Das Evangelium der Aale

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Evangelium der Aale' von Patrik Svensson
4.25
4.3 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Evangelium der Aale"

Nie in seiner Kindheit war Patrik Svensson seinem Vater so nah wie beim Aalfischen. Als Erwachsener stellt er fest: Der Erinnerung an seinen Vater kommt er nicht auf die Spur, ohne nach dem Fisch zu suchen, der sie miteinander verband – und über den wir bis heute erstaunlich wenig wissen. Poetisch und spannend entwirft Svensson eine Natur- und Kulturgeschichte der Aale, von Aristoteles und Sigmund Freud über Günter Grass bis zu Rachel Carson, und verbindet sie mit seiner persönlichen Geschichte. Auf verschlungenen Wegen wird das Rätsel des Aals zum Bild für das Leben selbst. Und Das Evangelium der Aale zu einer großen, umwerfenden Erzählung über ein sonderbares Tier und ein Leben auf der Suche.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
EAN:9783446265844

Rezensionen zu "Das Evangelium der Aale"

  1. Ein sonderbares Tier

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Apr 2020 

    Bis zum Blick in die aktuelle Frühjahrsvorschau des Carl Hanser Verlags hatte ich mich nie für Aale interessiert. Weder bin ich Anglerin, noch habe ich jemals Aal gegessen, aber das auffallend schöne Cover und die originelle Idee, die Natur- und Kulturgeschichte dieses Fisches mit der eigenen Sohn-Vater-Geschichte zu verbinden, hat mich sofort fasziniert.

    So viele „Aalfragen“...
    Aale gibt es seit mindestens 40 Millionen Jahren und bis heute sind trotz hartnäckigster Bemühungen zahlloser Meeresforscher nicht alle seine Geheimnisse gelüftet. Drei Metamorphosen durchläuft der Aal, bevor aus dem kleinen, durchsichtigen Weidenblattlarven zunächst der durchsichtige kleine Glasaal, dann der braun-gelb-graue Gelbaal und zuletzt der Blankaal wird. Unterschiedlich lang können die einzelnen Stadien dauern und erst im letzten bilden sich Geschlechtsorgane aus, was Naturforscher wie Aristoteles oder den jungen Sigmund Freud zu Fehlannahmen bzw. zur Verzweiflung brachte. Erst im 19. Jahrhundert fand man weibliche und männliche Tiere und zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte der Däne Johannes Schmidt nach 20-jährigen Forschungsreisen die Sargassosee im nordwestlichen Teil des Atlantiks nahe den Bahamas als Geburtsstätte der europäischen Aale ausmachen, wobei bis heute weder ein lebender noch ein toter ausgewachsener Aal dort beobachtet wurde. Ungeklärt blieb bisher auch, was die Aale zu ihren langen Wanderungen bewegt und wie sie den Weg zurück zu ihrem eigenen Ursprung finden.

    Das Ende der Aale?
    War es jahrhundertelang nur die Neugier, die Forscher der „Aalfrage“ nachgehen ließ, so scheint es heute zur Überlebensfrage für diese durch Krankheiten, Umweltverschmutzung, Gewässerverbauung, Fischerei und die sich durch den Klimawandel verändernden großen Meeresströmungen bedrohte Gattung zu gehen:

    "Alle seriösen Berechnungen sprechen dafür, dass die Anzahl neu ankommender Glasaale in Europa heute nur noch ein bis fünf Prozent dessen beträgt, was aus den 1970er-Jahren bekannt ist. Wo in meiner Kindheit jedes Jahr einhundert kleine, durchsichtige Glasrütchen den Fluss hinaufschwammen, tritt heute nur noch eine knappe Handvoll diese Reise an."

    Wie lange werden also Väter mit ihren Söhnen noch an schwedischen Flüssen oder anderswo Aale angeln, wie es Patrik Svensson in seiner Kindheit erlebt hat, ein Erlebnis, ohne das er und sein Vater „zusammen nicht dieselben“ gewesen wären? Werden, wie diese beiden, mit Langleinen, mit der alten Fangtechnik des „Plödderns“ oder mit Reusen experimentieren und Aale fangen, die zuvor über Tausende von Kilometern gewandert sind?

