Das Eis-Schloss

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Eis-Schloss' von Tarjei Vesaas
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Eis-Schloss"

Tarjei Vesaas (1897–1970) schuf mit »Das Eis-Schloss« einen dichten Roman, der sich unvergesslich ins Gedächtnis brennt. Darin erzählt er die Geschichte von zwei elfjährigen Mädchen, Siss und Unn. Unn kommt als Waise zu ihrer Tante in ein Dorf auf dem norwegischen Land und bringt mit ihrer Verstummtheit nach dem Verlust der Eltern das Gefüge der kleinen Gemeinschaft kaum merklich aus dem Gleichgewicht. Siss fühlt sich zu ihr hingezogen, die Mädchen freunden sich an – bis Unn plötzlich verschwunden ist. Ein eisgefrorener Wasserfall im Fluss mit glitzernden Türmchen und durchsichtigen Kammern, den die Kinder »Eis-Schloss« nennen, hat sie auf fatale Weise angezogen. Siss muss mit dem Verlust und ihrer Einsamkeit zurechtkommen und zieht sich in sich zurück. Wie gelingt es ihr, diese Vereisung aufzutauen und wieder Teil der Dorf- und Schulgemeinschaft zu werden? Neben der berührenden Geschichte ist es vor allem die Sprache, die den Leser in den Roman hinein und zu den Figuren hin zieht und seinen Atem stocken lässt. Schneidende, eisklare Sätze, poetische Bilder von mitreißender Kraft, die sich einer eindeutig entschlüsselnden Lesart entziehen. In der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel funkeln die Sätze in diskreter Präzision, wie in Eis gekratzt, und können von allen Seiten betrachtet werden, ohne sich durchdringen zu lassen – der Roman behält manche Geheimnisse für sich. »Das Eis-Schloss« ist eine virtuose Studie existenzieller Einsamkeit und der Sehnsucht nach menschlicher Nähe und Verbindung, aber gleichzeitig ist es auch ein formal bezwingendes Sprachkunstwerk von enorm suggestiver Kraft.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:199
EAN:9783945370216

Rezensionen zu "Das Eis-Schloss"

  1. Magische Eiswelten

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Mai 2020 

    Unn ist nach dem Tod ihrer Mutter vor kurzem erst zu ihrer Tante ins Heimatdorf von Siss gekommen. Von der ersten Begegnung an fühlen sich die beiden elfjährigen Mädchen zueinander hingezogen. Dabei sind sie auf den ersten Blick ganz und gar gegensätzlich, denn Siss ist die muntere Anführerin ihrer Klasse, Unn dagegen hält sich abseits und will nicht an den Spielen der Schulkameradinnen teilnehmen. Und doch strahlt Unn Stärke aus und schließlich ist sie es, die im klirrend kalten Spätherbst die Initiative ergreift und Siss zu sich einlädt. Obwohl beide an diesem Abend verlegen sind und nicht so richtig ins Gespräch finden, spüren sie eine Verheißung:

    "Ihre Freundschaft lag offen vor ihnen wie ein verlockender Weg in die Zukunft. Etwas Großes war geschehen." (S. 23)

    Um die Begegnung mit Siss in der Schule hinauszuzögern, unternimmt Unn am folgenden Tag einen verbotenen Ausflug zum gefrorenen Wasserfall, dem „Eis-Schloss“:

    "Unn blickte in eine Zauberwelt aus kleinen Zinnen, Dachwölbungen, bereiften Kuppeln, weichen Bögen und verworrenem Spitzengeklöppel. Alles war Eis, und das Wasser spritzte dazwischen hervor und baute weiter. Stränge des Wasserfalls wurden vom Eis abgelenkt und schossen in neuen Betten dahin und bildeten neue Formen. Alles glänzte. Die Sonne war nicht gekommen, aber alles glänzte aus sich heraus eisblau und grün, und todkalt." (S. 50/51)

    Unn ist wie verhext von diesem „Zauberschloss“, zwängt sich durch schmale Öffnungen und Spalten in immer märchenhaftere Räume, bis sich eine „Eishand“ auf sie legt, ihre Gedanken immer mehr „taumeln“ und sie schließlich in ein „blendendes Lichtmeer“ gerät, in dem sie nur noch schlafen möchte.

