Das Flüstern der Bäume: Roman

Rezensionen zu "Das Flüstern der Bäume: Roman"

  1. Der letzte Wald

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Okt 2020 

    Jacinda Greenwood arbeitet als Parkführerin auf Greenwood Island. Über ihren Vater und dessen Familie ist ihr nicht viel bekannt. Es ist ihr auch nicht so wichtig. Viel wichtiger sind ihr die Bäume, die auf Greenwood Island eines der letzten Refugien in einer unwirtlich gewordenen Welt haben. Als Jacindas ehemaliger Verlobter auf die Insel kommt, ist sie nicht übermäßig erfreut. Das Tagebuch, welches er mitbringt, hat angeblich ihrer Großmutter gehört. Es könnte eine Verbindung zu dem unbekannten Teil von Jacindas Familie herstellen. Möglicherweise handelt es sich bei der Namensgleichheit zwischen ihrem Nachnamen und dem Namen der Insel um keinen Zufall.

    In einer Welt, in der es immer weniger Bäume gibt, lebt Jacinda Greenwood in einer der letzten Oasen. Leicht ist ihr Leben nicht, sie muss ihre Studienkredite abzahlen und ihr Job hängt von den Bewertungen ab, die die Touristen, die auf Greenwood Island Pilger genannt werden, abgeben. Doch ihre Verbundenheit mit den Bäumen lässt Jacinda viel ertragen. Das Tagebuch bietet ihr einen Ausweg, eine Verlockung und jede Menge Informationen über ihren Vater und dessen Herkunft. Jacinda ist unsicher, ob sie das Angebot ihres ehemaligen Verlobten annehmen soll. Doch zunächst taucht sie in das Tagebuch und alle weiteren Informationen ein, die sie bekommen hat.

    Mit dem ungewöhnlichen Aufbau seines Buches fesselt der Autor seine Leser. Werden zunächst eher Fragen aufgeworfen, muss eine Weile auf die Antwort gewartet werden. Dabei komponiert der Autor eine Familiengeschichte, die so eigentlich nicht stattgefunden haben kann. Allerdings gewinnt die Handlung gerade dadurch an geheimnisvoller Dunkelheit. Man dringt in die Tiefe der Geschichte der Familie Greenwood ein. Über mehrere Generationen entfaltet sich ein Drama, für das es eigentlich kein glückliches Ende geben kann. Haben die Greenwoods jemals glückliche Zeiten erlebt? Bemerkenswert ist ihr Bezug zu den Bäumen und Wäldern, wie unterschiedlich die Familienmitglieder die Bäume sehen, als Lieferant von Holz und Wohlstand, als Lebensgrundlage, die es zu erhalten und zu schützen gilt. Planzen und fällen sind wie zwei Seiten der Geschichte.
    Auch wenn es ein paar Ungereimtheiten gibt, so ist dieser Roman doch sehr spannend und in mit seiner Dramatik ergreifend.

  1. Im Märchenwald

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 23. Okt 2020 

    2038 in Kanada: In einer nicht allzu weit entfernten Zukunft ist Jacinda Greenwood als Naturführerin auf Greenwood Island beschäftigt. Die Welt hat sich gegenüber unserer Gegenwart verändert. Das „große Welken“ führte zum Absterben der Wälder. Trockenheit, Schmutz und Staub beeinträchtigen das Leben auf der Erde. Nur für die reiche Elite gibt es Naturressorts wie Greenwood Island. Jacinda weiß nicht viel von ihrer Vergangenheit, die Namensgleichheit ihres Familiennamens mit dem ihres Arbeitsplatzes hält sie für zufällig. Bis eines Tages ihr Ex-Verlobter mit einem Tagebuch das angeblich Jacindas Großmutter Willow Greenwood gehört haben soll, vor ihr steht.
    Ab diesem Zeitpunkt beginnt der kanadische Schriftsteller Michael Christie die Geschichte der Familie Greenwood rückwärts zu erzählen. Diese Konstruktion ist nichts Neues, wird aber in dem Roman „Das Flüstern der Bäume“ mit der Abbildung einer Baumscheibe veranschaulicht. Einige der Jahresringe sind mit Jahreszahlen versehen. So reisen wir aus dem Jahr 2038 in Etappen zurück bis ins Jahr 1908, wo die Geschichte der Brüder Harris und Everett Greenwood ihren Ausgang findet. Und wieder zurück.
    „Astrein. Holz ist eingefrorene Zeit. Eine Landkarte. Ein Zellgedächtnis. Eine Aufzeichnung.“
    Michael Christie erzählt übermütig, bildhaft und durchaus mitreißend. Über all die Jahrzehnte verbindet eine Konstante die Mitglieder der Familie Greenwood: der Wald. Es ist auf der einen Seite die Liebe zu den Bäumen, das Leben im Einklang mit der Natur aber auch der Raubbau an dieser, zerstörerische Profitgier, dem Wald alles abzuringen, was geht. Der Autor hat bestimmt eine Botschaft, doch er nützt den Aufhänger Klimadystopie für eine äußerst abstruse Familiengeschichte.
    Ich habe durchaus ein Faible für skurrile Protagonisten und unvorhergesehene Ereignisse. Doch das Schicksal schlägt für meinen Geschmack in der Familie Greenwood zu oft zu. Zufälle häufen sich, absolut unplausible und realitätsferne Geschehnisse trüben das Lesevergnügen. Auch in sogenannten „Pageturnern“ will ich grundsätzlich glauben können: Ja, so kann das wohl passiert sein. Doch wer hier ein realistisches Szenario sucht, verirrt sich im Märchenwald.

