Das Flüstern der Bäume: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Flüstern der Bäume: Roman' von Christie, Michael
3
3 von 5 (15 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Flüstern der Bäume: Roman"

Jacinda Greenwood weiß nichts über ihre väterliche Familie, deren Namen sie trägt. Sie arbeitet als Naturführerin auf Greenwood Island, doch die Namensgleichheit, so glaubt sie, ist reiner Zufall. Bis eines Tages ihr Ex-Verlobter vor ihr steht. Im Gepäck hat er das Tagebuch ihrer Großmutter. Jahresring für Jahresring enthüllt sich für Jacinda endlich ihre Familiengeschichte. Seit Generationen verbindet alle Greenwoods eines: der Wald. Er bietet Auskommen, ist Zuflucht und Grund für Verbrechen und Wunder, Unfälle und Entscheidungen, Opfer und Fehler. Die Folgen all dessen bestimmen nicht nur Jacindas Schicksal, sondern auch die Zukunft unserer Wälder …

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:560
Verlag:
EAN:9783328600794

Rezensionen zu "Das Flüstern der Bäume: Roman"

  1. Leichtgewicht mit grünem Anstrich

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 20. Nov 2020 

    "Eine Familie, vier Generationen, schicksalhaft verbunden mit den Wäldern Kanadas." Der Klappentext klang verführerisch. Auch das Coverbild mit Bäumen in allen Farben der Natur und schneebedeckten Bergen ist wunderschön. Ich wollte dieses Buch mögen und freute mich darauf.

    Das erste Kapitel begann genau nach meinem Geschmack. In einer nicht allzu fernen Zukunft, im Jahr 2038, sind die meisten Wälder der Erde aufgrund einer Baumkrankheit gestorben. Das Klima hat sich dramatisch verändert. Es gibt Stürme aus Staub. Die Menschen leiden an Lungenkrankheiten. Das soziale Gefälle hat zu einem Zerfall der gesellschaftlichen Strukturen geführt. Die Protagonistin dieses Kapitels Jake Greenwood muss sich daher ihren Lebensunterhalt als eine Art Museumsführerin verdienen, um ihre immense Schuldenlast aus ihrem Studienkredit ansatzweise schultern zu können. Dabei hat sie fast noch Glück gehabt, denn das "Museum" ist eine Insel vor der Pazifikküste von British Columbia, auf dem sich einer der letzten Primärwälder (Urwald) befindet. Jake führt als Naturführerin sog. Pilgergruppen durch den verbliebenen Wald und versucht ihnen, die Schönheit der Baumkathedrale zu vermitteln. Eines Tages steht ihr Ex-Verlobter, der Anwalt geworden ist, vor Jake und macht ihr eine verblüffende Offenbarung. Er behauptet, über Informationen zu verfügen, die belegen würden, dass Jake die Erbin eines früheren Holzmagnaten und die rechtmäßige Eigentümerin der Insel zu sein, auf der sie arbeitet.

    Diese, schon nicht mehr ganz so originelle, Begebenheit dient als Aufhänger, um in den folgenden Kapiteln eine Reise in die Vergangenheit anzutreten. Die Familiengeschichte der Greenwoods wird rückwärts mit Haltepunkten in den Jahren 2008, 1974, 1934 und 1908 sowie von dort aus wieder vorwärts bis in das Jahr 2038 erzählt. Diese Erzählstruktur wird unterstrichen durch ein Bild im doppelten Sinne. Der Querschnitt eines Baumes mit gut sichtbaren Jahresringen zeigt gleich zu Anfang des Buches die genannten zeitlichen Stationen.

    Es hätte eine schöne, ausgewogene und naturverbundene Familiengeschichte werden können. Doch leider wechselt der Autor ab dem zweiten Kapitel das Genre. Es folgt ein Rührstück, in dem alles zusammengerührt wird, was man sich vorstellen kann. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Tödliche Eisenbahn- und Autounfälle, verlassenen Waisenkinder, die allein im Wald aufwachsen, zerstrittene Brüder, mehrere Liebesaffären, eine tote Mätresse, ein entführtes Baby, eine ewige dauernde Verfolgungsjagd … Name it! Die mitspielenden Personen sind dabei entweder gut oder böse. Um nur zwei Beispiele zu nennen: Es gibt den geldgierigen Holzunternehmer auf der einen Seite und die führsorgliche Witwe, die für alle Landstreicher einen stets gedeckten Tisch auf der Veranda stehen hat auf der anderen Seite.

    Spätestens ab Kapitel vier (1934) hatte mich das Buch verloren. Ich war die vielen hanebüchenen Handlungsstränge, unglaubwürdigen Begebenheiten und Zufälle leid. Das Schicksal der Protogonisten berührte mich nicht. Sie entwickelten sich nicht, sondern waren nur Spielball der überaus bunten Fantasie des Autors.

    Schade. Bei diesem Buch wäre sehr viel weniger wirklich mehr gewesen. Leider hat der Autor die Chance, ein ernsthaftes Buch über ein wichtiges Thema, die Liebe zu und die Schutzwürdigkeit der Natur zu schreiben verpasst.

    Zwei Sterne (und nicht nur einen) vergebe ich, weil ich glaube, dass der Roman zumindest als leichte Unterhaltungsliteratur taugt. Die Geschichte ist süffig geschrieben und liest sich leicht. Mein Geschmack war es allerdings nicht.

  1. Die Bäume brauchen eine Stimme

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Nov 2020 

    Die Bäume brauchen eine Stimme

    Jacinda ist eine Grennwood, auch wenn sie ihre Familie nicht kennengelernt hat, trägt sie doch deren Wurzeln. Wurzeln verfügen in diesem Roman über enormen Einfluss, denn Jucinada ist Baumkundlerin und arbeitet auf Greenwood Islands, wo die wenigen verbliebenen Bestände der Bäume nach dem großen Sterben besichtigt werden dürfen.
    Die Welt ist ohne den wichtigen Bestandteil der Bäume arm dran. Staub plagt die Menschen aufs übelste. Jacinda geht es finanziell nicht gut, obwohl sie sich glücklich schätzen kann auf Greenwood Islands zu arbeiten. Dieses wunderbare Fleckchen trägt zwar ihren Namen, doch er gehört ihr nicht, oder doch?
    Als ihr ehemaliger Freund ihr ein Tagebuch bringt, erfährt sie viel über ihre vermeintliche Großmutter und ihren Urgroßvater Everett
    Dieser Teil um die Vergangenheit umfasst die Haupthandlung des Buches. Eine wahnwitzige Geschichte um 2 Waisenjungen die zu Brüdern werden führt durch das Buch. Harris und Everett sind sehr unterschiedlich, doch sie profitieren als Waisen erstmal von dem Zusammenhalt. Später wird aus einem, Harris, ein skrupelloser Unternehmer. Everett, verbringt Zeit beim Militär und zieht sich dann in die Wälder zurück, wo er dann das Leben eines Säuglings rettet.

    Das Flüstern der Bäume ist in vielfacher Hinsicht von Bäumen geprägt. Die Menschen um die es geht, arbeiten mit Holz, schützen die Bäume oder leben im Wald. Anhand dieser Kulisse wird dem Leser die ganze Lebensgeschichte näher gebracht. Der anfängliche Hintergrund, dass in der Zukunft das Leben ohne die Bäume schwierig ist, hat mich allerdings beim Beginn des Buches am meisten interessiert. Geboten wurde mir dann eine sehr ausufernde Familienchronik, die damit leider nichts mehr zutun hatte. Vieles war offensichtlich, Oberschenkel für mich weit hergeholt.
    Ich kann nicht mal sagen, dass ich den Roman ungern gelesen habe, aber meine Erwartungen konnte er tatsächlich nicht ganz erfüllen.
    Nun brüte ich schon länger über meine persönliche Bewertung. Er lässt sich gut und schnell weglesen, doch mich stört, dass er nicht die Tiefe hatte, die ich erhoffte.
    Für Leser, die sich berieseln lassen wollen, sicher der Roman für ein paar perfekte Lesestunden. Für Leser, die am Ende etwas zum reflektieren brauchen, definitiv nicht das richtige.

  1. Waldgeflüster

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 15. Nov 2020 

    Es gibt Rezensionen, die recht knapp sind. Weil das Buch so gut oder schlecht ist, dass mir die Worte fehlen. Dies ist eine davon.

