Das Erbe: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Erbe: Roman' von R. R. SUL
4
4 von 5 (3 Bewertungen)

Was wird aus einem Menschen, dem von klein auf eingeflüstert wird, er sei unheilbar krank? Als Kind schlief Wolf tagsüber, nachts war er wach. Die Wohnung durfte er nur mit einem Motorradhelm verlassen – er habe die Mondscheinkrankheit, behauptete die Mutter. Als ein Arzt ihre Lüge aufdeckt, bringt sie sich um. Heute, als Erwachsener, lebt Wolf zurückgezogen in seiner Wohnung, die Wände verkleidet mit Puzzles. Ein Mann taucht auf, der sagt, er sei sein Bruder. Freddy wirkt rätselhaft auf Wolf, ein Mensch ohne moralischen Kompass, trotzdem nimmt Wolf sich seiner an. Und wird erneut hineingezogen in einen bedrohlichen Kampf um die Wahrheit seines eigenen Lebens. Rau, dunkel schillernd und soghaft erzählt ›Das Erbe‹ vom Vermächtnis einer zerstörerischen Familie.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
EAN:9783423281997

Rezensionen zu "Das Erbe: Roman"

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Nov 2019 

    Die Wahrheit ist die Lüge, an die du glaubst...

    »Ich war sieben, als ich einen Helm bekam, der mich vor der Sonne schützte. Davor lebte ich nur in der Nacht.«

    Was wird aus einem Menschen, dem von klein auf eingeflüstert wird, er sei unheilbar krank? Als Kind schlief Wolf tagsüber, nachts war er wach. Die Wohnung durfte er nur mit einem Motorradhelm verlassen – er habe die Mondscheinkrankheit, behauptete die Mutter. Als ein Arzt ihre Lüge aufdeckt, bringt sie sich um. Heute, als Erwachsener, lebt Wolf zurückgezogen in seiner Wohnung, die Wände verkleidet mit Puzzles. Ein Mann taucht auf, der sagt, er sei sein Bruder. Freddy wirkt rätselhaft auf Wolf, ein Mensch ohne moralischen Kompass, trotzdem nimmt Wolf sich seiner an. Und wird erneut hineingezogen in einen bedrohlichen Kampf um die Wahrheit seines eigenen Lebens. Rau, dunkel schillernd und soghaft erzählt ›Das Erbe‹ vom Vermächtnis einer zerstörerischen Familie.

    Wenige Menschen nur berühren das Leben von Wolf, und entsprechend klein ist die Zahl der Personen, denen man hier im Roman begegnet. Der größte Teil der Charaktere gehört zur Familie - und irgendwie scheint hier jeder auf seine Art gestört.

    Wolf selbst, aus dessen Ich-Perspektive hier erzählt wird, durchlebt schon eine außergewöhnliche Kindheit. Die Mutter leidet am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, und so wächst Wolf in dem Glauben auf, dass er die Mondscheinkrankheit hat. Ein Helm gegen die Sonneneinstrahlung, ständiges Eincremen mit hohem Lichtschutzfaktor, der Spielplatz nur im Dunkeln, wenn alle anderen Kinder schlafen - die Folgen sind mannigfaltig und Wolf vor allem eines: einsam.

    Auch als sich eines Tages herausstellt, dass die Krankheit nur der Fantasie seiner Mutter entspringt, verliert Wolf zwar seinen Helm, nicht jedoch das Gefühl der Einsamkeit. Selbst im Erwachsenenalter fühlt er sich alleine am wohlsten, meidet die Gesellschaft anderer und redet ausschließlich mit seinem geerbten Papagei. Die Liebe von und zu einer Freundin aus Kindertagen erweist sich als sehr wechselhaft, und Linas Problem ist ein anderes, nämlich der Glaube an das Gute und zunehmend mehr Gin gegen die Verzweiflung .