    Mit Unns Verschwinden kommt ein Wetterwechsel, der Winter löst den frostkalten Herbst ab und Schnee bedeckt nicht nur das Dorf, den Wald, den See und das Eis-Schloss:

    "Der Schnee fiel und deckte alles zu, sowohl draußen als auch in den Menschen drinnen." (S. 113)

    Siss wird krank. Dann, als sie das Bett wieder verlässt, übernimmt sie Unns Außenseiterrolle in der Schule, hält sich abseits und lässt sich nicht zum Mitmachen verlocken. Sie ist erstarrt, eingefroren, und erst im Frühling, als im Eis-Schloss das „erste Untergangszittern“ spürbar wird, steht auch Siss allmählich „wie in tauendem Eis“.

    Tarjei Vesaas (1897 – 1979), norwegischer Romanautor, Lyriker und Dramatiker aus der Provinz Telemark, wurde für diesen 1963 auf Nynorsk erschienenen Roman 1964 mit dem wichtigsten skandinavischen Literaturpreis, dem Preis des Norwegischen Rates,  ausgezeichnet und mehrfach für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Mit der fantastischen Neuübersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel, dessen Name zurecht auf dem Cover steht, und der hinreißenden Gestaltung durch den Berliner Guggolz Verlag wird dieser in Norwegen sehr populäre Roman nun hoffentlich auch in Deutschland gelesen. Die glasklare Sprache voller Poesie, das fantastische Einfühlungsvermögen des damals schon 66-jährigen Vesaas in die Gefühlswelt der Mädchen, die unvergleichlichen Naturschilderungen und die Andeutungen über die  behutsam-zurückhaltende und doch beharrliche Unterstützung von Erwachsenen wie Kindern für die trauernde Siss machen dieses kaum 200 Seiten umfassende Buch zu einem ganz großen Literaturereignis.

    "Das Eis-Schloss" gehört, wenn auch verspätet gelesen, zu meinen großen Entdeckungen beim Gastland-Auftritt Norwegens auf der Frankfurter Buchmesse 2019.

  1. Eiskalt und tieftraurig

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Dez 2019 

    „Das Eis-Schloss“ von Tarjei Vesaas ist in Norwegen ein Klassiker, der Autor bekannt im ganzen Land, hier braucht es eine Buchmesse, um ihm Aufmerksamkeit zu schenken, immerhin tat man es.

    Wer hier lieblich Märchenhaftes vermutet, liegt falsch, ein Erlebnis ist dieses Buch trotzdem, auch wenn die grundsätzliche Handlung in zwei Sätzen erzählt ist: Im tiefsten norwegischen Winter, wenn der Wasserfall gefriert und wie ein Eisschloss aussieht, verschwindet ein Mädchen spurlos. Unn und Siss sind 11 Jahre alt, als Unn verschwindet und Siss versucht, damit klarzukommen.

    Vesaas unglaublicher Schreibstil zieht einen in dieses Buch hinein und lässt einen klirrende Kälte, tiefe Verzweiflung und höchste Seelennot mit schnörkelloser Poesie erleben.

    „In dieser Nacht brannte in allen Häusern Licht. Alle Wege wurden begangen und auch alles dazwischen, im Neuschnee. Lampen blinkten halbblind vor Schnee im Gestrüpp und im offenen Gelände. Rufe stiegen auf, reichten aber nicht weit. Die Stockfinsternis hinderte die Rufe daran, durchzudringen.“

    Man hat das Gefühl, der Autor hätte in die Köpfe dieser Mädchen geblickt und ist wieder 11 Jahre alt, ein Alter, wo man noch Kind ist, aber auch viel versteht. Wo viele einfache Dinge schwierig sein können, wo Unausgesprochenes die Gruppendynamik in der Schulklasse bestimmt, wo man nicht sagen kann, was man denkt, weil man es selbst nicht weiß oder es unaussprechlich ist. Wo man weiß, dass kein Monster unter dem Bett liegt und trotzdem Angst davor hat.

    Das Lesen dieses Buches ist leidvoll, trotzdem taucht man ein und kann es nicht mehr weglegen.

    Sehr gerne würde ich mehr von diesem Autor lesen. Leider scheinen nicht viele seiner Bücher übersetzt worden zu sein, das sollte man dringend nachholen.