    Zur Handlung:
    Die Welt in naher Zukunft ist baumlos, ein armes Mädchen Jake darf auf einer bewaldeten Insel irgendwo in Kanada reiche Touristen im uralten Primärwald herumführen, bevor diese wieder zurück in die Realität und an ihr wahrscheinlich umweltzerstörerisches Werk gehen. Sie ist eine Baumretterin erster Güte, die mit Wissenschaft und Kettensäge dank Superheldinnenenkräften und Frauenpower gleichermaßen ihr Weltretter-Werk zu vollbringen vermag, ist eigentlich Eigentümerin der Insel wegen einer verzwickten Familiengeschichte, die viel mit Bäumen und umherfliegenden Büchern zu tun hat, was sie von ihrem Ex aus natürlich unlauteren Gründen auf dem Silbertablett in Form des Tagebuches ihrer Großmutter serviert bekommt. Als Tochter ihres Schreinervaters, der unmittelbar nach einem Unfall querschnittsgelähmt noch in der Lage ist, meterweit herumzukriechen und seine Baustelle aufzuräumen, nimmt sie natürlich das Ruder in die Hand und rettet die Welt...ähm den Wald, durch ein nächtliches Alleingang-Superwoman-Kettensägenmassaker., was ihr die Vertreibung aus dem Paradies einbringt. Unterwegs gibt es ein paar erhellende Rückblicke in die Familienhistorie mit einem Findelkind, das in der Hippie-Ära zur Umweltaktivistin wird und mit ihrem Sohn im (unvermeidlichen) VW-Bully lebt, zwei armen bildungsfernen Waisenjungen, die sich selbst alles zu Bäumen und Holz beibringen und später die große Kohle im Abholzen machen und einer Menschenfreundin mit Bibliothek, deren Bibliotheks-Bücher nach einem Wirbelsturm davonfliegen, darunter auch das besagte Tagebuch von Jakes Großmutter, das aber später in genau die richtigen Hände gelangen wird.
    (Tiefes Luftholen von mir, am besten im Wald)

    Meine Meinung:
    Was gut, interessant und spannend anfing gleitet schnell in Unglaubwürdigkeiten ab. Es gibt viele Fäden, die auf überaus wundersame Weise zusammengefügt werden. Leicht verfolgbarer Plot, leichte gut lesbare Sprache, schön ausgedacht und dann verwirbelt und verstrickt in fast lachhaften Auflösungen - es ist gar nicht mein Fall. Punkt.

    Lieber Verlag, es freut mich tatsächlich und aufrichtig, dass ein Buch herausgebracht wurde, mit dem die Kassen in einer für Buchverlage äußerst schwierigen Zeit klingeln, das wahrscheinlich von vielen Menschen gerne gelesen wurde und wird, das ein wichtiges Thema behandelt und Spannung bietet, das Menschen anspricht, sie sonst vielleicht einen Liebesroman oder ein Superwoman-Comic mit dystopischem Touch gelesen hätten und die danach auch sehr begeistert darüber sind, etwas wichtiges und wertvolles gelesen zu haben. Ich gehöre nicht zu dieser Gruppe, denn das Buch hat mich wirklich restlos verloren. Aber das macht nichts, in meinem Sinne gute anregende und lehrreiche Literatur, an der ich mich reiben kann, bevorzugt die breite Masse sowieso nicht, und ich ziehe mich gerne und leise in meine kleine feine elitäre Enklave zurück.

  1. Das Rauschen des Windes...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 06. Nov 2020 

    Der Buchtitel klang in meinen Ohren sehr vielversprechend, eine genaue Vorstellung was mich erwarten könnte, hatte ich jedoch nicht. Was ich dann bekam, fällt schwer in Worte zu fassen, aber ich versuche es dennoch.

    In der Geschichte geht es um die Familie Greenwood, deren Leben stets mit dem Wald verbunden ist. Während die einen vom Holz der Bäume leben, versuchen die anderen diese zu schützen. Wie wichtig sind Wälder und die Natur allgemein für uns Menschen? Wie achten wir sie?

    Ich muss gestehen, dass schon lange kein Roman mehr eine solche Sogwirkung auf mich ausgeübt hat. Ich habe die Welt komplett um mich herum vergessen und wolte, dass die Geschichte nie endet.

    Das Besondere ist in jedem Fall die Erzählweise, denn zu Beginn reisen wir vom Jahr 2038 zurück bis zu den Wurzeln von 1908, um dann wieder vorwärts erzählt die Familiengeschichte zu erleben. Dies fordert dem Leser Sorgfalt und Aufmerksamkeit ab, aber genau das hat dieses Buch auch verdient.

    Sowohl Haupt- als auch Nebenfiguren sind sehr gut ausgearbeitet, so dass jeder seinen Liebling in der Story finden wird. Völlig unerwartet hat mir es letztlich Everett angetan, der jahrelang im Gefängnis saß und davor ewig als Landstreicher sein Leben gestaltete. Hatte ich zu Beginn eher Angst vor ihm, da man ja nicht grundlos ins Gefängnis kommt, so zeigt sich mit der Zeit was für ein sensibler Zeitgenosse er ist, der anderen hilft, die Familie unterstützt und immer da ist. Seine Fürsorge Willow gegenüber war beinahe herzzerreißend, wahrscheinlich hat mich deswegen sein schweres Leben so mitgenommen.

    Der Roman besticht vor allem durch Tragik, denn die Charaktere haben schwere Lebenspäckchen zu tragen. Während jemand mit dem Verlust seines Augenlichtes fertig werden muss, zieht jemand anderes in den Krieg und kommt mit Traumata zurück. Während jemand einer verbotenen Liebe frönt, erliegt jemand anderes den Drogen. Und immer ist der interessierte Leser mit Verständnis dabei und fühlt mit.

    Ebenfalls klasse fand ich wie Bäume und deren Wichtigkeit thematisiert werden. Die Beschreibungen dazu sind so gut, dass man das Gefühl hat selbst durch einen Wald zu laufen, die frische Luft zu atmen und das Rauschen der Blätter zu hören.

    Das Ende fügt alle losen Fäden der Geschichte zusammen, so dass keine Fragen offen bleiben. Das hat mir sehr gut gefallen, denn bei diesen tollen Figuren wollte man schon bis ins letzte Detail wissen was das Leben ihnen gebracht hat.

    Fazit: Mich hat das Buch mit Tränen in den Augen und einer Gänsehaut zurückgelassen und ich kann nur eine klare Leseempfehlung aussprechen. Meines Erachtens ein Must- Read 2020. Spitzenklasse!

  1. Das verstummte Flüstern

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 04. Nov 2020 

    „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen…“ – wer Rilke kennt und bestenfalls zu schätzen weiß, dem kommt beim Blick auf die ersten Seiten von „Das Flüstern der Bäume“ des Autors Michael Christie (fast) unweigerlich dieser Gedichtanfang in den Sinn. Denn die schöne Aufmachung im Inneren und der schön gestaltete Schutzumschlag sind Eyecatcher.

    Doch was nützt einem die schöne Aufmachung, wenn der Inhalt schwächelt? Dabei hat die Geschichte um Jake (Jacinda) Greenwood, die im Jahr 2038 als Führerin auf Greenwood Island arbeitet, um entsprechend zahlenden Touristen die Schönheit von Bäumen zu zeigen, vielversprechend angefangen. Eines Tages kommt Silas, der Ex-Verlobte von Jacinda auf die Insel, um ihre „Familiengeschichte“ aufzurollen.

    Und so kehrt die geneigte Leserschaft von 2038 in mehreren Schritten zurück ins Jahr 1908, um dann am Ende wieder zurück in der (nahen) Zukunft zu landen. Soweit so gut – lesen lässt sich das Buch recht flüssig, das heißt Herr Christie hat durchaus Talent, seine Leserschaft „bei der Stange“ zu halten.

    Wenn die an sich gute Ökobotschaft des Buches dann jedoch in einer derart an den Haaren herbeigezogenen Geschichte versteckt ist, dass die Leserinnen und Leser gezwungen sind, ein Mikroskop in die Hand zu nehmen, hört für mich der Spaß an der Freude auf.

