Das hungrige Krokodil: Familienroman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das hungrige Krokodil: Familienroman' von Sandra Brökel
5
5 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das hungrige Krokodil: Familienroman"

Prag 1968: Wie viele andere Tschechen schöpft Pavel Vodák Hoffnung. Hoffnung auf Reformen, auf Freiheit, auf Demokratie. Dann rollen die Panzer und machen all seine Träume zunichte. Pavel will nicht, dass seine Tochter Pavla unter diesen Umständen aufwachsen muss. Sie soll frei denken und entscheiden können. Also plant er, mit seiner Familie aus der tschechischen Heimat nach Deutschland zu fliehen. Nachdem er an deutsche Pässe gelangt ist, folgt die größte Herausforderung: Denn seine schwer kranke Schwieger­mutter und seine Tochter ahnen nichts von der Flucht. Sie glauben, die Familie fährt in einen Jugoslawienurlaub. Eine abenteuer­liche Reise beginnt …

Format:Taschenbuch
Seiten:320
Verlag: Pendragon
EAN:9783865326089

Rezensionen zu "Das hungrige Krokodil: Familienroman"

  1. Historisches Kleinod

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Sep 2020 

    Sandra Bröckel hat mit ihrem Roman „Das hungrige Krokodil“ ein historisches Kleinod geschaffen, das sich auf berührende Weise dem Prager Frühling annähert und völlig kitschfrei auf literarischem Niveau die Lebensgeschichte von Pavel Vodák erzählt. Es ist eine wahre Geschichte, was das Buch umso beachtenswerter macht.

    August 1968 rollen Panzer der damaligen Bruderländer in das sozialistische Prag, um die Reform zu zerschlagen. Das bedeutet das Ende für den Prager Frühling und damit auch für den tschechischen Arzt Pavel Vodák, der zur Gruppe der oppositionellen Reformsozialisten in Prag gehört. Auch wenn er nicht das berühmte Manifest der 2000 Worte unterzeichnete war er Teilnehmer der konspirativen Treffen und hat viele Schriftstücke verfasst.
    Die Panzer zerstören alle Hoffnungen auf Veränderung und schleudern Pavel, seine Familie und die Tschechoslowakei zurück in eine finstere und misstrauische sozialistische Ära, die für den Chef der Prager Kinderpsychiatrie äußerst gefährlich wird. Aus Sorge um sich und seine Familie wagt Pavel die Flucht über Jugoslawien, mit seiner Frau Vera, seiner Tochter Pavli und seiner Schwiegermutter.

    Eine Arzttasche gefüllt mit Dokumenten sind der Schatz, den die Autorin Sandra Bröckel für ihr Buch als Basis benutzt hat. Die Tasche voller Lebenserinnerungen des Prager Arztes Pavel Vodák bekam sie von ihrer Freundin Paula alias Pavli, der Tochter von Pavel. Das hungrige Krokodil als gefährliches Symbol, das man nicht füttern darf und das nur scheinbar träge schläft, stammt aus den Aufzeichnungen Pavels und wird im Roman als kraftvolles Bild verwendet.

    Schon als Kind erlebt Pavel die Schrecken der Diktatur der Nazizeit. Später unmittelbar nach dem Krieg, als Student der Medizin in Prag, arbeitet er als ärztlicher Helfer in Theresienstadt, dem ehemaligen Konzentrationslager nahe Prag, wo er seine Frau Vera kennenlernt. Das Schwert kehrt sich nun um für den jungen deutschstämmigen Pavel, der noch völlig paralysiert von den Schrecken, wozu Menschen fähig sein können, in Prag erleben muss, wie Tschechen Deutsche umbringen. Als mit den Sowjets kommen muss Pavel sich vor dem Russischen Bären und seinem Uniformismus in Acht nehmen, bis unter Alexander Dubček im Frühling 1968 vorsichtige Reformen möglich zu sein scheinen. Pavel schließt sich begeistert der Gruppe Oppositioneller in Prag an und unterstützt durch seine Arbeit das „Manifest der 2000 Worte“, unter den ängstlich-besorgten Blicken seiner Frau Vera, die unter den Russen nicht weiter Medizin studieren durfte.
    Nur zufällig gehört Pavel nicht zu den Unterzeichnern des Manifests, und er wird in den nachfolgenden Jahren vielfach von der nunmehr strengeren Diktatur bedroht und reglementiert. Schließlich sieht er in der Flucht die einzige Möglichkeit, der drohenden Verhaftung zu entkommen und seiner Tochter Pavli ein Studium zu ermöglichen.

    Das Verlassen der Heimat als einzigen Weg, ein freies Leben ohne Angst zu führen, ist ein zeitlos aktuelles Thema. Leise und sehr eindringlich erzählt Sandra Bröckel die Geschichte Pavel Vodáks und seiner Familie, die Geschichte des Prager Frühlings und dessen Zerschlagung. Spannend und dramatisch, gut lesbar jedoch völlig ohne Kitsch und Rührseligkeit konnte ich das Buch kaum weglegen. Die Geschichte macht nachdenklich und regt zu weiterer Recherche an, Das Buch damit ist ein wertvolles Steinchen im historischen Puzzle des vergangenen Jahrhunderts, das einen sehr persönlichen und authentischen Blick auf die Entwicklung der Tschechoslowakei vom zweiten Weltkrieg bis zur Öffnung der Grenze 1989 wirft und dabei historische Geschehnisse wie die Entstalinisierung mit der Sprengung des monströsen Stalinmonuments in Prag oder die Selbstverbrennung des Studenten Jan Perlach am Ende des Prager Frühlings einbezieht. Lebensechte Charaktere geben der Geschichte großes Gewicht, die persönliche Sicht Pavel Vodáks auf die Ereignisse funktionieren für dieses Buch ebenso hervorragend wie das Bild des hungrigen Krokodils, das sich wie ein Faden als Ausdruck für schlummernde immer anwesende Gefahr durch den Roman zieht.

    Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, und von mir gibt es großen Applaus für die spannende, authentische, interessante, komplexe tatsachenbezogenen und hervorragend recherchierte Umsetzung der Thematik, die es schafft, sehr zu berühren ohne kitschig zu werden. Ich wünsche dem Buch viele Leser und vergebe begeistert volle fünf Lesesterne.

    Danke an den Pendragon-Verlag für die Möglichkeit, an einer Leserunde mit der Autorin teilzunehmen, das war für mich ein äußerst erhellendes und sehr bereicherndes Erlebnis.

