Das Haus der verlorenen Kinder: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Haus der verlorenen Kinder: Roman' von Linda Winterberg
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4 von 5 (2 Bewertungen)

Nimmt man einer Mutter ihr Kind …

Norwegen, 1941: In dem kriegsgebeutelten Land verlieben sich Lisbet und ihre Freundin Oda in die falschen Männer – in deutsche Soldaten. Ihre verbotene Liebe fordert einen hohen Preis, und die beiden jungen Frauen verlieren alles, was ihnen lieb ist. Ausgerechnet bei den deutschen Besatzern scheinen sie Hilfe zu finden, doch dann wird Lisbet von ihrer kleinen Tochter getrennt. Erst lange Zeit später findet sich ihre Spur – in Deutschland.

Eine dramatische Geschichte um zwei junge Frauen in Norwegen im Zweiten Weltkrieg, deren Schicksal bis in die Gegenwart reicht.

Format:Taschenbuch
Seiten:528
EAN:9783746632209

Rezensionen zu "Das Haus der verlorenen Kinder: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Mai 2016 

    Tyskebarna & Lebensborn

    Ein paar Worte zum geschichtlichen Hintergrund:

    Während der deutschen Besetzung Norwegens im Zweiten Weltkrieg verliebten sich zahlreiche junge Norwegerinnen in den Feind im eigenen Land. Geschätzte 12.000 Tyskerbarna ("Deutschenkinder") entstanden aus solchen Verbindungen, was von deutscher Seite ausdrücklich gewünscht und gefördert wurde, galten die Norweger doch als "reine arische Rasse" (mit Ausnahme der dunkelhäutigen samischen Frauen, deren Blut als minderwertig angesehen wurde).

    Von Seiten ihrer Landsleute wurden den Frauen überwiegend Hass und Verachtung entgegengebracht: von den eigenen Familien verstoßen, als Tyskertøs ("Deutschenflittchen") beschimpft. Vielen jungen Müttern blieb als einziger Ausweg das sogenannte "Lebensborn"-Projekt der Nazis. In dessen Heimen konnten schwangere Frauen nicht nur bis zur Geburt, sondern noch mehrere Monate darüber hinaus unentgeltlich leben. Einige der Kinder wurden letztendlich an parteitreue deutsche Familien zur Adoption abgegeben.

    Nach dem Krieg wurden zwischen 3.000 und 5.000 der "Verräterinnen" in Norwegen in Lager eingesperrt. Nicht selten wurden sie vorher mit geschorenem Haar durch den Ort gejagt und mit faulem Obst beworfen. Letztendlich wurden viele aus Norwegen ausgewiesen.

    Vor diesem Hintergrund entfaltet sich nun die Geschichte von "Das Haus der verlorenen Kinder".

    Als Tochter einer Tyskebarn war ich natürlich sehr neugierig auf das Buch! Inwieweit würden die Erlebnisse von Lisbeth und Oda die Erlebnisse meiner Großmutter wiederspiegeln? Ich muss sagen, ich habe tatsächlich viele davon hier wiedergefunden - und war beeindruckt davon, wie überzeugend und authentisch alles geschildert wird, die Autorin scheint gründlich recherchiert zu haben.

    Aber ich denke, auch für LeserInnen ohne persönlichen Bezug ist es ein mehr als lohnendes Buch! Nicht nur ist es ein sehr bewegendes Kapitel der Geschichte, sondern Linda Winterberg erzählt auf dieser Grundlage eine spannende, rührende, manchmal traurige, manchmal schöne Geschichte, die sich über zwei Länder und drei Generationen erstreckt. Trotz allem ist es eine Geschichte, in der es immer auch um Liebe geht - die Liebe zwischen Freundinnen, die Liebe zwischen Mutter und Kind, natürlich die Liebe zwischen Mann und Frau, aber auch die selbstlose Nächstenliebe. Kitschig wird es dabei in meinen Augen nie.

    Vom Aufbau her hat mich das Buch an die Bücher von Lucinda Riley erinnert: die Geschichte springt hin und her zwischen den Zeiten und den Personen, und so nach und nach setzen sich die Puzzleteile zu einem großen Bild zusammen.

    Manches kann man sich schon früh denken, manches erschien mir dann doch ein bisschen zu viel des Zufalls... Aber im Großen und Ganzen fand ich diese Verbindung von Historie, Liebesgeschichte und Familiengeheimnis gelungen umgesetzt.

