Das Gartenzimmer: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Gartenzimmer: Roman' von Andreas Schäfer
5
5 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Gartenzimmer: Roman"

Die Villa Rosen, ein neoklassizistisches Landhaus, wird 1909 von dem später zu Weltruhm gelangenden Architekten Max Taubert für einen Professor Adam Rosen und seine Frau Elsa entworfen. Als Frieder und Hannah Lekebusch Mitte der Neunzigerjahre das leer stehende Haus am Rande des Berliner Grunewalds entdecken, erliegen sie seinem verwunschenen Charme. In einer aufwendigen Restaurierung stellen die Lekebuschs den Originalzustand des Hauses wieder her, und schnell wird die neu erstrahlende Dahlemer Villa als »Kleinod der Vormoderne« zum Pilgerort für Taubert-Fans, Künstler und einflussreiche Journalisten. Und – wie schon in der Weimarer Republik und zur NS-Zeit – zum Spielball der Interessen. Sie wollten den alten Geist des Hauses wiedererwecken, doch mit den Auswirkungen des Ruhms und dem langen Schatten der Vergangenheit haben die Lekebuschs nicht gerechnet. Kunst, Moral, privates Glück und Politik: ›Das Gartenzimmer‹ spannt einen Bogen von der Aufbruchsstimmung zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die Weimarer Republik und die Herrschaft der Nationalsozialisten bis in die Gegenwart. Andreas Schäfer erzählt klug, feinfühlig und fesselnd vom Schicksal eines Hauses in Berlin-Dahlem und dem Leben derer, die sich seiner sirenenhaften Wirkung nicht entziehen können.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
Verlag:
EAN:9783832183905

Rezensionen zu "Das Gartenzimmer: Roman"

  1. Hintergrundwissen macht den Roman cool.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Jul 2020 

    Kurzmeinung: Ein historischer Roman, der behauptet, keiner zu sein! Das macht ihn überaus cool!

    Der Roman „Das Gartenzimmer“ ist mehr die Geschichte eines Hauses als eine Familiengeschichte, auch wenn der Roman auf den ersten Blick wie eine Familiengeschichte daherkommen mag. Es ist ein historischer Roman, der nur sanft verbrämt, worum es sich in Wirklichkeit handelt. Spätestens als Alfred Rosenberg seinen unschönen Auftritt hat, müssten bei der Leserschaft rote Lampen aufleuchten und sie, falls kein Fachwissen vorhanden, in die Arme einer Suchmaschine treiben.

    Andreas Schäfer schildert sowohl die Entstehungsgeschichte des vom Autor in den Grunewald versetzten „Hauses Rosen“ , entworfen von dem Jungarchitekten „Max Taubert“, wie auch seinen einsetzenden und wieder nachlassenden Bekanntheitsgrad sowohl des Architekten wie auch des Hauses. Er erzählt von dessen relativer Vernachlässigung durch die Zeiten und seiner Renovierung beziehungweise Neuerstehung. Dabei schreibt er notwendigerweise auch von den Menschen, die das Haus besaßen und von denjenigen, die darin wohnten und davon, was „das Haus“ mit ihnen gemacht hat.

    Dabei sind die Ähnlichkeiten mit dem Haus Riehl in Potsdam, entworfen von Ludwig Mies van der Rohe, so frappant und auch im Laufe der Erzählung erkennen wir so viele historische Details aus dem Leben van der Rohes wieder, dass wir mit Fug und Recht annehmen dürfen, dass Schäfer von diesem historisch bedeutsamen Erstlingswerk van der Rohes spricht. Gerade dass der Autor nicht damit herausrückt, um welches Gebäude es sich handelt und der Leser dies entweder wissen muss oder herausfindet, macht den Roman zu einer coolen Socke. Wir haben einen historischen Roman vor uns, der durch die Verfremdung der Namen erst einmal vorgibt, kein historischer Roman zu sein.