  1. Prager Frühling und eiserner Vorhang:die Geschichte einer Flucht

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Sep 2020 

    Prag 1968: Wie viele andere Tschechen schöpft Pavel Vodák Hoffnung. Hoffnung auf Reformen, auf Freiheit, auf Demokratie. Dann rollen die Panzer und machen all seine Träume zunichte. Pavel will nicht, dass seine Tochter Pavla unter diesen Umständen aufwachsen muss. Sie soll frei denken und entscheiden können. Also plant er, mit seiner Familie aus der tschechischen Heimat nach Deutschland zu fliehen. Nachdem er an deutsche Pässe gelangt ist, folgt die größte Herausforderung: Denn seine schwer kranke Schwieger­mutter und seine Tochter ahnen nichts von der Flucht. Sie glauben, die Familie fährt in einen Jugoslawienurlaub. Eine abenteuer­liche Reise beginnt…

    Doktor Pavel Vodák ist 1970 eine Koryphäe auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie und sowohl als Chefarzt im Prager Institut als auch landesweit anerkannt. Doch er ist angzählt. Nicht aufgrund fehlender Fachlichkeit, sondern wegen politisch-menschlicher Ansichten, die dem Parteibuch zuwider sprechen.

    Geprägt von Ereignissen im 2. Weltkrieg ist Pavel senisbilisiert hinsichtlich staatlicher Doktrin und des Zwangs der Anpassung. 1968 flammte die Hoffnung auf einen menschlichen Sozialismus auf, und Pavel gehörte zu denjenigen, die sich dafür engagierten. Der Einmarsch des Militärs der Sowjetunion sowie der Bruderstaaten im Prager Frühling zerschlugen die Hoffnung und hinterließen ein Land der Resignation und ein Klima des Misstrauens.

    Parteitreue zahlte sich nun aus, und die bekannten Reformbestreber von 1968 waren entweder bereits verhaftet oder standen seither offenkundig unter Beobachtung. So auch Doktor Pavel Vodák, der 1970 nicht nur sich selbst und seine Ideale gefährdet sieht, sondern auch seine Familie. Was wäre z.B., wenn die Partei seiner hochbegabten Tochter verbieten würde zu studieren? Er sieht seine Zukunft und die seiner Familie nicht länger in der Tschechoslowakei - aber der Eiserne Vorhang ist unüberwindbar. Oder gibt es Hoffnung?

    "Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht." (Vaclav Havel)

    Die Trauertherapeutin Sandra Brökel kam durch einen unglaublichen Zufall zu einem Koffer voller Notizen - den über zwei Jahre geschriebenen Erinnerungen von Doktor Pavel Vodák. Ausgerechnet mit dessen Tochter Pavli - später: Paula - war Sandra Brökel bis zu deren plötzlichem Tod befreundet. Und im Rahmen der gemeinsamen Aufarbeitung von Pavlis nicht einfacher Lebensgeschichte überließ diese der Autorin diesen Koffer.

    Die Aufzeichnungen Doktor Pavel Vodáks zeichen ein eindrückliches Bild der Vergangenheit, ein erster Einschnitt im 2. Weltkrieg, die kommunistische Neuordnung danach, der Prager Frühling und schließlich die Flucht - einschließlich des Preises, den jedes Familienmitglied dafür zahlen musste.

    Sandra Brökel schreibt in einfachen, klaren Sätzen, und trotz der Distanz, die ich die meiste Zeit über zu der Person Pavel Vodáks verspürte, gelang es ihr, die Dramatik und die Bedeutung des Entschlusses zur Flucht zu transportieren. Obschon mir der Ausgang dieser Flucht bereits im Vorfeld bekannt war, verspürte ich beim Lesen doch Aufregung, als es konkret wurde.

    Ich empfand es als sehr positiv, dass Doktor Pavel Vodák hier nicht als makelloser Kämpfer für die Freiheit dargestellt wird, sondern als ein Mensch mit Stärken und Idealen auf der einen Seite, aber auch mit Fehlern und Schwächen auf der anderen. Gerade im Hinblick auf seine Familie zeigte er sich offenbar nicht immer feinfühlig, sondern beschränkte sich ganz auf seine persönliche Sichtweise. Seine Tochter Pavli litt darunter offensichtlich lange Zeit.

    "Die Zeit schreitet unbeirrt voran, das Leben auch. Irgendwie. Wenn die Welt eines Menschen in Scherben liegt, kann er dem Trugschluss erliegen, alles sei dem Ende geweiht. Genau darin wartet ein Segen für die Zukunft. Wer ihn entdeckt, kann die Scherben zu einem neuen Mosaik zusammensetzen, das er irgendwann vielleicht sogar liebgewinnen kann." (S. 223)

    Keine Biografie, sondern ein Roman sei dieses Buch, betont die Autorin, schriftstellerische Freiheiten inbegriffen. Das nicht nur im Titel erwähnte Krokodil ist eine Metapher - ein Bild der lauernden und plötzlich zuschnappenden (staatlichen) Gefahr, der man niemals den Rücken zuwenden sollte, und von der man keinesfalls glauben darf, dass sie womöglich eines Tages wirklich verschwunden ist. Angesichts des heutigen Rechtsrucks in Europa erschreckend wahr. Doktor Pavel Vodák hat den Begriff des Krokodils geprägt, die Autorin hat das Bild verfeinert und erweitert.

    Ein eindrucksvoller, biografisch geprägter Roman, der wie nebenbei historische Ereignisse aus dem Schattendasein reiner Begrifflichkeit herausholt und ihnen einen persönlichen Anstrich verleiht. Unbedingt lesenswert!

    © Parden

  1. Referenzwerk

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 28. Aug 2020 

    „Mama, ich habe Hunger!““Dann iss, mein Kind – auf dass du groß und stark wirst.“ Könnten Krokodile reden, würde es wahrscheinlich so klingen.

    Nun ist Sandra Brökel´s „Das hungrige Krokodil“ mitnichten eine Fabel – dafür aber fabelhaft :-).

    Es geht um das Leben von Doktor Pavel Vodák, der 1970 mit seiner Familie von Prag über Jugoslawien nach Deutschland flüchtet. Wie es dazu kommt, dass Sandra Brökel einen Roman über einen ihr fremden, aber dennoch verbundenen Psychiater und Kinderarzt schreibt, wird schnörkellos und offen in „Pavel und ich“ (ebenfalls von Sandra Brökel) beschrieben.