  1. Unterhaltungsroman mit ökologischer Botschaft.

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 23. Okt 2020 

    Zunächst möchte ich erwähnen, dass das Buch wunderschön gestaltet ist. Das in Naturtönen gehaltene Cover mit der ruhigen, friedlichen und weiten Landschaft machte mich sofort neugierig. Auf dem orangen Vorsatzpapier sind weiße Skizzen einzelner Ahornblätter, dann folgt ein Schwarz-Weiß-Bild von einer Baumscheibe mit Jahresringen und am Anfang eines jeden Kapitels nach einem Zeitsprung ist jeweils die Skizze eines Baumes und eines Astes mit Ahornblättern. Schön, schlicht und elegant.

    Mich beeindruckt nicht nur diese wunderschöne äußere Gestaltung. Auch die Idee des Autors, was seine Erzähltechnik, sowie die Struktur und den Aufbau des Romans anbelangt, gefallen mir. Michael Christie stellt eine Analogie zum Querschnitt des am Anfang des Buches abgebildeten Baumstamms her. Ausgehend von der Zukunft, dem äußersten Jahresring, geht der Autor kapitelweise und in großen Sprüngen um Jahrzehnte zurück bis zum Inneren des Querschnitts, um sich anschließend wieder zur äußersten Schicht hin zu bewegen. Auf diese Weise erzählt er die 130-jährige Geschichte der Familie Greenwood und beleuchtet abwechselnd die verschiedenen Figuren.

    Schritt für Schritt werden dem Leser so auf originelle, kurzweilige und abwechslungsreiche Weise die verschiedenen Generationen nahe gebracht. Fragen tauchen auf. Rätsel stellen sich. Spannung wird erzeugt. Vieles wird beantwortet, manches bleibt offen.

    Wir reisen zunächst ins Jahr 2038 und begeben uns nach Greenwood Island, „einer abgelegenen bewaldeten Insel vor der Pazifikküste der kanadischen Provinz British Columbia“ (S. 13). Auf dieser baumreichen Insel ist es noch möglich, frische und saubere Luft zu atmen, was auf dem Festland längst undenkbar geworden ist, weil die Atemluft dort aufgrund von Baumsterben, genannt „das große Welken“, überwiegend aus toxischem Feindstaub besteht, was Krankheiten und erschwerte Lebensbedingungen nach sich zieht.

    Greenwood-Island ist aber weit mehr als irgendeine idyllische Insel, auf der man noch gesunde Zeit in unbefleckter Natur erleben kann. Die Insel wurde von einem Geldhai und dessen Firma Holtcorp zu einem Luxus-Freizeitrefugium für Reiche gemacht.

    Die promovierte Botanikerin Jake Greenwood arbeitet hier seit neun Jahren als Waldführerin. Sie erklärt den wohlhabenden und oft prominenten sogenannten Pilgern, die für ihren Ausflug exorbitante Summen bezahlen und zum „Waldbaden“ kommen, ökologische Zusammenhänge und zeigt ihnen uralte Riesenbäume und einen der letzten verbliebenen Primärwälder. Die familienlose Jake schätzt ihren Arbeitsplatz trotz der strengen Regularien, weil sie durch ihn ihren geliebten Bäumen nahe ist, in einem gesunden Umfeld leben und ihren Schuldenberg abtragen kann. Als nun eines Tages ihr Ex-Verlobter Silas, ein Jurist, auf die Insel kommt und mit einem sehr alten Tagebuch berechtigte Hoffnungen in ihr weckt, ihrer eigenen Familiengeschichte auf die Schliche zu kommen und ein Vermögen zu erben, das ihre Schulden im Nu verschwinden lassen könnte, gerät ihr eingespielter Alltag aus dem Trott. Und als sie dann auch noch Anzeichen eines pilzbedingten Baumsterbens – des auch hier beginnenden großen Welkens? – auf der Insel entdeckt, ist nichts mehr so, wie es vorher war.