    Natürlich ist die Geschichte trotzdem ein Roman und kein Sachbuch, historische Fiktion, aber die Nähe erstens zum Haus Riehl und zweitens zum Architekten van der Rohe macht den Roman besonders. So erfahren wir nebenbei, wo van der Rohe sich sonst noch so aufhielt, sein USA-Aufenthalt wird erwähnt, und was er so gebaut hat, mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen hatte, nicht eins zu eins, aber doch. Es ist von der Weißenseesiedlung in Stuttgart die Rede, vom Zehlendorfer Dächerstreit, und und und. Übrigens sind Fotos von dem heute noch existierenden Haus Riehl im Netz zu finden.

    Die Story ist in keiner Weise süßlich, hebt sich wohltuend sachlich von Romanen ab, die man ansonsten von historischer Fiktion gewohnt ist, aber natürlich muss der Autor sein Haus auch bevölkern.

    Der Grad der Besessenheit seiner Eigentümer von dem Haus und dessen Modernität und seinen Lichtverhältnissen und strengen Linien, sind nicht immer nachvollziehbar. Auch an die Auftritte des Architekten himself mache ich gelegentlich einige Fragezeichen. Andererseits, könnte es nicht so ähnlich gewesen sein? Der Autor mischt hier Fiktion und bekannte Tatsachen recht geschickt.

    Das einzige, was stört, ist der überaus lange Anlauf, den der Autor nimmt, bis er mit der Sprache herausrückt, was mit dem Haus los ist. Wenn er danach noch lang und breit über den Lebenslauf seiner Protagonisten spricht, ist man schon etwas müdegelesen. Ein kürzerer Aufsprung wäre hilfreich gewesen, das lebhafte Interesse des Lesers zu halten.

    Fazit: Ein lesenswerter Roman über ein historisches Bauwerk, das überaus geschickt und ziemlich cool, Wissen vermittelt und, soweit nicht sowie so schon vorhanden, Interesse an Architektur weckt.

    Kategorie: historischer Roman
    Verlag: DuMont, 2020

  1. Ein Highlight auf zwei Zeitebenen!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Jul 2020 

    Man bekommt in dem 352 seitigen Roman einen interessanten und lebendigen Einblick in den Alltag und das Innenleben einiger Familien und Personen, bewegt sich dabei auf zwei Zeitebenen und wird mit erschütternden historischen Ereignissen konfrontiert.

    Wir lernen Max Taubert, den Architekten, und seine Frau, die Malerin Lotta, kennen.
    Sie haben zwei Töchter, die Zwillingsmädchen Monika und Josepha.

    Wir begleiten das Ehepaar Elsa und Adam Rosen.
    Es lässt sich vom Architekten Max Taubert die „Villa Rosen“ entwerfen, das Gebäude, in dem sich das titelgebende Gartenzimmer befindet.

    Hannah und Frieder Lekebusch kaufen Jahrzehnte später die sich im Verfall befindliche Villa Rosen und lassen sie aufwändig restaurieren, so dass der Ursprungszustand wiederhergestellt wird.

    Und dann lernen wir auch noch die Haushälterin der Rosens und die brasilianische Putzfrau der Lekebuschs und deren Tochter Ana kennen. Drei Menschen, die im Verlauf des Romans keine ganz unbedeutenden Rollen spielen.

    So viel zum grob orientierenden Überblick, jetzt ein paar Worte zum Inhalt:

    1908, Berlin-Schöneberg.
    Der junge Architekt Max Taubert wird vom einschüchternden Herrn Prof. Rosen und seiner sympathischen Gattin im Atelier aufgesucht.
    Sie wollen in Dahlem ein Landhaus bauen lassen und suchen einen jungen Architekten für ihr Projekt.

    Diese Villa am Grunewald ist Tauberts erster Auftrag.
    Voller Leidenschaft stürzt er sich in die Arbeit und gebannt verfolgt er den Baufortschritt.