    Beispiele gefällig? Ein aus 8 Meter 39 gefallener Mann, der offensichtlich querschnittsgelähmt ist, kriecht zu seinem Auto und zurück, hält sich mit Red Bull am „Leben“, räumt die Baustelle auf und kritzelt vor seinem Tod noch sein „Testament“ in den Betonboden.
    Da werden zehntausende Bücher aus einer Bibliothek bei einem Wirbelsturm auf einmal! in die Luft geschleudert und Jahrzehnte später findet man Exemplare daraus wieder, als ob sie gerade fallen gelassen bzw. aufgeschlagen wurden.
    Okay, mehr erspare ich euch jetzt.

    Wie gesagt, schreiben kann Herr Christie, Sinn macht das Ganze jedoch nur in wenigen Ausnahmen. Als Leser:in sollte man sich also auf einige Ungereimtheiten einstellen. Nach dem Motto: „Ich denk nicht drüber nach, ich lese einfach.“

    Zwei Sterne für die wenigen guten Passagen im Buch und die Gestaltung; mehr ist nicht drin. Schade eigentlich.

    ©kingofmusic

  1. Was Familien und Bäume gemeinsam haben

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Okt 2020 

    Seit ihrer Kindheit liebt Jacinda Greenwood, genannt Jake, die Bäume. Als Vollwaise hat sie den Wald in ihrem Studium erforscht. Und auch jetzt, nachdem viele Bäume dem „Großen Welken“ zum Opfer gefallen sind, widmet sie ihr Leben den grünen Riesen. Als Naturführerin arbeitet sie auf einer Insel und bringt Touristen einen der letzten Primärwälder der Erde nahe. Eines Tages taucht ihr Ex-Verlobter Silas dort auf und behauptet, ein Tagebuch zu besitzen, das die Geheimnisse ihrer Familie ans Licht bringen kann…

    „Das Flüstern der Bäume“ ist eine Familiensaga von Michael Christie.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus neun Teilen, die zwischen den Jahren 1908 und 2038 an unterschiedlichen Schauplätzen in Kanada spielen und in verschiedene Kapitel untergliedert sind. Dabei beginnt die Geschichte in der Zukunft und arbeitet sich immer weiter in die Vergangenheit vor, um dann in chronologischer Reihenfolge wieder Schritt für Schritt in Richtung Zukunft zu vorzurücken. Illustriert wird dies am Anfang des Buches mit einem Querschnitt durch einen Stamm und den Jahresringen eines Baumes. Dieser Aufbau ist originell und funktioniert sehr gut.

    Der Schreibstil ist atmosphärisch und anschaulich, stellenweise poetisch und bildstark. Zwar schießt der Autor mit einigen wenigen Metaphern ein wenig übers Ziel hinaus. Andere besonders gelungene Passagen machen dies jedoch wieder wett. Erzählt wird jeweils im Präsens aus der Sicht der unterschiedlichen Protagonisten – mit einer Ausnahme: Der Teil, der 1908 spielt, wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht Außenstehender wiedergegeben.

    Der Roman erzählt eine Geschichte über vier Generationen, wobei in den einzelnen Teilen jeweils mindestens ein Familienmitglied im Vordergrund steht. Als besonders sympathisch habe ich den jüngsten Spross, die Waldführerin Jacinda, empfunden. Am wenigsten zugänglich ist ihre Großmutter, die Umweltaktivistin Willow. Zugutehalten muss man dem Roman, dass die Charaktere psychologisch gut herausgearbeitet und durchaus vielschichtig angelegt sind.

    Das verbindende Element der Familienmitglieder, die sich zum Teil nicht kennen, sind die Bäume, die im Leben aller vier Greenwood-Generationen eine wichtige Rolle spielen. Sie werden immer wieder thematisiert und dienen zudem als Metapher für die Familie an sich. Nebenbei kann man als Leser einiges über Bäume und deren Bedeutung lernen. Mit der düsteren Zukunftsaussicht auf das „Große Welken“, dem massenhaften Absterben, regt die Geschichte zum Nachdenken an. Noch mehr Raum im Roman nehmen allerdings die zwischenmenschlichen Beziehungen ein. Die Botschaft der Geschichte, dass Familie mehr ist als biologische Verwandtschaft, gefällt mir sehr gut.

    Trotz der mehr als 550 Seiten bleibt der Roman abwechslungsreich und packend. Er kommt ohne Längen aus. Immer wieder gibt es Überraschungen und unerwartete Wendungen, die für Unterhaltung sorgen. Fragen werden aufgeworfen, neue Fäden gesponnen, kreative Einfälle eingearbeitet. Es entsteht ein komplexes Geflecht an Verbindungen und Zusammenhängen, das Stück für Stück aufgelöst wird. Allerdings gehen mit dem Autor nach dem ersten Drittel die Pferde durch. An einigen Stellen driftet die Geschichte ins Unrealistische ab. Mehrere der Schilderungen wirken übertrieben, manche gar unlogisch, abstrus oder unnötig dramatisch. Unwahrscheinliche Zufälle häufen sich. Zu oft trägt der Autor sehr dick auf, was meinen ansonsten sehr positiven Gesamteindruck des Romans leider zunehmend geschmälert hat.

    Die Aufmachung der gebundenen Ausgaben mit dem hübschen Cover und dem Blätter-Motiv, das im Inneren mehrfach aufgegriffen wird, ist optisch sehr ansprechend. Der deutsche Titel klingt stimmungsvoller als das englischsprachige Original („Greenwood“), aber auch weniger prägnant.

    Mein Fazit:
    „Das Flüstern der Bäume“ von Michael Christie ist ein vielschichtiger Generationenroman, der zwar recht überzogen und wenig realitätsnah daherkommt, dennoch aber zu fesseln und zu unterhalten weiß.

  1. Vorlage für Hollywoodfilm

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 26. Okt 2020 

    Ein Mehrgenerationenroman aus Kanada mit einer ökologischen Botschaft - darauf hatte ich mich gefreut. Die äußere Aufmachung des Buches ist sehr ansprechend und die Einteilung der Kapitel als Jahreszahlen auf einer Baumscheibe ist originell und passend.
    Der kanadische Autor Michael Christie beginnt seine Geschichte im Jahr 2038 und erzählt danach rückwärts bis ins Jahr 1908, anschließend wird vorwärts weitererzählt bis zum Anfangsjahr. Dabei greift er einzelne Jahre heraus und wechselt die Perspektive.
    Es beginnt mit einem düsteren Bild unserer Zukunft. Die Klimaerwärmung ist so weit fortgeschritten, dass es weltweit nur noch wenige Wälder gibt. „ Das große Welken“ hat zu deren Untergang geführt. Die globale Dürre hat fatale Auswirkungen: die Wirtschaft ist zu großen Teilen zusammengebrochen, die Städte versinken unter Staubwolken, neue Atemwegserkrankungen zwingen die Menschen zum Rückzug in klimatisierte Räume.
    Nur hier, auf Greenwood Island, einer Insel vor British Columbia, gibt es noch einen der wenigen Primärwälder. Hierher reisen gutbetuchte Touristen, um sich inmitten uralter Bäume zu erholen. Und hier arbeitet Jacinda Greenwood als Naturführerin. Sie ist dankbar inmitten gesunder Natur zu leben, fühlt sich verbunden mit den Urwaldriesen. Außerdem ist sie auf den Verdienst dringend angewiesen, hat sie doch durch ihr Biologiestudium einen großen Schuldenberg angehäuft. Hilfe kann sie von niemandem erwarten; ihre Mutter starb früh bei einem Verkehrsunfall, ihren Vater hat sie nie kennengelernt.
    Da erscheint eines Tages ihr früherer Verlobter mit einem alten Tagebuch, das angeblich ihrer Großmutter gehörte und das beweisen soll, dass sie die Erbin von Greenwood Island ist.
    Der Leser verfolgt nun die Lebenswege der Familie Greenwood.
    Liam, Jacindas unbekannter Vater, erschafft als Zimmermann wahre Kunstwerke. Als Kind war er ständig mit seiner Hippiemutter Willow unterwegs, die mit Protestaktionen verzweifelt versucht, die Rodung der Wälder zu verhindern.
    Im nächsten Kapitel lernen wir Willow näher kennen, erfahren, wie sie zu dieser radikalen Öko- Aktivistin wurde und stoßen danach auf das ungleiche Brüderpaar Everett und Harvey. Während Everett traumatisiert aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrt und als Landstreicher durch das krisengeschüttelte Land treibt, baut sich Harvey mit skrupellosen Methoden ein gigantisches Holzimperium auf.
    Das Thema Wald ist das verbindende Glied zwischen den Generationen. Die Verbindung zur Natur, die Liebe zu den Bäumen steht dem Raubbau an der Natur, der wirtschaftlichen Nutzung ( Ausbeutung) gegenüber.
    Eine schöne Idee, die Geschichte der Bäume mit einer Familiengeschichte zu verbinden, die Analogie zwischen Mensch und Baum zu illustrieren.
    Beim Menschen gibt es Schichten von Leben, die dem eigenen vorangegangen sind, „ so wie Bäume von den konzentrischen Bändern ihres früheren Ichs aufrecht gehalten werden.“ Bäume haben Wurzeln, Jacinda und andere Figuren kennen ihre nicht. „Als könnte man Wurzeln überhaupt kennen....Die Wahrheit ist also, dass es keine klare Trennung zwischen einem Baum und dem nächsten gibt. Und ihre Wurzeln sind ganz und gar unerkennbar.“
    Doch so vielversprechend der Roman begonnen hat, so sehr hat er mich im Verlauf meiner Lektüre enttäuscht. Zu viel haarsträubende Ereignisse, zu wenig glaubhafte Wendungen. Der Autor meinte immer, noch eine Schippe drauflegen zu müssen. Die anfangs vielschichtig angelegten Figuren mutierten zu Superhelden und Oberbösewichten.
    Zugegeben, Michael Christie kann schreiben. Das beweist er immer wieder mit schönen Passagen und passenden Vergleichen. Dann aber gibt es wiederholt Metaphern, die völlig danebenliegen. Er versteht es, Spannung aufzubauen und verschiedene Fäden zusammenlaufen zu lassen. Wer also einen spannenden Schmöker lesen möchte und wenig Wert auf Plausibilität und Glaubwürdigkeit legt, wird sich bestens unterhalten.
    Hätte der Autor seinem Thema mehr vertraut und sein anfängliches Niveau beibehalten, so wäre aus „ Das Flüstern der Bäume“ ein anspruchsvoller Unterhaltungsroman geworden. So aber hat er lediglich die Vorlage für einen leicht konsumierbaren, kolportagehaften Hollywoodfilm geliefert.

