Das Haus des Windes: Roman

Rezensionen zu "Das Haus des Windes: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Jul 2017 

    Joe wird erwachsen

    Es ist der Sommer, in dem Joe, soeben 13 Jahre alt geworden, erwachsen wird. Seine Mutter wird Opfer eines brutalen Überfalls, doch aufgrund gesetzgeberischer Unstimmigkeiten fühlt sich keine Ermittlungsbehörde wirklich zuständig. Joe und seine drei Freunde machen sich gemeinsam auf die Suche...
    Das Verbrechen an Joes Mutter ereignet sich im Jahre 1988 in einem Reservat in den USA. Obwohl es sich bei dem Vorfall um die zentrale Geschichte des Buches handelt, ist es doch nur ein Part unter vielen. Joe und seine Freunde lernen die Liebe kennen, es geht um die alten Mythen der Indianer, um Familie, Liebe, Gerechtigkeit, Rassismus undundund.
    Erdrich ist nicht nur eine Könnerin darin, in beiläufigen Bemerkungen ganze Dramen aufzuzeigen wie beispielsweise die damals noch immer massive Diskriminierung der Indianer oder der Bombenanschlag auf die US-Botschaft in Beirut. Ebenso grandios ist ihre Fähigkeit, daneben überaus witzige Dialoge oder Szenen wie die acht nackten Indianer, die aus der Schwitzhütte flüchten zu beschreiben, ohne dass es aufgesetzt oder gekünstelt wirkt. Auch die Figuren des Romans bringt sie einem nahe: Man leidet, fürchtet oder freut sich mit ihnen und kann deren überaus skeptische Haltung gegenüber den Menschen ausserhalb des Reservates mehr als nachvollziehen. Ja, da fragt man sich, wie Joes Vater trotz alledem so voller Vernunft bleiben kann.
    Weshalb dann nicht die volle Punktzahl? Weil ich kurz zuvor von Joe R. Lansdale 'Ein feiner dunkler Riss' gelesen habe, das ein sehr sehr ähnliches Thema behandelt: Ein ebenfalls 13jähriger macht sich im Sommer des Jahres 1958 gemeinsam mit Freunden auf, ein vor vielen Jahren begangenes Verbrechen aufzuklären. Und auch hier ist es ein Sommer des Erwachsenwerdens. Doch Lansdales Geschichte war (etwas) packender, was daran liegen mag, dass durch die vielen unterschiedlichen Teile Erdrichs Geschichte nicht so aus einem Guss wirkte. Etwas weniger wäre hier vielleicht mehr gewesen.
    Nichtsdestotrotz: Voll und ganz empfehlenswert (und Lansdale natürlich erst recht ;-)).

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Jun 2017 

    The Round House...

    Der englische Titel dieser Rezension ist gleichzeitig der Originaltitel des Buches und hätte mir wohl eher als der schmal gehaltene Klappentext verdeutlicht, dass dieser Roman in einem Indianerreservat spielt. So hat mich die Lektüre anfangs doch überrascht, aber auch schnell hineingezogen in das Geschehen.

    Der 13-jährige Joe Coutts steht im Mittelpunkt der Handlung, und das Geschehen wird allein aus seiner Sicht erzählt. Er lebt mit seinen Eltern in einem Indianerreservat in North Dakota, einem der am dünnsten besiedelten amerikanischen Bundesstaaten, und gehört wie seine Eltern dem Stamm der Ojibwe an. Joes Vater arbeitet als Richter im Reservat, seine Mutter arbeitet im Stammesbüro. In einem Safe, dessen Kode nur sie besitzt, bewahrt sie kompliziert verästelte Stammesregister auf. Sie kennt jedermanns Geheimnisse und weiß von Kindern, die durch Inzest, Vergewaltigung oder Ehebruch jenseits oder innerhalb der Grenzen des Reservats gezeugt wurden.

    Eines Tages kommt Geraldine, Joes Mutter, sehr verstört nach Hause. Sie bleibt hinter dem Steuer sitzen und macht die Tür ihres Autos nicht auf. Als Joes Vater die Autotür öffnet, sieht er das Blut auf dem Fahrersitz. Und ihr grün und blau geprügeltes Gesicht. So beginnt ein Kriminalfall, der viel komplizierter und komplexer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Zum einen zieht sich Joes Mutter in ihr Schlafzimmer zurück, verweigert die Aussage und verfällt in ein dumpfes, brütendes Schweigen, das Joe und seinen Vater in Angst und Schrecken versetzt. Zum anderen gehört das Stück Land, auf dem das Verbrechen verübt wurde, weder zum Indianerresrvat noch zum amerikanischen Bundesgebiet - es handelt sich um rechtliches Niemandsland, und obgleich drei Behörden mit den Ermittlungen beginnen, kann letztlich keine Anklage erhoben werden. Auch Joes Vater als Stammesrichter sind die Hände gebunden.

    "Ich stand da und spürte die enorme Stille in unserem kleinen Haus wie die Folge einer gewaltigen Explosion. Alles war zum Stillstand gekommen. Selbst das Ticken der Uhr (...) Ich stand da und starrte auf die alte Uhr, deren Zeiger bedeutungslos auf 11:22 stehengeblieben waren. Sonnenlicht fiel in goldenen Pfützen auf den Küchenboden, aber es war ein unheimliches Leuchten, wie die blendenden Strahlen hinter einer Wolke am westlichen Horizont. Grauen packte mich wie ein Trancezustand, wie der Geschmack von Tod und saurer Milch." (S. 32)

    So beschließt der 13-jährige Joe, den Gewalttäter selbst zu finden. Mit seinen Freunden Cappy, Angus und Zack unternimmt er teils halsbrecherische, teils urkomische Ermittlungsversuche, beginnend bei dem Rundhaus, wo das Verbrechen geschah. Und steht schließlich vor einer schwerwiegenden Entscheidung...