    Im Verlauf lernt man das widersprüchliche Ehepaar Rosen, das seinen Sohn bei einem tragischen Unfall verloren hat, näher kennen. Wie zu erwarten, spielen dabei die beiden Weltkriege eine Rolle.

    Im Wechsel zu dieser Geschichte rund um Max Taubert und die Rosens tauchen wir in die Welt der Lekebuschs ein, die zu Beginn des 21. Jh. in der Villa lebt.

    Das Ehepaar Lekebusch, Hannah, eine Zahntechnikerin, und Frieder, der Besitzer eines Pharmaunternehmens, hat einen inzwischen 18jährige Sohn, Luis.
    Die drei leben nun seit sechs Jahren in der denkmalgeschützten und renovierten Taubert-Villa.

    Die Hausherrin Hannah macht regelmäßig Führungen, um der Öffentlichkeit diesen besonderen architektonischen Schatz nicht vorzuenthalten.
    Ihr Gatte Frieder ist nicht begeistert von diesen Hausbesichtigungen, die für ihn nichts anderes als Einbrüche in seine Privatsphäre darstellen und er mißbilligt auch Hannahs Anbetung der neoklassizistischen Villa.
    Immer wieder kommt es zu Konflikten und feindseligem Schweigen.
    Eine Paartherapie soll die Eheleute wieder zusammenbringen und die Trennung verhindern.
    Auch Luis fühlt sich zunehmend unwohl in dem Haus, das zum Lebensinhalt seiner Mutter und zum Zankapfel seiner Eltern mutiert.

    Dann steht ein bedeutender Empfang mit wichtigen und bekannten Persönlichkeiten an und ein Brief mit brenzligem Inhalt rückt ins Zentrum des Geschehens.

    In dem Roman wird der Leser immer wieder von feinfühligen, psychologisch nachvollziehbaren und berührenden, aber niemals rührseligen Passagen überrascht.
    Es ist z. B. so einleuchtend warum Frau Rosen abseits vom Trubel der Großstadt wohnen will und die Beweggründe der Eheleute Lekebusch für den Kauf der Taubert-Villa sind nicht nur nachvollziehbar, sondern auch schlüssig und interessant.

    Neben dieser ruhigen, psychologisch stimmigen Erzählweise, die nicht emotional ist, aber Emotionen erweckt, ist meines Erachtens die schöne Sprache zu erwähnen, die angereichert wird mit Metaphern, Wortspielen, Doppeldeutigkeiten und Formulierungen.

    Drei Beispielen dazu:

    „... stieg die alte Wut in ihm hoch, eine Wut, die ihm seit Kindertagen vertraut und die inzwischen so trüb geworden war, dass er ihren Grund schon lange nicht mehr erkennen konnte.“ (S. 149)

    „Adams (Professor Rosen) fordernde Strenge, die sich beim geselligen Zusammensein in eine väterlich interessierte Milde verwandelt...“ (S. 166)

    „das Sonnenlicht kam von der anderen Seite, ließ die Kratzer in der Scheibe aufleuchten wie die Zeichen einer unverständlichen Geheimschrift.“ (S. 179)

    Mir gefiel die durchgehend unaufgeregt erzählte und fesselnde Geschichte in schöner Sprache.
    Vielleicht sollte ich aber nicht von EINER Geschichte, sondern von MEHREREN Geschichten sprechen. Denn es sind ja, wie bereits erwähnt, zwei Zeitebenen, mehrere Familien und mehrere Personen, die man im Verlauf gut kennenlernt, wobei letztlich alles durch die Villa mit dem Gartenzimmer miteinander verwoben und verbunden wird.

    Während ich zu Beginn nur interessiert war, wurde ich zunehmend neugierig und gespannt und musste ich nicht selten über psychologisch überzeugende Details anerkennend staunen.
    Als es dem Ende zuging, kamen bedrückende Momente von ungläubigem Entsetzen dazu.