  1. Es fing so gut an ...

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 26. Okt 2020 

    Eine Familiengeschichte, aufgebaut wie die Jahresringe eines Baumes, beginnend im Jahr 2038, einer nicht allzu fernen Zukunft, die leicht dystopisch geschildert wird. Durch das "Große Welken" sind die meisten Baumbestände der Erde vernichtet, es gibt nur noch wenige Waldoasen. Sie befinden sich im Privatbesitz von Firmen, die sich den Aufenthalt dort gut bezahlen lassen. Hier startet die Geschichte der Greenwoods mit der mittellosen Waldführerin Jacinda. Wir erfahren einiges über ihren Vater Liam, den sie nie kennengelernt hat, ihre Großmutter Willow, einer radikalen Umweltschützerin und Waldbewahrerin und ihren Urgroßvater Harris, der durch die Abholzung und den Verkauf von riesigen Waldbeständen zu einem Vermögen gekommen ist. Außerdem gibt es noch den Bruder von Harris, Everett, der 38 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbrachte. Sie alle gehören zur Familie von Jacinda und von Generation zu Generation wird die Geschichte zum Ursprung zurückgeführt, zum Zentrum des Familienbaumes, um danach wieder die Richtung zu Jacinda wieder aufzunehmen.

    "In Wahrheit aber sind alle Familienlinien von der höchsten bis zur niedrigsten irgendwo entstanden, an irgendeinem bestimmten Tag. Selbst die größten Bäume müssen einmal hilflos im Wind kreiselnde Samen gewesen sein und dann Schösslinge, die sich nur zaghaft aus dem Boden schieben." (S.253)

    Das Buch liest sich sehr flüssig, es gibt wunderschöne Formulierungen und Vergleiche, wie z. B. gleich zu Beginn:

    "Die belaubte Kuppel der Moschee, die aufwärts strebenden Türme der Abtei, das gerippte Gewölbe der Kathedrale - waren nicht die Sakralbauten aller Glaubensrichtungen von Bäumen inspiriert?" (S. 16)

    So war ich zu Beginn auch sehr angetan von der Lektüre. Aber so nach und nach schlichen sich kleine Irritationen ein - Merkwürdigkeiten und Zufälle, die für mich nicht nachvollziehbar, aber durchaus noch tolerierbar waren. Leider wuchsen sich diese Ungereimtheiten im weiteren Verlauf immer mehr zu einer hanebüchenen Geschichte aus, die ich ab einem gewissen Zeitpunkt einfach nicht mehr ernst nehmen konnte. Schlussendlich verkam das Buch zu einer rührseligen und zweifelhaften Soap-Opera und ich verlor endgültig die Freude daran. Ich habe nichts gegen phantasievolle Ideen und märchenhafte Entwicklungen. Ich lese mit großer Freude Geschichten von Autoren wie z.B. T.C. Boyle oder John Irving, aber dort werden solche Entwicklungen mit einem gewissen Augenzwinkern erzählt, das hier leider völlig fehlte. Der Autor erweckte den Eindruck, dass er diese zunehmenden und aberwitzige Zufälle und Verläufe als durchaus ernst gemeint verkaufen wollte. Leider kann ich keine richtigen Beispiele anführen ohne zu spoilern, aber Geschichten über Babys, die tagelang ohne Nahrung auskommen, die "größte" Bibliothek der Erde in einem Kaff in Kanada und eine junge Frau mit Superkräften à la Hulk sind einfach nur lächerlich. Auch der Umweltgedanke, der so stark im ersten Abschnitt herausstach, ging unterwegs verloren und sollte wohl hauptsächlich als Verkaufsargument dienen.

    In einigen Bücherforen - und magazinen wird dieser Schmöker als großartige und berührende Familiengeschichte angepriesen. Wenn man sich durch unglaubliche und absurde Wendungen nicht abschrecken lässt, kann man sich durchaus von dem poetischen und gut lesbaren Schreibstil unterhalten lassen. Durch die beiden letztgenannten Gründe kann ich dem Buch auch noch den zweiten Stern zugestehen, ansonsten wäre es der absolute Reinfall gewesen.

  1. Der letzte Wald

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Okt 2020 

    Jacinda Greenwood arbeitet als Parkführerin auf Greenwood Island. Über ihren Vater und dessen Familie ist ihr nicht viel bekannt. Es ist ihr auch nicht so wichtig. Viel wichtiger sind ihr die Bäume, die auf Greenwood Island eines der letzten Refugien in einer unwirtlich gewordenen Welt haben. Als Jacindas ehemaliger Verlobter auf die Insel kommt, ist sie nicht übermäßig erfreut. Das Tagebuch, welches er mitbringt, hat angeblich ihrer Großmutter gehört. Es könnte eine Verbindung zu dem unbekannten Teil von Jacindas Familie herstellen. Möglicherweise handelt es sich bei der Namensgleichheit zwischen ihrem Nachnamen und dem Namen der Insel um keinen Zufall.

    In einer Welt, in der es immer weniger Bäume gibt, lebt Jacinda Greenwood in einer der letzten Oasen. Leicht ist ihr Leben nicht, sie muss ihre Studienkredite abzahlen und ihr Job hängt von den Bewertungen ab, die die Touristen, die auf Greenwood Island Pilger genannt werden, abgeben. Doch ihre Verbundenheit mit den Bäumen lässt Jacinda viel ertragen. Das Tagebuch bietet ihr einen Ausweg, eine Verlockung und jede Menge Informationen über ihren Vater und dessen Herkunft. Jacinda ist unsicher, ob sie das Angebot ihres ehemaligen Verlobten annehmen soll. Doch zunächst taucht sie in das Tagebuch und alle weiteren Informationen ein, die sie bekommen hat.