    Im weiteren Verlauf der Lektüre lernen wir Jakes Vorfahren kennen. Wir erfahren, auf welche Weise Harris und Everett durch ein Zugunglück zu Brüdern wurden, was den Beginn der Familie Greenwood im Jahr 1908 darstellte. Während Harris Greenwood 1919 ein Holzunternehmen gründete und mit der Zeit ein wohlhabender und einflussreicher Holzbaron wurde, ging es mit Everett nach dem Krieg bergab und schließlich musste er aus für den Leser zunächst unklaren Gründen eine 38-jährige Haftstrafe verbüßen. Harris‘ Tochter Willow wurde zu einer extremen Umweltaktivistin, die ihren Sohn Liam zu einer Kindheit in Armut und auf Rädern verdammte, weil sie sich dafür entschied, mit ihm in einem Camping-Bus zu leben und ihr ganzes geerbtes Vermögen einer gemeinnützigen Umweltorganisation zu spenden. Aus Liam wurde schließlich ein Schreiner, der mit Leidenschaft und Erfolg Renovierungen an Luxusobjekten durchführte. Eines Tages lernte er Meena kennen und die beiden bekamen eine Tochter: Jake. Leider wurde Jake schon jung eine Vollwaise und wuchs bei ihren Großeltern auf.

    Soviel zum Plot, der durchgehend interessant und fesselnd ist.

    Leider kann ich nicht umhin, einzuräumen, dass der Roman stark begonnen und dann für meinen Geschmack tendenziell doch ziemlich nachgelassen hat.

    Zu Beginn erfreute ich mich an einigen wunderschönen und bildhaften Formulierungen.

    „Liam staunt immer wieder aufs Neue, wenn sie Hunderte von Pfifferlingen finden, ganze Orchester gelber Miniaturtrompeten, die zwischen den Wurzeln der Bäume aufragen.“ (S. 66)

    „Er hat seine Vergangenheit immer als einen riesigen Wohnwagen betrachtet, den er hinter sich herzieht und der ihn überrollen wird, wenn er es wagt, stehen zu bleiben.“ (S. 73)

    Mit der Zeit stolperte ich aber zunehmend über Metaphern, die mich nicht mehr ansprachen, weil sie in meinen Ohren überspitzt klangen.

    Sätze wie „Er konnte die verschiedenen Baumarten allein an der Musik ihrer Blätter unterscheiden.“ (S. 269) sind mir einfach zu weit hergeholt.

    Während ich am Anfang die Einfälle des Autors als plausibel, die Figuren als vielschichtig und authentisch, deren Psychodynamik als psychologisch stimmig und deren Handlungen als nachvollziehbar betrachtete, reagierte ich gegen Ende immer wieder verblüfft, weil ich so manches nicht mehr als realistisch und glaubhaft einstufen konnte, weil ich manches als widersprüchlich erlebte und weil sich die Zufälle häuften.

    Trotz dieser Entwicklung möchte ich betonen, dass meine anfängliche Begeisterung zwar gedämpft, meine Leselust und Neugierde jedoch kaum gebremst wurden und dass ich mich durchweg gut unterhalten gefühlt habe.

    Wenn man sich entscheidet, diesen Roman, der manchmal etwas Märchenhaftes hat und stellenweise sogar an Mark Twain oder Dickens erinnert, zu lesen, dann sollte man sich gleichzeitig dafür entscheiden, dass man, sofern vorhanden, seinen hohen literarischen Anspruch und seine Tendenz zur kritischen Realitätsprüfung beiseite schieben und sich einfach auf eine spannende und unterhaltsame Geschichte einlassen sollte.