    Skurril wird es, als Wolfs Halbbruder Freddy auftaucht. Aus heiterem Himmel steht er vor der Tür, bringt Wolfs Leben aus dem Lot und wirft viele Zweifel auf das, was Wolf zu wissen glaubt. Ist Freddy das personifizierte Böse oder einfach nur eine ebenso verzweifelte Seele wie Wolf? Während Wolf sich mit zunehmendem Alter verändert und sich mit dem Leben arrangiert, haftet Freddy das Dunkle, das Bedrohliche an, das Wolf jedoch nicht zu fassen bekommt. Sein Halbbruder entzieht sich den Versuchen, ihn zu verstehen oder ihn in seinem Denken und Handeln auch nur irgendwie zu fassen zu bekommen.

    Mysteriöse Ereignisse, die Wolf z.T. den Boden unter den Füßen wegziehen, könnten Freddys Handeln zugeschrieben werden - aber ist das tatsächlich so? Diese Zweifel ziehen sich durch den Roman, ebenso wie die Anziehungskraft, die die beiden Halbbrüder aufeinander ausüben. Doch welchen Preis hat es, wenn Wolf sich nicht von Freddy lösen kann?

    Der Roman entwickelte auf mich einen eigentümlichen Sog, verwirrte mich aber zugleich auch und lässt mich letztlich mit etlichen Fragezeichen zurück. Schon das Ende ist für mich nicht klar - was bedeutet das? Hier wird viel Interpretationsspielraum geboten, der mich streckenweise überfordert hat. Mir ist nicht deutlich, was der Autor schlussendlich mit dem Roman ausdrücken wollte - dass man seinem Erbe nicht entkommt?

    R.R. Sul ist lt. Verlag das Pseudonym eines/r deutschsprachigen Schriftsteller/in. Der Verlag weiß selbst nicht, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt, der Vertrag besteht mit einer Agentur - allein das klingt schon mysteriös und lässt die Frage entstehen, wie viel Persönliches in dem Roman steckt. "Schreiben hat immer mit einem selbst zu tun. Auch dann, wenn es nicht autobiografisch ist. ", verkündet der Autor selbst in dem bislang einzigen erschienenen Interview zu seinem Buch. Was alles offen lässt...

    Dunkel und eindringlich ist die Erzählung, eloquent der Schreibstil - und doch stören mich die ungelösten Fragen am Ende ein wenig. Die Handlung erscheint phasenweise fast schon surreal und wenig vorstellbar, doch als Ganzes gesehen ergibt sich hier eine ungewöhnliche und eindrucksvolle Komposition, die das Gefühl der Verstörung bis zum Schluss aufrecht erhält.

    Für mich durchaus beeindruckend...

    © Parden

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Nov 2019 

    Die zerstörerische Macht der Familie

    Eine Blechkiste mit wenigen Dingen hinterlässt Großvater Wolf seinem Enkel Karlchen, aber auch 221 Seiten Papier. Darauf schildert er sein Leben. Als Kind darf Wolf nur mit einem Helm oder anderem Sonnenschutz vor die Tür. Meist schläft der Junge tagsüber. Nachts ist er wach, denn die Mutter glaubt oder behauptet zumindest, das Kind habe die Mondscheinkrankheit. Ein Umstand, der ihn von vielen Gleichaltrigen isoliert und ihn zum Alleinsein verdammt. Zwar stellt sich nach Jahren bei einem Arzt heraus, dass das mit der Krankheit ein Irrtum war. Doch auch als Erwachsener meidet Wolf das geschäftige Treiben draußen in der Stadt Hannover. Stattdessen zieht er die Nacht und ihre Einsamkeit vor. Das ändert sich erst, als Freddy, sein in England aufgewachsener Halbbruder, den er zuletzt als Baby gesehen hat, plötzlich bei ihm auftaucht. Aus der Freude über das Wiedersehen wird jedoch bald eine dunkle Ahnung, dass Wolf nicht die ganze Wahrheit über sein Leben kennt und Freddy eine Bedrohung für ihn werden könnte…

    „Das Erbe“ ist der Roman eines deutschsprachigen Autors, der unerkannt bleiben will und unter dem Pseudonym R.R. SUL geschrieben hat.