    Mit dem ungewöhnlichen Aufbau seines Buches fesselt der Autor seine Leser. Werden zunächst eher Fragen aufgeworfen, muss eine Weile auf die Antwort gewartet werden. Dabei komponiert der Autor eine Familiengeschichte, die so eigentlich nicht stattgefunden haben kann. Allerdings gewinnt die Handlung gerade dadurch an geheimnisvoller Dunkelheit. Man dringt in die Tiefe der Geschichte der Familie Greenwood ein. Über mehrere Generationen entfaltet sich ein Drama, für das es eigentlich kein glückliches Ende geben kann. Haben die Greenwoods jemals glückliche Zeiten erlebt? Bemerkenswert ist ihr Bezug zu den Bäumen und Wäldern, wie unterschiedlich die Familienmitglieder die Bäume sehen, als Lieferant von Holz und Wohlstand, als Lebensgrundlage, die es zu erhalten und zu schützen gilt. Planzen und fällen sind wie zwei Seiten der Geschichte.
    Auch wenn es ein paar Ungereimtheiten gibt, so ist dieser Roman doch sehr spannend und in mit seiner Dramatik ergreifend.

  1. Im Märchenwald

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 23. Okt 2020 

    2038 in Kanada: In einer nicht allzu weit entfernten Zukunft ist Jacinda Greenwood als Naturführerin auf Greenwood Island beschäftigt. Die Welt hat sich gegenüber unserer Gegenwart verändert. Das „große Welken“ führte zum Absterben der Wälder. Trockenheit, Schmutz und Staub beeinträchtigen das Leben auf der Erde. Nur für die reiche Elite gibt es Naturressorts wie Greenwood Island. Jacinda weiß nicht viel von ihrer Vergangenheit, die Namensgleichheit ihres Familiennamens mit dem ihres Arbeitsplatzes hält sie für zufällig. Bis eines Tages ihr Ex-Verlobter mit einem Tagebuch das angeblich Jacindas Großmutter Willow Greenwood gehört haben soll, vor ihr steht.
    Ab diesem Zeitpunkt beginnt der kanadische Schriftsteller Michael Christie die Geschichte der Familie Greenwood rückwärts zu erzählen. Diese Konstruktion ist nichts Neues, wird aber in dem Roman „Das Flüstern der Bäume“ mit der Abbildung einer Baumscheibe veranschaulicht. Einige der Jahresringe sind mit Jahreszahlen versehen. So reisen wir aus dem Jahr 2038 in Etappen zurück bis ins Jahr 1908, wo die Geschichte der Brüder Harris und Everett Greenwood ihren Ausgang findet. Und wieder zurück.
    „Astrein. Holz ist eingefrorene Zeit. Eine Landkarte. Ein Zellgedächtnis. Eine Aufzeichnung.“
    Michael Christie erzählt übermütig, bildhaft und durchaus mitreißend. Über all die Jahrzehnte verbindet eine Konstante die Mitglieder der Familie Greenwood: der Wald. Es ist auf der einen Seite die Liebe zu den Bäumen, das Leben im Einklang mit der Natur aber auch der Raubbau an dieser, zerstörerische Profitgier, dem Wald alles abzuringen, was geht. Der Autor hat bestimmt eine Botschaft, doch er nützt den Aufhänger Klimadystopie für eine äußerst abstruse Familiengeschichte.
    Ich habe durchaus ein Faible für skurrile Protagonisten und unvorhergesehene Ereignisse. Doch das Schicksal schlägt für meinen Geschmack in der Familie Greenwood zu oft zu. Zufälle häufen sich, absolut unplausible und realitätsferne Geschehnisse trüben das Lesevergnügen. Auch in sogenannten „Pageturnern“ will ich grundsätzlich glauben können: Ja, so kann das wohl passiert sein. Doch wer hier ein realistisches Szenario sucht, verirrt sich im Märchenwald.

  1. Unterhaltungsroman mit ökologischer Botschaft.

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 23. Okt 2020 

    Zunächst möchte ich erwähnen, dass das Buch wunderschön gestaltet ist. Das in Naturtönen gehaltene Cover mit der ruhigen, friedlichen und weiten Landschaft machte mich sofort neugierig. Auf dem orangen Vorsatzpapier sind weiße Skizzen einzelner Ahornblätter, dann folgt ein Schwarz-Weiß-Bild von einer Baumscheibe mit Jahresringen und am Anfang eines jeden Kapitels nach einem Zeitsprung ist jeweils die Skizze eines Baumes und eines Astes mit Ahornblättern. Schön, schlicht und elegant.

    Mich beeindruckt nicht nur diese wunderschöne äußere Gestaltung. Auch die Idee des Autors, was seine Erzähltechnik, sowie die Struktur und den Aufbau des Romans anbelangt, gefallen mir. Michael Christie stellt eine Analogie zum Querschnitt des am Anfang des Buches abgebildeten Baumstamms her. Ausgehend von der Zukunft, dem äußersten Jahresring, geht der Autor kapitelweise und in großen Sprüngen um Jahrzehnte zurück bis zum Inneren des Querschnitts, um sich anschließend wieder zur äußersten Schicht hin zu bewegen. Auf diese Weise erzählt er die 130-jährige Geschichte der Familie Greenwood und beleuchtet abwechselnd die verschiedenen Figuren.

    Schritt für Schritt werden dem Leser so auf originelle, kurzweilige und abwechslungsreiche Weise die verschiedenen Generationen nahe gebracht. Fragen tauchen auf. Rätsel stellen sich. Spannung wird erzeugt. Vieles wird beantwortet, manches bleibt offen.

    Wir reisen zunächst ins Jahr 2038 und begeben uns nach Greenwood Island, „einer abgelegenen bewaldeten Insel vor der Pazifikküste der kanadischen Provinz British Columbia“ (S. 13). Auf dieser baumreichen Insel ist es noch möglich, frische und saubere Luft zu atmen, was auf dem Festland längst undenkbar geworden ist, weil die Atemluft dort aufgrund von Baumsterben, genannt „das große Welken“, überwiegend aus toxischem Feindstaub besteht, was Krankheiten und erschwerte Lebensbedingungen nach sich zieht.

    Greenwood-Island ist aber weit mehr als irgendeine idyllische Insel, auf der man noch gesunde Zeit in unbefleckter Natur erleben kann. Die Insel wurde von einem Geldhai und dessen Firma Holtcorp zu einem Luxus-Freizeitrefugium für Reiche gemacht.

    Die promovierte Botanikerin Jake Greenwood arbeitet hier seit neun Jahren als Waldführerin. Sie erklärt den wohlhabenden und oft prominenten sogenannten Pilgern, die für ihren Ausflug exorbitante Summen bezahlen und zum „Waldbaden“ kommen, ökologische Zusammenhänge und zeigt ihnen uralte Riesenbäume und einen der letzten verbliebenen Primärwälder. Die familienlose Jake schätzt ihren Arbeitsplatz trotz der strengen Regularien, weil sie durch ihn ihren geliebten Bäumen nahe ist, in einem gesunden Umfeld leben und ihren Schuldenberg abtragen kann. Als nun eines Tages ihr Ex-Verlobter Silas, ein Jurist, auf die Insel kommt und mit einem sehr alten Tagebuch berechtigte Hoffnungen in ihr weckt, ihrer eigenen Familiengeschichte auf die Schliche zu kommen und ein Vermögen zu erben, das ihre Schulden im Nu verschwinden lassen könnte, gerät ihr eingespielter Alltag aus dem Trott. Und als sie dann auch noch Anzeichen eines pilzbedingten Baumsterbens – des auch hier beginnenden großen Welkens? – auf der Insel entdeckt, ist nichts mehr so, wie es vorher war.

    Im weiteren Verlauf der Lektüre lernen wir Jakes Vorfahren kennen. Wir erfahren, auf welche Weise Harris und Everett durch ein Zugunglück zu Brüdern wurden, was den Beginn der Familie Greenwood im Jahr 1908 darstellte. Während Harris Greenwood 1919 ein Holzunternehmen gründete und mit der Zeit ein wohlhabender und einflussreicher Holzbaron wurde, ging es mit Everett nach dem Krieg bergab und schließlich musste er aus für den Leser zunächst unklaren Gründen eine 38-jährige Haftstrafe verbüßen. Harris‘ Tochter Willow wurde zu einer extremen Umweltaktivistin, die ihren Sohn Liam zu einer Kindheit in Armut und auf Rädern verdammte, weil sie sich dafür entschied, mit ihm in einem Camping-Bus zu leben und ihr ganzes geerbtes Vermögen einer gemeinnützigen Umweltorganisation zu spenden. Aus Liam wurde schließlich ein Schreiner, der mit Leidenschaft und Erfolg Renovierungen an Luxusobjekten durchführte. Eines Tages lernte er Meena kennen und die beiden bekamen eine Tochter: Jake. Leider wurde Jake schon jung eine Vollwaise und wuchs bei ihren Großeltern auf.

