Das Genie

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Genie' von Klaus Cäsar Zehrer
4.65
4.7 von 5 (3 Bewertungen)

Boston, 1910. Der elfjährige William James Sidis wird von der amerikanischen Presse als »Wunderjunge von Harvard« gefeiert. Sein Vater Boris, ein bekannter Psychologe mit dem brennenden Ehrgeiz, die Welt durch Bildung zu verbessern, triumphiert. Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Durch Anwendung der Sidis-Methode könnten alle Kinder die gleichen Fähigkeiten entwickeln wie sein Sohn, behauptet er. Doch als William erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit. Er weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Ver­fügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird. Stattdessen versucht er, sein Leben nach eigenen Vorstel­lungen zu gestalten – mit aller Konsequenz.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:656
Verlag: Diogenes
EAN:9783257069983

Rezensionen zu "Das Genie"

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Okt 2017 

    Ein perfektes Leben?

    @Momo und ich hatten das Vergnügen den Autor Klaus Cäsar Zehrer während der Frankfurter Buchmesse in einem Interview zu erleben, in dem er über die Idee zu seinem Roman über eines der größten Wunderkinder des letzten Jahrhunderts erzählt hat. Auf einer Liste der 10 intelligentesten Menschen sei ihm der Name William James Sidis zum ersten Mal begegnet. Neugierig geworden, wer sich dahinter verberge, habe er angefangen zu recherchieren. Und letztlich ist "Das Genie" entstanden, ein Roman, der einen Einblick in das Leben des William James Sidis ermöglicht und den Leser*innen selbst überlässt, wie sie das Erziehungsexperiment des Vaters Boris beurteilen
    Worum geht es?

    Am 5. Oktober 1886 wandert der junge Ukrainer Boris Sidis in die Vereinigten Staaten von Amerika ein, ein Tag, den er künftig als seinen Geburtstag ansehen will, da für ihn ein neues, freies Leben anfangen soll. Dieses stellt sich zunächst jedoch als sehr mühsam heraus, es gilt Geld zu verdienen, einen Schlafplatz zu finden, Arbeit zu suchen. In der Fabrik, in der er beginnt, unterbreitet er seinem Vorarbeiter Verbesserungsvorschläge.

    "Sie betrafen die Arbeitsabläufe in der Fabrik und waren umfassend, punktgenau, kristallklar formuliert und dermaßen einleuchtend, dass er sich nicht erklären konnte, warum er nicht schon längst selbst darauf gekommen war." (S.31)

    Gegenüber dem Chef der Firma äußert er die Meinung, dass Bildung das Wichtigste für die Arbeiter und ihre Kinder ist, "damit sie freie und glückliche Menschen werden. " (S.34)

    Man kann sich vorstellen, dass Boris Zukunft in der Firma damit beendet ist. Statt dessen bringt er sich in der öffentlichen Bibliothek selbst Englisch bei und gibt Nachhilfestunden. Er ist ein hervorragender Lehrer und versteht es aus seinen Schülern das Bester herauszuholen - ein Umstand, der ihn in seiner Heimat ins Gefängnis gebracht hat.
    Durch einen Zufall verschlägt es ihn von New York nach Boston, wo er als Englischlehrer, inzwischen 22 Jahre alt, auch seiner zukünftigen Frau Sarah Mandelbaum begegnet. Sein erstes Experiment beginnt:

    "Schon lange hatte er sich gefragt, wie hoch man einen Menschen durch Bildung heben konnte. Anhand dieses Mädchens würde er es herausfinden. Ein Experiment, wenn man so wollte." (S.61)

    Es gelingt - so viel sei hier verraten. Trotz bürokratischer Hürden und der Tatsache, dass die Wissenschaften Frauen größtenteils verwehrt waren, studiert Sarah Medizin, macht ihren Doktor und heiratet den ehrgeizigen Boris, der auf die Frage, ob er sie liebe, antwortet:

    "Ach je, Liebe. Was soll das sein? Traute Zweisamkeit, Familienidyll, Glück im Winkel...Wenn es mir darum ginge, könnte ich irgendeine nehmen. Aber es geht mir nicht darum, und Sarah ist nicht irgendeine. Was ich vorhabe, geht nur mit ihr. (...) Ich brauche sie." (S.100)