    Doch konzentrieren wir uns jetzt und hier auf „Das hungrige Krokodil“. Der Roman beginnt mit dem letzten Tag von Pavel Vodák und seiner Familie in Prag, bevor sie den gemeinsamen Jugoslawien-Urlaub zur Flucht nutzen. Es gibt allerdings ein Problem: seine Schwiegermutter (liebevoll von ihm „Pirat“ genannt) und seine Tochter Pavli (Paula - später eine Freundin von Sandra Brökel) wissen nichts von der Flucht…

    Nach und nach „rollt“ Sandra Brökel Doktor Vodáks Leben vor den Augen der geneigten Leserschaft aus; von seinen Anfängen als Medizinstudent, die ihm (nicht nur) sprichwörtlich auf den Magen schlagen *g*, über die Schrecken des Krieges und seine manchmal etwas naiv wirkende „Unwissenheit“ und Passivität bis hin zu dem Ereignis, dass ihn letztlich dazu bewegt, seiner Heimatstadt Prag den Rücken zu kehren: dem Prager Frühling (August 1968). Ein Thema, über dass ich bisher nur (wenn überhaupt) rudimentär etwas wusste. Nach den eindrücklichen Schilderungen Sandra Brökel´s aber, werde ich wohl tiefer einsteigen (müssen).

    Sandra Brökel romantisiert Pavel nicht; sie beschreibt ihn so, wie jeder Mensch ist: mit Ecken, Kanten, (Selbst-)Zweifeln, Fehlern – als Leser*in möchte man Pavel manchmal schütteln. Gleichzeitig kommen dann einem aber Gedanken wie „Wie hätte ich mich an seiner Stelle verhalten?“ – und schon schließt man wieder „Frieden“ mit ihm.

    Das titelgebende Krokodil steht hier übrigens für Populismus, Extremismus – für alles, was antidemokratisch und menschenverachtend ist. In Zeiten wie diesen ist es fast schon erschreckend zu sehen und zu lesen, wie hungrig das Krokodil immer noch ist.

    Der studierten Schreib- und Trauertherapeutin Sandra Brökel ist mit „Das hungrige Krokodil“ ein lehrreicher, überaus unterhaltsamer Roman gelungen und man kann es dem Bielefelder Pendragon-Verlag nicht genug danken, dass sie ihr ein literarisches „Zuhause“ gegeben haben!

    Hut ab und glasklare 5*-Leseempfehlung!

    ©kingofmusic

  1. Vom Preis der Freiheit und der Unfreiheit

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Aug 2020 

    In seinem Leben wird dem Kinderpsychiater Dr. Pavel Vodac der Preis der Freiheit und der Unfreiheit sehr deutlich gemacht. Er wächst auf in Prag in einer deutsch-tschechischen Familie und erlebt die Besatzung der Deutschen mit deren Grausamkeiten, die kommunistische Ära in der Tschechoslowakei, die Aufbruchstimmung des Prager Frühlings und den Einmarsch der Warschauer Pakt Staaten im August 1968 mit den anschließenden Verfolgungen etwaiger Regimegegner. Um Pavel, der selbst aktiv den Prager Frühling und seinen Versuch eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz unterstützt hat, zieht sich nach 1968 die Schlinge der staatlichen Gewalt und Bedrohung – er findet dafür das Bild des Krokodils, in dessen Schlund man geraten kann - immer enger. Er trifft eine Entscheidung, die nicht nur sein Leben, sondern das seiner ganzen Familie grundlegend ändern wird: die Entscheidung zur Flucht in den Westen. Dort findet er nach gefährlicher, aber erfolgreicher Flucht einen neuen Platz im Leben und in seiner Profession. Seine Familie aber hat an diesem abrupten Bruch in der Biografie sehr viel stärker zu leiden als er selbst. Freiheit und Glück verbinden sich so für ihn nicht selbstverständlich und nicht im Gleichklang.
    Die Geschichte von Dr. Pavel Vodac und seiner Familie erzählt uns in „Das hungrige Krokodil“ Sandra Brökel, der ein Haufen Papier - ungefilterte, unaufgearbeitete schriftliche Aufzeichnungen Pavels über sein Leben - von dessen Tochter Pavlina in der Hoffnung der Aufarbeitung und Veröffentlichung übergeben wurde.
    Es entstand ein Buch, das ungeheuer nah an seinem Personal ist und über dieses den Leser eindrucksvoll in die Zeitgeschichte unseres europäischen Nachbarn Tschechien mitnimmt. Geschichte, die uns so nah ist, die aber immer mehr droht, in Vergessenheit zu geraten. So hat das Buch eine wichtige Botschaft. Es zeigt uns, wie wertvoll persönliche Freiheiten sind und wie fahrlässig in Staaten mit totalitärem Machtanspruch damit umgegangen wird. Das quälende Fehlen von Freiheit und die Folgen für persönliche Schicksale bringt uns das Buch sehr nah. Es erzählt die Geschichte von Pavel und seiner Familie mitreißend und berührend. Es macht die Schauplätze greifbar und weckt die Freude an einem freien Leben.
    Ich empfehle das Buch sehr vielen Lesern!

  1. Berührende Familiengeschichte vor historischem Hintergrund

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Aug 2020 

    Dieses Buch ist die wunderbare Familiengeschichte der tschechischen Familie Vodák, vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und der sozialistischen Tschechoslowakei, schließlich gipfelnd in den Ereignissen des Prager Frühlings und ihrer anschließenden Flucht. Es ist keine Fiktion, sondern eine wahre Familiengeschichte, die Sandra Brökel geschickt in einen Roman verpackt hat. Der Blick auf Tschechien zur Zeit des Zweiten Weltkriegs ist interessant und informativ. Auch hier leben die Menschen, Tschechen, Juden und Deutsche friedlich zusammen. Erst der Krieg und die damit verbundene Propaganda macht aus diesen Menschen Feinde. Es ist erschreckend, wie schnell so ein Geschehen um sich greift und wie wenig die Menschen dagegensetzen können. das ist sicher auch etwas, was uns immer bewusst sein sollte! Dann kommt der Sozialismus und seine Bevormundung, durch eigene Diktatoren, aber auch durch fremde. Und es kommt der Prager Frühling und ein neuer Geist zieht ins Land. Das ist wirklich sehr schön zu lesen und unwillkürlich fragt man sich, was dieser Geist mit der Tschechoslowakei hätte machen können. Dennoch darf nicht sein, was nicht sein darf und der frische Geist wird furchtbar niedergerungen. Durch die Mitwirkung von Pavel Vodák beim Manifest der 1000 Worte gerät der engagierte Kinder- und Jugendpsychiater ins Visier der sozialistischen Machthaber, wird drangsaliert, bespitzelt und schlussendlich muss die Familie fliehen. Schon durch die Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg ist die Familie traumatisiert, die Geschehnisse im Sozialismus und nach dem Prager Frühling tragen zu keiner Verbesserung des Befindens der tschechischen Arztfamilie bei und der Status als Flüchtlinge ist genauso schockierend. Spiegelt doch dieser Status als Flüchtlinge ein Empfinden wider, welches sicher auch anderen Menschen zu eigen sein könnte. Man müsste nur mit offenen Augen durch die Welt gehen, dann könnte man dies oft bemerken, wenn da nicht immer dieses hungrige Krokodil sitzen würde. ...