    Ich empfehle diese originell konstruierte Familiengeschichte mit ihrer interessanten Grundidee, ihren zahlreichen Überraschungen und unerwarteten Wendungen all denjenigen, die sich gelassen und entspannt vor dem Kamin, auf dem Sofa oder in der Hängematte in eine interessante und packende Welt entführen lassen möchten und die auch mal ein Auge zudrücken können, wenn die Fantasie mit dem Autor durchgeht. Ich könnte mir vorstellen, dass genau dieser ungebremste Einfallsreichtum manchen Lesern ja auch gerade gefällt. Es muss ja in Büchern vielleicht gar nicht immer realistisch zugehen.

    Ich denke, um den Roman, der gleichzeitig Roadmovie, Dystopie, Verbrecherjagd, Abenteuerroman, historischer Roman, Familiengeschichte und Unterhaltungsroman ist, genießen zu können, muss man ggf. tatsächlich seine Herangehensweise ändern und Plot und Unterhaltungswert statt literarische und poetische Qualität fokussieren.

    Es ist nämlich schon toll, wie es Michael Christie schafft, den Leser bei der Stange zu halten. Für mich gab es bis zuletzt keine Langeweile.

    „Das Flüstern der Bäume“ will meines Erachtens keine Plausibilitätsprüfung bestehen, sondern unterhalten, eine ökologische Botschaft vermittelten und an unser Umweltbewusstsein appellieren.

  1. Potential ist da

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 19. Okt 2020 

    Viele Besprechungen und Hinweise haben mich sehr neugierig auf das Buch gemacht. Ein schöner Umschlag mit einem frühen amerikanischen Landschaftsbild, die gediegene Ausstattung mit Lesebändchen waren ein vielversprechender Auftakt.
    Auf den ersten Seiten sehen wir den Schnitt einer Baumscheibe mit Jahresringen von 2038 bis 1908 und genau in dieser Zeitspanne umfasst die Geschichte der Familie Greenwood. 2038 hat sich die Welt gewandelt, Trockenheit und die „große Welke“ haben die Erde ausgelaugt. Riesige Staubwolken liegen schwer in der Luft, es scheint kaum noch menschenwürdiges Leben möglich. Jacinda Greenwood lebt als Rangerin in einer der wenigen Oasen, in denen es noch Primärwälder gibt. Die sind allerdings denen vorbehalten, die sich den Luxus eines kurzen Aufenthalts dort leisten können. Dieses bedrohliche Bild unserer nahen Zukunft bleibt haften. Auf vielen verschlungenen Umwegen gelangt ein Tagebuch ihrer Großmutter in ihren Besitz und sie erfährt zum ersten Mal etwas über ihre Familiengeschichte.

    Wie bei den Jahresringen der Baumscheibe geht die Geschichte der Greenwoods bis 1908 zurück, als zwei Jungs ein Eisenbahnunglück überleben. Von der Gemeinde der Einfachheit halber zu Brüdern erklärt, werden sie einer Witwe gegen eine kleine Aufwandsentschädigung übergeben und hausen allein in einer baufälligen Holzhütte im Wald. Damit wird der Grundstein für die besondere Beziehung der Greenwoods, diesen Namen haben sie sich später selber gegeben, zu Wald und Bäumen gelegt. Ihr Leben wird in einzelnen Dekaden beleuchtet, bis sich der Kreis wieder bei Jacinda schließt.

    Diese Geschichte ist fast ausufernd geschildert, es gibt kaum eine Tragödie die die Greenwoods nicht trifft. Egal in welcher Generation, das Schicksal meint es nicht gut ihnen. Der Autor hat eine überbordende Fantasie und es hat mir meist Spaß gemacht, mich darauf einzulassen. Allerdings wäre vielleicht in diesem Buch weniger mehr gewesen. Denn zu oft müssen hanebüchene Zufälle den Handlungsfaden weiterspinnen. Der Autor fabuliert gerne, ich mag das und ihm gelingen wunderschöne Sätze und Abschnitte. Dann gibt es wieder Sprachbilder, die gründlich misslungen sind – auch hier wäre manchmal weniger mehr gewesen.

    Auch wenn – vielleicht durch die vielen Vorschusslorbeeren – meine Erwartungshaltung höher war, habe ich mich gut unterhalten und ich denke, der Autor hat Potential. Es ist erst sein zweiter Roman und ich bin auf seine Entwicklung gespannt.

  1. Eine dystopische Posse!

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 17. Okt 2020 

    Wir schreiben das Jahr 2038. Das große Welken hat eingesetzt und vernichtet die Bäume. Ohne Bäume, deren Wurzeln die Erde festhalten, staubt es über die Erde und der Staub vernichtet alles.