    Boris ist kein sympatischer, liebenswerter Mensch - im Gegenteil, ihm geht es bei darum, zu beweisen, dass seine Erziehungs- und Lehrmethoden die besten sind. Ein Schlüsselerlebnis hat er, als er erlebt, wie Sarah in einer Show hypnotisiert wird. Fortan beschäftigt er sich mit Psychologie und beginnt in Harvard zu studieren, wo ihn Professor William James unter seine Fittiche nimmt.
    Seine Forschungen beschäftigen sich mit dem "Subwaking Self".

    "Du musst dir das so vorstellen: Du hast nicht nur eine Persönlichkeit, sondern zwei. Zum einen bist du die Sarah, die hier an diesem Tisch sitzt und isst und mir zuhört und so weiter. Du denkst, das bist du, und das stimmt auch, aber nur zum Teil. Weil, es gibt eben auch noch dein zweites Selbst. Du kannst es nicht sehen, noch nicht mal bemerken, aber es ist trotzdem immer in dir." (S.131)

    "Meine Vermutung lautet, dass unser Gehirn zu wesentlich größeren intellektuellen Leistungen imstande ist, als wir gemeinhin annehmen. Nur ein kleiner Teil seines Potentials ist leicht zu aktivieren. Mit dem gewaltigen Rest verhält es sich wie bis vor kurzem mit dem Unterbewusstsein, wir wissen, das da etwas sein muss, aber wir haben noch keinen Zugang dorthin." (S.213)

    Die erste Person, bei der Boris an dieses Potential herankommen will, ist sein Sohn William James Sidis, Billy genannt, der vom Tag seiner Geburt, dem 1.April 1898, lernen muss. Das Ziel Boris ist es, ein Genie aus ihm zu machen. Ein Experiment, das mit jedem Kind gelingen sollte.
    Seine Eltern sprechen keine "Kindersprache" mit Billy, sondern mehrere Fremdsprachen, keine Lieder erreichen seine Ohren, statt dessen Farben, Formen, Bilder mit den entsprechenden Begriffen dazu.

    Und die Methode scheint erfolgreich, denn mit zwei Jahren kann Billy lesen und hohe Erwartungen werden an ihn gestellt:

    "William, du bist meine Hoffnung. Ich gebe alles, damit du nichts so wirst wie die anderen, so kleingeistig, denkfaul, niederträchtig und blutrünstig. Ich wünsche mir, dass man eines Tages in der New York Times nicht lesen wird, wie viele Menschen wieder irgendwo sinnlos gestorben sind, sondern was der große Gelehrte William James Sidis herausgefunden hat." (S.179)

    Es ist ein weiter, steiniger Weg, bis die New York Times tatsächlich über den 39-jährigen William James Sidis schreibt. Ob aus dem Wunderjungen tatsächlich ein Gelehrter wird? Einer, auf den Boris stolz wäre?

    Bewertung
    Ein faszinierender Roman über ein erstaunliches Erziehungsexperiment, in dem ohne Zweifel ein hoch intelligentes Kind herangezogen wird, das 40 Sprachen beherrscht, früh lesen kann, ein außergewöhnliches mathematisches Talent besitzt und logisch argumentieren kann.
    Aber auch ein Kind, das zunächst genau wie sein Vater unsympathisch erscheint - zwei "Flegel", die sich weder an gesellschaftliche Konventionen halten noch bereit sind, empathisch ihren Mitmenschen zu begegnen. Boris wird zunehmend zu einem rechthaberischen Patriarch, der gegen Freud vorgeht - in beleidigender Art und Weise, wie sie einem Wissenschaftler nicht geziemt. Sarah dagegen ist eine unbarmherzige Mutter, die William kurzerhand das Geld streicht, wenn er keine Erfolge vorweisen kann.
    Bis zur Pubertät wird Billy regelrecht von seinem Vater vorgeführt, muss ständig sein Genie unter Beweis stellen, wie ein abgerichteter Hund - so mein Eindruck. Und wird gleichzeitig von den anderen Kindern gemieden und ausgegrenzt, da er sich nicht kindgemäß verhält.