    In dem Teil der Geschichte, der in den 40er Jahren spielt, stehen die junge Norwegerin Lisbeth und ihre beste Freundin Oda im Mittelpunkt. Wir sehen die Geschehnisse aus Lisbeths Augen, und sie war mir direkt sehr sympathisch - sie ist liebenswert, mitfühlend, großzügig und aufgeschlossen, wenn auch ein bisschen naiv. Die aufbrausende, gelegentlich egoistische Oda ist in vielem ihr Gegenteil, aber auch sie habe ich schnell lieb gewonnen. Die Autorin bringt wunderbar rüber, mit welchen Gewissensbissen und Ängsten die beiden Frauen zu kämpfen haben. An keiner Stelle hatte ich den Eindruck, dass die beiden es auch nur im Geringsten verdient hatten, als Verräterinnen abgestempelt zu werden.

    Der andere Teil der Geschichte spielt im Jahr 2005, und in diesem lernen wir Marie kennen, die gerade in einem Altenheim ihr Soziales Jahr absolviert und auf der Suche nach ihren Wurzeln ist - sie ist Vollwaise und ist den Spuren ihrer verstorbenen Mutter bis zu diesem Altenheim gefolgt, das in der Vergangenheit wohl einmal ein ganz anderes Heim war... Dort lernt sie Betty kennen, eine alte, aber immer noch lebenslustige Frau, die ebenfalls eine persönliche Suche an diesen Ort geführt hat. Auch diese beiden Frauen haben mir sehr gut gefallen, sie werden sehr lebendig beschrieben, mit all ihren Stärken, Schwächen und kleinen Marotten.

    Überhaupt fand ich alle Charaktere gut gelungen, auch die eher nebensächlichen. Nur bei den Dialogen hatte ich manchmal den Eindruck, dass sich ganz verschiedene Charaktere gelegentlich zu ähnlich ausdrücken.

    Der Schreibstil ist meines Erachtens eher einfach, mit oft kurzen Sätzen, aber dennoch flüssig, emotional und voller Atmosphäre.

    Fazit:
    Zwei junge norwegische Frauen verlieben sich im Krieg in deutsche Soldaten - mit Folgen... Zwei Generationen und 60 Jahre später treffen in Deutschland mehrere Menschen aufeinander, die alle auf verschiedene Weise auf der Suche sind. Dadurch brechen einerseits alte Wunden wieder auf, andererseits werden aber auch alte Geheimnisse aufgeklärt und alte Ungerechtigkeiten finden ein versöhnliches Ende.

    Ich fand das Buch gut recherchiert und dabei spannend und emotional geschrieben, mit lebendigen Charakteren mit denen man gut mitfühlen kann.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Mai 2016 

    Liebe zu Besatzern und ihre Folgen

    Vielen Dank an den Aufbau Taschenbuch Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

    Inhalt
    Prolog
    Die junge Lisbet, die ein kleines Mädchen geboren hat, scheint ganz allein im Dezember 1942 in Norwegen zu sein. Eine Tragödie hat sich abgespielt, die sie von ihrer besten Freundin Oda getrennt hat.

    Die Geschichte springt nach dem Prolog ins Jahr 2005 und spielt in Wiesbaden, in einem Altenheim. Marie, eine junge Vollwaise, die ihre Eltern im Alter von zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall verloren hat, absolviert ein Freiwilliges Soziales Jahr in jenem Heim, da sie in den Unterlagen ihrer Mutter eine Fotografie des Hauses entdeckt hat. Sie hat einen leidvollen Weg durch mehrere Pflegefamilien und Heimaufenthalten hinter sich, ihr Studium abgebrochen und ist auf der Suche nach ihren Wurzeln.
    Im Altenheim lernt sie die resolute alte Dame Betty kennen, die aus Norwegen stammt und oftmals in ihren Erinnerungen versinkt.

    Parallel dazu entfaltet sich im Rückblick die Geschichte zweier junger norwegischer Mädchen, die im kleinen Küstenstädtchen Loshavn leben und sich jeweils in einen deutschen Soldaten während der Besatzungszeit Norwegens im Mai 1941 verlieben. Die Protagonistin dieses Erzählstrangs ist Lisbet, und ohne viel vorwegnehmen zu wollen, erschließt sich recht schnell, dass Lisbet Betty sein muss.
    Oda, Lisbets beste Freundin, und sie selbst folgen ihren Liebsten nach Kristiansand, allerdings halten sie ihre Beziehungen geheim. Die Verbindungen zwischen einem deutschen Soldaten und einem norwegischen Mädchen wurden geächtet, die jungen Frauen als Huren und Verräterinnen, Kinder aus solchen Verbindungen als Deutschenkinder beschimpft und verachtet. Nichtsdestotrotz liebt Lisbet ihren Erich von ganzem Herzen.