    Dieses Grundszenario, das Christie aber nur als Aufhänger für eine verzwickte Familiengeschichte dient, wird in dem Roman „Das Flüstern der Bäume“ nicht vertieft, sondern es murmelt lediglich im Hintergrund und dient als Bühnenbild.

    Im Vordergrund agieren in unterschiedlichen Zeitebenen die Mitglieder der Familie Greenwood, von ihren Anfängen, circa 1908 bis in die Zukunft im Jahre 2038. Allerdings wissen noch nicht alle Mitglieder der Familie von ihrem Familienglück. Da gibt es verlorengegangene Tagebücher und andere schreckliche Geheimnisse, Verfolger und Abenteuer! Eine fast verwunschene Bibliothek. Eine Farm. Man pflanzt gemeinsam Bäumchen. Was willst du mehr, Leserherz? Christie lässt nichts aus. Feuer und Brandlegung, Wirbelsturm. Flucht. Verrat. Liebe.

    Zwar ist es reizvoll, die Familiengeschichte analog von Jahresringen von Bäumen darzustellen, aber dieser Dreh reicht nicht aus, um dem Leser die vielen Plot-Twists und das Handeln der Personen als glaubwürdig oder auch nur als plausibel zu verkaufen.

    Da wird nicht nur ein Baby wochenlang wie ein Dummie durch die Gegend geschleppt, es überlebt zum Beispiel einen Sprung aus einem fahrenden Güterzug im Arm der Bezugsperson, Christie tischt dem lesenden Publikum derart viel Nonsens auf, dass einem der Mund offen stehen bleibt und man sprachlos ist.

    Am Ende der Geschichte sind zwar alle Puzzleteile an ihrem Platz, aber nur, weil Christie mit dem Holzhammer darauf herumhämmert. Was nicht passt, wird passend gemacht. Ist das Kreativität?

    Dass einem ein Autor so viel hanebüchenen Unsinn auf einmal zumuten darf, in süffiger Sprache zwar, der Roman liest sich leicht und fluffig dahin, das schon, ist eigentlich strafbar. Es sei denn, man dürfte das Ganze nicht ernstnehmen. Darf man Karl May ernstnehmen. Oder Mark Twain? Otto? Marc Uwe Kling? Der in einer Wohngemeinschaft mit einem Känguru lebt? Und wenn der Roadrunner über die Klippen fällt, steht er doch auch wieder auf, obwohl er tot sein müsste. So kann auch ein Querschnittsgelähmter wie Roadrunner … aber halt, dass müsst ihr selber entdecken.

    Anleihen von anderen Autoren gibt Christie freimütig zu. So fließen Erkenntnisse über Bäume, die Christie von Peter Wohlleben hat, ein. Na ja, immerhin. Wie viele Leute lesen schon ein Sachbuch? Wohllebens Empathie für Bäume und für die Natur verdient ein Denkmal. Gewisse Szenen in Opiumhäusern hat man auch schon anderswo gelesen. Und Lomax, der Bösewicht, erinnert entweder an den Glöckner von Notre Dame oder an den grobschlächtigen Kerl mit den kaputten Zähnen aus 007.

    Gewisse schröckliche Vergleiche „Seine Augen sehen aus als seien sie herausgekratzt, in Schweineschmalz gebraten und wieder in die Höhlen gedrückt worden" oder „Er kämpft so lange wie möglich gegen das Ausatmen an, während ihm göttliche Glocken in den Ohren klingen und seine Wirbelsäule in Genugtuung badet“ oder „phosphoreszierende Käfer der Erleichterung“ die durch einen Körper krabbeln“„ gehen in der Masse von über 500 Seiten unter, von denen die meisten rasant erzählt sind. Einen Spannungsbogen versteht er aufzubauen, der Herr Christie! Da kann man nicht meckern. Und obwohl die Protagonisten oft wie Stehaufmännchen reagieren, macht ein gelegentlich ironischer Unterton des Erzählten dann doch immer wieder Spaß.

    Die ersten zweihundert Seiten des Romans übrigens sind ziemlich gut. Dafür gibt es einen zweiten Punkt. Danach hat man mehr und mehr das Gefühl, dass der Zug bald entgleist. Den ersten Punkt gibt es für die Idee der Jahresringe.

    Fazit: Das Flüstern der Bäume ist eine Räuberpistole mit dystopischem Einschlag, die ohne Rücksicht auf Verluste in Hinsicht auf Plausibilität oder Kausalität erzählt wird, aber Zug hat.

    Man hätte sich gewünscht, der Autor hätte ein wenig heruntergeschaltet, dann wäre es ein guter Abenteuerroman geworden.