    Meine Meinung:
    Der Roman beginnt mit dem Brief an den Enkel, der als eine Art Prolog fungiert. Darauf folgen einige Kapitel, die wiederum in Abschnitte untergliedert sind. Der Roman umfasst einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten und spielt – aus heutiger Sicht - mal in der Vergangenheit und mal in der Zukunft. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Wolf – allerdings nicht streng chronologisch, denn es gibt immer wieder Zeitsprünge. Dennoch lässt sich die Geschichte gut verfolgen.

    Sprachlich ist der Roman einzigartig. Der Schreibstil wirkt durch die kurzen, aber prägnanten Sätze und Satzteile zunächst recht simpel, erweist sich aber über weite Strecken als eindringlich und intensiv. Dem Autor gelingt es, mit wenigen Wörtern viel Atmosphäre zu transportieren. Besonders gut gefallen haben mir die treffenden und kreativen Sprachbilder, die sich durch den gesamten Text ziehen.

    Mit Wolf steht ein interessanter, aber auch befremdlicher Charakter im Vordergrund. Sein Verhalten ist ziemlich speziell, zum Teil sogar verstörend, und stellenweise durchaus extrem. Auch die übrigen Personen sind recht eigenwillig und mehr oder weniger sonderbar.

    Die Thematik hat mich sofort angesprochen. Die Macht, die die Familie auf Menschen und ihre weitere Entwicklung ausübt, die Suche nach der Wahrheit und die Nachwirkungen einer traumatischen Kindheit bringen psychologische Tiefe in die Geschichte und regen zum Nachdenken an.

    Der Roman beginnt mit einem grandiosen Einstieg und erzeugt schon nach wenigen Seiten eine starke Sogkraft, die jedoch im weiteren Verlauf etwas abflacht. Durchweg herrscht eine gewisse Grundspannung, die dazu verleitet, zügig weiterzulesen. Die Handlung ist sehr dicht, auf nur etwas mehr als 200 Seiten passiert viel. Zudem spielt der Roman mit der Frage: Was ist die Wahrheit? Es entsteht ein Verwirrspiel, bei dem der Leser nicht weiß, wem er glauben soll und wem er trauen darf. Der Schluss hat mich allerdings ein wenig enttäuscht, denn für meinen Geschmack bleiben zu viele zentrale Fragen offen, zu viele Rätsel ungeklärt und zu viele Widersprüche unaufgelöst. Darüber hinaus wird das Geschehen zum Ende hin immer abstruser und leider auch unrealistischer.

    Die düstere optische Aufmachung der gebundenen Ausgabe macht einen wertigen Eindruck und passt gut zum Inhalt. Auch der vieldeutige Titel ist eine gute Wahl.

    Mein Fazit:
    „Das Erbe“ von R.R. SUL ist ein interessanter und aufwühlender Roman. Eine Lektüre, die mich fesseln konnte, aber auch ein wenig ratlos zurückgelassen hat.

  1. bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Nov 2019 

    Hau dem Leben die Zähne in den Arsch

    "Nichts prägt uns so stark wie unsere Familie, von unserer Kindheit bis ins hohe Alter. Die Erfahrungen, die wir im Kindesalter sammeln, stellen die Weichen für unseren zukünftigen Lebensweg." (ctrl-life)
    Sein Leben passt gerade mal in eine Kiste, die er für seinen Enkelsohn Karl hinterlässt. Wolfs Leben beginnt schon tragisch in seiner Kindheit. Schon früh erklärte ihm seine Mutter, dass er unter der Mondscheinkrankheit litt, deshalb nicht in die Sonne konnte. Die Wohnung selbst durfte er nachts nur mit einem Helm verlassen, dadurch hatte Wolf auch keine Freunde. Immer war er allein mit seiner Mutter und seine Mutter war immer allein mit ihm. Doch dann tritt Bob in ihr Leben, mit Bob veränderte sich alles. Ein Besuch beim Arzt bestätigt, dass er nicht krank ist, woraufhin sich eines Tages seine Mutter das Leben nimmt. Nicht ohne das sie zuvor seinen Halbbruder Freddy geboren hat. Kurz darf, verlässt ihn Bob mit Freddy zusammen, während er bei seinem Großvater aufwächst. Jahre später lebt er dann vom Erbe seiner Familie einsam in einer kleinen Wohnung. Doch dann tritt Freddy in sein Leben, ein Mann wie ein Fragezeichen rätselhaft, verschlossen und ohne jede Moral. Erneut wird Wolf in den Kampf um die Wahrheit seines eigenen Lebens hineingezogen, das verstörender kaum sein kann.