    Soviel zum Plot, der durchgehend interessant und fesselnd ist.

    Leider kann ich nicht umhin, einzuräumen, dass der Roman stark begonnen und dann für meinen Geschmack tendenziell doch ziemlich nachgelassen hat.

    Zu Beginn erfreute ich mich an einigen wunderschönen und bildhaften Formulierungen.

    „Liam staunt immer wieder aufs Neue, wenn sie Hunderte von Pfifferlingen finden, ganze Orchester gelber Miniaturtrompeten, die zwischen den Wurzeln der Bäume aufragen.“ (S. 66)

    „Er hat seine Vergangenheit immer als einen riesigen Wohnwagen betrachtet, den er hinter sich herzieht und der ihn überrollen wird, wenn er es wagt, stehen zu bleiben.“ (S. 73)

    Mit der Zeit stolperte ich aber zunehmend über Metaphern, die mich nicht mehr ansprachen, weil sie in meinen Ohren überspitzt klangen.

    Sätze wie „Er konnte die verschiedenen Baumarten allein an der Musik ihrer Blätter unterscheiden.“ (S. 269) sind mir einfach zu weit hergeholt.

    Während ich am Anfang die Einfälle des Autors als plausibel, die Figuren als vielschichtig und authentisch, deren Psychodynamik als psychologisch stimmig und deren Handlungen als nachvollziehbar betrachtete, reagierte ich gegen Ende immer wieder verblüfft, weil ich so manches nicht mehr als realistisch und glaubhaft einstufen konnte, weil ich manches als widersprüchlich erlebte und weil sich die Zufälle häuften.

    Trotz dieser Entwicklung möchte ich betonen, dass meine anfängliche Begeisterung zwar gedämpft, meine Leselust und Neugierde jedoch kaum gebremst wurden und dass ich mich durchweg gut unterhalten gefühlt habe.

    Wenn man sich entscheidet, diesen Roman, der manchmal etwas Märchenhaftes hat und stellenweise sogar an Mark Twain oder Dickens erinnert, zu lesen, dann sollte man sich gleichzeitig dafür entscheiden, dass man, sofern vorhanden, seinen hohen literarischen Anspruch und seine Tendenz zur kritischen Realitätsprüfung beiseite schieben und sich einfach auf eine spannende und unterhaltsame Geschichte einlassen sollte.

    Ich empfehle diese originell konstruierte Familiengeschichte mit ihrer interessanten Grundidee, ihren zahlreichen Überraschungen und unerwarteten Wendungen all denjenigen, die sich gelassen und entspannt vor dem Kamin, auf dem Sofa oder in der Hängematte in eine interessante und packende Welt entführen lassen möchten und die auch mal ein Auge zudrücken können, wenn die Fantasie mit dem Autor durchgeht. Ich könnte mir vorstellen, dass genau dieser ungebremste Einfallsreichtum manchen Lesern ja auch gerade gefällt. Es muss ja in Büchern vielleicht gar nicht immer realistisch zugehen.

    Ich denke, um den Roman, der gleichzeitig Roadmovie, Dystopie, Verbrecherjagd, Abenteuerroman, historischer Roman, Familiengeschichte und Unterhaltungsroman ist, genießen zu können, muss man ggf. tatsächlich seine Herangehensweise ändern und Plot und Unterhaltungswert statt literarische und poetische Qualität fokussieren.

    Es ist nämlich schon toll, wie es Michael Christie schafft, den Leser bei der Stange zu halten. Für mich gab es bis zuletzt keine Langeweile.

    „Das Flüstern der Bäume“ will meines Erachtens keine Plausibilitätsprüfung bestehen, sondern unterhalten, eine ökologische Botschaft vermittelten und an unser Umweltbewusstsein appellieren.

  1. Potential ist da

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 19. Okt 2020 

    Viele Besprechungen und Hinweise haben mich sehr neugierig auf das Buch gemacht. Ein schöner Umschlag mit einem frühen amerikanischen Landschaftsbild, die gediegene Ausstattung mit Lesebändchen waren ein vielversprechender Auftakt.
    Auf den ersten Seiten sehen wir den Schnitt einer Baumscheibe mit Jahresringen von 2038 bis 1908 und genau in dieser Zeitspanne umfasst die Geschichte der Familie Greenwood. 2038 hat sich die Welt gewandelt, Trockenheit und die „große Welke“ haben die Erde ausgelaugt. Riesige Staubwolken liegen schwer in der Luft, es scheint kaum noch menschenwürdiges Leben möglich. Jacinda Greenwood lebt als Rangerin in einer der wenigen Oasen, in denen es noch Primärwälder gibt. Die sind allerdings denen vorbehalten, die sich den Luxus eines kurzen Aufenthalts dort leisten können. Dieses bedrohliche Bild unserer nahen Zukunft bleibt haften. Auf vielen verschlungenen Umwegen gelangt ein Tagebuch ihrer Großmutter in ihren Besitz und sie erfährt zum ersten Mal etwas über ihre Familiengeschichte.

    Wie bei den Jahresringen der Baumscheibe geht die Geschichte der Greenwoods bis 1908 zurück, als zwei Jungs ein Eisenbahnunglück überleben. Von der Gemeinde der Einfachheit halber zu Brüdern erklärt, werden sie einer Witwe gegen eine kleine Aufwandsentschädigung übergeben und hausen allein in einer baufälligen Holzhütte im Wald. Damit wird der Grundstein für die besondere Beziehung der Greenwoods, diesen Namen haben sie sich später selber gegeben, zu Wald und Bäumen gelegt. Ihr Leben wird in einzelnen Dekaden beleuchtet, bis sich der Kreis wieder bei Jacinda schließt.

    Diese Geschichte ist fast ausufernd geschildert, es gibt kaum eine Tragödie die die Greenwoods nicht trifft. Egal in welcher Generation, das Schicksal meint es nicht gut ihnen. Der Autor hat eine überbordende Fantasie und es hat mir meist Spaß gemacht, mich darauf einzulassen. Allerdings wäre vielleicht in diesem Buch weniger mehr gewesen. Denn zu oft müssen hanebüchene Zufälle den Handlungsfaden weiterspinnen. Der Autor fabuliert gerne, ich mag das und ihm gelingen wunderschöne Sätze und Abschnitte. Dann gibt es wieder Sprachbilder, die gründlich misslungen sind – auch hier wäre manchmal weniger mehr gewesen.

    Auch wenn – vielleicht durch die vielen Vorschusslorbeeren – meine Erwartungshaltung höher war, habe ich mich gut unterhalten und ich denke, der Autor hat Potential. Es ist erst sein zweiter Roman und ich bin auf seine Entwicklung gespannt.

  1. Eine dystopische Posse!

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 17. Okt 2020 

    Wir schreiben das Jahr 2038. Das große Welken hat eingesetzt und vernichtet die Bäume. Ohne Bäume, deren Wurzeln die Erde festhalten, staubt es über die Erde und der Staub vernichtet alles.

    Dieses Grundszenario, das Christie aber nur als Aufhänger für eine verzwickte Familiengeschichte dient, wird in dem Roman „Das Flüstern der Bäume“ nicht vertieft, sondern es murmelt lediglich im Hintergrund und dient als Bühnenbild.

    Im Vordergrund agieren in unterschiedlichen Zeitebenen die Mitglieder der Familie Greenwood, von ihren Anfängen, circa 1908 bis in die Zukunft im Jahre 2038. Allerdings wissen noch nicht alle Mitglieder der Familie von ihrem Familienglück. Da gibt es verlorengegangene Tagebücher und andere schreckliche Geheimnisse, Verfolger und Abenteuer! Eine fast verwunschene Bibliothek. Eine Farm. Man pflanzt gemeinsam Bäumchen. Was willst du mehr, Leserherz? Christie lässt nichts aus. Feuer und Brandlegung, Wirbelsturm. Flucht. Verrat. Liebe.

    Zwar ist es reizvoll, die Familiengeschichte analog von Jahresringen von Bäumen darzustellen, aber dieser Dreh reicht nicht aus, um dem Leser die vielen Plot-Twists und das Handeln der Personen als glaubwürdig oder auch nur als plausibel zu verkaufen.