    Aber nur dem Roadrunner nehmen wir seine Unverwüstlichkeit nicht übel.

    Kategorie: Räuberpistole
    Verlag: Penguin, 2020

  1. Man darf nicht alles hinterfragen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 15. Okt 2020 

    Der Roman ist bei Penguin in einer optisch sehr schönen Gestaltung aufgelegt worden: Die verwunschene Landschaft auf dem Cover, der dicke Querschnitt eines alten Baumes mit Jahresringen auf einer der ersten Doppelseiten – sehr ansprechend. Einige dieser Jahresringe sind mit Jahreszahlen markiert, nach denen sich die Kapitel im Buch richten. Man bewegt sich zunächst von 2038 ausgehend in die Vergangenheit bis 1908 und dann wieder zurück in Etappen bis ins Jahr 2038. Eine Erzähltechnik, die neugierig macht.

    Über diesen Zeitraum von 130 Jahren wird die Geschichte der Familie Greenwood erzählt. Der Roman setzt in der Zukunft ein: Jacinda (genannt Jake) Greenwood ist Waldführerin auf einer weitgehend naturbelassenen Insel, auf der sich die allerletzten Urwälder Kanadas befinden. Die Insel heißt Greenwood-Island, was Jake für eine zufällige Namensgleichheit hält. Reiche Pilger kommen dorthin in eine Art Ferienressort, um Sauerstoff zu tanken, zu entspannen und zu sich selbst zu finden. Es ist eine dystopische Ausgangslage: Das so genannte Große Welken hat fast alle Wälder dahingerafft, die Böden ausgetrocknet und tödliche Staubwolken in Bewegung gesetzt. Jake muss sich ihrem Arbeitgeber, der Firma Holtcorp, beugen, sie muss für Privatführungen zur Verfügung stehen - auf Wunsch sind sogar sexuelle Handlungen für Besucher inklusive. Jake hat keine Familie und liebt diese Insel über alles. Sie ist beunruhigt, als sie erste Anzeichen für eine Baumkrankheit feststellt. Dieses Setting ist sehr bedrückend und realistisch geschildert angesichts der derzeitigen Klimaveränderungen an den Wäldern weltweit.

    Eines Tages kommt Jakes Ex-Freund Silas auf die Insel und übergibt ihr ein rätselhaftes Tagebuch, das ihrer Großmutter Willow Greenwood gehört haben soll. Silas sieht darin den Beweis, dass Jake eine prominente Abstammung hat, die sie dazu berechtigt, hohe Erbansprüche geltend zu machen. Bei deren Durchsetzung will Silas die junge Frau als Anwalt unterstützen. Jake nimmt das Buch an sich und bittet um Bedenkzeit.

    Nun entrollt sich Jahresring für Jahresring die weitere Vergangenheit von Jacindas Familie. In den nächsten Kapiteln lernt man alle Figuren kennen, die mit der Tagebuchschreiberin in Verbindung stehen. Das zweite Kapitel im Jahr 2008 ist Jakes Vater Liam gewidmet, der als Tischler vom Gerüst stürzt und mit dem Tod kämpft. Viele Erinnerungen stürzen auf ihn ein. Er hat ein wechselhaftes Leben hinter sich. Bei seiner Mutter, der radikalen Umwelt-Aktivistin Willow, hat er eine unglückliche Kindheit verlebt. Zusammen reisten sie jahrelang im VW-Bus durchs Land, um militant gegen die Waldzerstörung zu kämpfen. Seine große Liebe zur Musikerin Meena war zwar nicht von Bestand, aus dieser Beziehung ging aber eine Tochter hervor…

    Im Jahr 1974 wird Willow von ihrem Vater Harris Greenwood gebeten, dessen Bruder Everett aus dem Gefängnis abzuholen, in dem jener 38 Jahre lang einsaß. Willow hat keine Erinnerung an den Onkel, erinnert sich nur daran, vom Vater fürs Briefeschreiben ins Gefängnis bezahlt worden zu sein. Lange bleibt im Dunklen, für welche Verbrechen Everett so hart bestraft wurde. Das nächste Kapitel geht aber genau diese 38 Jahre ins Jahr 1934 zurück und stellt eben diesen jungen Everett ins Zentrum der Handlung…

    Bereits mit den Schilderungen dieser vier Generationen hat der Autor den Grundstein für eine spannende Familiengeschichte gelegt. Allen Familienmitgliedern eigen ist ihre enge Beziehung zum Wald, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Motiven heraus. Sie alle haben verschiedene Charaktere und Schicksale. Michael Christie hat viel Fantasie. In der Familie Greenwood gibt es nichts, was es nicht gibt. Zahlreiche Konflikte, Missverständnisse, Verwechslungen und Todesfälle säumen den Roman. Es wird ein großes Repertoire familiärer Befindlichkeiten ausgespielt. Allen Protagonisten scheint ein lang anhaltendes Lebens- und Liebesglück verwehrt. Räumliche Konstante ist die eingangs erwähnte Insel Greenwood-Island, die für alle Generationen eine besondere Bedeutung besitzt und Schauplatz manch tragischer Ereignisse ist.

