Das Erbe

Rezensionen zu "Das Erbe"

  1. Eine deutsche Geschichte

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Jul 2020 

    Arisierung - ein Begriff, der sich von dem unschönen Wörtchen "Arier" ableitet. Ein Synonym für Arisierung ist Entjudung. Diese Begriffe entstammen dem Gedankengut der Nationalsozialisten und bezeichnen "die Verdrängung von Juden und jüdischen Mischlingen aus Handel, Gewerbe, Wohnungen, Häusern und Wissenschaft".
    Damit wären wir auch schon bei dem Kernthema des Romans "Das Erbe" der Bestseller-Autorin Ellen Sandberg.
    Es geht um eine Adresse in München: Elisabethstr. 117. Hier steht das Schwanenhaus, ein prachtvolles Jugendstilhaus, dessen Giebel ein Schwanenpaar ziert. (Ob es dieses Haus tatsächlich gibt oder gegeben hat, ist für die Geschichte nicht relevant). Das Schwanenhaus ist ein Mietshaus mit mehreren Mietparteien. Der Immobilienwert dieses Hauses liegt im 2-stelligen Millionenbereich.

    Die Handlung des Romans setzt im Jahr 2018 ein. Mona, eine der Protagonistinnen dieses Romans, erbt das Schwanenhaus von ihrer Großtante Klara, die Eigentümerin dieses Hauses war und ihr Leben lang hier gewohnt hat. Im hohen Alter von 94 Jahren stirbt Klara. Keiner weiß, warum sie ausgerechnet, Mona das Haus vererbt hat. Denn die Beiden hatten so gut wie keinen Kontakt zueinander. Mona zieht in die Wohnung der verstorbenen Klara und versucht, sich mit ihrem plötzlichen Reichtum zu arrangieren und ein neues Leben aufzubauen. Sie ist nicht der Mensch, dem der Gedanke, Millionärin zu sein, zu Kopf steigt. Sicherlich genießt sie die Vorzüge, die Reichtum mit sich bringt. Dennoch versucht sie, ihre Bodenhaftung nicht zu verlieren. Mona übernimmt Tante Klaras Wohnung mit allem, was die alte Dame während ihres langen Lebens angesammelt hat: Möbel, Hausrat, Unterlagen, etc.. Dabei stößt Mona auf einen Briefwechsel, der auf ein Geheimnis um das Schwanenhaus hindeutet.

    "Beim Ausräumen von Klaras Schränken und Schubladen fühlte sie sich gelegentlich wie eine Archäologin, die Schicht um Schicht abtrug und sich so durch die Relikte eines langen Lebens arbeitete. Durch das, was am Ende übrig blieb. Ganz profane Dokumente, wie Steuererklärungen, Rentenbescheide und Arztbriefe. Geschirr, Gläser und sonstiger Hausrat. Bücher und Videofilme. Kleidung, Wäsche und die persönlichen Dinge wie Fotoalben, Briefe und Postkarten."