    Am Ende fragte ich mich, ausgelöst durch eine Unterhaltung zwischen Vater und Sohn Lekebusch:
    „Ist es tatsächlich der Ort selbst oder sind es nicht vielmehr die Assoziationen, die die Gefühle AN diesem oder ÜBER diesen Ort auslösen?
    Und wenn es „nur“ die Assoziationen sind, lassen sich aversive Gefühle dann überhaupt überwinden?
    Oder muss man „einfach nur“ einen Umgang damit finden?“

    Ich empfehle den Roman sehr gerne weiter und bin froh, ihn gelesen zu haben.
    Ein Highlight.

  1. Eine prächtige Villa und ihre Bewohner

    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Jul 2020 

    „Solche Häuser sind ein Fluch. Man wird ihnen nie gerecht. Sie sind immer stärker als ihre Bewohner.“ (Zitat Pos. 2817)

    Inhalt
    Max Taubert ist ein junger, noch unbekannter Architekt, als er 1908 von Professor Adam Rosen beauftragt wird, ein Landhaus in Berlin Dahlem für ihn und seine Frau Elsa zu bauen. Der Bauherr wünscht klare, schnörkellose Formen, auf keinen Fall die Jugendstil-Details und Türmchen der umliegenden Villen. Schon beim ersten Besuch des Grundstücks sieht Taubert das fertige Haus vor sich, das die Kriege überdauert und dann, leerstehend, unter Denkmalschutz, langsam verfällt. 1995 entdeckt Frieder Lekebusch das Haus durch Zufall, erwirbt und restauriert es. Wird es seiner Frau Hannah gelingen, die Villa Rosen wieder zu einem gesellschaftlichen Zentrum für Gäste aus Kunst und Kultur zu machen?

    Thema und Genre
    Im Mittelpunkt dieses Romans steht ein Haus, die berühmte Villa Rosen am Rande des Grunewalds, und das Leben und Schicksal seiner Bewohner. Es ist ein besonders Haus, das begeistert, aber auch fordernd und beklemmend ist, und in seinen Räumen die Spuren der Vergangenheit zu bewahren scheint.

    Charaktere
    Für Elsa sollte das neue Landhaus ein Rückzugsort sein, nur unwillig repräsentiert sie bei Einladungen an der Seite ihres Mannes und erkennt auch bald die drohende politische Veränderung. Die Familien Rosen und Lekebusch sind nicht verwandt und kennen einander nicht. Nur ein altes Gästebuch verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart und regt Hannah an, die Villa wieder für Gäste und Interessierte zu öffnen. Sie bemerkt nicht, wie das Haus immer mehr zum Mittelpunkt ihres Lebens wird. Ihr Sohn Luis lehnt das Haus ab, als er durch Zufall Details aus der Vergangenheit erfährt.

    Handlung und Schreibstil
    Es sind Episoden und Ereignisse, die der Autor abwechselnd in zwei Handlungssträngen erzählt, die in sich nicht immer chronologisch verlaufen. Im Mittelpunkt steht jeweils eine der Personen der jeweiligen Besitzerfamilie und immer spielt die Villa Rosen eine wichtige Rolle, meistens auch als Handlungsort. Es sind mehr als einhundert Jahre deutsche Geschichte, die das Leben der Menschen bestimmen und prägen, die in diesem Haus wohnen. Die Sprache ist leise und eindringlich, der Autor beleuchtet manche Szenen aus unterschiedlichen Sichtweisen, indem er sie später nochmals aufgreift, ergänzt und so die Zusammenhänge klar erkennen lässt.

    Fazit
    Dieser Roman erzählt von einer Berliner Villa, die mehr als einhundert Jahre lang das Leben seiner Bewohner geprägt hat, zwei unterschiedliche Familien, die einander nie kennengelernt haben. Ein interessanter, beeindruckender Streifzug durch die weitläufige Halle und lichtdurchflutete Zimmer, mit Einblicken nicht nur in einzelne Entscheidungen und Schicksale, sondern auch in wichtige Kapitel deutscher Zeitgeschichte.