    Im Verlauf der Handlung empfindet man immer stärker Mitleid mit diesem Jungen, der permanent ein Außenseiter bleibt, da er wesentlich jünger als seine Mitschüler und Mitstudenten ist und nie gelernt hat, sich in einer sozialen Gemeinschaft zu bewegen. Seine motorischen Fähigkeiten lässt Boris interessanterweise außer Acht, mit der Begründung "Leibeserziehung sei ein Synonym für Zeitvergeudung." (S.240)
    Ein Umstand, der es Billy noch weniger ermöglicht, ein "normales" Leben zu führen, statt dessen wird er zeitlebens ein Sonderling bleiben, ein lebendes Objekt, das beweisen soll, ob die Methode seines Vaters sich bewährt hat.
    Die Pubertät verändert ihn und sein erklärtes Ziel ist es nun, ein perfektes Leben führen zu wollen mit strikten Regeln und Prinzipien, von denen er (fast) nie abweicht. Ein Leben jenseits der Öffentlichkeit und letztlich jenseits der Gesellschaft. Ob ihm das gelingen kann?

    Scheitert die Methode?
    Obwohl Zehrer betont, die Leser*innen sollen selbst urteilen, gibt er meines Erachtens im Roman die Antworten darauf.

    "Am 12. Februar 1910 (...) wurde seine Schwester Helena geboren. Zu gerne hätten ihre Eltern sie nach der bewährten Sidis-Methode zum Genie erzogen, aber sie konnten den Aufwand unmöglich ein zweites Mal leisten." (S.316)

    William selbst reflektiert darüber, ob die Welt wirklich besser wäre, hätte sich die Methode seines Vaters durchgesetzt. Und William weiß, dass die Methode gescheitert ist:

    nicht an ihm, William, und auch nicht an den Freudianern, sondern einzig und allein an mangelnder Liebe. Denn Liebe war die Lösung. Was wäre geschehen, hätte Boris das rechtzeitig erkannt." (S.490)

    William spricht genau jenen Punkt an, der mir beim Erziehen das meiste Unbehagen verursacht hat. Das Fehlen einer liebevollen Beziehung zwischen den Eltern und dem kleinen Billy. Die Erziehung zu einem empathischen und sozialen Wesen gehört neben der geistigen Förderung dazu. Ob letzteres im Elternhaus oder in den Schulen manchmal zu kurz kommt, darüber kann man sicherlich streiten.

    Scheitert das perfekte Leben?
    William bleibt ein Außenseiter. Seine Ideen über die perfekte Gesellschaft sind interessant, eine Utopie, die in der Realität und vor allem nicht im kapitalistischen Amerika umzusetzen sind. Sein unbedingter Pazifismus ist bewundernswert, er ist nicht bereit, seine mathematische Begabung in den Dienst des Militärs zu stellen. Und doch "verrennt" er sich in eine Idee, die ich nicht verraten will, und letztlich gelingt ihm nicht, so zu leben, wie er sich vorstellt. Er hat nie gelernt ein soziales Wesen zu sein, was sich auch in seinem Äußeren niederschlägt, und kann daher mit seinen Vorstellungen nur wenige Menschen erreichen. Eigentlich ein tragisches Schicksal!

    Ein besonderer historischer Roman, über den man noch viele Seiten schreiben könnte.
    Klare Lese-Empfehlung!

  1. bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Okt 2017 

    Eine sehr gelungene Romanbiografie

    Das Buch ist sehr vielversprechend. Es bietet ungeheuer viel Stoff zum Nachdenken und zum Weiterspinnen und es besteht auf jeden Fall hoher Gesprächsbedarf.

    Das Buch schreit regelrecht nach Menschlichkeit. Es zeigt, wie der hochintelligente Protagonist William James Sidis sich nach einem ganz gewöhnlichen Leben sehnt, und von der sensationsgierigen Presse so richtig gemobbt wird. Aber bevor es dazu kommt, bevor man in das Leben des William James Sidis' gerät, wird man erst mal mit dem Leben beider Elternteile vertraut gemacht.

    Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:

    "Boston, 1910. Der elfjährige William James Sidis wird von der amerikanischen Presse als »Wunderjunge von Harvard« gefeiert. Sein Vater Boris, ein bekannter Psychologe mit dem brennenden Ehrgeiz, die Welt durch Bildung zu verbessern, triumphiert. Er hat William von Geburt an mit einem speziellen Lernprogramm trainiert. Durch Anwendung der Sidis-Methode könnten alle Kinder die gleichen Fähigkeiten entwickeln wie sein Sohn, behauptet er. Doch als William erwachsen wird, bricht er mit seinen Eltern und seiner Vergangenheit. Er weigert sich, seine Intelligenz einer Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, die von Ausbeutung, Profitsucht und Militärgewalt beherrscht wird. Stattdessen versucht er, sein Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten – mit aller Konsequenz."

    Während des Lesens stellten sich mir als Leserin jede Menge Fragen, die später, fast am Ende des Buches, größtenteils auch beantwortet werden.

    Zu Beginn lernen wir den Vater des Helden kennen, der, noch keine zwanzig Jahre alt, seine Heimat aus politischen Gründen verlässt, und emigriert nach Amerika. Boris Sidis spricht mehr als zwanzig Muttersprachen und ist ein geistiges Multitalent. Man glaubt, dass es kaum eine Wissenschaft gibt, die er nicht beherrscht. Als ein ukrainischer Immigrant wird er in seiner Wahlheimat mit vielen Vorurteilen und mit Rassismus konfrontiert. Man sieht ihm seine Bildung nicht an … Schnell macht Boris die Erfahrung, dass man in Amerika, in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, vielen Grenzen ausgesetzt ist. Von Amerika recht schnell desillusioniert muss er sich trotzdem durchschlagen, wenn er nicht wieder zurück in die Heimat will, dort, wo es noch schlimmer als in Amerika ist. In der Ukraine wurde er ins Gefängnis gesperrt, nur weil er seinen Landsleuten Unterricht erteilt hatte …

    Dann lernen wir Sarah kennen. Auch Sarah ist ein außergewöhnlicher Mensch. Sie kommt aus einer kinderreichen ukrainischen Familie. Die Mutter hatte 15 Kinder geboren. Sarah ist das älteste Kind, sodass sie im Alter von zwei Jahren lernen musste, für sich selbst zu sorgen, da die Mutter keine Zeit für sie hatte. Man muss sich vorstellen, dass sich die Kleine am Abend sogar selbst ins Bett gebracht hat. Zudem musste Sarah als die ältere Tochter im Haushalt und in der Verpflegung ihrer Geschwister wie eine Mutter mithelfen. Für keine familiäre Arbeit war sie zu jung. Sie hatte keine Zeit, eine Schule zu besuchen. Sie besaß nicht einmal ein Abschlusszeugnis von der Grundschule. Als sie größer wird, muss sie sogar eine externe Arbeit antreten, um das Einkommen des Vaters mitaufzustocken. Eines Tages wandert der Vater zusammen mit Sarah nach Amerika aus, und nach und nach wird die Familie nachgezogen.

    Hier lernt Sarah Boris kennen, zwei außergewöhnliche Menschen mit außergewöhnlichen Leistungen und beide vermählen sich. Boris wirkt sehr unsympathisch, empathielos und hat wenig Geduld mit seinen Mitmenschen. Er stellt sich wahrheitsliebend gegen jegliche gesellschaftliche Normen und eggt damit überall an. …