    Ein weiterer Handlungsstrang bringt uns in die Zeit des Nationalsozialismus, der Kriegsjahre sowie der Nachkriegszeit und wird aus der Sicht von Tante Klara erzählt. Diese war in den 30er/40er Jahren ein junges Mädchen und mit der gleichaltrigen Jüdin Mirjam befreundet war. Mirjam lebte mit ihrer Familie ebenfalls im Schwanenhaus. Durch den Nationalsozialismus war die jüdische Familie gezwungen, ihr Zuhause aufzugeben: Mirjam ging ins Ausland. Dennoch haben die beiden Freundinnen Klara und Mirjam nie den Kontakt zueinander verloren. Über Jahre schrieben sie sich Briefe. Einen Teil dieser Briefe findet Mona schließlich in 2018 in dem Nachlass von Tante Klara.
    Und schließlich gibt es noch eine dritten Handlungsstrang - ebenfalls in 2018 -, der anfangs nicht zu den beiden Bisherigen passen will. Wir begegnen Sabine, Mutter von 2 mittlerweile erwachsenen Kindern und Hartz-IV-Empfängerin. Sie träumt davon, irgendwann einmal ein Leben in Saus und Braus führen zu können. Protzige Klamotten, dicke Autos und Luxus-Reisen stehen dabei an vorderster Traumfront. Ellen Sandberg bedient sich bei der Darstellung von Sabine vermutlich sämtlicher Klischees, die es in Verbindung mit Hartz-IV-Empfängern gibt.
    An diesem Punkt hätte ich mir von der Autorin eine differenziertere Darstellung des Charakters Sabine gewünscht. Aber da das Leserleben bekanntlich kein Wunschkonzert ist, muss man mit dieser Sabine leben, für die man wahrlich keine Sympathien entwickeln kann. Bestenfalls reicht es für Mitleid, mehr lässt die Autorin auch nicht zu. Eine andere Möglichkeit der Reaktion auf die klischeehafte Darstellung des Charakters Sabine wäre natürlich, das Buch abzubrechen. Doch damit würde man sich um das Vergnügen einer hervorragend konstruierten Geschichte bringen. Der Aufbau dieses Romans ist nahezu perfekt. Der Handlungsverlauf ist selten vorhersehbar. Dadurch entwickelt sich eine ungeheure Spannung, die durch diverse Cliffhanger verstärkt wird. Das Zusammenspiel der Charaktere ist sehr ausgefeilt. Selbst, wenn man glaubt, dass man die Rolle eines Protagonisten verstanden hat, wird man eines Besseren belehrt. Denn wie man feststellen wird, spielen einige Charaktere eine Doppelrolle.
    Die Bücher der Bestseller-Autorin Ellen Sandberg sind der Unterhaltungsliteratur zuzuordnen. Das merkt man ihrem sehr gefälligen Sprachstil an, der den Leser geschmeidig durch die Handlung rutschen lässt. Insbesondere Leser, die sich von einem Buch gern durch einen anspruchsvollen Sprachstil begeistern lassen, werden hier nicht auf ihre Kosten kommen. Bei "Das Erbe" ist jedoch nicht entscheidend, wie Frau Sandberg die Geschichte erzählt, sondern das, was sie zu erzählen hat. Frau Sandberg bringt dem Leser das Thema "Arisierung" sehr informativ in einer unglaublich fesselnden Geschichte näher und macht somit ihren Roman "Das Erbe" zu dem, was er ist: Unterhaltungsliteratur auf hohem Niveau.

    © Renie

  1. Familie kann man sich nicht aussuchen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Nov 2019 

    Bei Mona könnte man denken, sie hat das große Los gezogen. Völlig unerwartet erfährt sie, dass sie alleinige Erbin von Großtante Klara ist. Und dabei handelt es sich nicht nur um das wertvolle Bild von Corinth, auf das ihre Mutter sich so große Hoffnungen gemacht hatte. Nein, sie hat auch das Schwanenhaus, ein Mietshaus, in Münchens bester Gegend geerbt.

    Damit fällt Mona der Umzug von Berlin nach München, nach der Trennung von Bernd, ein wenig leichter. Bei Recherchen im Haus und über das Haus fällt ihr auf, dass der Vater von Klara das Haus 1937 vom jüdischen Eigentümer Roth gekauft hatte. Ging da wirklich alles mit rechten Dingen, gerade zur damaligen Zeit, zu? Und was hat es zu bedeuten, das Adele meinte, Klare hätte gesagt "Mona wird wissen, was zu tun ist". Aber so einfach ist es alles nicht. Nicht nur, dass Mona für ihre Familie plötzlich wieder interessant geworden ist, obwohl sie mittlerweile von allen Familienfeiern und Zusammenkünften ausgeschlossen war. Nein auch andere Menschen interessieren sich plötzlich für das Haus und für Mona.

    Mehr will ich hier über das Buch gar nicht erzählen, lest es selbst und vor allem bildet euch selbst eine Meinung.