    Dieser Familienroman ist historisch ein Lehrstück und genauso auch menschlich ein Paradebeispiel. Empathisch und berührend geschrieben, niemals melodramatisch und für mich ein 5 Sterne Buch!

  1. Geschichte hautnah, berührend und unterhaltsam.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Aug 2020 

    Der zweite Weltkrieg, der eiserne Vorhang, der kalte Krieg und der Prager Frühling…
    Geschichtliche und politische Themen begegnen einem in diesem Buch, das auf einer wahren Geschichte basiert.

    Mit Beginn des ersten Kapitels kehren wir zurück in den Sommer 1970 und befinden uns in Prag.

    Es ist der letzte Tag im „alten Leben“ des 50-jährigen renommierten Chefarztes Pavel Vodák im Institut für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
    Er nimmt Abschied und lässt seinen Erinnerungen und Gedanken freien Lauf.
    Er ist voller Vorfreude und gleichzeitig skeptisch und besorgt.
    Er kann die politischen Gegebenheiten nicht akzeptieren, er will sich nicht ins System pressen lassen und er will seine Meinung äußern dürfen, wodurch er schon oft angeeckt ist.
    Inzwischen steht er deshalb unter Beobachtung und unterliegt einem Reiseverbot ins Ausland, wodurch er nicht nur persönliche Freiheiten sondern auch berufliche Austauschmöglichkeiten verliert.
    Das Risiko einer Verhaftung steigt täglich.

    Er will sich und seiner Familie ein Leben in Freiheit ermöglichen.
    Er möchte nicht, dass seine kluge und lebhafte zwölfjährige Tochter Pavlina aufgrund von staatlichen Repressalien ihr Potenzial nicht ausschöpfen kann.

    Deshalb sieht er nur eine Lösung:
    die Flucht.
    Es ist ihm gelungen, vier westdeutsche Pässe zu arrangieren, die die Türöffner in die Freiheit darstellen.

    Nur Pavel weiß, dass heute sein letzter Arbeitstag ist.
    Offiziell tritt er seinen Sommerurlaub an und fährt mit seiner Familie nach Jugoslawien.

    Im weiteren Verlauf tauchen wir in Pavels Vergangenheit ein.

    Der 18-jährige Abiturient Pavel schlendert 1939 um den Marktplatz seines Wohnortes Budweis herum, auf dem Panzer stehen und auf dem sich deutsche Wehrmachtssoldaten tummeln.
    Er braucht einige Zeit, um das Geschehen einzuordnen, ist voller widerstrebender Gefühle, verwirrt und ratlos.
    Es ist der Tag der Besetzung durch die Nazis - durch das lauernde, harmlos wirkende, aber hochgefährliche Krokodil.
    Es ist der Tag des Einmarsches von Hitler in Prag.

    Dorthin schwenkt die Autorin Sandra Brökel ihre Kamera, nachdem wir uns von der Lage in Budweis ein Bild gemacht haben.
    Es ist nun Oktober 1939 und Pavel beginnt in der Karlsuniversität sein Medizinstudium.
    Es dauert nicht lange, bis auch dort die Härte des NS-Regimes zu spüren ist.
    Bereits am ersten Tag begegnet er dort, in der Uni, einer wunderschönen Kommilitonin, in die er sich Hals über Kopf verliebt und die später seine Gattin wird.

    Und dann die erschütternde Nachricht:
    Alle Hochschulen und Universitäten des Protektorats Böhmen und Mähren werden geschlossen.
    Pavel kann erstmal nicht weiterstudieren...

    Soviel zum Inhalt.

    Als ich das Buch nach der Lektüre zuklappte, war ich gleichermaßen zufrieden wie traurig.
    Traurig, weil die kleine Pavli, Tochter von Pavel Vodák, zwischenzeitlich eine Psychologin und die Freundin der Autorin, vor nicht allzu langer Zeit verstorben ist, und zufrieden, weil mir „Das hungrige Krokodil“ erfüllte Lesestunden bescherte.

    Die Stadt Prag und ihre Atmosphäre werden von Sandra Brökel so beschrieben, dass man das Gefühl hat, selbst dort zu sein und Stimmungen werden eindrücklich und spürbar vermittelt.

    Ich stieß auf etliche schöne Bilder und Formulierungen:

    „(Dieses einschnürende Gefühl der Enge)...frisst sich ganz langsam durch seine Eingeweide, würgt und stranguliert ihn.“ (S. 14)

    „Die Intelligenz der gesamten Stadt erstickt unter einem unsichtbaren Etwas, das sich wie ein Leichentuch über die Menschen legt.“ (S. 14)

    „Obwohl beide noch schweigend durch die Gänge der Universität gehen, hat Pavel das Gefühl, er mache einen Spaziergang durch den Wald, in dem einige Bäume mit weißen Ringen gekennzeichnet sind. Sie sind zum Fällen bestimmt.“ (S. 64)... natürlich symbolisieren die Bäume mit den weißen Ringen hier die Juden mit den gelben Sternen.

    „Niemand kann vor dem Schatten des Gewesenen fortlaufen. Er wird stets ein leiser Begleiter sein. Die Frage ist nur, wie viel Macht ein Mensch ihm zugesteht. Wer den Schatten in den Fokus seines Bewusstseins rückt, sieht nur Dunkelheit. Wer aber um ihn weiß und ihn akzeptiert, der kann ihn hinter sich lassen und seinen Blick nach vorne, ins Licht richten.“ (S. 114)

    Daneben amüsierte mich die ein oder andere humorvolle Passage, wie z. B. die, in der der Tag beschrieben wird, an dem der heranwachsende Pavel beschloss, einmal Arzt zu werden wie sein Onkel.
    Zum Schmunzeln waren auch die Geschichten von Frída und seiner singenden Mutter und von der Entführung des Weihnachtskarpfens.

