Das Guantanamo-Tagebuch

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Guantanamo-Tagebuch' von Mohamedou Ould Slahi
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Guantanamo-Tagebuch"

Slahis Gefangenschaft dokumentiert fast ein ganzes Jahrzehnt des Kampfes gegen den weltweiten Terrorismus. Donald Rumsfeld – mit der Akte »Slahi« vertraut – autorisierte die Behörden, den mutmaßlichen Al-Qaida-Verschwörer intensiven Verhören zu unterziehen – und nahm dabei auch Folterungen in Kauf. Im Jahr 2005 begann Slahi seine Geschichte zu erzählen. Emotional und zugleich um Fairness bemüht, berichtet er von seinen Entführungen durch die Geheimdienste, den Folterungen und den Begegnungen mit seinen Peinigern, aber auch mit Menschen, die sich ihm zuwandten. Der erste Bericht eines Guantanamo-Gefangenen, dessen offizielle Freigabe durch jahrelange juristische Anstrengungen erzwungen wurde.

Format:Kindle Edition
Seiten:443
Verlag: Tropen
EAN:

Diskussionen zu "Das Guantanamo-Tagebuch"

- lord-byron vor 6 Jahre

Rezensionen zu "Das Guantanamo-Tagebuch"

  1. Unfassbar

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Feb 2015 

    Nachdem Mohamedou 12 Jahre lang in Deutschland und Kanada studiert hat, beschließt er in seine Heimat Mauretanien zurückzukehren. Auf der Reise wird der junge Mann zwei Mal verhaftet und zum Millennium Plot befragt. Laut diesem Plan sollte der Flughafen von Los Angeles bombardiert werden. Ihm kann keine Beteiligung nachgewiesen werden und er wird wieder frei gelassen. Nachdem er ein Jahr bei seiner Familie in Mauretanien gelebt hat, wird er wieder verhaftet und vom FBI verhört. 2 Wochen lang wird er im Gefängnis festgehalten, bevor er wieder frei gelassen wird, weil man ihm nichts nachweisen kann. Kurz darauf taucht wieder die Polizei bei Slahi auf. Sie bitten ihn aufs Revier zu kommen und er fährt mit dem eigenen Auto hin. Das war das letzte Mal, dass Slahi seine Familie sah. Er wird nach Jordanien geflogen und verhört. Danach kommt er nach Guantanamo, wo er seit 13 Jahren in Haft sitzt.

    "Das Guantanamo Tagebuch" ist ein Buch, das ich nur in kleinen Abschnitten lesen konnte. Viel zu grausam war das Beschriebene und ich musste immer erst das Gelesene verarbeiten, bevor ich weitermachen konnte. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich Albträume davon bekam, denn eigentlich dachte ich immer, dass früher oder später die Wahrheit ans Licht kommen wird, wenn man ehrlich ist. Das war genauso ein Irrtum, wie die Annahme, es gäbe keine Folter mehr.

    Als Mohamedou nach Guantanamo gebracht wird, beginnt er mit seinem Tagebuch. Die amerikanische Regierung hat lange versucht, die Veröffentlichung zu verhindern. Als sie sich nicht mehr vermeiden ließ, haben sie einiges im Buch geschwärzt. Aber der Herausgeber Larry Siems hat versucht, dem Leser das Geschwärzte in Fußnoten zu beschreiben oder zu erklären. Das ist auch oft gelungen. Manchmal konnte aber auch Siems keine Auskunft geben, was das Lesen manchmal etwas mühsam machte.

    Ich bin wirklich geschockt. 13 Jahre lang wird Mohamedou jetzt schon verhört. Er wird immer wieder gefoltert, hat unter der Folter Dinge gestanden, die er nicht begangen hat, nur damit die Schmerzen und die Erniedrigungen aufhören. Er hat alle "Geständnisse" widerrufen. 13 Jahre lang ist es dem FBI und den anderen Stellen die ihn verhört haben, nicht gelungen ihm etwas nachzuweisen oder ihm anzuhängen. Und trotzdem wird er immer noch nicht entlassen. Was, denken sie denn jetzt nach der langen Zeit der Folter noch von Slahi zu erfahren? Was könnte er ihnen in den 13 Jahren noch verschwiegen haben?

    Teilweise schreibt Mohamedou die Ereignisse sehr emotionslos. Ich denke das musste er, um das Grauen überhaupt zu Papier bringen zu können. Mir kamen öfter beim Lesen die Tränen. Da wird ein Mensch systematisch zerstört, nur weil er nicht das sagt, was von ihm erwartet wird. Erst wird er beschuldigt den Plan zum Millennium-Plot mit ausgearbeitet zu haben und als die Behörden feststellen, dass er damit nichts zu tun haben kann, soll er plötzlich am 11. September beteiligt gewesen sein. Es wird dem Leser klar, dass hier dringend ein Sündenbock gesucht wird.

    Die Behörden brauchen jemanden, den sie dem Volk zum Fraß vorwerfen können. Und sie haben sich eben auf Slahi eingeschossen. Dass der seit 13 Jahren seine Unschuld beteuert, interessiert dabei niemanden. Auch nicht, als ein Gericht Mohamedous Freilassung angeordnet hat. Er ist bis heute in Haft und so wie es sich liest, wird sich daran auch so schnell nichts ändern.

    Ich hoffe wirklich, dass viele Menschen dieses Buch lesen um zu erfahren, wie die Regierung der USA wirklich arbeitet. Wie wenig ihnen dabei ein Menschenleben wert ist, wenn sie einen Sündenbock brauchen. Wie hier Tatsachen verdreht werden und 13 Jahre lang gefoltert wird, damit er etwas gesteht, das er nicht getan hat. Ich bin immer noch geschockt und werde wohl noch einige Zeit an dem Buch zu knabbern haben.

    Ich vergebe für dieses aufrüttelnde und mutige Buch 5 von 5 Punkten und bete, dass Mohamedou Ould Slahi bald aus der Haft entlassen wird und zu seiner Familie zurückkehren kann. Er wird auch dann nie mehr ein normales Leben führen können, dazu wurde er viel zu kaputt gemacht. Aber er soll wenigstens wieder frei sein und schlafen gehen können ohne Angst zu haben, dass er nachts wieder zur Folter abgeholt wird. Ich wünsche es ihm von ganzen Herzen.

    © Beate Senft