    Erst einmal vorweg, mir hat dieses Buch außerordentlich gut gefallen. Die Handlung ist interessant, beim Lesen fliegt man förmlich durch das Buch. Es geschehen Dinge, mit denen man überhaupt nicht rechnen kann. Diese geben der Handlung dann wieder eine völlig andere Richtung.

    Aber letztlich ist es auch ein Buch über Moral. Denn jetzt am Ende frage ich mich, wie hätte ich gehandelt? Wäre ich so stark wie Mona gewesen und hätte genauso wie sie gehandelt? Oder aber hätte ich mich passiv verhalten und nichts getan?

    Lest dieses Buch und überlegt selbst. Von mir gibt es eine unbedingte Leseempfehlung und verdiente fünf Lesesterne.

  1. Wenn deine Familie die größte Strafe ist...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Nov 2019 

    Seit "Die Vergessenen" habe ich einen Narren an der Schreibe der Autorin gefressen und daher musste ich unbedingt dieses Buch lesen. Leider bekam ich nicht so ganz das was ich mir gewünscht hatte.

    In der Geschichte geht es um Mona, die von ihrer Großtante erbt und das nicht gerade wenig. Doch das Erbe scheint auf einer Lüge aufgebaut zu sein. Mona begibt sich auf Spurensuche und gerät dabei in einen Strudel von Missgunst und Neid. Ist das Erbe es wirklich wert?

    Die Autorin eröffnet drei Handlungsstränge, die anfänglich nichts miteinander zu tun haben. Zwei davon spielen in der Gegenwart rund um Mona und Sabine, der dritte in der Vergangenheit um Klara.

    Es fällt mir wirklich nicht leicht etwas über diesen Roman zu schreiben, da ich sehr zwiegespalten bin.

    Mona als Hauptfigur mochte ich anfänglich richtig gern, einfach weil sie eine gute Seele ist und mehr für andere tut als für sich selbst. Leider ist sie in einigen Belangen sehr naiv und ich wollte sie ein ums andere Mal wach rütteln. Moralisch ist sie eine tolle Persönlichkeit, aber ihr Handeln konnte ich nicht immer nachvollziehen, weshalb mir manchmal auch der Zugang zu ihr fehlte.

    Alle anderen Figuren, sei es nun Sabine mit ihrer Familie, Großtante Klara oder eben auch Monas Familie, sind alle einfach nur furchtbar. Beim Lesen musste ich mich daher des Öfteren aufregen, denn diese Personen sind alle so egoistisch und von Hass, Neid und Geldgier getrieben, dass es kaum noch auszuhalten war. Ich mochte wirklich niemanden und war entsetzt über deren Äußerungen und Taten.

    Als ich mit der Lektüre begann, war ich von den ersten 150 Seiten unfassbar gefesselt und glaubte fest an einen neuen Spitzentitel der Autorin, da ich regelrecht in die Handlung gesogen wurde. Der Mittelteil driftete dann leider furchtbar ins Kitschige ab und ich hatte eher das Gefühl einen Schicksalsroman aus der Feder von Hera Lind zu lesen. Im letzten Abschnitt wurde es dann zwar wieder deutlich besser, aber dieser war dann so voll gepackt mit Wendungen, dass es nicht mehr so realistisch wirkte wie am Anfang.

    Am Ende klärt sich nahezu alles auf und man kann als Leser alles nachvollziehen und verstehen, so dass ich mit dem Schluss zufrieden bin. Und dennoch bleibe ich nach der Lektüre geschockt zurück, da mich die vielen fiesen Persönlichkeiten und deren Äußerungen sehr mitgenommen haben.

    Fazit: Ein Buch mit zahlreichen Schwächen über ein interessantes Thema, welches noch öfter besprochen werden sollte. Fans der Autorin sollten zugreifen, Neulingen rate ich eher zu "Die Vergessenen" und "Der Verrat", da ich diese deutlich besser fand. Ich kann nur bedingt eine Leseempfehlung aussprechen.