Das Licht ist hier viel heller

Rezensionen zu "Das Licht ist hier viel heller"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jan 2020 

    Wichtige aktuelle Themen in Höchstspannung

    Der Roman wird im Wesentlichen aus zwei Erzählperspektiven erzählt: Einerseits haben wir einen auktorialen Erzähler, der uns Max Wenger und seine Gedanken sehr explizit darstellt. Andererseits gibt es die Ich-Erzählerin Chloe (genannt Zoey), Wengers 17-jährige Tochter. Ihre Abschnitte sind mit Hashtags gekennzeichnet. Die Kapitelführung ist von 10 rücklaufend bis 0 gestaltet, unregelmäßig werden Briefe einer unbekannten Frau namens Marlen abgedruckt. Die Geschichte spielt in der Gegenwart, es gibt aber zahlreiche Rückblicke, die für das bessere Verständnis des Geschehens wichtig sind.
    Wenger ist ein wahrer Anti-Held. Mitte 50, getrennt von seiner Frau, hat er nur mäßigen Kontakt zu seinen zwei 16- und 17-jährigen Kindern. Er lebt er in einer verwahrlosten Junggesellenbude und träumt von besseren Zeiten. Seine Schwester Elisabeth kümmert sich um ihn, aber auch sie hört kein gutes Wort. Wenger flüchtet sich in Depression und Alkohol, ist ein richtiger Stinkstiefel.

    Früher war er Schriftsteller. Er wurde es eher per Zufall, war dann aber eine Zeitlang sehr erfolgreich, bis seine Bücher die Läden hüteten und sich der Verleger von ihm abwandte. Der höchst poetisch formulierte Brief einer Unbekannten, adressiert an seinen Vormieter, mischt Wenger etwas auf: „Ich hab dich geliebt, lass mich das einmal aufschreiben. Lass mich alles einmal aufschreiben. Ich schreibe es weg von mir, raus aus mir, runter von mir. Vielleicht fühle ich mich dann endlich wieder sauber. Vielleicht fühle ich mich dann endlich wieder.“ (S. 19)

    Zoey lebt im Elternhaus zusammen mit ihrem Bruder Spin, ihrer Mutter Patrizia und deren neuen, jungen Freund Reto. Die Mutter unterhält einen Kanal, in dem sie Schönheits- und Lifestyle-Tipps verbreitet. Sie leidet am Jugendwahn und will sich ständig mit ihrer Tochter messen und fotografieren lassen. Zoey verabscheut diese oberflächliche Welt, die Mutter spürt das aber nicht. Auch Wenger hat sich nie für seinen Nachwuchs interessiert, Zoey ist er fremd: „So ist das mit ihm. Er ist eine Tür, und ich probiere einen Schlüssel nach dem anderen, einen ganzen verfickten Schlüsselbund hab ich, und keiner passt. Nicht ein einziger.“ (S. 36).

    Die Kinder sind sehr häufig sich selbst überlassen, was sie eng zusammengeschweißt hat. Probleme besprechen sie miteinander. Dennoch besuchen sie den Vater pflichtbewusst im 14-tägigen Rhythmus.

    Im Zuge des Romans passiert viel. Wenger bekommt weiterhin die Briefe der Unbekannten, die er wie selbstverständlich öffnet, obwohl sie nicht für ihn bestimmt sind: "Wenger ist so alt, dass ein Brief noch Bedeutung hat für ihn, weil es ein echtes Schriftstück ist, in das jemand Worte eingewebt hat und das Tage gebraucht hat statt Sekunden, um anzukommen.“ (S.18)

    Die Schreiberin zeigt zunehmend eine zutiefst enttäuschte und verletzte Seele, von Brief zu Brief erfährt man mehr über ihr Schicksal, dass sie nach San Remo verschlagen hat. Wenger berühren diese Briefe eigentümlich, seine Gedanken sind nicht immer schmeichelhaft für ihn. Was er nicht weiß, ist, dass auch Zoey die Briefe liest und sogar abfotografiert. Sie ist von ihnen völlig anders tangiert als ihr Vater.

    Zoey hat das analoge Fotografieren zu ihrem Hobby gemacht, von dem zunächst niemand etwas weiß. Um Geld zu verdienen und sich fortzubilden, jobbt sie in einem Fotostudio. Sie träumt von der Anschaffung einer wertvollen Kamera. Eines Abends kommt es jedoch zu einem Vorfall, der sehr prägend und verletzend für die junge Frau ist und weitreichende Folgen für die Handlung hat.

    Die drei unterschiedlichen Erzählperspektiven nehmen zunehmend Fahrt auf und zeigen wichtige Themen aus verschiedenen Blickwinkeln: Wenger erweist sich als ein großer Macho. Von jeher tritt er Frauen gegenüber sexistisch auf, beurteilt sie höchst oberflächlich und erwartet, dass insbesondere seine eigenen Interessen befriedigt werden. Zoey ist ein sensibles junges Mädchen, das unglücklich verliebt ist. Sie macht ihre ersten holprigen Erfahrungen mit Sexualität, die nichts mit Erfüllung zu tun haben.

    Die Briefe Marlens gehen unter die Haut. Sie flankieren das Geschehen rund um Wenger und seine Tochter. Wenger fühlt sich von ihnen inspiriert, er rafft sich auf, findet ein neues Thema für einen Roman. Zoey leidet, kann aber noch nicht darüber sprechen. Die Spannung steigt, es gibt Konfrontationen innerhalb und außerhalb der Familie. Der Roman mutiert zum Pageturner. Beachtlich ist, dass Fallwickl völlig unterschiedliche Sprachmelodien für ihre Protagonisten findet. Sie gleitet nicht in Klischees ab, sie beschreibt Typen, und Typen wie Wenger – so unsympathisch er einem auch ist – gibt es in der realen Welt.

    Die Autorin hat wichtige, allgegenwärtige Themen aufgegriffen. Es geht um Grenzen: Wo fangen sie an, wo hören sie auf, wie muss man sie verteidigen? Es geht um Identitätssuche und -definition, um Verarbeitung erlittener Gewalt. Hinzu treten der übertriebene Jugendwahn, auch Kritik an den Social Media habe ich herausgelesen. Interessant, dass hier nicht nur die Jugend zu den übertriebenen Nutzern gehört.

    Fallwickl hat ein wichtiges, aktuelles Buch vorgelegt in einer Sprache, die vielseitig verschiedene Nuancen aufzeigt, sich flüssig liest, mal nachdenklich stimmt, mal zum Schmunzeln einlädt oder poetische Anlehnungen hat. Es ist ein Roman, der sowohl für ältere Teenager als auch für Erwachsene geeignet ist. Auch nach dem Zuklappen des Romans, dem die Autorin ein absolut glaubwürdiges Ende gegeben hat, ist der Denkprozess nicht abgeschlossen.

    Ein Buch, das nachhallt. Was will man mehr von guter, zeitgenössischer Literatur?
    Von mir gibt es 5 Sterne und meine volle Leseempfehlung!