Das Herz kommt zuletzt: Roman

Rezensionen zu "Das Herz kommt zuletzt: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Feb 2020 

    Was für eine absurde, doch seltsam folgerichtige Idee.

    In der Zukunftsvision des Buches steht die Gesellschaft am Abgrund. Wo und wann wir sind, bleibt unklar, aber die Atmosphäre ist post-demokratisch, an der Schwelle zu post-apokalyptisch. Armut und Gewalt prägen den Alltag – niemand ist mehr sicher, niemand weiß, wie es morgen weitergehen soll. Jeden Moment kann das eigene Leben erlöschen, erstickt wie eine kläglich flackernde Kerze, als Opfer der marodierenden Banden, der Kälte oder des Hungers.

    In dieser Situation befinden sich auch Stan und Charmaine, die in ihrem Auto leben, weil sie sonst nichts mehr besitzen.

    Da kommt das Positron Project daher wie ein Geschenk des Himmels. Obwohl die Bedingungen eigenwillig sind, um es vorsichtig auszudrücken, und die Teilnahme fürs Leben verpflichtend, unterschreiben sie, ohne sich um das Kleingedruckte zu kümmern. Haben sie denn noch eine andere Wahl?

    Das Projekt läuft wie folgt: in der Musterstadt Consilience wird das Leben aller Bürger zweigeteilt. Jedes Haus ist zwei Parteien zugewiesen, die abwechselnd je einen Monat darin leben, in relativem Luxus, mit allen Annehmlichkeiten und in absoluter Sicherheit – und einen Monat im Gefängnis in Positron.

    Was soll das bringen? Das fragt man sich als Leser natürlich.

    Den Teilnehmern wird dieses System als Patentrezept angepriesen, das den Frieden aufrechterhält, indem es soziale Spannungen und Gewaltpotential abbaut, durch die Doppelbelegung den Wohnraum maximiert und gleichzeitig die Wirtschaft ankurbelt. Win-win. Und es geht ihnen ja auch gut! Sie erinnern sich nur zu deutlich an Elend, Armut und Gewalt in der Außenwelt, aber in Consilience fehlt es ihnen an nichts.

    Man spürt jedoch von der ersten Seite an, dass da eine ganz andere Agenda hintersteckt… Aber Stan und Charmaine kommen solche Gedanken erstmal nicht.

    Charmaine wundert sich zwar etwas, wo eine ihrer Freundinnen abgeblieben ist, die sich doch auch für das Projekt gemeldet hat – aber nicht genug, um wirklich ins Zweifeln zu kommen. Und Stan ist zunehmend besessen von Gedanken an die Frau, mit der sie ihr Haus teilen, gefangen in erotischen Tagträumen.

    Die Hauspartner dürfen jedoch nichts über einander wissen und der monatliche Wechsel wird so vollzogen, dass sie sich niemals begegnen. Aber wo ein Wille, da ein Weg… Die Situation kippt, und auf einmal ist Stan mittendrin in etwas, das sich anfühlt wie ein Albtraum. Er erhascht einen Blick hinter die Kulissen, und da lauert das ganze perfide Grauen dieses Projekts. Jäh erkennt er seine eigene Machtlosigkeit und begreift, was er mit seiner Unterschrift akzeptiert hat.

    Das ist spannend und wird in rasantem Tempo erzählt, aber hier klingen auch leise Schwächen des Buches an.

    Die grundlegende Parabel wirkte auf mich streckenweise zu erzwungen, logisch nicht bis ins letzte Detail überzeugend. Da wird in meinen Augen manches zurecht gebogen, damit die Botschaft ankommt: wir sperren uns selber ein, wir machen uns unmündig, wir hinterfragen nicht genug, wir opfern unsere Freiheit der Bequemlichkeit… Das ist (leider) alles nicht neu, weil es wahr ist.

    Eine Autorin von Atwoods Klasse verspricht indes ganz neue Herangehensweisen an Altbekanntes. Und die Grundidee ist tatsächlich großartig. Themen wie die gewinnbringende Privatisierung von Gefängnissen verankern die Geschichte in unserer Gegenwart und machen sie damit greifbarer – aber ihr Potential wird nicht vollkommen ausgeschöpft, weil sie nicht gänzlich ohne Krücken stehen kann. Zu offensichtlich ist dafür meines Erachtens die Funktion der Handlung als Bedeutungsträger.

    Zugegeben: ich hänge die Messlatte sehr hoch. Ich hänge sie so hoch, weil das Buch nicht von irgendwem geschrieben wurde, sondern von der unvergleichlichen Margaret Atwood. Dabei ist es ist sicher kein schlechtes Buch: es unterhält und regt zum Nachdenken an und provoziert – wie eine Dystopie, die was auf sich hält, das sollte –, mit herrlichem Witz und Biss. Es schert sich wenig um Genregrenzen und bedient sich gekonnt an den Werkzeugkisten von Satire, Utopie, Dystopie, Action und Humoreske. Aber für mich fehlt noch etwas – das gewisse Extra, das aus „Der Report der Magd“ der Autorin einen zeitlosen Klassiker des Genres macht.

    Die Charaktere schaffen in meinen Augen den Sprung von reinen Symbol- zu echten Identifikationsfiguren nicht vollends. Auch sie haben viel Potential, das im Verlaufe der Handlung leider etwas verkümmert, weil sie – zumindest auf mich – nicht wirken wie echte Menschen, die es in eine mal bedrohliche, mal absurde Situation verschlagen hat, sondern eben wie genau das: Charaktere.

    „Das Herz kommt zuletzt“ ist für mich daher eher ein Wegbegleiter für den Augenblick als ein Liebling fürs Leben – insofern weniger, als ich von der Autorin erwartet hatte, aber immer noch frisch und mutig und Welten entfernt vom dystopischen Einheitsbrei.

    Fazit

    Stan und Charmaine sind am Ende. Sie leben im Auto, das Geld wird knapp, draußen plündern und morden die marodierenden Banden… Daher sind sie sofort Feuer und Flamme, als sie vom ‚Positron Project‘ hören, das ein leichtes Leben in schöner Umgebung und mit gesicherter Arbeit verspricht.

    Es wird sogar ein Haus gestellt, das man sich allerdings unter ungewöhnlichen Bedingungen mit Mitbewohnern teilen muss: je einen Monat lebt die eine Partei alleine im Haus und die andere im Gefängnis, bis sich im nächsten Monat die Verhältnisse umkehren. Schräg – aber alles halb so wild, denn das Leben in diesem Gefängnis ist immer noch deutlich angenehmer als das Leben in der Außenwelt. Allerdings müssen Stan und Charmaine schon bald erkennen, dass die Sache einen Haken hat…

    Margaret Atwood erzählt das rasant, mit viel intelligentem Witz und skurriler Situationskomik. Das liest sich wunderbar – mit leichten Abzügen dafür, dass die Botschaft manchmal doch etwas zu erzwungen wirkt.