Das Gewicht aller Dinge: Roman

Rezensionen zu "Das Gewicht aller Dinge: Roman"

  1. Begegnungen...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Jul 2021 

    Wer ist die junge Frau, die eines Morgens auf einer Parkbank aufwacht? Obwohl sie selbst keine Erinnerungen besitzt, löst sie bei jedem, dem sie begegnet, Erinnerungen aus. Ihre Spurensuche wird zum Sammeln fremder Lebensgeschichten. Oder sind diese anderen Geschichten vielleicht gar nicht fremd? Was verbindet sie mit dem trauernden Hochschullehrer Rolf? Was hat sie gemeinsam mit Charlotte, die mit ihr Erinnerungen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs teilt? Je tiefer sie in die Leben der anderen eintaucht, desto intensiver kommt sie dem Leben selbst auf die Spur. Und mit der Erkenntnis, dass allem ein Gewicht anhaftet, steht sie schließlich vor der Entscheidung ihres Lebens.

    Erster Satz: "So nah waren sie dem Himmel noch nie gekommen." (S. 1)

    Dieses Buch ist bereits der dritte Roman von Britta Röder, war aber eigentlich ihr Debüt, das nach dem Schreiben jedoch für etwa zehn Jahre in einer Schublade verschwand. Nun hat sie das Werk wieder hervorgeholt und noch einmal komplett überarbeitet, und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

    Wer "Die Buchwanderer" und "Zwischen den Atemzügen" bereits gelesen hat, wird rasch merken, dass sich alle drei Bücher in der Art der Erzählung komplett unterscheiden. Doch es gibt einen roten Faden in ihren Geschichten, wie die Autorin in einem Interview bei Radio Darmstadt verriet: stets geht es um Grundfragen des Lebens wie "Wer bin ich, was macht mich aus, was will ich eigentlich, was ist mir wichtig im Leben?" Und abseits der Figuren in den Romanen stellt man sich diese Fragen beim Lesen zwangsläufig auch.

    In diesem Roman nun geht es um eine junge Frau, namenlos zunächst, weil sie sich an nichts erinnern kann, später auf den Namen Angelica getauft. Sie erwacht eines Morgens auf einer Parkbank, wirkt aber trotz fehlender Erinnerung nicht verwirrt oder irritiert, sondern geht neugierig und unbedarft drauflos und macht schon kurz darauf ihre ersten Begegnungen.

    Da treffen ganz verschiedenen Personen auf Angelica, und jede:r meint in ihr jemanden wiederzuerkennen, den sie/er vor einiger Zeit verloren hat und bis heute vermisst. Mal hat Angelica auf den ersten Blick grüne Augen, mal blaue, mal hat sie blondes Haar, dann wieder braunes oder einen leichten Rotstich. All das verschwindet bei einem zweiten Blick, lässt aber beim Lesen durchaus kleine Fragezeichen aufploppen und immer neugieriger werden.

    Gerade anfangs geraten die Begegnungen der jungen Frau ohne Erinnerung meist nur kurz, was zwar schnell verdeutlicht, was ein Aufeinandertreffen mit Angelica beim Gegenüber auslöst, mir persönlich das wirkliche Eintauchen in die Erzählung aber zunächst etwas erschwerte. Später kristallisieren sich jedoch einige Hauptfiguren heraus, die nach und nach auch für Angelica an Bedeutung gewinnen.

    Anne beispielsweise, die ihr Leben nicht wirklich lebt und Menschen oft meidet, Rolf, der seine große Liebe und damit seinen Lebensmut bei einem tragischen Unfall verlor, oder Charlotte, die alte Dame, die Angelica vor ihrem Tod unbedingt noch ihre Lebensgeschichte anvertrauen möchte. Angelica lernt durch die zahlreichen Begegnungen viel über das Leben, nach und nach aber auch über sich selbst. Sie beginnt zu hinterfragen, wer sie ist, woher sie kommt, weshalb sie sich nicht erinnern kann... Und sie genießt es, allmählich nicht länger allein die Zuhörende und Verständnisvolle zu sein, sondern selbst gesehen und gehört zu werden.

    In besagtem Interview bei Radio Darmstadt weist Britta Röder darauf hin, dass dieser Roman in zwei Zeitebenen handelt: einmal in der Gegenwart mit Angelica, und einmal ab 1939, nämlich bei der Erzählung Charlottes von ihren Kriegserlebnissen. Diesem Handlungsstrang wird tatsächlich mehr Raum gegeben als den anderen Figuren, wirkte dadurch auf mich jedoch als Teil dieses Romans im Verhältnis etwas zu dominierend, insgesamt jedoch gleichzeitig eher zu kurz gefasst, weil die wichtigen darin angesprochenen Themen so kaum zu ihrem Recht kamen.

    Löblich der Ansatz, Gegenwart mit Geschichte zu verbinden, gerade damit solch wichtige Themen immer in den Köpfen bleiben. Aber hier hätte ich mir womöglich sogar einen ganz eigenen Roman gewünscht, nicht die teilweise doch sehr komprimiert wirkende Fassung als ein Handlungsstrang unter vielen. Dennoch habe ich auch die Figur der alten Charlotte gern gelesen und mit Angelica liebgewonnen.