    Sarah macht trotz der bürokratischen Hürde ihre Schulabschlüsse an Abendschulen in Amerika nach, Dank Boris, der ihr das Lernen beibringt. Sarah schafft es bis zu einem Medizinstudium und erwirbt im Anschluss daran sogar noch ihren Doktor. Sarah und Boris bekommen beide ihr erstes Kind. Das Kind William James wird geboren, an dem die Eltern ihr Erziehungsexperiment durchführen und nennen es die Sidis-Erziehungsmethode, mit dem Leitbild, dem Kind das Lernen als Spiel erfahrbar zu machen. Sie erzielen mit ihrem Erziehungsexperiment große Erfolge. Der Junge bringt schon im Säuglingsalter außergewöhnlichen Leistungen zustande. Mit acht Jahren denkt er schon ans Bücherschreiben. Er sucht nach einem wissenschaftlichen Thema, über das noch keiner vor ihm geforscht hat. Von dem Vater bekommt er zum Geburtstag ein Mikroskop geschenkt und so wendet sich William den Ameisen zu, die er in einer Streichholzschachtel sammelt, in der Hoffnung, eine unentdeckte Art zu finden, die er als Formica sidisi bezeichnen würde ...

    Die Eltern fühlen sich bestätigt und verfolgen das Ziel, mit ihren Erziehungsmethoden an die Öffentlichkeit zu gehen, um sämtliche Bildungseinrichtungen komplett zu reformieren, denn aus allen Kindern mit einer durchschnittlichen Intelligenz sollten Hochbegabte herangebildet werden. Die Sidis fordern alle Lehrer auf, das Beste aus ihren Schülern hervorzulocken. Sie hegten tatsächlich Ziele, dass alle öffentliche Bildungsanstalten in Sidis-Kindergärten, in Sidis-Schulen, in Sidis-Universitäten umgewandelt werden ... Wenn alle Menschen Genies wären, erst dann könne man die Menschheit vor der Sklaverei des Kapitalismus befreien. Auch müsse dann niemand mehr niedrige Arbeiten verrichten, das würden alles Maschinen übernehmen, und der Mensch wäre in der Lage, seine gesamte Lebenszeit bis zum Lebensende sinnvoll zu gestalten. Eine Welt besser machen, in dem alle Menschen auf einer Stufe stehen würden. Es gäbe keine Armen mehr, und keine Reichen, die die Armen ausbeuten … Und auch der Weltfrieden wäre sichergestellt, denn die Menschheit würde aufhören, sich durch Indoktrination beeinflussen und beirren zu lassen. Niemand würde noch in den Krieg ziehen wollen.

    Diese politischen und philosophischen Ideen fand ich sehr lesenswert. Und doch hat man sich als Leserin gefragt, wo denn die Herzensbildung bleibt? Werden dem Kind auch soziale Kompetenzen beigebracht? Kann das Kind in seinem Einzelstatus überhaupt gesellschaftlich bestehen? Bleibt die Kindheit nicht auf der Strecke? Als William James im Säuglingsalter viel schreit, zeigt sich der Vater ungeduldig, plärrt seine Frau an; stell das ab, stell das ab. Das hat mich geschockt …

    Ich muss schon sagen, mir war William James sympathischer als der Vater, am Ende konnte ich sogar die Mutter nicht mehr ausstehen und ich hatte totales Verständnis für William, der nicht nur bei den Medien auf Missachtung stößt, unter seinen Altersgenossen war er auch vielen Neidern ausgesetzt … William entwickelte sich als Erwachsener zu einem radikalen Pazifisten ... Auch sein Sprachjargon ist hochtrabend, verwendet keine einfachen Worte. Im Hörsaal versucht er die weiblichen Studenten von seiner Vorlesung rauszuschmeißen mit der Begründung, die männlichen Studenten hätten nur eines im Kopf, sie würden nur ans Koitieren denken, das halte vom Unterricht ab. Dass darüber jeder lacht, und seine Abmahnung von den StudentInnen ins Lächerliche gezogen wird, ist für mich als Leserin gut vorstellbar gewesen, denn so spricht kein Mensch, außer William …

    William gehört keiner Kirche an, wählt trotzdem eine zölibatäre Lebensform, aus dem Grund, dass Beziehungen nur vom Eigentlichen ablenken würden. Dass die Welt auf die Fortpflanzung zur Erhalt der Menschenrasse angewiesen ist, darüber schien sich William keine Gedanken gemacht zu haben ...

