Das Echo der Erinnerung: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Echo der Erinnerung: Roman' von Richard Powers
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Echo der Erinnerung: Roman"

Die Felder der Erinnerung sind schier unendlich weit. Das gilt vor allem für jene Felder bei Kearny in den USA, auf denen sich jedes Jahr nach der inneren Uhr eines Urzeitgedächtnisses rund eine halbe Million Kanadakraniche -- vier Fünftel des Weltbestands -- versammeln. „Sie folgen dem Central Flyway, der Zugroute, die sich einer riesigen Eieruhr gleich über den ganzen Kontinent legt“, heißt es in Richard Powers’ grandiosem Epos Das Echo der Erinnerung. „Sie kommen aus Neumexiko, Texas und Mexiko, legen Tag für Tag Hunderte von Meilen zurück und haben noch Tausende von Kilometern vor sich, ehe sie ihre der Erinnerung eingeprägten Nistplätze erreichen. Dieser Flug liegt außerhalb der Zeit. Jeder Kranich erinnert sich an den Weg, der noch in der Zukunft liegt“.

In Powers’ Roman tun sich die Menschen erheblich schwerer mit ihrem Gedächtnis -- und dem Gedächtnis ihrer Artgenossen. Diese Erfahrung muss Karin Schluter machen, als ihr Bruder Mark, eigentlich ein ausgezeichneter Fahrer, bei den Kranichfeldern mit seinem Truck von der Straße abkommt und schwer verletzt liegen bleibt. Karin gibt ihren lukrativen Job auf und zieht in Marks schäbiges, von ihm heiß geliebtes Fertighaus, um ihn zu pflegen. Sie sieht den Unfall als zweite Chance, um nach ihrer gemeinsamen verkorksten Kindheit in einem fundamentalistischen Elternhaus einen Neuanfang zu wagen. Aber Marks Erwachen aus dem Koma ist für sie ein Schock. Zwar reagiert der junge Mann auf seine Umwelt fast wieder normal. Aber seinen Hund und seine Schwester hält er für eine Art Aliens oder doch zumindest für CIA-Beamte, die gegen die Originale ausgetauscht wurden, um ein geheimes Experiment mit ihm zu veranstalten. In ihrer Not wendet sich Karin an den berühmten Hirnforscher Gerald Weber, der dieses als Capgras-Syndrom bekannte Phänomen heilen soll. Aber Weber stößt schon bald an seine Grenzen -- und gerät immer mehr in eine berufliche Krise ....

Das Echo der Erinnerung ist ein großartiges Buch, das auf über 530 Seiten tief eindringt ins weite -- und verstörende -- Feld des menschlichen Hirns. Nur jene am Anfang noch witzigen Dialoge zwischen Weber und seiner Partnerin wirken im Lauf der Lektüre etwas bemüht. Egal: Powers ist und bleibt ein großartiger Erzähler. Und Das Echo der Erinnerung ist ein phantastisches Buch. --Thomas Köster

Format:Taschenbuch
Seiten:544
EAN:9783596174577

Rezensionen zu "Das Echo der Erinnerung: Roman"

  1. Von Allem etwas ...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 31. Jul 2017 

    Powers mehr als 500 Seiten starker Roman hat, neben der eigentlichen Handlung, auch zwei große Themen der Menschheit zum Inhalt: Was macht den Mensch zum Individuum? Und die Zerstörung der Umwelt durch den Menschen.
    Marc, der nach einem mysteriösen Unfall die ihm gefühlsmäßig am nächsten stehenden Menschen und Dinge nicht mehr erkennt (er glaubt, es sind Doubles bzw. Nachbauten), wird von seiner Schwester Karin aufopferungsvoll umsorgt. Karin ist dafür zurückgekommen in ihre Heimatstadt Kearney, aus der sie vor Jahren floh - vor der eigenen Familiengeschichte. Zurück muss sie erkennen, dass sich nichts geändert hat - all ihre Probleme treten wieder zutage. Sie bittet einen bekannten Neurologen wegen ihres Bruders um Hilfe, der aus Interesse an diesem Fall aus dem fernen New York anreist - und ebenfalls mitten in eine Lebens- und Sinnkrise gerät.
    Als roter Faden zieht sich durch diesen Roman der Zug der Kraniche, der jährlich (auch zum Zeitpunkt des Unfalls) Halt an einem Fluss in der Nähe von Kearney macht und die Kleinstadt so für einige Wochen zur Attraktion von Touristenmassen wird. Doch durch den sinkenden Wasserpegel sind die seit Urzeiten auf dieser Route ziehenden Kraniche gefährdet, was sich durch geplante Bauvorhaben noch verschlimmern würde.
    Schwerpunkt des Buches ist die Bruder-Schwester-Beziehung, die nicht nur durch Marcs anhaltende Verletzung belastet ist, sondern auch durch Karins persönliche Schwierigkeiten. Ihr Zwang, von allen gemocht zu werden, nie gut genug zu sein, verstärkt sich durch Marcs Krankheit noch.
    Durch die Einbeziehung des Neurologen werden geschickt ausführliche und gut verständliche neurologische Fallbeschreibungen miteinbezogen, die bei mir besonders einen Eindruck hinterließen: Wie fragil unser Gehirn und damit unsere Persönlichkeit ist. Nur eine kleine Störung - und wir erkennen unsere Umwelt nicht mehr, unseren eigenen Körper, sehen Bilder die Andere nicht sehen und und und. Erschreckend!
    Durch den wiederholten Wechsel der Perspektiven (Sicht Marcs, Karin, Neurologe, Kraniche) erhält man einen guten Einblick in die jeweiligen Personen.
    Spannung erhält der Roman durch den ungeklärten Unfallhergang. War es ein Selbstmordversuch, waren seine Freunde eventuell daran beteiligt, vielleicht sogar eine Verschwörung? Und was ist mit Barbara, der mysteriösen Schwesternpflegerin, die mehr zu sein scheint als das was sie vorgibt? Und von wem stammt der rätselhafte Zettel an Marcs Krankenbett? Fragen, die genügend Stoff für einen Kriminalroman bieten würden, hier jedoch mehr am Rande vorkommen.
    Alles in allem: Von allem etwas - und damit vielleicht etwas zuviel. Das Buch liest sich gut weg, es ist spannend genug dass man dran bleibt, aber so richtig der Schmöker ist es nicht.