    Das Buch ist schwungvoll geschrieben. Die Handlung entwickelt sich rasant, nimmt Wendungen, die man nicht vorhersehen kann. Es gibt Gute sowie Böse und Mächtige, die ihnen das Leben schwer machen. Es wird ein Baby geboren und versteckt. Was folgt ist eine rasante Flucht, die sich zwar kurzweilig liest, es aber an Plausibilität und Realismus fehlen lässt. Je mehr Fahrt das Geschehen aufnimmt, umso mehr gerät es zur Farce. Die Verwicklungen sind teilweise kurios und Vater Zufall hat allzu oft seine unglaubwürdigen Hände im Spiel. Anfangs genoss ich noch die eingestreuten Motive aus der Märchenwelt, mit der Zeit wurde mir das Konstruierte, Skurrile und Irreale zuviel. Dasselbe gilt für die Charaktere, die sich entweder in ihren vorgezeichneten Schablonen bewegen oder einem plötzlichen, nicht nachvollziehbaren Sinneswandel unterliegen.

    Lässt man sich davon nicht stören, ist der Roman gewiss ein kurzweiliger Pageturner. Der Schreibstil ist ansprechend. Der Autor kann metaphernreich und gekonnt formulieren, man spürt seine Liebe zur Natur und seine Menschenkenntnis. Sätze wie diese haben mir gefallen:
    • „Es ist wohlbekannt, dass die Erinnerungen junger Menschen verlässlich wie ein Regenbogen sind.“ (S. 255)
    • „Vor allem für die vertrauensselige Art und Weise, wie sie sich mit ihren ausladenden Armen der Welt präsentieren, bemitleidet Harris die Bäume. Gold und Öl sind immerhin gescheit genug, sich zu verstecken.“ (S. 340)
    • „Astreines Holz gefällt den Menschen am besten, weil sie sehen müssen, wie die Zeit darin gesammelt ist. Jahr um Jahr zusammengepresst. Ordentlich und sauber. Frei von Hindernissen und Makeln. So wie es unser Leben niemals ist.“ (S. 491)

    „Das Flüstern der Bäume“ befriedigt keine hohen literarischen Erwartungen. Wie es auf dem Klappentext heißt ist der Roman „großes Kino: farbenprächtig, mitreißend, bewegend.“ Daneben hat er eine wichtige Kernaussage: Der Wald ist die Lebensgrundlage der Menschheit, er gehört unbedingt geschützt und seine Vernichtung muss weltweit gestoppt werden. Wenn man diese Aussage am Ende des Romans verinnerlicht hat, ist etwas Wichtiges erreicht.

    Ich bin sicher, dass viele Menschen Freude an diesem Unterhaltungsroman haben werden. Meine war ab Seite 200 leider aus den genannten Gründen getrübt, weshalb ich nur eine verhaltene Lese-Empfehlung aussprechen möchte.

  1. "Eine Familie ist wie ein Wald"