    Im späteren erwachsenen Alter flüchtet William vor seinen Verfolgern und gerät in eine große Selbstfindungsstörung. Er versucht in die soziale und gesellschaftliche Isolation abzutauchen und gerät auch mit den Eltern in eine schwere Krise und bricht den Kontakt zu ihnen ab …

    … denn schon früh wird William von den Medien erfasst und viel zu jung kommt er ins Rampenlicht. Sensationsgierige Journalisten liefern in ihren Zeitungen ein recht abfälliges und triviales Bild von William ab. Man muss sich einen elfjährigen Jungen vorstellen, der wie ein Erwachsener mit einer Kinderstimme oben auf dem Podest steht, und wissenschaftliche Vorträge hält, mit 16 Jahren an der Uni doziert. Mit neun Jahren schon seine ersten unveröffentlichten Bücher geschrieben hat …

    William James geht gerichtlich vor, und klagt die Zeitung New York Times an wegen Verletzung der Privatsphäre und wegen Rufmord. Ich habe richtig mit William gebangt, und ihm einen Sieg gegönnt. Halte mich hierzu weiter bedeckt.

    Was ich nicht erwähnt habe, ist, dass es noch eine viel jüngere Schwester von William gibt, die aber aus Zeitnot eine ganz gewöhnliche Erziehung erhält ...

    Mehr möchte ich nun nicht verraten. Ich kann nur jedem raten, das Buch nicht alleine zu lesen, sondern mit jemandem zusammen, damit man die Möglichkeit hat, auch über den Inhalt zu diskutieren.

    Mein Fazit?

    Ich persönlich zweifle an der Sidis-Erziehungsmethode. Wie kann man von einem Fall auf alle schließen? Für mich ist William definitiv ein Einzelfall, der aus einem hochbegabten Elternhaus stammt, dem es leicht fällt zu lernen, wobei mir auch bewusst ist, dass an normalen Schulen viele Kinder mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz sitzen, die auffällig werden, weil sie nicht richtig gefördert werden, und sie sich stattdessen im Unterricht langweilen. Im schlimmsten Fall landen viele Hochbegabte sogar in Sonderschulen. Trotzdem scheint mir diese außergewöhnliche Lernmethode sehr einseitig und zu kopflastig. Aber wer weiß, vielleicht bringt das Buch die Pädagogen zum Nachdenken, vor allem erst mal an den Universitäten, wo dort das eine oder andere weiter erforscht werden kann, ohne die Herzensbildung zu vernachlässigen, wobei an den Universitäten schon viel getan wird, aber es scheitert oftmals an der Umsetzung in der pädagogischen Praxis. Reformpädagogen hat es schon immer gegeben, ohne dass sie Einfluss nehmen an den gewöhnlichen öffentlichen Schulen. Angewendet wird diese Praxis an Privatschulen, die sich nicht jeder leisten kann, aber ursprünglich für Kinder aus der unteren Schicht entwickelt wurden (Montessori, Steiner, Binet etc.) Und so landen immer noch viel zu viele Kinder aus den Unterschichten auf Sonder- oder Hauptschulen, selbst wenn es heute mehr Abiturienten gibt, als vergleichsweise noch vor vierzig Jahren. In dieser Hinsicht bin ich mit den Sdis einer Meinung; jedes Kind sollte bestmöglich gefördert werden, denn jedes Kind bringt Stärken mit. Ein Reichtum, von dem nicht nur Kinder profitieren, sondern später sogar die gesamte Gesellschaft. Mit unserem Schulsystem produziert der Staat aus meiner Sicht weiterhin Versager, die im Erwerbsalter auf Grundsicherung angewiesen sind. Alle Kinder zu fördern wäre viel billiger, als die Leistung einer Grundsicherung, die sich Sozialhilfe nennt.

    Tolles Buch, superrecherchiert, sehr authentisch geschrieben, sehr schöne Sprache.