    Der Leser wird aber auch mit eindrücklichen und emotional herausfordernden Passagen konfrontiert.
    Die Beschreibung der grauenhaften Zustände, die im Lager Theresienstadt kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vorgefunden wurden, sind nicht unbekannt oder neu, aber sie lassen einem den Atem stocken.

    Unbedingt erwähnenswert finde ich, dass der Hauptprotagonist Pavel, bzw. sein Charakter, von Sandra Brökel wunderbar „seziert“ wird.

    Wir lernen diesen besonnenen Menschenfreund mit all seinen Facetten kennen, weil wir in sein Innenleben eintauchen, dem die Autorin durch die Lektüre seiner Aufzeichnungen nahe gekommen ist. Seine Gedanken und Gefühle bleiben uns nicht fremd und es offenbart sich ein vielschichtiger und „ganz normaler“ Mensch mit all seinen Vorzügen und Fehlern.
    Anerkennenswert und angenehm finde ich, dass Sandra Brökel zu keinem Zeitpunkt bewertet.
    Sie beschreibt und überlässt es dem Leser, sich sein eigenes Bild zu machen.
    Aber sie beschreibt nicht distanziert und nüchtern, sondern auf eine Art und Weise, die im Leser Reaktionen und Gefühle auslösen.

    „Das hungrige Krokodil“ ist kurzweilig und unterhaltsam.
    Es liest sich flüssig und ist gut verständlich, informativ, lehrreich und interessant.
    Darüber hinaus macht der Roman Lust auf eine Städtereise nach Prag.

    Zwei Aspekte möchte ich noch loswerden:
    Vor der Lektüre konnte ich den Begriff „Prager Frühling“ nicht so wirklich mit Leben füllen.
    Jetzt durfte ich ihn aus Pavels Sicht miterleben.
    Ich werde nicht mehr vergessen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt.
    Geschichte hautnah!

    Der Titel des Buches, die Metapher mit dem Krokodil, ist unglaublich gut gewählt. Die Symbolik, die dahinter steckt ist einfach wunderbar. Warum das so ist, werde ich hier aber nicht verraten, weil ich dieses Lesevergnügen nicht vorweg nehmen möchte.

    „Das hungrige Krokodil“ ist ein berührendes und bewegendes Buch. Es geht unter die Haut und lässt niemanden kalt.

    Ich empfehle es gerne weiter!

  1. Es lauert überall!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Aug 2020 

    Der Roman erzählt die Geschichte des tschechischen Kinder- und Jugendpsychiaters Pavel Vodák, der im Jahr 1970 aus der dem sozialistischen Staat fliehen will, nachdem der Prager Frühling im Jahr 1968 - und auch seine Hoffnungen - gewaltsam niedergeschlagen wurden.

    Die Geschichte beginnt am 25.6.1970, am Vorabend seiner Flucht, an dem Pavel, aus dessen personaler Perspektive die Handlung erzählt wird, über sein Leben reflektiert und in Endlosschleifen darüber nachdenkt, ob er die Gefahr einer Flucht wirklich auf sich nehmen will.
    Aber es bleibt ihm keine Wahl aus seiner geliebten Heimatstadt Prag zu fliehen:
    "Er steht unter Beobachtung, darf nicht mehr ins westliche Ausland reisen. Keine Dozententätigkeit mehr, kein fachlicher Austausch auf Kongressen, keine Begegnungen mit frei denkenden Menschen. Pavel hat aufgehört, die Warnschüsse zu zählen. Äußerlich ließ er sie abprallen, innerlich reiht sich Wunde an Wunde. Es ist nur noch eine Frage von Tagen, vielleicht auch nur Stunden, bis er endgültig getroffen und niedergestreckt wird." (10)

    Er will vor allem für seine 12jährige Tochter Pavlina fliehen, dass "ein politisches System die Potenziale einer nächsten Generation einschränkt, ist ihm unerträglich. Der Traum von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, für den er einst kämpfte und alles riskierte, wurde am 21.August 1968 unter Panzerketten begraben." (15)

    Am Vorabend der Flucht erhält er deutsche Pässe für seine Frau, seine Tochter, seine Schwiegermutter und sich selbst. "Ausgerechnet deutsche Pässe. Deutsche! Jene Menschen, die einst tiefste traumatische Erlebnisse in Pavels Seele säten, wandeln sich heute zu Verbündeten." (17)

    Als er im Bett liegt und auf den als Urlaubsreise getarnten Beginn der Flucht wartet, denkt Pavel an sein Leben zurück. Die Handlung springt zurück zum 15.März 1939, als die Nationalsozialisten widerrechtlich das verbliebene Staatsgebiet der Tschechoslowakei besetzt haben. Da ist Pavel 18 Jahre alt. Seine Mutter ist eine Deutsche, "weniger die Kategorie böhmische Hausfrau, eher die Dame von Welt" (32), sein Vater ein tschechischer Offizier.
    Die Wehrmachtssoldaten nimmt er als "Krokodil" wahr, eine Metapher, die im Verlauf des Romans für "Vernichtungskraft" (55) steht, die überall lauert.

    Während des Krieges wird ihm das Medizinstudium verwehrt, hilflos erlebt er die Demütigung jüdischer Freunde und wie so viele andere, will er die Gräueltaten aus den Konzentrationslagern, von denen erzählt wird, nicht glauben. Bis er selbst unmittelbar nach Kriegsende als Medizinstudent nach Theresienstadt kommt.

    "Ursprünglich wollte er Arzt werden, um Menschen zu heilen. Jetzt lernt er, wie sie sterben. Erwachsene bäumen sich auf und klammern sich fest. Kinder verabschieden sich still wie das Licht einer dünnen Kerze im Wind. Das ist, obwohl so leise und beiläufig, schwerer auszuhalten." (83)

    Ein Bild, das wirklich zu Herzen geht. Pavel muss gleichzeitig erkennen, dass das Krokodil überall lauert: „Wer oder was ist das Krokodil?“ (85)

    Die verschiedenen Ausschnitte aus Pavels Leben geben jeweils einen intensiven Einblick in die Zeitgeschichte und seine persönliche Entwicklung, die damit einhergeht. Der Schrecken der Nazidiktatur, die Erlebnisse in Theresienstadt, der Sozialismus, die neue Diktatur - wieder ein hungriges Krokodil - und die Hoffnung auf eine Öffnung, die gnadenlos zerschlagen wird. Die beiden Tage im August 1968 erhalten dadurch, dass zwei aufeinanderfolgende Kapitel zwei Tage hintereinander schildern, besonderes Gewicht. Das Präsens sorgt dafür, dass das Lesetempo hoch gehalten wird, man ist mittendrin.

