das Lied des Achill

Rezensionen zu "Das Lied des Achill"

  1. Von der Ehre eines Halbgotts

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 29. Feb 2020 

    Kurzmeinung: Ein wenig flach geraten hier und da - aber trotzdem gut lesbar!

    Der Bekanntheitsgrad der Sage von Achill, dem Sohn einer Meeresgöttin und einer Sterblichen, einer Sage aus dem griechischen Mythologienzyklus, war früher geläufiger. Heute kennen viele Menschen griechische Mythologie nicht mehr. So ist es ein Verdienst der Autorin, die auch den Roman „Circe“ geschrieben hat, diese Sagengestalten wieder mehr ins Bewusstsein zu holen. Ein Bildungsauftrag, sozusagen, dem die Autorin nachkommt.

    Beim Lied des Achill nimmt sich die Autorin (natürlich) manche Freiheit heraus. Achills Freund und Gefährte Patroklos ist sowohl der Erzähler als auch Geliebter. Noch über den Tod hinaus verlieht ihm die Autorin eine Stimme, was ein wenig befremdlich ist. Eine weitere Erzählperspektive hätte dem Roman mehr Spannung verliehen und noch andere Nuancen und Zuspitzungen möglich gemacht. So ist die Erzählung mit der Zeit recht monoton und flacht gelegentlich ab.

    Die Autorin macht ihre Sache ansonsten ganz gut. Man kann sich die beiden jungen Männer, Patroklos und Achill, auf die sich die Erzählung konzentriert, plastisch vorstellen. Ihre Probleme, die aus den Sitten und Gebräuchen jener Zeiten resultieren, sind ein wenig anders als die Probleme heutiger Jugend. Da belasten Prophezeihungen, da lasten Erwartungshaltungen, da wird Aussehen und Ansehen das wichtigste Gut. Und Ehre steht beständig auf dem Prüfstand.

    Die Zeitumstände, Sklaven sind keine Menschen, mit Kriegsbeute kann man machen, was man will, ein erschreckendes Frauenbild, transportiert Miller überzeugend. Ihre Sprache ist der altertümlichen und ein wenig überbordenden Wortwahl von Märchen und Legenden angepasst und insoweit stimmig.

    Nach einer Weile fallen Wiederholungen auf, die besorgte Göttermutter Thetis mit ihrer furchterregenen Aura, erscheint einige Male zu viel aus dem Nichts, das blonde fliegende Haar Achills und seine bronzene Haut gingen mir allmählich „on nervs“, und im Krieg in Troja, vermisste ich Strategisches. Ein wenig mehr zu den Nebenfiguren hätte das Buch auch vertragen, das immer wieder Gefahr läuft im persönlichen Schnickschnack von Patrokles und Achill zu verlaufen. Ein Blick in die belagerte Stadt, eine Innensicht, wäre reizvoll gewesen, möglicherweise der Blick von Helena, der Person, um die es ging?

    Fazit: Alles in allem ist „Das Lied des Achill“ für jemanden, der die Sage nicht kennt, nett geschrieben und informativ, doch die Erzählperspektive ist eng und macht den Roman eintönig, wenn nicht gar mit der Zeit flach, weil es Seite um Seite um die homosexuelle Seite Achills geht und der Krieg gegen Troja sich auf das beschränkt, was jeder Krieg mit sich bringt: Kriegsgräuel.

    Kategorie: Märchen und Legenden
    Eisele Verlag, 2020

  1. Mitreißende Adaption griechischer Mythologie

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Feb 2020 

    Nach einem tragischen Unfall wird der junge Prinz Patroklos ins Exil nach Phthia geschickt, wo er mit dem gleichaltrigen Achill aufwächst. Auch wenn die beiden sehr unterschiedlich sind, werden sie doch schnell zu besten Kameraden. Aus Freundschaft entsteht schließlich Liebe - eine Liebe, die immer wieder auf die Probe gestellt wird. Vor anderen müssen sie sich verstellen, Achills Mutter, der Nymphe Thetis, ist die Beziehung ein Dorn im Auge und ein altes Versprechen Patroklos' droht einem von ihnen den Tod zu bringen.

    Schon "Ich bin Circe" von derselben Autorin konnte mich restlos begeistern und nicht anders ist es mit "Das Lied des Achill". Die Handlung wird aus Patroklos' Sicht erzählt und umfasst sein gesamtes Leben, von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Im Fokus steht natürlich die Beziehung zu Achill. Während der schneller, stärker und ein besserer Kämpfer als alle anderen ist - was ihm den Namen "Aristos Achaion", der "Beste der Griechen" einbringt - ist Patroklos aus weicherem Holz geschnitzt. Er ist sehr empfindsam, hat ein starkes Bedürfnis nach Gerechtigkeit und findet erst durch die Erziehung durch den Zentauren Cheiron zu sich selbst.

    Da er kein Kämpfer ist, bleibt Patroklos nur die Möglichkeit, seiner großen Liebe Achill stets bedingungslos zu folgen - auch in die Trojanischen Kriege, wo er in dessen Streitwagen sein Leben riskiert. Nach und nach zieht er sich dann jedoch aus dem Kampfgeschehen zurück und wendet sich der Heilkunst zu. Achill hingegen steigt sein Ruhm immer mehr zu Kopf, so dass er schnell Feinde um sich schart. Wie wird Patroklos sich entscheiden, wenn er zwischen dem, was gut und richtig ist und seinem Geliebten wählen muss?

    Mit "Das Lied des Achill" ist Madeline Miller erneut eine mitreißende Adaption griechischer Mythologie gelungen. Natürlich sind gewisse Teile der Handlung mit Vorkenntnissen in diesem Gebiet vorhersehbar. Da jedoch mehr wert auf die Entwicklung der beiden Helden und ihre Beziehung zueinander gelegt wird, tut dies dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Bleibt nur zu hoffen, dass Madeline Miller sich in Zukunft noch weiteren antiken Helden literarisch widmen wird.