    Da Tina und ich den Autor schon auf der Buchmesse gesehen und gehört haben, habe ich nun keine Lust, alles nochmals zu wiederholen, weshalb ich noch einmal auf meine Notizen von der Buchmesse´17 verweise.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Sep 2017 

    Wie hart es ist, ein Wunderkind sein zu müssen

    Bei diesem Buch handelt es sich um eine Romanbiografie über William James Sidis (1898-1944).
    Zu Beginn lernt man seinen Vater Boris Sidis kennen, der aus der Ukraine in die USA immigriert war. Aufgrund seiner Intelligenz schaut er auf die einfachen Arbeiter herab und hält sich für etwas Besseres. Dadurch eckt er natürlich bei Kollegen und Vorgesetzten an. Seine Zeit investiert er ins Lernen vieler Sprachen, wird Stammgast in der Bibliothek. Geld verdienen ist für ihn nur eine Notwendigkeit, dem Lernen gilt seine Leidenschaft. Seine künftige Ehefrau Sarah lernt er kennen, indem er ihr Französisch-Unterricht erteilt. Auch sie hat ähnliche Wurzeln wie Boris und möchte unbedingt vorwärts kommen. Boris erkennt ihren wachen Verstand und beschließt, sie zu heiraten. Gefühle spielen bei dieser Entscheidung keine Rolle.

    Im Folgenden erreichen beide akademische Abschlüsse, Boris ist zunehmend fasziniert von der Psychologie, über verschiedene Winkelzüge wird er Professor für dieses Fach.
    Als Sarah schwanger wird und einen Sohn bekommt, entwickelt Boris eine spezielle Erziehungsmethode, die schon frühzeitig das Gehirn des Säuglings anregen soll. Ablenkungen in Form von Liebe und Streicheleinheiten sind dabei unerwünscht. Mit zunehmendem Alter wird William ausschließlich mit Wissen gefüttert und als Erwachsener behandelt, er hinterfragt alles, bekommt keine Grenzen gesetzt, ist in jeder Beziehung besonders. Früh kann er flüssig lesen, beherrscht die Mathematik, überfliegt die Klassen, landet schließlich mit 14 Jahren in Harvard zu einem Sonderstudium für hochbegabte Kinder…
    Die Eltern sehen sich am Ziel ihrer Träume. Überall führt der Vater den Sohn vor wie ein Zirkuspferd, präsentiert dessen geistige Leistungen als seinen eigenen Verdienst, erreicht durch die Sidis´sche Erziehungsmethode. Vater Sidis eröffnet als Psychologe ein Sanatorium und das Wunderkind soll dessen persönliche Reputation stärken.

    Während des Studiums fängt Williams (genannt Billy) Leiden an. Im Studentenwohnheim wird er von den älteren Jungen geärgert, mit seiner vorlauten Art eckt er überall an und ist mit dem normalen Leben überfordert. Die Eltern reagieren mit Unverständnis. Billy bekommt noch eine Schwester, mangels Zeit können die Eltern ihr nicht die gleiche "Förderung " angedeihen lassen wie dem Bruder. Dadurch entwickelt sie sich normal.

    Billy entscheidet sich für die Mathematik, ihm fehlt jedoch die Reife, in einem Beruf Kompromisse zu schließen und sich anzupassen. Oft muss er von neuem anfangen. Er schließt sich den Kommunisten an, wird überzeugter Pazifist, wodurch ihm in Kriegszeiten wieder Schwierigkeiten drohen. Ein Heft mit Prinzipien wird sein Halt in schwierigen Zeiten. Er begeistert sich für Straßenbahnen, für Umsteigetickets. Schließlich sucht er einen Schuldigen für seine Schwierigkeiten…
    Das ehemalige Wunderkind William James Sidis bleibt sein ganzes Leben lang ein einsamer, unverstandener Wolf. Nur seine Schwester Helena ist eine Konstante in seinem Leben.

    Das Buch liest sich sehr spannend. Man leidet mit dem jungen Mann mit, der aus meiner Sicht fast autistische Züge hat. Wer so aufgewachsen ist wie William J. Sidis, kann sich nicht normal entwickeln. Viele überzogen scheinende Stellen werden im Anhang durch Quellenhinweise belegt: Es ist kaum zu glauben, dass sich das alles so oder ähnlich zugetragen hat.
    Diese Lebensgeschichte zu lesen, lässt einen das Buch betroffen zuschlagen und gibt einem einmal mehr die Erkenntnis, dass Wissen, Erfolg und Ehrgeiz nicht alles im Leben sind.