    Nach dem Rückblick auf Pavels Leben wird seine Flucht und seine Ankunft im vermeintlichen goldenen Westen geschildert. Es spricht für die Autorin, dass sie dies realistisch erzählt, mit all den Zweifeln, die Pavel überkommen. Wie schwierig es ist, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, wird eindrücklich aufgezeigt, aber auch dass es Jüngeren gelingen kann, wie das Beispiel seiner Tochter zeigt.
    Insgesamt ein empathischer Roman, der historisch sehr interessant ist und auch für Jugendliche eine spannende - und lehrreiche - Lektüre bietet, ohne dass der viel zitierte pädagogische Zeigefinger erhoben wird.

    Noch interessanter wird es, wenn man die Entstehungsgeschichte des Romans "Pavel und ich" liest. Darin erzählt Sandra Brökel amüsant und auch spannend, wie sie auf die Notizen des tschechischen Arztes gestoßen ist und warum gerade sie dessen Lebensgeschichte aufschreiben musste.

  1. Individuelle und zugleich zeitlose Geschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Aug 2020 

    Durch einen schier unglaublichen „ Zufall“ fielen der Schreib- und Trauertherapeutin Sandra Brökel die Lebenserinnerungen von Pavel Vodák in die Hände. ( Wie es dazu kam, berichtet sie in ihrem ebenso lesenswerten Buch „ Pavel und ich“).
    Prag, 1970
    Dr. Pavel Vodák, Chefarzt am Prager Institut für Kinder- und Jugendpsychiatrie, eine Kapazität auf seinem Gebiet, steht vor einer schwierigen Entscheidung. Er sieht keinen anderen Ausweg mehr, denn „ Der Traum von einem Sozialismus mit menschlichen Antlitz, für den er einst kämpfte und alles riskierte, wurde am 21. August 1968 unter Panzerketten begraben.“ Sein Entschluss steht fest: Er wird mit seiner Familie flüchten.
    Pavel Vodák wird 1920 als Sohn eines tschechischen Vaters und einer deutschen Mutter in Prag geboren. Schon früh kennt er seine Bestimmung, er will Arzt werden. Doch mit dem Einmarsch der deutschen Truppen im Jahr 1939 ändert sich einiges im Land. Die Universitäten müssen nach Unruhen schließen; Pavel kann erst nach Kriegsende sein Studium wieder aufnehmen. Im Mai 1945 meldet er sich nach Theresienstadt. Als angehender Mediziner ist er mit dem Tod vertraut, doch was er hier zu sehen bekommt, übersteigt das menschlich Ertragbare.
    Auf die deutsche Besatzung folgt die russische.
    Pavel heiratet im Jahr 1949 Vera, eine frühere Kommilitonin. Ihr wird der Abschluss des Medizinstudiums verweigert, weil ihr Vater als selbständiger Glaser zu den „Kapitalisten“ gehört.
    1962, mit Chruschtschows Tauwetterperiode, fällt auch in Prag das monumentale Denkmal des sowjetischen Diktators Stalin. Doch eine Verbesserung der Situation ist nicht in Sicht. Das Land verharrt im Stillstand. Aber im Volk wächst die Hoffnung auf Veränderung. Pawel schließt sich zahlreichen Intellektuellen und Künstlern an, die die Missstände beim Namen nennen und Lösungen suchen. Sie glauben an einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“. Pavel ist einer der Unterzeichner vom „Manifest der 2000 Worte“. Doch der große Bruder Sowjetunion duldet keine Reformen. Er schickt Militärflugzeuge und Panzer rollen durch die Stadt. Es herrschen Kriegszustände im besetzten Prag.
    Für Pavel bricht eine Welt zusammen. Seine Ideale wurden „ heute zerschossen und unter Panzerketten zerquetscht“. Außerdem muss er mit Repressalien rechnen. Aber Pavel hat Glück; er wird nicht verhaftet, darf nur nicht mehr ins Ausland reisen. Und er weiß, dass er nun unter ständiger Beobachtung steht. Er fängt an, seiner ganzen Umgebung zu misstrauen
    1970 erhält er trotzdem eine Reiseerlaubnis zu einem Kongress in Ungarn. Und dort trifft Pavel einen österreichischen Kollegen, der ihm Unterstützung zusagt. Er kann ihm gefälschte Pässe besorgen.
    Der Plan zur Flucht beginnt zu reifen. Aber es fällt Pavel nicht leicht, er hängt an seinem Land, seiner Heimat. Wie ungerecht: „ Die, die es zugrunde richten, dürfen bleiben. Die, die alle Energie in dieses Land investieren, weil sie es lieben, müssen gehen. Das Leben ist nicht fair.“
    Einzig seine Ehefrau wird in das Vorhaben eingeweiht. Die alte Schwiegermutter, ohne die Vera nicht gehen möchte, und die zwölfjährige Tochter Pavli dürfen nichts davon wissen. Zu groß ist die Gefahr, dass etwas nach außen dringt. Pavel „ setzt nicht nur seine Existenz aufs Spiel. Er nimmt drei weitere Menschen mit. In die Freiheit oder ins Verderben. Ganz sicher aber in eine ungewisse Zukunft.“ Was für eine Entscheidung, welche Verantwortung !
    Eine abenteuerliche und gefährliche Flucht beginnt, über Jugoslawien nach Rom bis nach Deutschland . Hier findet Pavel eine neue Stelle als Arzt, doch „ der Preis der Freiheit [ ist ] deutlich höher...als erwartet.“
    Das titelgebende „ hungrige Krokodil“ tritt immer wieder im Roman in Erscheinung. Für Pavel ist es die Verkörperung von Gewalt und Macht, eine großartige Metapher. „ Das Krokodil gibt es seit Urzeiten. Es hat überlebt. Weil es die Beute täuscht. Das Krokodil ist nicht so träge, wie es wirkt. Es ist extrem schnell. Es liegt auf der Lauer, niemand weiß, wann es angreift.“
    Das Bild erscheint ihm zum ersten Mal beim Anblick deutscher Wehrmachtssoldaten. Aber das Krokodil selbst hat keine Nationalität. Mal ist es deutsch, mal tschechisch, mal russisch. Im August 1968 wütet es in Prag, „ schliff seine Fangzähne an den Mauern eines längst gescheiterten, starren Kommunismus.“ Der Roman ist dabei eine Warnung, ein Aufruf an den Leser, wachsam zu sein, das schlafende Krokodil nicht zu unterschätzen.
    Sandra Brökel erzählt die Geschichte von Pavel und seiner Familie voller Anteilnahme, ohne je pathetisch oder sentimental zu werden. Der Leser ist immer dicht an den Figuren, er kann deren Befürchtungen, Zweifel und Hoffnungen sehr gut nachfühlen. Voller Spannung verfolgt er deren Lebensweg. Die Autorin schreibt bildreich und fesselnd. Das Buch ist trotz des ernsten Themas und der Fülle an Informationen unterhaltsam und gut lesbar.
    Aber neben der individuellen Geschichte erzählt sie auch eine universelle und zeitlose. Eindringlich wird gezeigt, was es heißt, in totalitären Staaten zu leben und was Flucht für Einzelne bedeutet. Seine Heimat zu verlassen ist nie eine leichte Entscheidung und bezahlt wird oft mit Heimatlosigkeit und Entwurzelung.
    „Das hungrige Krokodil“ ist ein großartiges und wichtiges Buch, dem ich viele Leser wünsche. Es würde sich auch sehr gut als Schullektüre eignen.