    Überall Aale
    Biologie und Familiengeschichte, aber auch die Bedeutung des Fischens als Kulturerbe in verschiedenen Regionen Europas, die EU-Fischereipolitik oder die Auftritte des Aals in Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“, Boris Vians „Die Gischt der Tage“ oder Graham Swifts „Wasserland“ sind längst nicht alle Themen in diesem außergewöhnlichen Sachbuch. Nur ab und zu schießt Svensson über das Ziel hinaus, wenn er dem Aal zu sehr vermenschlicht - und sich dann meist selbst bremst -, das Rätselhafte des Aals zum Echo der Fragen nach dem eigenen Sein erklärt oder wenn ihn, den Atheisten, ein fälschlich für tot gehaltener Aal an das Wunder der christlichen Auferstehung denken lässt.

    Davon abgesehen ist dieses kenntnisreiche Buch aus dem Bereich Nature Writing rundum empfehlenswert, eine gleichermaßen informative wie unterhaltsame Lektüre, die mich mit der jahrtausendealten Neugier auf dieses geheimnisvolle Tier angesteckt hat.

  1. Die Natur und der Mensch

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Apr 2020 

    Bei diesem Buch handelt es sich um eine interessante Kombination, einerseits ist es ein Sachbuch, vermittelt viele interessante Fakten zum Thema Aal, man könnte es fast eine Kulturgeschichte der Aale nennen und gleichzeitig ist dieses Buch auch eine Vater-Sohn-Geschichte, hat einen gewissen romanartigen Charakter, andererseits ist es auch sehr philosophisch, wirft viele Fragen zum Thema Leben auf. Gerade diese Kombination hat mich aufhorchen lassen, hatte ich doch vor noch nicht allzu langer Zeit ein ähnlich aufgebautes Buch gelesen. Daniel Mendelsohn "Eine Odyssee". Doch Daniel Mendelsohn schafft es mich definitiv mehr zu berühren. Das gelingt Patrik Svensson leider nicht sofort.

    Anfänglich verläuft die Vater-Sohn-Geschichte etwas plätschernd und ich habe mich gefragt, wohin es noch gehen soll, mich sogar etwas gelangweilt.

    Die Informationen zum Thema Aal sind aber sofort interessant und informativ, vielleicht manchmal etwas trocken, aber definitiv erhellend. Und in ihrer Art könnte man durchaus von einer Kulturgeschichte der Aale sprechen, auch wenn das vielleicht etwas eigenwillig klingt. Gerade wenn Aristoteles und Sigmund Freud und auch Günter Grass und ihre Sicht zu den Aalen dargelegt werden, so hat das nicht nur einen naturwissenschaftlichen Aspekt, sondern greift auch mehrfach kulturgeschichtliche Aspekte auf.

    Im letzten Drittel nimmt dieses Buch dann viel Fahrt auf und versöhnt mich wieder mit dieser Arbeit und lässt vor meinen Augen 4 satte Sterne aufleuchten. Gerade die Vater-Sohn-Geschichte nimmt eine rasantere Wendung ein, aber auch die sachlicheren Informationen zum Thema Aal werden raumgreifender und existenzieller und auch anklagender. Und ebenso macht mich das Buch hier auch nachdenklicher und berührt mich deutlich mehr.