    Was für ein Roman! Er liest sich streckenweise wie ein Krimi, doch die Coming-of-Age-Geschichte des Erzählers dominiert. Joe ist ein Junge, der begeistert Rad fährt, für „Star Trek – Die nächste Generation“ schwärmt (die Erzählung spielt im Jahr 1988) und seinen Kummer ansonsten sehr gut vor der Welt versteckt. Auch entdeckt er die Liebe und seine erwachende Sexualität. Wie Joe mit seinen Freunden der Wahrheit nachspürt, Verwandte besucht und tief in die mythische, übernatürliche Welt seiner indianischen Vorfahren eintaucht, ist wahrhaft anschaulich, der jugendlichen Perspektive entsprechend authentisch und oftmals hochkomisch beschrieben – so, wenn es um die Powwow-Montur von Großvater Randall geht: Die Federn an seinem Kopfputz wurden mit Autoantennen stabilisiert, und die Fußglöckchen hängen an einem mit Hirschleder bedeckten, elastischen Strumpfhalter irgendeiner Tante. Die amerikanische Ureinwohner sind keine hehren Gestalten, und die Alten erscheinen im Gegensatz zum gängigen Klischee nicht als Söhne der Weisheit und des Leidens, sondern als kräftige, zähe, sehr irdische Gestalten, die mit Vorliebe schmutzige Anekdoten erzählen. Die Indianer in diesem (fiktiven) Reservat lieben, sie haben Laster, sie suchen nach dem Sinn des Lebens und verlangen Gerechtigkeit.

    "Ich weiß, dass die Welt über dem Highway 5 und jenseits davon weitergeht, aber wenn man dort entlangfährt - vier Jungs, ein Auto, und alles ist so friedlich und Meile für Meile so leer, und der Radioempfang hört auf, und da sind nur noch Rauschen und der Klang der Stimmen und der Wind, wenn man den Arm zum Fenster rausstreckt -, dann fühlt man sich, als balancierte man auf dem Rand des Universums." (S. 377)

    'Das Haus des Windes' ist ein großartig erzähltes, realistisches, hochspannendes Buch über den indianischen Alltag im Reservat, über Identität, Traditionen und überlieferte Mythen. Es ist auch eine Coming-of-Age-Erzählung, ein Krimi, sowie eine politische Anklageschrift über die immer noch vorhandene Rechtlosigkeit der Ureinwohner Nordamerikas: Indianernationen haben keinerlei Souveränität über Nichtindianer, die sich in ihren Reservaten aufhalten, und können sie im Falle eines Verbrechens nicht belangen.

    Eine gelungene Mischung, die Louise Erdrich hier präsentiert und zu einer deftig-traurig-komisch-packenden Geschichte verwebt. Tief eingetaucht bin ich in die Erzählung und kann hier nur eine unbedingte Leseempfehlung geben. Dieser Roman, der mit dem National Book Award ausgezeichnet wurde, gehört in jedem Fall zu meinen Jahreshighlights.

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Jan 2016 

    Windigo

    Joes Mutter ist noch einmal weggefahren, sie will eine Akte holen. Zunächst machen Joe und sein Vater sich keine Gedanken, weil die Mutter noch unterwegs ist, obwohl doch schon die Essenszeit da ist. Später jedoch beginnen sie nach ihr zu suchen. Sie sind heilfroh als ihnen Geraldine im Auto entgegen kommt. Die Freude schlägt jäh in Entsetzen um, denn Geraldine ist überfallen und brutal vergewaltigt worden. Völlig aus der Bahn geworfen zieht sie sich in sich selbst zurück. Joes Vater, der als Stammesrichter arbeitet, stellt selbst Nachforschungen an. Doch leider ist nicht genau feststellbar, wo Geraldine überfallen wurde und aus diesem Grund lässt sich auch die zuständige Behörde nicht ermitteln.

    Amerika Ende der 1980er, eine Vergangenheit, die doch noch nicht so fern ist. Und doch ist die Welt, in die dieser Roman einen entführt, fremd und scheint auch älter als die Jahre andeuten. Die Indianer leben vornehmlich in Reservaten, mit eigenen gesellschaftlichen Regeln und einer eigenen Rechtsprechung. Mit den Nachfahren der Einwanderer gibt es offensichtlich kaum Berührungspunkte. Es ersteht eine Welt der Trennung, die man schon überwunden wähnte. Ein Glaube, der sich vor den Nachrichten der heutigen Zeit durchaus als Irrtum erweisen könnte. Fremd zwar, aber doch nicht so fremd. Geraldine ist durch die Tat schwer gezeichnet und Joe und sein Vater versuchen alles, um sie wieder zur Teilhabe am Leben zu bringen. Zunächst gelingt das nicht und die Sorge wächst stetig. Für einen 13jährigen wie Joe ist das keine einfache Situation. Er und sein bester Freund Cappy versuchen sich abzulenken. Doch in Gedanken will Joe seiner Mutter helfen und den Täter seiner gerechten Strafe zuführen.

    Witzig und tragisch zugleich versteht es der Roman zu unterhalten. Der betagte Großvater trägt dabei sehr zur Unterhaltung bei. Gleichzeitig helfen seine Geschichten zum besseren Verständnis der indianischen Kultur, deren Sagen und Mythen. Der Überfall auf Geraldine und seine Auswirkungen auf die ganze Familie stimmen eher nachdenklich und machen betroffen. Wieso können Frauen so erniedrigt werden, wieso werden nicht alle Taten mit der vollen Härte des Gesetzes verfolgt. Ein stimmiger und lehrreicher Roman, der wärmstens weiterempfohlen werden kann.