Das Geheimnis des weißen Bandes

Rezensionen zu "Das Geheimnis des weißen Bandes"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Aug 2016 

    Eine gelungene Hommage...

    Am Abend eines ungewöhnlich kalten Novembertages im Jahr 1890 betritt ein elegant gekleideter Herr die Räume von Sherlock Holmes' Wohnung in der Londoner Baker Street 221b. Er wird von einem mysteriösen Mann verfolgt, dem einzigen Überlebenden einer amerikanischen Verbrecherbande, die mit seiner Hilfe in Boston zerschlagen wurde. Ist ihm der Mann über den Atlantik gefolgt, um sich zu rächen? Als Holmes und Watson den Spuren des Gangsters folgen, stoßen sie auf eine Verschwörung, die bis in die höchsten Kreise reicht - und den berühmten Detektiv ins Gefängnis bringt, verdächtig des Mordes...

    Ich bin ganz ehrlich: gekauft hätte ich mir dieses Buch nicht. Denn zu häufig schon habe ich erlebt, dass eine Pastiche - also die Imitation des Werkes eines vorangegangenen Künstlers - mehr gewollt denn gekonnt war, und vor einer solchen Enttäuschung schrecke ich seither zurück. Selbst die überwiegend sehr positiven Rezensionen zu diesem Buch konnten mich nicht dazu bewegen, den neuen Roman um Sherlock Holmes käuflich zu erwerben. Aber wie der Zufall so spielt, war 'Das Geheimnis des weißen Bandes' Teil eines Gewinnpaketes hier bei Lovelybooks, und natürlich habe ich es nun auch gelesen.

    Die brennende Frage hinter all dem ist ja: Kann ein Abenteuer um Sherlock Holmes aus der Feder eines anderen Autors als Sir Arthur Conan Doyle wirklich überzeugen, fesseln und womöglich sogar mit den Original-Geschichten mithalten? Meine Antwort: Erstaunlicherweise ja!

    Von Beginn an ist zu merken, dass Anthony Horowitz selbst zu den größten Fans des wohl berühmtesten Detektivs der Literaturgeschichte zählt - das ganze Buch liest sich wie eine einzige Hommage an Sherlock Holmes. Horowitz hat Doyles Geschichten offensichtlich so eingehend studiert, dass er in der Lage war, dessen Schreibstil nahezu perfekt zu übernehmen. Wie auch in den Fällen zuvor, wird das Abenteuer aus der Sicht von Doktor Watson erzählt, der als Chronist der Fälle von Sherlock Holmes fungiert und gleichzeitig dessen bester Freund ist. Von Beginn an fühlt sich der Leser in das viktorianische London des Jahres 1890 versetzt, und Horowitz wird nicht müde, sich in oftmals recht eingehenden Beschreibungen von Häusern, Mode, Interieur, Gepflogenheiten und politisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten zu ergehen. Dies war mir manchmal ein wenig des Guten zu viel, doch insgesamt schuf er damit eine authentische und passende Atmosphäre für den neuesten Fall von Sherlock Holmes.

    Gelungen ist hier bereits der Einstieg des Romans - klassisch beginnend in der Baker Street 221B - und gleich wird der Leser mit dem staunenden Watson Zeuge von Holmes' verblüffenden geistigen Fähigkeiten. Auch das unversehene Auftreten eines neuen Klienten in der Wohnung des Detektivs passt gut in das Bild von Doyles Romanen. Die haarsträubende Geschichte, die der elegant gekleidete Herr den Freunden Holmes und Watson dann erzählt, erscheint anfangs harmlos und unspektakulär. Doch zunehmend entpuppt sich der Fall als verstrickter und weitreichender als es anfangs anmutet, wodurch sich sowohl Holmes' Jagdinstint als auch das gebannte Interesse des Lesers steigert.

    Als gelungen empfand ich ebenfalls, dass Horowitz immer wieder Bezug nimmt auf vorherige Fälle und dass man hier neben Holmes und Watson auch anderen aus Doyles Romanen vertrauten Figuren wiederbegegnet, wie z.B. der Haushälterin des Detektivs, Mrs. Hudson, Holmes ewigem Widersacher Inspektor Lestrade und selbst Mycroft Holmes, Sherlocks ebenso hochintelligentem Bruder. Selbst Holmes legendäre Verkleidungskünste spielen hier wieder eine wesentliche Rolle.

    Bei allen erfreulichen Ähnlichkeiten und Wiedererkennungseffekten hat Horowitz es jedoch auch nicht versäumt, seinen ganz eigenen Stil einfließen zu lassen und dem Fall dadurch eine persönliche Note zu geben. Im Grunde verquicken sich hier zwei üble Geschichten, wie auch Watson nicht müde wird zu betonen, und werden erst gegen Ende wieder in einen passenden Zusammenhang gebracht. Die Geschehnisse bieten für Holmes und Watson deutlich mehr Gefahrenpotential als in Doyles Fällen - mehr als einmal müssen sie hier ernsthaft um ihr Leben bangen. Und die Figuren gewinnen bei Horowitz deutlich an Profil, werden facettenreicher. Watson beginnt kritisch zu hinterfragen - sein eigenes Handeln ebenso wie das der Gesellschaft. Und Holmes wird hier nicht nur auf seinen legendären Scharfsinn reduziert, sondern präsentiert sich dem Leser auch als melancholsicher Zweifler, der selbst vor Schulgefühlen nicht gefeit ist. Insgesamt wirken die Charaktere dadurch vielschichtiger und menschlicher, was mir gut gefallen hat.

    Der Hintergrund des Falles ist verblüffend und wäre unter Doyles Feder sicher nicht thematisiert worden. Mehr möchte ich dazu allerdings nicht verraten, denn das würde zu viel vorwegnehmen. Ich fand es allerdings interssant, dass diese Thematik in das London des ausgehenden 19. Jahrhunderts versetzt wurde - für mich einmal mehr eine gekonnte Verknüpfung der verschiedenen Zeitebenen...

    Insgesamt präsentiert sich dieser Roman also als gelungene Hommage an Sherlock Holmes, und allen Fans der historischen Bücher des berühmten Detektivs sei diese Pastiche empfohlen. Ich bin jetzt jedenfalls neugierig auf die weiteren Fälle um Sherlock Holmes aus der Feder von Anthony Horowitz...

    © Parden