    Im Jahr 2005 erhält Marie einen Umschlag mit einem Tagebuch, das in norwegischen Schrift verfasst ist, mit einem Hinweis darauf, dass der Fall Lisbet Bauer zu eben jenem Altenheim weitergeleitet wurde. Es stellt sich heraus, dass das Altenheim im Dritten Reich ein sogenanntes Lebensborn-Heim gewesen ist:

    Der Lebensborn-Verein wurde 1935 von Heinrich Himmler mit dem Ziel der Vermehrung der "arischen Rasse" gegründet. Der Verein unterstützte u.a. hilfsbedürftigen Mütter und Kinder "guten Blutes" in entsprechenden Heimen. (Quelle: LeMO)

    Auch das Altenheim ist im Dritten Reich ein sogenanntes Lebensborn-Heim gewesen. Gertrud, eine Altenpflegerin ist selbst in diesem Heim geboren und auf der Suche nach ihrer Vergangenheit hat sie im Keller die Spuren dieser unrühmlichen Geschichte entdeckt sowie bergeweise Akten mit Fällen der Kinder, die dort gelebt haben.
    Auch Maries Mutter ist augenscheinlich eines jener Kinder, die von Norwegen aus dorthin gebracht wurden. Während Marie und Gertrud auf Spurensuche sind, verschwindet Betty, gemeinsam mit den Norweger Jan, der ihrer Freundin Oda so ähnlich sieht.

    Die Leser/innen erfahren, dass sowohl Lisbet als auch Oda schwanger sind und sie begegnen sich in einem Lebensborn-Heim in Hurdal Verk wieder, wobei sich herausstellt, dass Lisbet als "arisches" junges Mädchen besser behandelt wird als die Samin Oda.

    Die Heime in Norwegen wurden vor allem in Norwegen zum Schutz der Mütter und Kinder, die eben oft Beschimpfungen und Angriffen ausgesetzt waren, gegründet, zur Bewahrung des wertvollen Blutes. Allerdings wurden einige Kinder den Müttern weggenommen und nach Deutschland verschleppt. Nur wenige konnten ihren Eltern nach dem Krieg zurückgegeben werden. (Quelle: LeMO)

    In Norwegen treffen Betty und Jan letztlich auf Marie und Gertrud und das Rätsel um den Verbleib der Kinder von Lisbet und Oda löst sich auf.

    Bewertung
    Der Roman erzählt sehr einfühlsam die Geschichte der beiden norwegischen Mädchen, deren Schicksal sich auf ihre Nachkommen bis in die Gegenwart hinein auswirkt. Aufgrund der wechselnden Erzähllinien bleibt es bis zum Schluss spannend, bis sich das Rätsel um die beiden Mädchen - Lieselotte und Siri löst. Für meinen Geschmack entwirren sich die Fäden am Ende aufgrund sehr vieler Zufälle - aber irgendwie gönnt man den Protagonistinnen diese glückliche Fügung.

    +++Spoiler+++
    Für mich ist am Ende allerdings eine Frage offen geblieben: Warum hat Erich nach dem Krieg keine Nachforschungen um den Verbleib Lisbets angestellt, wenn er sie so sehr geliebt hat. Denn Lieselotte hat er mit seiner neuen Frau zu sich genommen, hier fehlt eindeutig ein Puzzleteilchen.
    +++

    Sprachlich hat mich der Roman aufgrund der vielen Wiederholungen, der konventionelle Bilder und teilweise trivialen Ausdrucksweise, wie z.B. "gefangen von seinen samtbraunen Augen" (S.21), nicht überzeugt.

    Aber wichtiger ist, dass er auf die Behandlung der norwegischen Mädchen aufmerksam macht, die sich in einen deutschen Soldaten verliebt haben, und die Ungerechtigkeiten aufzeigt , denen sie ausgesetzt waren. Und er informiert über die Lebensborn-Heime, von denen ich persönlich vorher nur am Rande gehört habe und die deutlich machen, welche unmenschliche und verquere "Rassenideologie" die Nationalsozialisten vertraten, indem nur "arische" Kinder und Mütter entsprechend versorgt wurden.

    Insgesamt eine interessante, spannende Geschichte, die es sich zu lesen lohnt.