    "Wie geht man damit um, wenn das Alter den eigenen Körper unaufhaltsam in einen Fremden verwandelt?" (S. 145)

    Der Schreistil ist sehr eingängig, der Text liest sich ausgesprochen flüssig, und die Autorin zeigt einmal mehr das Talent, sowohl Gefühle sanft aber eindringlich zu transportieren, als auch lebendige Bilder im Kopf des Lesers / der Leserin entstehen zu lassen. Das sorgfältige Feilen jedes einzelnen Wortes ist dem Text anzumerken, und manch eine Passage konnte mich berühren und begeistern.

    "Aber diese Unterscheidung in schwarz und weiß, in richtig und falsch, ist eine Illusion. Das Leben ist nicht in diese Kategorien einzuteilen. Das Leben ist Veränderung. Und wer wirklich lebt, der verändert sich ständig. Nur wer das begreift, kann verstehen und verzeihen. Auch sich selbst verzeihen. Das Absolute, dafür ist der Mensch (...) nicht geschaffen. Daran zerbricht er oder er stumpft ab." (S. 144)

    Abgesehen von kleineren Schwächen (einzelne Passagen, die für mich nicht so recht vorstellbar waren oder auch die eher einer älteren Generation zuzuordnenden Namen), hat Britta Röder hiermit in meinen Augen wieder einmal eine sehr besondere Erzählung präsentiert, und vor allem die nachdenklichen Töne haben mir dabei sehr gefallen...

    Die Autorin deutete an, dass noch mehr Romanentwürfe in irgendwelchen Schubladen darauf warten, ans Tageslicht zu kommen. Ich hoffe, sie lassen sich nicht zu viel Zeit damit...

    © Parden

  1. Herzensbuch

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Jun 2021 

    „Was also sind unsere Erfahrungen? Das, was uns ereilt, worauf wir nicht vorbereitet sind.“ (aus: Susan Sontag: Beschreibung (Einer Beschreibung) in: Wie wir jetzt leben, S. 39)

    Es gibt ja manchmal „Botschaften“, die einem zum richtigen Zeitpunkt „zufliegen“. So auch das obige Zitat, was sich mir förmlich aufgedrängt hat, es als Eingang meiner Rezension zu „Das Gewicht aller Dinge“ von Britta Röder zu verwenden. Denn im weitesten Sinne geht es auch in dem neuen Roman von Britta Röder um Erfahrungen, um Situationen, auf die wir (jeder einzelne Mensch) nicht vorbereitet sind, die uns aber aus heiterem Himmel treffen (können).

    Es gibt viele Begegnungen in diesem Buch; manche „verlaufen“ sich, andere hinterlassen Spuren – im Roman wie auch beim Leser (wie die berührende und nachdenklich stimmende „Lebensbeichte“ von Charlotte, einer charmanten älteren Dame, die mich sofort „gepackt“ hat.)

    Mit viel Empathie und Einfühlungsvermögen lässt Britta Röder ihre Charakter sprechen, nachdenken, reflektieren und auch die geneigte Leserschaft fängt automatisch an, bestimmte Eigenarten an sich (kritisch und manchmal auch selbstironisch) zu hinterfragen.

    Dabei sind die Situationen und Begegnungen allzu „menschlich“ – sprich: jede*r kann in eine derartige Lebens- und Gefühlslage kommen. Es ist also kein „neues“ Thema, dem sich die Autorin hier annimmt. Aber warum sollte sie auch? Gerade in Zeiten wie diesen, in denen die Sprache des Hasses, der Verleumdung, der Falschaussagen und der Unmenschlichkeit wieder lauter ist als sie soll, tut es gut, auf solche „Oasen“ der Menschlichkeit, der Empathie, der Fantasie und dem ein oder anderen märchenhaften Element zu stoßen.

    Britta Röder sagt auf 199 Seiten so viel, dass es bei weitem nicht beim ersten Lesen „erfasst“ werden kann. Das macht aber nichts: „Das Gewicht aller Dinge“ gehört zu der Art Büchern, die man immer wieder in die Hand nehmen wird, um darin zu „schmökern“, neuerlich zu versinken.

    Well done, liebe Britta!

    5* und glasklare Leseempfehlung!

    ©kingofmusic

  1. Leben

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Jun 2021 

    Der Autorin Britta Röder ist hier ein bestechend schöngeschriebener Roman über das Leben gelungen. "Das Gewicht aller Dinge" ist eine Geschichte über den Menschen, eine Geschichte über die Liebe, eine Geschichte über das Leben. Dabei transportiert dieses Buch nicht die weltbewegende neue These. Sondern es berichtet über eigentlich bekannte Dinge, manchmal geraten aber gerade solche einfachen Gedanken leider auch in Vergessenheit. Es geht um Achtsamkeit, Achtsamkeit mit sich selbst, aber auch mit der Umgebung. Es geht um die Endlichkeit und den Sinn des Lebens, um die Liebe. Verschiedene Charaktere tauchen auf, begegnen dieser wundersamen jungen Frau ohne Erinnerung, die auf einer Reise ist, einer Reise zu sich selbst und einer Reise durch die Gefühlswelt von uns Menschen. Ich habe dieses Buch wegen dieser Kraft, die in den von Britta Röder gewählten Worten, diesen sorgsam zurecht gefeilten Sätzen liegt, geliebt. Es ist ein Buch, welches bleibt, welches nicht auf Wanderschaft geht. Denn hier könnte ein Re-Read zu einer passenden Zeit eine gute Idee sein, eben wegen dieser schönen und klangvollen Sprache, aber auch wegen dieser zutiefst lebensbejahenden Thematik. Love it!!!