  1. Wenn die Hoffnung stirbt

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Aug 2020 

    1970: Der Chefarzt der Prager Kinder- und Jugendpsychiatrie Pavel Vodak verlässt nachdenklich seinen Arbeitsplatz. Offiziell will er zusammen mit seiner Familie einen Erholungsurlaub in Jugoslawien antreten, in Wahrheit hat er aber alle Vorbereitungen für eine Republikflucht getroffen und plant, nicht mehr nach Prag zurückzukehren. Was führt dazu, dass ein erfolgreicher, privilegierter Arzt einen solch folgenschweren Entschluss trifft?

    Sandra Brökel lässt uns an den Lebenserinnerungen dieses Mannes teilhaben. Erzählt wird in der dritten Person, jedoch sind wir ganz nah dran am Protagonisten, dürfen seine Gedankengänge, Stimmungen und Gefühle hautnah miterleben. Die Erinnerungen setzen 1939 ein, als die Nationalsozialisten in die Tschechoslowakei einmarschieren. Pavel liebt seine Heimatstadt Prag, die Besatzer nimmt er als „Krokodil“, als Bedrohung für das friedliche Miteinander der Menschen wahr. „Das Krokodil ist groß. Es liegt still und ruhig am Ufer. Bewegungslos. Es beobachtet. Vielleicht wirkt es sogar harmlos. Vor allem, wenn die Menschen sich an seinen Anblick gewöhnt haben.“ (S. 55) Im Laufe seines Lebens wird Pavel drohende Gefahren für die Freiheit samt ihrer Schergen immer wieder mit dieser treffenden Metapher bezeichnen. Das Krokodil hat keine feste Nationalität, es kann überall lauern und plötzlich zuschnappen.

    Pavels Mutter ist Deutsche, Pavel kann deshalb zunächst nicht glauben, dass aus diesem Land so viel Hass erwächst: „Die Deutschen sind gute Menschen. Das glaube ich ganz bestimmt. So eine Ungeheuerlichkeit könnten sie nie begehen.“ (S. 77) Leider wird er nach dem Krieg eines Besseren belehrt, als der junge Arzt die Überlebenden des Terrors sieht und er vielen davon nicht mehr helfen kann.

    In den folgenden Jahren zieht der Kommunismus ins Land. Wieder taucht das Krokodil auf, wieder müssen sich die Menschen massiv an die Meinung der Herrschenden anpassen. Pavel ist ein aufgeschlossener, optimistischer Freigeist: „Wer den Schatten in den Fokus seines Bewusstseins rückt, sieht nur Dunkelheit. Wer aber um ihn weiß und ihn akzeptiert, der kann ihn hinter sich lassen und einen Blick nach vorne, ins Licht richten.“ (S. 114)

    Pavel freut sich, als sich Anfang der 60er Jahre ein neuer politischer Aufbruch formiert. Er möchte seinem Land dienen und an einem menschlichen Sozialismus mitarbeiten, der es für Folgegenerationen lebenswert macht und mehr Demokratie zulässt. Diese Bestrebungen haben ihren Höhepunkt im Manifest der 2000 Worte, das Ende Juni 1968 in vielen Zeitungen veröffentlicht wird. Erwartungsgemäß erreichen die Worte sehr viele Menschen und begeistern sie für die Reformbewegung. Natürlich bleibt das in Russland nicht unbeobachtet: Am 21. August 1968 rollen Panzer und Truppen in die Stadt, um die friedliche Bevölkerung blutig zur Raison zu bringen. Zudem wird die legitime Regierung der Tschechoslowakei abgesetzt und verschleppt. Die Szenen, die sich dort abspielen, werden sich tief in Pavels Herz eingraben.

    Die Unglaublichkeit dieses Geschehens desillusioniert den Arzt. Er verliert die Hoffnung und hat Angst, dass seine Tochter Pavli eines Tages für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden wird, indem man ihr zum Beispiel ein Studium verweigert. Überall wittert er nun das Krokodil. Er fühlt sich selbst in den eigenen vier Wänden beschattet. Man verbietet ihm, ins nicht-sozialistische Ausland zu reisen, droht ihm auch unverhohlen. Unter diesem Druck reift der Entschluss, das Heimatland zu verlassen…

    Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mich so intensiv an den Empfindungen des Protagonisten teilhaben lässt. Die Dramaturgie ist fantastisch ausgearbeitet, die Spannung wird kontinuierlich aufrecht erhalten – ganz ohne große Gefühligkeit, Pathos oder den Druck auf die Tränendrüse. Man spürt in jeder Zeile, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Sandra Brökel hat sich offensichtlich intensiv mit der Figur des Pavel Vodak beschäftigt und die historischen Ereignisse sehr gründlich recherchiert.