  1. Mysterien

    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Feb 2020 

    Ich muss gestehen, dass Aale bis dato so gar nicht zu meinen Interessensgebieten zählten. Doch haben sowohl der ungewöhnliche Titel dieses Buches als auch das sehr ansprechende Cover mich zum Griff zu „Das Evangelium der Aale“ von Patrik Svensson animiert. Erschienen ist dieses 256-seitige Buch, teils Sachbuch, teils Roman, im Januar 2020 im Carl Hanser Verlag.
    Der Autor ist an der schwedischen Aalküste aufgewachsen. Zusammen mit seinem Vater hat er die Aalfinsternis am Ende des Sommers dazu genutzt, diesen Fisch zu fangen. Immer wieder kommt Svensson in seinem Buch auf diese Zeit zurück, die weniger von Gesprächen, als viel mehr vom Schweigen geprägt war. Einem Schweigen, das Raum und Zeit gab, dem Leben nachzuspüren. Dem Leben der Fische, aber auch dem Leben an sich.
    Immer wieder unterbrochen werden diese Szenen, die sich fast wie eine Liebeserklärung an seinen inzwischen verstorbenen Vater lesen, durch Kapitel, die dem Wissen über diese Fischart gewidmet sind. Dabei geht der Autor jedoch über rein naturwissenschaftliche Fakten, die selbstverständlich auch eine Rolle spielen, hinaus: So wendet er sich der Geschichte der Aalforschung zu, der Bedeutung, die Aal und Aalfang in den verschiedenen Kulturen hatten und haben, schreibt über die Bedeutung des Aals in Religion und Literatur und schlägt schließlich den Bogen zu Fangquoten der EU und zum Umweltschutz. Insgesamt wird so ein buntes Kaleidoskop dieses Meeresbewohners geschaffen, das darüber hinaus dazu anregt, sich mit unserem Dasein zu beschäftigen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wie erleben wir – im Gegensatz zum Aal – das Sein? Ja, wer oder was sind wir eigentlich?
    Mit dem Aal haben sich viele Menschen beschäftigt – sowohl berühmte als auch weniger berühmte. Zu den berühmteren zählen wahrscheinlich Aristoteles, Siegmund Freud, Günter Grass oder Rachel Carlson. Auch über das Leben und Werk dieser Persönlichkeiten erfährt die Leserschaft einiges Wissenswertes.
    Svenssons Sprache ist eher romanhaft, stellenweise schon fast poetisch, als trocken und objektiv. Dabei gelingen ihm viele Passagen, die Leserinnen und Leser leibhaft teilhaben lassen am Geschehen – egal, ob es sich um nächtliche Angeltouren oder frühere Reisen rund um die Welt handelt. So ist dieses Buch nicht nur als Sachbuch lesenswert, sondern auch als Literatur.
    Das Cover zeigt sich schlängelnde Aale im Stil alter Kupferstiche vor einem blau-grünlichen Hintergrund. Schon dieses ist eine Augenweide für sich.
    „Evangelium“ bedeutet auf Deutsch „Frohe Botschaft“. Welche frohe Botschaft können diese Tiere uns Menschen bringen? Wie auch die biblischen Evangelien geben sie sicher keine leichte Antwort auf schwierige Fragen. Aber sie laden dazu ein, tiefer zu blicken, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich mit unseren existenziellen Fragen sowie unserem Umgang mit der Natur zu beschäftigen.
    Mit großen Erwartungen bin ich an dieses Buch mit seinem mir eher fern liegenden Thema herangegangen – und wurde nicht enttäuscht. Patrik Svensson ist es gelungen, mich von Anfang an zu faszinieren: Sei es für den Aal als für lange Zeit geheimnisvolles Wesen, sei es als kleine philosophische Abhandlung über das Leben als solches. So kann ich dieses Buch nur allen Leser/innen wärmstens empfehlen. Für mich ein klaren Fünf-Sterne-Buch.

  1. Faszinierend und poetisch

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Feb 2020 

    Am Buch „Das Evangelium der Aale“ hat mich nicht nur der ungewöhnliche Titel angesprochen, auch das Cover hat meinen Blick auf sich gezogen. Blautöne, sich windende Aale in grau-gelblich-weiß, vielleicht war es die faszinierende und gleichzeitig ein wenig abstoßende Assoziation mit Schlangen, die meine Aufmerksamkeit erregten.

    Der Text selbst ist ungewöhnlich. Patrik Svensson spürt seinem Vater nach und gleichzeitig dem geheimnisvollen Leben der Aale, der bis heute der Wissenschaft noch Rätsel aufgibt. Dabei spannt er in den Kapiteln, die er dem Fisch widmet, einen weiten Bogen von Aristoteles bis hin zu den Fangquoten der EU. Natürlich darf auch die Erwähnung der Blechtrommel von Grass nicht fehlen, denn die Szene des nächtlichen Aalfischens mit dem Pferdekopf hat sich wohl allen Lesern und Kinobesuchern eingeprägt.

    Fast hatte ich das Gefühl, dass Svensson in seinem Buch dem Aal mehr Aufmerksamkeit widmet, als seinem Vater. In den Kapiteln, in denen er sich an die gemeinsamen Angelabende erinnert, fühlt man aber viel vom unsichtbaren Band zwischen ihnen. Auch wenn der Junge größer wird und andere Interessen in den Vordergrund rücken, die gemeinsamen Unternehmungen nur noch sporadisch stattfinden – es bleibt eine Verbundenheit mit dem einfachen und wortkargen Mann.

    Über das Geheimnis des Aals kommt Svensson auch den Spuren seines Vaters nahe und das beschreibt er einfach wunderbar. Es ist eine poetische und klare Sprache, die mir sehr gut gefallen hat. Natürlich ist es ein leises Buch und durch die Ausflüge in die Geschichte und die Naturwissenschaften vielleicht auch nicht für jeden Leser etwas, mich hat es jedenfalls fasziniert und hatte bisher wirklich keine Neigung zur Ichthyologie.

    Es ist schon ein besonderes Buch und man sollte sich darauf einlassen, dann kann man die Mischung aus Kultur- und Naturgeschichte und Roman sicher genießen.