    Meine Meinung:
    Das unscheinbare, düster Cover lässt nicht erahnen, welche schicksalhafte Geschichte hinter diesem Buch steckt. Der Klappentext lässt mich jedoch erahnen, dass es eine extreme Lebensgeschichte sein könnte. Da der Autor unter einem Pseudonym schreibt, ist mir nicht klar, ob ich ihn bisher kenne. Der Schreibstil selbst ist eher im Stil einer Abhandlung von Ereignissen geschrieben, unterhaltsam, jedoch auch an ein paar Stellen ein wenig verwirrend. Einige englische Textpassagen störten mich, da es keinerlei Übersetzungen dazu gab und ich dadurch im Lesefluss gestört wurde. Die Geschichte selbst ein schicksalhafter Psychotrip eines Familientraumas, das in erster Linie durch Wolfs Lebensweg disponiert wird. Sein Start ins Leben wird geprägt durch die Krankheit, die er als Kind von der am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom erkrankten Mutter angedichtet bekommt. Dadurch verläuft sein weiteres Leben auch recht eintönig und einsam. Sein Lebensraum ist eine kleine Wohnung, in der er mit Puzzle verkleideten Wänden von den Hinterlassenschaften der Familie lebt. Doch eines Tages tritt sein Halbbruder Freddy in sein Leben, den er jahrelang nicht gesehen hat. Freddy ist ein komischer Mensch, verschlossen, eigenwillig und emotionslos, manipuliert er Wolf und sein weiteres Leben, sodass dieses vom Schicksal geprägt wird. Wenig später trifft er auf Lina eine Freundin aus der Kindheit, die er damals schon mochte. Mit ihr gründet eine Familie und bekommt zwei Söhne. Mich hat dieses Buch etwas verwirrt zurückgelassen. Lang habe ich mir überlegt, was möchte der Autor mir mit dieser Geschichte sagen? Ich denke, er möchte dem Leser die Augen öffnen, dass wir alle von unserer Kindheit, der Familie und den Gegebenheiten beeinflusst werden. Und das eine verpfuschte Kindheit sehr wohl einen Menschen nachhaltig verändern kann. Oft sagt man doch, dass ein Mensch je älter er ist, seinen Eltern immer ähnlicher wird. Wie mag es dann erst vielleicht sein, wenn ein Kind Missbrauch oder Misshandlungen erlebt hat? Doch nicht nur Eltern prägen einen, sondern auch die Gesellschaft, Ereignisse und Schicksale und dies möchte der Autor uns sehr wahrscheinlich mit dieser Geschichte nahelegen. Trotzdem sich dieses Buch hauptsächlich um das Leben von Wolf dreht, hätte ich mir bei einigen Charakteren etwas mehr Tiefe gewünscht. So blieben Freddy, seine Frau Lina, die Söhne Karl und Augustin für mich recht oberflächlich. Zudem war vieles für mich nichts Neues gewesen, da mir bekannt war wie sehr Einflüsse in der Kindheit einen Menschen formen. Am Ende blieb ich dann doch mit ein paar Fragen alleingelassen und dem Wissen, das niemand dem Schicksal seines Lebens entgehen kann. Trotzdem für mich ein Buch, das einen zum Nachdenken einlädt, dessen Nachspiel erst viel später danach kommt und dem ich 4 von 5 Sterne gebe.