    Der Roman bildet ein wichtiges Stück europäischer Geschichte ab, die nicht in Vergessenheit geraten sollte. Darüber hinaus ist er ein wichtiger Beitrag dafür, dass man nie vergessen darf, wie wichtig es ist, Freiheit und Demokratie zu schützen. Sie sind keine Selbstverständlichkeit, denn überall können Krokodile lauern. Zunächst sind sie vielleicht ganz klein, bekommen sie aber zu viel Nahrung, wachsen sie schnell und werden zur Gefahr für die Allgemeinheit. Unrechtssysteme gibt es leider an vielen Orten der Welt, ausgestorben sind die Krokodile noch lange nicht!

    Ebenso wird deutlich, was der Verlust der Heimat und der Aufbruch in eine unsichere Zukunft für den Einzelnen bedeuten. Flucht ist in aller Regel ein letzter Ausweg, wenn man perspektivlos ist und die Hoffnung komplett verloren hat. Es ist ein schwerer Schritt, Familie, Freunde, Besitz, Status und Heimat zurückzulassen – weiß man doch überhaupt nicht, was einen am Ziel erwartet. Auch diese Thematik ist bestechend aktuell.

    Der Roman bleibt von Anfang bis Ende den historischen Fakten und der Lebensgeschichte Pavel Vodaks treu. Er lässt viel Raum zum Nachdenken und für Gespräche. Er ist zeitlos und bestens für Lesekreise oder als Schullektüre geeignet. Mich hat er begeistert. Ich bin durch die Seiten geflogen und habe viel über den Prager Frühling sowie seine Auswirkungen gelernt.
    Dringende Lese-Empfehlung!

  1. Krokodile bitte nicht füttern

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Aug 2020 

    Prag 1968. Es ist eine Zeit in der damaligen Tschechoslowakei, in der die Zeichen der Zeit auf Reform und Umbruch deuten könnten. Auch Pavel Vodák hofft auf diese Veränderungen in seinem geliebten Heimatland. Doch dann rollen russische Panzer durch Prag und machen alle Hoffnungen zunichte. Pavel macht sich Sorgen um seine Familie, befürchtet, dass sein Tochter Pavli niemals wird studieren dürfen, hat selbst Angst vor Verfolgung und Verhaftung. So fasst der den mutigen und gefährlichen Entschluss zur Flucht.
    Alles fängt mit einer alten Arzttasche an. Diese ist gefüllt mit vielen Seiten auf Papier, den Lebenserinnerungen des Exiltschechen Dr. Pavel Vodák. Die Therapeutin Sandra Brökel erhielt dies Tasche von ihrer Kollegin und Freundin Paula, Pavels Tochter. Aus diesen Aufzeichnungen (und vielen Gesprächen mit Paula) entstand der Familienroman „Das hungrige Krokodil“.
    Wenn die Heimat zu verlassen die einzige Möglichkeit ist, ein Leben in Freiheit ohne Diktatur zu leben, ist ein zeitloses Thema. Sandra Brökel erzählt die Geschichte Pavel Vodáks und seiner Familie mit einer behutsamen Eindringlichkeit. Die geschickte Dramaturgie des Romans und die einladend eingängige Sprache lassen einen das Buch kaum aus der Hand legen. Niemals wird die Autorin rührselig oder kitschig, streift nicht an süßlicher Betroffenheitsliteratur an. Und doch macht die Geschichte betroffen und nachdenklich.
    Pavel wächst im Böhmischen Land als Sohn eines tschechischen Offiziers und einer deutschen Mutter auf. Schon als junger Mann erlebt Pavel die Schrecken einer Diktatur, als die Nazis in Tschechien einmarschieren. In seinem Kopf entsteht das Bild eines Krokodils, das hungrig nach Beute schnappt.
    „Das Krokodil ist groß. Es liegt still und ruhig am Ufer. Bewegungslos. Es beobachtet. Vielleicht wirkt es sogar harmlos…….Das Krokodil gibt es seit Urzeiten. Es hat überlebt. Weil es die Beute täuscht. Das Krokodil ist nicht so träge wie es wirkt.“
    Nach Krieg und Besatzung schlägt der Hass der Tschechen auf alles Deutsche zu. Pavel hat als Medizinstudent Überlebende aus Theresienstadt betreut. Noch schockiert darüber, wozu der Mensch fähig sein kann, töten nun Tschechen Deutsche. Das Krokodil ist überall zu Hause, in jeder Form von Unterdrückung, Macht und Diktatur. Wieder schnappt es zu, als nun die Sowjets die neuen Besatzer, sind und die Tschechoslowakei zum sowjetischen Bündnisstaat wird.
    Mit den Reformbestrebungen unter Alexander Dubček weht vorsichtig ein neuer Wind durch das Land. Ein „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ soll es sein. Pavel engagiert sich politisch, unterstützt das Manifest der 2000 Worte, sehr zur Besorgnis seiner Frau Vera. Als Pavel, der sich als erfolgreicher Kinderarzt und Psychiater etabliert hat, die Reiseerlaubnis ins westliche Ausland entzogen wird, entschließt er sich, mit seiner gesamten Familie, mit Vera, Pavli und der Schwiegermutter, zu fliehen, sein zuhause, Prag, die Tschechoslowakei, das Land, das er seine Heimat nennt, für immer zu verlassen.
    „Die, die es zugrunde richten dürfen bleiben. Die, die alle Energie in dieses Land investieren, weil sie es lieben, müssen gehen. Das Leben ist nicht fair.“
    Pavel und seine Familie stehen im Vordergrund dieses Romans. Doch gleichzeitig ist es ein unglaubliches Dokument jüngerer Zeitgeschichte. Sandra Brökel verarbeitet die historischen Geschehnisse vom Einmarsch der Nationalsozialisten und deren Gräueltaten, die Verfolgung Deutscher in Tschechien nach dem Krieg, den Abbruch des riesenhaften Stalinmonuments nach der Entstalinisierung, die tragischen Ereignisse im August 1968, die das Ende des Prager Frühlings bedeuteten, die Selbstverbrennung des Studenten Jan Palach bis hin zur Öffnung der Grenzen nach Jahrzehnte dauernder Diktatur im 1989.
    Pavel Vodák war bereit für ein Leben in Selbstbestimmung und Freiheit die Heimat aufzugeben und den hohen Preis der Entfremdung und Entwurzelung zu bezahlen. Das Krokodil als Zeichen für Diktatur und unmenschliche System zieht sich durch den Roman wie ein roter Faden. Auch wenn wir glauben, dass das Krokodil gerade selig schlummert, sollten wir immer daran denken, wie sehr man sich vor dem Krokodil hüten soll.