    Da wird nicht nur ein Baby wochenlang wie ein Dummie durch die Gegend geschleppt, es überlebt zum Beispiel einen Sprung aus einem fahrenden Güterzug im Arm der Bezugsperson, Christie tischt dem lesenden Publikum derart viel Nonsens auf, dass einem der Mund offen stehen bleibt und man sprachlos ist.

    Am Ende der Geschichte sind zwar alle Puzzleteile an ihrem Platz, aber nur, weil Christie mit dem Holzhammer darauf herumhämmert. Was nicht passt, wird passend gemacht. Ist das Kreativität?

    Dass einem ein Autor so viel hanebüchenen Unsinn auf einmal zumuten darf, in süffiger Sprache zwar, der Roman liest sich leicht und fluffig dahin, das schon, ist eigentlich strafbar. Es sei denn, man dürfte das Ganze nicht ernstnehmen. Darf man Karl May ernstnehmen. Oder Mark Twain? Otto? Marc Uwe Kling? Der in einer Wohngemeinschaft mit einem Känguru lebt? Und wenn der Roadrunner über die Klippen fällt, steht er doch auch wieder auf, obwohl er tot sein müsste. So kann auch ein Querschnittsgelähmter wie Roadrunner … aber halt, dass müsst ihr selber entdecken.

    Anleihen von anderen Autoren gibt Christie freimütig zu. So fließen Erkenntnisse über Bäume, die Christie von Peter Wohlleben hat, ein. Na ja, immerhin. Wie viele Leute lesen schon ein Sachbuch? Wohllebens Empathie für Bäume und für die Natur verdient ein Denkmal. Gewisse Szenen in Opiumhäusern hat man auch schon anderswo gelesen. Und Lomax, der Bösewicht, erinnert entweder an den Glöckner von Notre Dame oder an den grobschlächtigen Kerl mit den kaputten Zähnen aus 007.

    Gewisse schröckliche Vergleiche „Seine Augen sehen aus als seien sie herausgekratzt, in Schweineschmalz gebraten und wieder in die Höhlen gedrückt worden" oder „Er kämpft so lange wie möglich gegen das Ausatmen an, während ihm göttliche Glocken in den Ohren klingen und seine Wirbelsäule in Genugtuung badet“ oder „phosphoreszierende Käfer der Erleichterung“ die durch einen Körper krabbeln“„ gehen in der Masse von über 500 Seiten unter, von denen die meisten rasant erzählt sind. Einen Spannungsbogen versteht er aufzubauen, der Herr Christie! Da kann man nicht meckern. Und obwohl die Protagonisten oft wie Stehaufmännchen reagieren, macht ein gelegentlich ironischer Unterton des Erzählten dann doch immer wieder Spaß.

    Die ersten zweihundert Seiten des Romans übrigens sind ziemlich gut. Dafür gibt es einen zweiten Punkt. Danach hat man mehr und mehr das Gefühl, dass der Zug bald entgleist. Den ersten Punkt gibt es für die Idee der Jahresringe.

    Fazit: Das Flüstern der Bäume ist eine Räuberpistole mit dystopischem Einschlag, die ohne Rücksicht auf Verluste in Hinsicht auf Plausibilität oder Kausalität erzählt wird, aber Zug hat.

    Man hätte sich gewünscht, der Autor hätte ein wenig heruntergeschaltet, dann wäre es ein guter Abenteuerroman geworden.

    Aber nur dem Roadrunner nehmen wir seine Unverwüstlichkeit nicht übel.

    Kategorie: Räuberpistole
    Verlag: Penguin, 2020

  1. Man darf nicht alles hinterfragen

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 15. Okt 2020 

    Der Roman ist bei Penguin in einer optisch sehr schönen Gestaltung aufgelegt worden: Die verwunschene Landschaft auf dem Cover, der dicke Querschnitt eines alten Baumes mit Jahresringen auf einer der ersten Doppelseiten – sehr ansprechend. Einige dieser Jahresringe sind mit Jahreszahlen markiert, nach denen sich die Kapitel im Buch richten. Man bewegt sich zunächst von 2038 ausgehend in die Vergangenheit bis 1908 und dann wieder zurück in Etappen bis ins Jahr 2038. Eine Erzähltechnik, die neugierig macht.

    Über diesen Zeitraum von 130 Jahren wird die Geschichte der Familie Greenwood erzählt. Der Roman setzt in der Zukunft ein: Jacinda (genannt Jake) Greenwood ist Waldführerin auf einer weitgehend naturbelassenen Insel, auf der sich die allerletzten Urwälder Kanadas befinden. Die Insel heißt Greenwood-Island, was Jake für eine zufällige Namensgleichheit hält. Reiche Pilger kommen dorthin in eine Art Ferienressort, um Sauerstoff zu tanken, zu entspannen und zu sich selbst zu finden. Es ist eine dystopische Ausgangslage: Das so genannte Große Welken hat fast alle Wälder dahingerafft, die Böden ausgetrocknet und tödliche Staubwolken in Bewegung gesetzt. Jake muss sich ihrem Arbeitgeber, der Firma Holtcorp, beugen, sie muss für Privatführungen zur Verfügung stehen - auf Wunsch sind sogar sexuelle Handlungen für Besucher inklusive. Jake hat keine Familie und liebt diese Insel über alles. Sie ist beunruhigt, als sie erste Anzeichen für eine Baumkrankheit feststellt. Dieses Setting ist sehr bedrückend und realistisch geschildert angesichts der derzeitigen Klimaveränderungen an den Wäldern weltweit.

    Eines Tages kommt Jakes Ex-Freund Silas auf die Insel und übergibt ihr ein rätselhaftes Tagebuch, das ihrer Großmutter Willow Greenwood gehört haben soll. Silas sieht darin den Beweis, dass Jake eine prominente Abstammung hat, die sie dazu berechtigt, hohe Erbansprüche geltend zu machen. Bei deren Durchsetzung will Silas die junge Frau als Anwalt unterstützen. Jake nimmt das Buch an sich und bittet um Bedenkzeit.

    Nun entrollt sich Jahresring für Jahresring die weitere Vergangenheit von Jacindas Familie. In den nächsten Kapiteln lernt man alle Figuren kennen, die mit der Tagebuchschreiberin in Verbindung stehen. Das zweite Kapitel im Jahr 2008 ist Jakes Vater Liam gewidmet, der als Tischler vom Gerüst stürzt und mit dem Tod kämpft. Viele Erinnerungen stürzen auf ihn ein. Er hat ein wechselhaftes Leben hinter sich. Bei seiner Mutter, der radikalen Umwelt-Aktivistin Willow, hat er eine unglückliche Kindheit verlebt. Zusammen reisten sie jahrelang im VW-Bus durchs Land, um militant gegen die Waldzerstörung zu kämpfen. Seine große Liebe zur Musikerin Meena war zwar nicht von Bestand, aus dieser Beziehung ging aber eine Tochter hervor…

    Im Jahr 1974 wird Willow von ihrem Vater Harris Greenwood gebeten, dessen Bruder Everett aus dem Gefängnis abzuholen, in dem jener 38 Jahre lang einsaß. Willow hat keine Erinnerung an den Onkel, erinnert sich nur daran, vom Vater fürs Briefeschreiben ins Gefängnis bezahlt worden zu sein. Lange bleibt im Dunklen, für welche Verbrechen Everett so hart bestraft wurde. Das nächste Kapitel geht aber genau diese 38 Jahre ins Jahr 1934 zurück und stellt eben diesen jungen Everett ins Zentrum der Handlung…

    Bereits mit den Schilderungen dieser vier Generationen hat der Autor den Grundstein für eine spannende Familiengeschichte gelegt. Allen Familienmitgliedern eigen ist ihre enge Beziehung zum Wald, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Motiven heraus. Sie alle haben verschiedene Charaktere und Schicksale. Michael Christie hat viel Fantasie. In der Familie Greenwood gibt es nichts, was es nicht gibt. Zahlreiche Konflikte, Missverständnisse, Verwechslungen und Todesfälle säumen den Roman. Es wird ein großes Repertoire familiärer Befindlichkeiten ausgespielt. Allen Protagonisten scheint ein lang anhaltendes Lebens- und Liebesglück verwehrt. Räumliche Konstante ist die eingangs erwähnte Insel Greenwood-Island, die für alle Generationen eine besondere Bedeutung besitzt und Schauplatz manch tragischer Ereignisse ist.