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Okt 2020 

    Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Greenwood - beginnend mit Jacinda Greenwood, die im Jahr 2038 auf einer kanadischen Insel vor der Pazifikküste von British Columbia arbeitet, auf der noch einer der letzten Primärwälder der Erde erhalten sind.
    Im ersten dystopischen Teil entwirft der Autor ein düsteres Bild unserer Zukunft, Jacinda blickt zurück auf das "Große Welken, den Pilz- und Insektenbefall, der die Wälder der Erde [...] überrollt und Hektar um Hektar getilgt hat." (15)
    Ohne Wälder regieren Staubwüsten, der die Lungen der Menschen, vor allem der Kinder angreift, so dass die Erde ein unwirtlicher Ort geworden ist. Ausnahme ist die Baumkathedrale von Greenwood, in der Jacinda täglich "Pilger" herumführt und ihnen die Geschichten des Bäume erzählt, wobei sie die Realität ausblenden soll - schließlich wollen sich die Pilger erholen. Dass die Insel den gleichen Namen trägt wie Jacinda, hält sie für einen Zufall. Ihre Mutter, eine bekannte Bratschistin aus Indien, starb bei einem Zugunglück, als sie acht Jahre alt war. Ihren Vater, ein Schreiner namens Liam Greenwood, der während seiner Arbeit gestorben ist, als Jacinda drei Jahre alt war, hat sie nie kennengelernt. Außer einer Farm in "Saskatchewan", einer kanadischen Provinz, und mit Gedichten besprochene Schallplatten sowie Werkzeuge zur Holzbearbeitung und Arbeitshandschuhen ist ihr nichts von ihm geblieben. Fragen nach ihrer Familie hat sie nie gestellt.
    Doch dann besucht Silas, ihr Ex-Freund und Jurist, sie auf der Insel und eröffnet ihr: "Ich bin gekommen, weil diese ganze Insel dir gehören könnte, Jake. Rechtmäßig dir gehören, meine ich." (50)

    Die Insel wurde von Harris Greenwood 1934 auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise gekauft, seine Tochter ist Willow Greenwood, die Mutter von Liam Greenwood, also Jakes Großmutter, die die Insel allerdings gemeinnützigen Umweltorganisationen gespendet hat. Letztlich ist sie so in den Besitz der Holtcorp geraten, die sie als Waldkathedrale vermarktet. Der Clou, den Silas für Jake bereit hält, ist jedoch, dass Willow gar nicht Harris leibliche Tochter gewesen ist, sondern eine Tochter des Gründers von Holtcorp, R.J.Holt, was wiederum ein altes Tagebuch beweisen soll, das ihrer Großmutter gehört haben soll und das Silas Jake aushändigt.

    Damit endet der Handlungsstrang im Jahr 2038 und wir bewegen uns in der Geschichte zurück bis zum Jahr 2008, in dem Liam Greenwood sich an jener Baustelle befindet, an der er sterben wird und an der er sich wiederum im angesichts des Todes an seine Lebensgeschichte erinnert. An seine Hippiemutter Willow, die als Umweltaktivistin mit ihm in einem Bus gelebt hat, an seine große Liebe Meena und letztlich erinnert er sich auch daran, dass er eine Tochter hat.

    1974 ist Liams Geburtsjahr, gleichzeitig ist es das Jahr, in dem Willow ihren Onkel Everett Greenwood, der eine 38jährige Haftstrafe verbüßt, aus dem Gefängnis abholt. Warum hat ihr Vater, Harris Greenwood, ihr als Kind 1/4 Dollar gegeben, damit sie ihrem Onkel im Gefängnis schreibt? Für welches Verbrechen sitzt man so lange ein?

    Diese Fragen werden im Handlungsstrang von 1934 geklärt, in dem der Autor ungewöhnliche Wendungen für die Leser*innen bereit hält, die einigen aus der Leserunde nicht plausibel erschienen sind. Der Zufall wird etwas überstrapaziert, doch trotz seltsamer, unglaubwürdiger Ereignisse, bleibt die Handlung spannend.

    Im Jahr 1908 erfahren wir, wie die Familie Greenwood, ausgehend von Harris und Everett, entstanden ist. Lässt man sich auf die "kreative Konstruktion" der Geschichte ein, die teilweise, wie eine Leserundenteilnehmerin meinte, an Irving erinnere, und liest weiter, lösen sich die meisten Fragen im "Vorwärtsgang" - 1934 - 1974 - 2008 - 2038 - auf, einige bleiben jedoch offen.
    In den Mittelpunkt rückt zunehmend die Frage, was eine Familie ausmacht und ob es wichtig ist, seine Wurzeln zu kennen. Die Vergleiche mit den Bäumen begleiten jeden Zeitabschnitt, allen Protagonisten gemeinsam ist ihre tiefe Verbundenheit zum Wald.

    Auch wenn der Roman für kontroverse Diskussionen sorgt, erzählt eine unterhaltsame, wenn auch eine extrem konstruierte, Familiengeschichte und appelliert zudem an unser ökologisches Bewusstsein - wer will sich schon eine Welt ohne Bäume vorstellen?

    In Ermangelung einer Vergabe halber Sterne, habe ich trotz einiger literarischer Mängel vier Sterne vergeben, für die Spannung und Unterhaltung passen sie, für die Sprache hat er maximal 3 verdient...also lest die 4 Sterne als 3 1/2 ;)