    Das Buch ist schwungvoll geschrieben. Die Handlung entwickelt sich rasant, nimmt Wendungen, die man nicht vorhersehen kann. Es gibt Gute sowie Böse und Mächtige, die ihnen das Leben schwer machen. Es wird ein Baby geboren und versteckt. Was folgt ist eine rasante Flucht, die sich zwar kurzweilig liest, es aber an Plausibilität und Realismus fehlen lässt. Je mehr Fahrt das Geschehen aufnimmt, umso mehr gerät es zur Farce. Die Verwicklungen sind teilweise kurios und Vater Zufall hat allzu oft seine unglaubwürdigen Hände im Spiel. Anfangs genoss ich noch die eingestreuten Motive aus der Märchenwelt, mit der Zeit wurde mir das Konstruierte, Skurrile und Irreale zuviel. Dasselbe gilt für die Charaktere, die sich entweder in ihren vorgezeichneten Schablonen bewegen oder einem plötzlichen, nicht nachvollziehbaren Sinneswandel unterliegen.

    Lässt man sich davon nicht stören, ist der Roman gewiss ein kurzweiliger Pageturner. Der Schreibstil ist ansprechend. Der Autor kann metaphernreich und gekonnt formulieren, man spürt seine Liebe zur Natur und seine Menschenkenntnis. Sätze wie diese haben mir gefallen:
    • „Es ist wohlbekannt, dass die Erinnerungen junger Menschen verlässlich wie ein Regenbogen sind.“ (S. 255)
    • „Vor allem für die vertrauensselige Art und Weise, wie sie sich mit ihren ausladenden Armen der Welt präsentieren, bemitleidet Harris die Bäume. Gold und Öl sind immerhin gescheit genug, sich zu verstecken.“ (S. 340)
    • „Astreines Holz gefällt den Menschen am besten, weil sie sehen müssen, wie die Zeit darin gesammelt ist. Jahr um Jahr zusammengepresst. Ordentlich und sauber. Frei von Hindernissen und Makeln. So wie es unser Leben niemals ist.“ (S. 491)

    „Das Flüstern der Bäume“ befriedigt keine hohen literarischen Erwartungen. Wie es auf dem Klappentext heißt ist der Roman „großes Kino: farbenprächtig, mitreißend, bewegend.“ Daneben hat er eine wichtige Kernaussage: Der Wald ist die Lebensgrundlage der Menschheit, er gehört unbedingt geschützt und seine Vernichtung muss weltweit gestoppt werden. Wenn man diese Aussage am Ende des Romans verinnerlicht hat, ist etwas Wichtiges erreicht.

    Ich bin sicher, dass viele Menschen Freude an diesem Unterhaltungsroman haben werden. Meine war ab Seite 200 leider aus den genannten Gründen getrübt, weshalb ich nur eine verhaltene Lese-Empfehlung aussprechen möchte.

  1. "Eine Familie ist wie ein Wald"

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Okt 2020 

    Der Roman erzählt die Geschichte der Familie Greenwood - beginnend mit Jacinda Greenwood, die im Jahr 2038 auf einer kanadischen Insel vor der Pazifikküste von British Columbia arbeitet, auf der noch einer der letzten Primärwälder der Erde erhalten sind.
    Im ersten dystopischen Teil entwirft der Autor ein düsteres Bild unserer Zukunft, Jacinda blickt zurück auf das "Große Welken, den Pilz- und Insektenbefall, der die Wälder der Erde [...] überrollt und Hektar um Hektar getilgt hat." (15)
    Ohne Wälder regieren Staubwüsten, der die Lungen der Menschen, vor allem der Kinder angreift, so dass die Erde ein unwirtlicher Ort geworden ist. Ausnahme ist die Baumkathedrale von Greenwood, in der Jacinda täglich "Pilger" herumführt und ihnen die Geschichten des Bäume erzählt, wobei sie die Realität ausblenden soll - schließlich wollen sich die Pilger erholen. Dass die Insel den gleichen Namen trägt wie Jacinda, hält sie für einen Zufall. Ihre Mutter, eine bekannte Bratschistin aus Indien, starb bei einem Zugunglück, als sie acht Jahre alt war. Ihren Vater, ein Schreiner namens Liam Greenwood, der während seiner Arbeit gestorben ist, als Jacinda drei Jahre alt war, hat sie nie kennengelernt. Außer einer Farm in "Saskatchewan", einer kanadischen Provinz, und mit Gedichten besprochene Schallplatten sowie Werkzeuge zur Holzbearbeitung und Arbeitshandschuhen ist ihr nichts von ihm geblieben. Fragen nach ihrer Familie hat sie nie gestellt.
    Doch dann besucht Silas, ihr Ex-Freund und Jurist, sie auf der Insel und eröffnet ihr: "Ich bin gekommen, weil diese ganze Insel dir gehören könnte, Jake. Rechtmäßig dir gehören, meine ich." (50)

    Die Insel wurde von Harris Greenwood 1934 auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise gekauft, seine Tochter ist Willow Greenwood, die Mutter von Liam Greenwood, also Jakes Großmutter, die die Insel allerdings gemeinnützigen Umweltorganisationen gespendet hat. Letztlich ist sie so in den Besitz der Holtcorp geraten, die sie als Waldkathedrale vermarktet. Der Clou, den Silas für Jake bereit hält, ist jedoch, dass Willow gar nicht Harris leibliche Tochter gewesen ist, sondern eine Tochter des Gründers von Holtcorp, R.J.Holt, was wiederum ein altes Tagebuch beweisen soll, das ihrer Großmutter gehört haben soll und das Silas Jake aushändigt.

    Damit endet der Handlungsstrang im Jahr 2038 und wir bewegen uns in der Geschichte zurück bis zum Jahr 2008, in dem Liam Greenwood sich an jener Baustelle befindet, an der er sterben wird und an der er sich wiederum im angesichts des Todes an seine Lebensgeschichte erinnert. An seine Hippiemutter Willow, die als Umweltaktivistin mit ihm in einem Bus gelebt hat, an seine große Liebe Meena und letztlich erinnert er sich auch daran, dass er eine Tochter hat.

    1974 ist Liams Geburtsjahr, gleichzeitig ist es das Jahr, in dem Willow ihren Onkel Everett Greenwood, der eine 38jährige Haftstrafe verbüßt, aus dem Gefängnis abholt. Warum hat ihr Vater, Harris Greenwood, ihr als Kind 1/4 Dollar gegeben, damit sie ihrem Onkel im Gefängnis schreibt? Für welches Verbrechen sitzt man so lange ein?

    Diese Fragen werden im Handlungsstrang von 1934 geklärt, in dem der Autor ungewöhnliche Wendungen für die Leser*innen bereit hält, die einigen aus der Leserunde nicht plausibel erschienen sind. Der Zufall wird etwas überstrapaziert, doch trotz seltsamer, unglaubwürdiger Ereignisse, bleibt die Handlung spannend.

    Im Jahr 1908 erfahren wir, wie die Familie Greenwood, ausgehend von Harris und Everett, entstanden ist. Lässt man sich auf die "kreative Konstruktion" der Geschichte ein, die teilweise, wie eine Leserundenteilnehmerin meinte, an Irving erinnere, und liest weiter, lösen sich die meisten Fragen im "Vorwärtsgang" - 1934 - 1974 - 2008 - 2038 - auf, einige bleiben jedoch offen.
    In den Mittelpunkt rückt zunehmend die Frage, was eine Familie ausmacht und ob es wichtig ist, seine Wurzeln zu kennen. Die Vergleiche mit den Bäumen begleiten jeden Zeitabschnitt, allen Protagonisten gemeinsam ist ihre tiefe Verbundenheit zum Wald.

    Auch wenn der Roman für kontroverse Diskussionen sorgt, erzählt eine unterhaltsame, wenn auch eine extrem konstruierte, Familiengeschichte und appelliert zudem an unser ökologisches Bewusstsein - wer will sich schon eine Welt ohne Bäume vorstellen?

    In Ermangelung einer Vergabe halber Sterne, habe ich trotz einiger literarischer Mängel vier Sterne vergeben, für die Spannung und Unterhaltung passen sie, für die Sprache hat er maximal 3 verdient...also lest die 4 Sterne als 3 1/2 ;)